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Innovationweek
SebastianKirstin
"Wir sehen gerade auf der Welt einen nie da gewesenen Mix aus verschiedenen Krisen: Knappe Energie und Nahrungsmittel, steigende Rohstoffpreise, unterbrochene Lieferketten, China-Lockdowns, Ukrainekrieg. Keine Frage, die Unsicherheit ist groß. Und trotzdem gilt auch in diesen außergewöhnlichen Zeiten: Je größer die Herausforderungen, desto größer die Innovationen! Deswegen dreht sich in unserer Innovation Week im Handelsblatt vom 10. bis zum 17. Juni in der Zeitung, digital und live alles um innovative und inspirierende Ideen und die Köpfe dahinter. Es geht um Geschäftsmodelle, Technologien, Trends und vieles mehr, mit denen wir auch dem beispiellosen Krisen-Mix begegnen können. Lassen Sie uns gemeinsam in die Zukunft blicken.
Wir freuen uns auf Sie."

10.06.2022

04:00

Interview

„Auch Elon Musk wäre in Deutschland Pleite gegangen“

Von: Larissa Holzki

PremiumDeutschland befindet sich im „Innovationsdilemma“. Der Gründungsdirektor der Bundesagentur für Sprunginnovation Rafael Laguna de la Vera soll das ändern – und sieht die derzeitige Krise als Chance.

Seit über 30 Jahren ist Laguna de la Vera im Bereich Software aktiv. Im Juli 2019 wurde er von der Bundesregierung zum Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovation berufen. Sprin-D

Rafael Laguna de la Vera

Seit über 30 Jahren ist Laguna de la Vera im Bereich Software aktiv. Im Juli 2019 wurde er von der Bundesregierung zum Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovation berufen.

Herr Laguna de la Vera, ein Auto mit Raketentriebwerk, das größte Flugzeug der Welt, das erste Nutzfahrzeug mit Dieselmotor: Vor hundert Jahren hat Deutschland laufend Innovationen hervorgebracht. Warum bringt heute nur noch Tesla-Chef Elon Musk neue Ideen auf die Straße?
Von den 1880er- bis 1930er-Jahren haben wir in Deutschland eine disruptive Innovationsphase erlebt. Apotheke der Welt, Chemiefabrik der Welt, Autofabrik der Welt: Da haben wir ganze Industrien erfunden und groß gemacht. Im Grunde können wir bis heute große Teile der industriellen Wertschöpfung daraus ableiten. Und da lebt es sich natürlich gemütlich …

Sie wollen sagen, Deutschland ging es zu gut?
Zwischendurch hätten wir uns beinahe selbst von der Erdkugel entfernt. Aber nach dem Wiederaufbau haben wir durch inkrementelle Verbesserungen Wohlstand geschaffen. Das hat 75 Jahre gut funktioniert.

Die berühmte Theorie des Innovator’s Dilemma besagt, dass führende Unternehmen gut darin sind, Produkte evolutionär besser zu machen. Aber an disruptiven Innovationen scheitern sie. Wird Deutschland jetzt abgehängt, gerade weil es so erfolgreich war?
Der Autor Clayton Christensen beschreibt es zutreffend: Die etablierten Unternehmen erkennen den Angriff neuer Unternehmen und Technologien oft zuletzt. Das war in der Computertechnologie so, beim Internet, beim Smartphone. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) wurde auch deshalb geschaffen, weil es dieses Dilemma gibt.

Durch die Pandemie und den Krieg sind Lieferketten gerissen. Produktionen stehen still, weil Chips und Kabelbäume fehlen. Und erstmals ist klar, in welche Gefahr uns die Abhängigkeit von Öl und Gas aus Russland bringt. Wie groß muss die Krise denn sein?
In der Pandemie waren wir durch fehlende Digitalisierung als Staat nicht mehr souverän. Bei der Corona-Warn-App mussten wir bei Google und Apple betteln. Die Situation in den Gesundheitsämtern hat vielleicht sogar Menschenleben gekostet. Das war furchtbar und hatte einen Hallowach-Effekt, aber existenziell war es für uns nicht.

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    Die Pandemie geht vorüber, gegen geopolitische Spannungen gibt es keine Immunisierung. Liegt im Krieg die größere Innovationschance?
    Die Ukrainekrise zeigt unsere Abhängigkeit von Steinzeittechnologie. Das Problem der Energieerzeugung hätten wir schon vor 50 Jahren lösen können. Aber da gab es keinen ausreichenden Druck. Die Kriegssituation kann den Impuls geben, Risiken einzugehen und sich aus der Komfortzone rauszubewegen. Wahrscheinlich kann man den Bürgerinnen und Bürgern jetzt erst vermitteln, dass Wahnsinnspakete geschnürt werden müssen.

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    Haben die Klimademonstrationen nicht gezeigt, dass die Gesellschaft bereit für den Wandel ist?
    Die Folgen des Klimawandels sind zeitlich zu weit weg, der interessiert die meisten nicht wirklich. Aber Spritpreise, Heizkosten, der Krieg in der Ukraine und die Gefahr, dass Putin durchdreht – das zieht.

    Was erwarten Sie von der Bundesregierung?
    Wir müssen Hunderte Milliarden Euro in die Hand nehmen, um unabhängig zu werden. In der jetzigen Situation kann die Politik sagen: Wir machen einen Soli für den Energiewandel. Bei der neuen Bundesregierung spüren wir aber von Anfang an den notwendigen Sense of Urgency, also ein Gespür für die Dringlichkeit.

    Deutschland wurde schon einmal die Vorreiterrolle bei der Klimawende zugeschrieben. Die Politik hat den Weg bereitet. Aber die neuen Solarriesen kommen aus China.
    Richtig, wir haben die Wind- und Solarindustrie miterfunden. Aber wir haben es nicht verstanden, den heimischen Unternehmen beim Skalieren zu helfen. Mit unserer Politik haben wir sie eher umgebracht, sie quasi „kaputt subventioniert“ und dann nicht durchgehalten.

    Zurück zu Elon Musk: Wären Tesla und SpaceX heute ebenso erfolgreich, wenn er die Unternehmen für Elektroautos und Weltraummissionen hier gestartet hätte?
    Da liegt das Problem. Auch Elon Musk wäre in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Lücke zwischen Innovationsförderung und Wachstumskapitalzugang pleitegegangen. Tesla wäre längst insolvent, ohne den liquiden Finanzmarkt der USA und die Staatsmillionen aus CO2-Zertifikaten und Darlehen. Und SpaceX verdankt seinen Erfolg maßgeblich den Staatsaufträgen der US-Weltraumbehörde und des US-Verteidigungsministeriums.

    Elon Musk hat unter anderem Tesla und Space X gegründet. Dabei hat er viel Unterstützung der USA bekommen – laut Laguna de la Vera wäre er in Deutschland bereits insolvent. Reuters

    Vorstellung Tesla Model 3

    Elon Musk hat unter anderem Tesla und Space X gegründet. Dabei hat er viel Unterstützung der USA bekommen – laut Laguna de la Vera wäre er in Deutschland bereits insolvent.

    Schon mit dem nächsten Regierungswechsel könnte für neue deutsche Energiefirmen und -vorhaben wieder die Förderungsflaute eintreten. Schließen Sie das dieses Mal aus?
    Je länger die Krisenwahrnehmung andauert, desto größer die Chance, dass die Politik dranbleibt. Zudem können wir als Innovationsagentur für Beständigkeit sorgen. Ziel muss aber sein, das Ökosystem so anzufeuern, dass es von allein läuft. Unsere Industrie agiert immer noch sehr agil, wenn es sein muss. Und neben Deutschland gibt es andere Industrienationen in Europa, die solche Themen skalieren können. Die sind alle bereit.
    Herr Laguna de la Vera, vielen Dank für das Interview.

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