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Innovationweek
SebastianKirstin
"Wir sehen gerade auf der Welt einen nie da gewesenen Mix aus verschiedenen Krisen: Knappe Energie und Nahrungsmittel, steigende Rohstoffpreise, unterbrochene Lieferketten, China-Lockdowns, Ukrainekrieg. Keine Frage, die Unsicherheit ist groß. Und trotzdem gilt auch in diesen außergewöhnlichen Zeiten: Je größer die Herausforderungen, desto größer die Innovationen! Deswegen dreht sich in unserer Innovation Week im Handelsblatt vom 10. bis zum 17. Juni in der Zeitung, digital und live alles um innovative und inspirierende Ideen und die Köpfe dahinter. Es geht um Geschäftsmodelle, Technologien, Trends und vieles mehr, mit denen wir auch dem beispiellosen Krisen-Mix begegnen können. Lassen Sie uns gemeinsam in die Zukunft blicken.
Wir freuen uns auf Sie."

02.06.2022

04:00

Supply-Chain-Management

Mit Software gegen Lieferprobleme: SAP und Bosch setzen auf boomendes Geschäft

Von: Christof Kerkmann, Kevin Knitterscheidt

Störungen in der Lieferkette kosten Unternehmen viel Geld. Konzerne wie SAP und Bosch wollen das Problem mit Software lösen – und treffen auf eine hohe Nachfrage.

Derzeit sind viele Logistikzentren überlastet. Unternehmen mit straff organisierten Lieferketten stellt das vor Probleme. dpa

Containerhafen in China

Derzeit sind viele Logistikzentren überlastet. Unternehmen mit straff organisierten Lieferketten stellt das vor Probleme.

Hannover Bilder von überfüllten Containerhäfen, wie es sie zuletzt in Los Angeles oder Schanghai gab, sind seit dem Ausbruch der Coronapandemie keine Seltenheit mehr. Immer wieder sorgen unvorhersehbare Einzelereignisse wie Lockdowns oder die Blockade des Suez-Kanals dafür, dass Unternehmen den Überblick über ihre Lieferketten verlieren. Eine Folge sind dramatisch gestiegene Frachtraten – und enttäuschte Kunden, die monatelang auf ihre Lieferung warten müssen.

Anbieter von Software für intelligentes Lieferketten-Management versprechen Abhilfe. Zwar lassen sich damit keine Störungen wie etwa ein festgefahrenes Containerschiff beheben, dafür aber die Auswirkungen abmildern.

Die durchgängige digitale Vernetzung von Produktionsanlagen, Lagerbeständen und Logistikströmen soll Einkäufern, Werksleitern und Disponenten dabei helfen, den Überblick zu behalten: Wo ist welches Produkt wann verfügbar – und welcher Standort muss wann beliefert werden, damit die Produktion nicht zum Stillstand kommt?

Für Anbieter, die meist wie SAP aus der Tech- oder wie Bosch und Siemens aus der Industriebranche kommen, ist das Supply-Chain-Management (SCM) ein lukratives Geschäft: Der Marktforscher Gartner erwartet, dass die Ausgaben für Software bis 2025 währungsbereinigt um durchschnittlich 14,3 Prozent auf 31,8 Milliarden Dollar wachsen, wobei Cloud-Dienste dabei eine immer größere Rolle spielen.

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Standort erkennen

    „Wir erwarten, dass wegen des Krieges kurzfristig noch mehr Dynamik reinkommt – trotz des Kostendrucks“, sagt Gartner-Analystin Bettina Tratz-Ryan.

    Für diesen Boom gibt es mehrere Gründe. Einerseits verlangen das Lieferkettengesetz und die europäische Richtlinie für Nachhaltigkeitsberichterstattung, dass Unternehmen Transparenz über Logistik und Produktion schaffen.

    Risiken in der Lieferkette nehmen zu

    Andererseits haben die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine dafür gesorgt, dass es immer mehr „unbekannte Variablen“ gibt, wie Analystin Tratz-Ryan es ausdrückt: Mal fallen Lieferanten aus, mal stecken Containerschiffe fest, mal steigen die Preise für den Transport. Die digitale Technologie verspricht Transparenz – und damit Planbarkeit.

    Die war zuletzt kaum noch vorhanden. In einer aktuellen Umfrage der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group, die am Dienstag veröffentlicht wurde, gaben rund 44 Prozent der 1500 befragten Produktionsverantwortlichen an, dass Supply-Chain-Risiken derzeit zu den größten Herausforderungen für den laufenden Betrieb gehören. Mehr als jeder vierte rechnet damit, dass die geplante Auslastung der eigenen Werke in den kommenden drei Jahren nicht erreicht wird.

    „Das größte Problem der Unternehmen ist die mangelnde Transparenz der Lieferkette“, sagt auch SAP-Vorstand Thomas Saueressig, zuständig für Produktentwicklung. Das erschwere sowohl die langfristige Planung – etwa bei der Bestellung von Teilen, die Monate im Voraus geordert werden – wie auch die kurzfristige Produktion. Eine schnelle Normalisierung der Lage erwartet der Manager nicht. „Das ‚New Normal‘ besteht im konstanten Krisenmanagement“, sagt er.

    Dabei will der Walldorfer Softwarekonzern seine Kunden unterstützen. Die Vision, die SAP mit seiner SCM-Software verfolgt, verdeutlicht Saueressig an einem Beispiel: Wenn ein Containerschiff vor einem Hafen im Stau steckt, soll ein Unternehmen genau analysieren können, wie sich das auf die Produktion auswirkt. An welchen Standorten sind die Komponenten eingeplant und für welche Produkte? Welche Kunden müssen daher mit Verzögerungen rechnen?

    SAP ist weltweit Nummer eins

    „Unternehmen können mit diesem Wissen Margen optimieren“, sagt der Manager. Wenn Einzelteile knapp sind, kann das Management zum Beispiel Bestellungen mit höherem Deckungsbeitrag bevorzugen – oder jenen Kunden, die mit Verzögerungen rechnen müssen, ein Alternativangebot machen. Gerade jetzt sei das gefragt: „Der Fokus auf Profitabilität ist in diesen schwierigen Zeiten gestiegen“, erklärt Saueressig.

    Für SAP ist das ein lukratives Geschäft: Die Nachfrage nach verschiedenen Produkten für Logistik und Produktion sei zuletzt stark gewachsen, sagt Saueressig, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Nach Einschätzung des Analysehauses Gartner ist SAP bei SCM-Software weltweit die Nummer eins, der Marktanteil ist 2020 auf 27,8 Prozent gestiegen.

    Herausforderer sind dabei, je nach Aufgabe, Anbieter wie Oracle, JDA und Blue Yonder. Auch Unternehmen wie Bosch, die mit ihrer Software zum Teil bereits auf der Ebene einzelner Maschinen ansetzen, sind präsent. So zeigt der Industriekonzern in diesem Jahr auf der Hannover Messe wieder neue Services für seine Fertigungsplattform Nexeed, die sich einerseits für Leistungsverbesserungen in den Produktionsstraßen selbst, aber andererseits auch für die Verknüpfung der Produktionsdaten mit Lagerbeständen und Logistikdiensten nutzen lässt.

    Beim Dienst „Track & Trace“, den Bosch schon länger im Portfolio hat, kann die Plattform über Sensoren den Standort und Zustand einzelner Packstücke erfassen und gesammelt auswerten. Auf dieser Basis lassen sich Störungen frühzeitig erkennen, woraufhin Disponenten ihre Planung optimieren können.

    Der Industriekonzern bündelt seine Software für Produktion und Logistik unter dem Namen „Nexeed“. Bosch

    Bosch-Fertigung

    Der Industriekonzern bündelt seine Software für Produktion und Logistik unter dem Namen „Nexeed“.

    Mittlerweile hat der Bosch-Konzern mehr als 120 Standorte seines Unternehmens an die Plattform angeschlossen. Darüber hinaus ist Nexeed bei mehr als 80 Kundenprojekten im Einsatz.

    Dabei hilft die Software auch, den Energieverbrauch zu optimieren: Mithilfe von Künstlicher Intelligenz steuert die Plattform den Energiebedarf von 1000 Maschinen und setzt dabei Informationen aus Fertigung und Logistik, Wetterdaten und Energiepreisen zusammen – und spricht dem Management darauf basierend Handlungsempfehlungen aus.

    BSH simuliert Lieferkette mit digitalem Zwilling

    Die Bosch-Hausgerätetochter BSH startete 2017 ein konzernweites Programm, um Planungs- und Logistikprozesse samt der dazugehörigen IT komplett neu aufzustellen. Grundlage ist ein Clouddienst von SAP. Heute simuliert BSH die eigene Lieferkette mit einem sogenannten digitalen Zwilling.

    „Es geht um folgende Fragen: Was ist passiert, warum ist es passiert, was wird passieren?“, sagt der zuständige BSH-Manager Michael Huber. Das virtuelle Modell soll Antworten liefern: „Man braucht Simulationsfähigkeiten, muss in Szenarien denken.“

    Wenn sich beispielsweise ein Container mit wesentlichen Bauteilen verspäte, könne BSH nun die Probleme in Echtzeit erkennen – und, falls nötig, die Fertigung umplanen, berichtet Huber. Zudem nutze der Konzern für seine Absatzprognosen neben der Historie auch externe Faktoren, etwa die Entwicklung von Energiepreisen oder Großereignisse wie die Fußball-WM: Wenn der Bierverkauf steigt, sind auch Kühlschränke gefragt.

    „Es gibt keine Wunderwaffe gegen die Störungen in den letzten zwei Jahren – ohne Schaden hat die keiner überstanden“, betont Huber. „Aber wir waren als Organisation durch unsere Arbeit seit 2017 viel besser aufgestellt.“

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