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01.12.2022

10:24

Der Finanzdienstleister hatte mit Bilanzfälschungen Gläubiger um ihr Vermögen gebracht. Wirecard-Chef Jan Marsalek ist bis heute untergetaucht- AP

Die ehemalige Wirecard-Konzernzentrale in München.

Der Finanzdienstleister hatte mit Bilanzfälschungen Gläubiger um ihr Vermögen gebracht. Wirecard-Chef Jan Marsalek ist bis heute untergetaucht-

Insolvenzen im Ranking

Das sind die spektakulärsten Firmenpleiten Deutschlands

Hohe Energiekosten und Probleme mit Lieferketten: Viele Unternehmen fürchten sich in der aktuellen Krisenzeit vor einer wirtschaftlichen Notlage oder sogar vor der Pleite. Aber auch in den vergangenen Jahren hat es in Deutschland einige aufsehenerregende Insolvenzfälle gegeben.

In der aktuellen Krisenzeit sehen sich immer mehr Unternehmen einer wirtschaftlichen Notlage ausgesetzt. So errechnete das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im Jahr 2022 rund ein Viertel mehr Insolvenzen in Deutschland als im Vorjahr. Angesichts steigender Kosten für Strom und Gas sowie anhaltender Probleme mit Lieferketten warnt auch der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) vor einer Pleitewelle und sieht mehr als 1,4 Millionen Unternehmen bedroht.

Dabei sind Firmenpleiten in Deutschland nichts Neues. Schlecker, Air Berlin, Praktiker – diese bekannten deutschen Unternehmen haben eine Gemeinsamkeit: Es gibt sie nicht mehr. Schon einige namhafte Unternehmen mussten ihr Geschäft aufgeben. Wir haben einige der aufsehenerregendsten Insolvenzfälle der letzten 20 Jahre zusammengestellt.


Platz 10: Wirecard

Der Finanzdienstleister hatte mit Bilanzfälschungen Gläubiger um ihr Vermögen gebracht. Wirecard-Chef Jan Marsalek ist bis heute untergetaucht- AP

Die ehemalige Wirecard-Konzernzentrale in München.

Der Finanzdienstleister hatte mit Bilanzfälschungen Gläubiger um ihr Vermögen gebracht. Wirecard-Chef Jan Marsalek ist bis heute untergetaucht-

Der Ex-Dax-Konzern hatte im Sommer 2020 infolge eines milliardenschweren Betrugsskandals Insolvenz angemeldet. Wirecard war im Juni 2020 kollabiert, als sich 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz als Luftbuchungen erwiesen. Nur wenige Tage später war der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München dann pleite. Wirecard hatte sich im Geschäftsbericht 2018 noch einen Umsatz von mehr als zwei Milliarden Euro ausgewiesen. Im Dezember wird dem langjährigen Wirecard-Vorstandschef Markus Braun und zwei weiteren ehemaligen Managern der Prozess gemacht. Sie stehen unter anderem wegen bandenmäßigen Betrugs und Marktmanipulation vor Gericht. Ex-Vorstandsmitglied Jan Marsalek befindet sich auf der Flucht. Er wird in Russland vermutet.


Platz 9: Adler-Modemärkte

Für den Modehändler geht es wieder bergauf: Er konnte die letzte Rate an den Wirtschaftsstabilisierungsfonds zurückzahlen. dpa

Das ionische Pink der Adler-Modemärkte

Für den Modehändler geht es wieder bergauf: Er konnte die letzte Rate an den Wirtschaftsstabilisierungsfonds zurückzahlen.

Das Unternehmen aus Haibach bei Aschaffenburg rutschte im Frühjahr 2021 in eine schwere Krise, der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) musste mit zehn Millionen Euro einspringen. Adler meldete im Juli dennoch Insolvenz an. 2019 machte der Modemarkt noch einen europaweiten Umsatz von 495 Millionen Euro. Die Pleite wurde offiziell als Folge der Pandemie begründet – hinter den Kulissen war aber auch von selbst verschuldeten Problemen die Rede: Der Modemarkt habe den Onlinehandel vernachlässigt. Auch eine mangelhafte Logistik wurde als Grund aufgeführt.

Schließlich übernahm der Berliner Logistikdienstleister Zeitfracht Adler und baute den Modemarkt um. Der Onlinehandel wurde gestärkt, es soll Adler-Cafés in den Filialen geben, auch Pakete können aufgegeben werden. Das Sortiment wurde um Bücher und Elektrogeräte erweitert. Dennoch mussten 500 der rund 3000 Arbeitsplätze abgebaut und etwa 30 Filialen geschlossen werden. 2022 zahlte Adler die letzte Rate an den WSF zurück.

Platz 8: Kirch-Gruppe

Am 17.03.2003 übernimmt US-Investor und Medienunternehmer Haim Saban, Dritter von links, aus der insolventen Kirch-Gruppe die Mehrheit an der ProSiebenSat.1 Media AG, besiegelt per Handschlag. Von links: Dr. Michael Jaff (Insolvenzverwalter der KirchMedia), Hans-Joachim Ziems, (Geschäftsführer), Haim Saban, Wolfgang van Betteray (Geschäftsführer). imago images/Wolfgang Maria Weber

Die Saban Group übernimmt 2003 den Großteil der ProSiebenSat.1 Media AG

Am 17.03.2003 übernimmt US-Investor und Medienunternehmer Haim Saban, Dritter von links, aus der insolventen Kirch-Gruppe die Mehrheit an der ProSiebenSat.1 Media AG, besiegelt per Handschlag. Von links: Dr. Michael Jaff (Insolvenzverwalter der KirchMedia), Hans-Joachim Ziems, (Geschäftsführer), Haim Saban, Wolfgang van Betteray (Geschäftsführer).

Zur Film- und Fernsehgruppe von Leo Kirch gehörten unter anderem der TV-Konzern Pro Sieben Sat 1 und der Pay-TV-Sender Premiere World (heute Sky Deutschland). Die Mediengruppe war 2002 zusammengebrochen. Die Erschütterungen in der Banken- und Medienbranche waren noch viele Jahre danach zu spüren. Im Jahr 2001 erzielte Kirch Media noch einen Umsatz von 6,5 Milliarden Euro. Leo Kirch, der 2011 starb, machte die Deutsche Bank für die Pleite verantwortlich. Der Ex-Institutschef Rolf Breuer hatte öffentlich Zweifel an Kirchs Kreditwürdigkeit geäußert. In dem Schadenersatzstreit schloss die Bank mit Kirchs Erben einen 925 Millionen Euro schweren Vergleich – davon profitierten auch die Gläubiger.

Platz 7: Flowtex

Schmider wurde in Deutschland zu einer elfeinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. dpa

Flowtex-Gründer Manfred Schmider

Schmider wurde in Deutschland zu einer elfeinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt.

Der vor rund 20 Jahren aufgedeckte Flowtex-Skandal war einer der größten Betrugsfälle der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Die von Manfred Schmider in Ettlingen bei Karlsruhe gegründete Firma verkaufte 3142 Horizontalbohrmaschinen, die nicht existierten. Es wurden lediglich 270 reale Bohrmaschinen verkauft. Damit bestanden deutlich über 90 Prozent der Anlagen nur auf dem Papier, zu einem Stückpreis von rund 1,5 Millionen Mark. Schmider saß in Deutschland sieben Jahre in Haft, 2007 kam er frei. 2015 wurde der Unternehmer zu einer erneuten Haftstrafe verurteilt, diesmal in der Schweiz.

Platz 6: Air Berlin

Air Berlin musste 2017 Insolvenz anmelden, das Verfahren zieht sich allerdings bis heute. imago/Ralph Peters

Ein Airbus A320 der Airberlin in Düsseldorf

Air Berlin musste 2017 Insolvenz anmelden, das Verfahren zieht sich allerdings bis heute.

Air Berlin meldete 2017 Insolvenz an, nachdem die arabische Fluggesellschaft Etihad ihre Unterstützung beendet hatte. Dabei hatte Etihad erst wenige Monate zuvor in einem „Letter of Support“ weitere Unterstützung für mindestens 18 Monate zugesagt. Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin hatte jahrelang Verluste geschrieben und im August Insolvenz angemeldet. Ende Oktober ging der letzte Flug. 8000 Menschen wurden arbeitslos. Aber auch fünf Jahre nach der Unternehmenspleite ist noch immer kein Ende in Sicht: Das Insolvenzverfahren läuft weiter. „Vermutlich ist das Air-Berlin-Verfahren – gemessen an der Zahl der Gläubiger – das größte Insolvenzverfahren der deutschen Wirtschaftsgeschichte“, sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters Lucas Flöther.

Platz 5: Maredo

Mittlerweile hat sich ein Unternehmer die Markenrechte gesichert. imago images/Revierfoto

Die Steakhaus-Kette Maredo meldete 2020 Insolvenz an.

Mittlerweile hat sich ein Unternehmer die Markenrechte gesichert.

Maredo Restaurants Holding GmbH ist eine deutsche Steakhauskette aus Düsseldorf. Sie wurde 1973 gegründet und war nach Anzahl der betriebenen Restaurants der Marktführer im Steakhauskette-Segment in Deutschland. Am 23. März 2020 meldete Maredo unter anderem wegen der Folgen der Coronapandemie und ausbleibender Gäste Insolvenz an. Zunächst wurde ein Teil der 35 Restaurants geschlossen und die Mitarbeiter entlassen. Im Januar 2021 schlossen auch die verbliebenen 22 Lokale. Weil Maredo keinen Zugang zu den Staatshilfen erhalten habe, sei dem Unternehmen keine andere Wahl geblieben, als allen Mitarbeitern zu kündigen sowie alle Mietverträge zu beenden, so hatte Insolvenzverwalter Nikolaos Antoniadis den Schritt begründet. Mitte 2021 eröffneten einige Filialen wieder, nachdem ein Investor die Markenrechte übernommen hatte.

Platz 4: Woolworth

Nach der Neuausrichtung hatte Woolworth wieder wirtschaftlichen Erfolg. action press

Woolworth meldete 2009 Insolvenz an.

Nach der Neuausrichtung hatte Woolworth wieder wirtschaftlichen Erfolg.

Woolworth Deutschland hatte 2009 Insolvenz angemeldet, knapp 10.000 Mitarbeiter mussten um ihren Job bangen. Im Mai 2010 übernahm die Dortmunder H. H. Holding Unternehmensteile der Deutschen Woolworth GmbH, führte 158 der ehemals 310 Standorte weiter. Die neu gegründete Woolworth GmbH nahm am 1. Juli 2010 in Unna ihren Geschäftsbetrieb auf. Nach einer Neuausrichtung des Geschäftsmodells begann Woolworth ab dem Geschäftsjahr 2013/2014 wieder wirtschaftlichen Erfolg zu haben.

Platz 3: Praktiker

Zu der Dachgesellschaft gehörte unter anderem auch Max Bahr. dpa

Praktiker musste 2013 Insolvenz anmelden

Zu der Dachgesellschaft gehörte unter anderem auch Max Bahr.

Die börsennotierte Baumarkt-Dachgesellschaft musste im Herbst 2013 Insolvenz anmelden. Vertriebslinien in Deutschland waren Praktiker, extra Bau+Hobby und Max Bahr. Das Unternehmen erwirtschaftete zuletzt mit rund 20.000 Mitarbeitern etwa drei Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Praktiker war bis zu seinem Austritt die Nummer drei am Markt, sorgte für zwölf Prozent des Gesamtumsatzes. Damit hinterließ der Baumarkt ein spürbares Umsatzloch in der Branche. Im Jahr 2016 erwarben Christoph Kilz und Dirk Oschmann die Namensrechte und eröffneten unter praktiker.de einen Baumarkt-Onlineshop, der unabhängig vom früheren Unternehmen Praktiker ist.

Platz 2: Schlecker

Anton Schlecker wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, seine Kinder mussten mehrere Jahre ins Gefängnis. imago stock&people

Die ehemals größte Drogeriekette Deutschlands meldete 2012 Insolvenz an.

Anton Schlecker wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, seine Kinder mussten mehrere Jahre ins Gefängnis.

Die Drogeriekette Schlecker zählte vor ihrer Pleite circa 36.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete rund 6,55 Milliarden Euro Umsatz. Am 23. Januar 2012 stellte Anton Schlecker einen Antrag auf Insolvenz. Im Sommer wurde die Zerschlagung der insolventen Kette beschlossen, noch im selben Jahr löste sich auch die Tochtergesellschaft Ihr Platz nach dem Verkauf der Filialen auf. Lars und Meike Schlecker, die Kinder von Drogeriegründer Anton Schlecker, wurden wegen Untreue und Insolvenzverschleppung zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Sie sind mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Die Rechte für die Marke Schlecker erwarb 2021 die kitzVenture GmbH von Patrick Landrock. Gerüchten zufolge plant er, die Marke wieder an den Markt zu bringen.

Platz 1: Arcandor

Nach der Insolvenz der Mutter von Karstadt, Thomas Cook und Quelle bangten 52.000 Beschäftigte um ihren Job. dpa

Die ehemalige Arcandor-Zentrale in Essen

Nach der Insolvenz der Mutter von Karstadt, Thomas Cook und Quelle bangten 52.000 Beschäftigte um ihren Job.

Der Karstadt-Mutterkonzern, der bis 2007 unter dem Namen KarstadtQuelle AG firmierte, meldete im Jahr 2009 Insolvenz für die Muttergesellschaft und die Tochtergesellschaften Karstadt, Primondo und Quelle an. 52.000 Beschäftigte waren von der Pleite betroffen. Auch der Staat wollte am Ende nicht mehr helfen und so kam es im Juni 2009, wenige Monate nach dem Ausscheiden von Vorstandschef Thomas Middelhoff, zur Insolvenz. Sie kostete viele Menschen den Arbeitsplatz und dem Versandhaus Quelle die Existenz.

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sasp

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