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29.11.2022

10:20

Interview

Corporate-Governance-Experte Marc Tüngler: „Wir müssen lauter werden“

Von: Tanja Kewes

Die Berufung von Telekom-Chefkontrolleur Frank Appel war laut dem Kommissions-Mitglied und Aktionärsschützer ein „Verstoß gegen den Kodex“. Er fordert nun Konsequenzen.

Der 53-Jährige ist Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und seit 2015 Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex. DSW

Marc Tüngler

Der 53-Jährige ist Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und seit 2015 Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex.

Düsseldorf Dass die Berufung von Post-Chef Frank Appel zum Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom im April ein Verstoß gegen den Deutschen Corporate Governance Kodex war, war allen Beteiligten klar. Gestoppt hat es sie nicht. Nun übt erstmals Aktionärsschützer Marc Tüngler, selbst Mitglied der vom Bund eingesetzten zuständigen Kommission, scharfe Kritik an der Personalie.

„Dass der Staat hier bewusst einen Verstoß gegen Kodexregeln veranlasst, irritiert mich wie viele andere Menschen auch und ist zu kritisieren“, sagt Tüngler im Interview mit dem Handelsblatt. Gerade in wirtschaftlich und politisch herausfordernden Zeiten, in denen man „eine Radikalisierung der Gesellschaft“ befürchtet, sei dies ein falsches Signal, sagt Tüngler: „Da erwarte ich vom Bund, dass er smarte und kodexkonforme Lösungen verlangt sowie umsetzt.“

Der Kodex rät dringend davon ab, den Vorstandschef eines börsennotierten Konzerns zum Aufsichtsratschef eines anderen zu wählen. Die Überlastung könne zu einem bedingten Kontrollverlust führen. Sowohl an Post als auch Telekom ist der Staat maßgeblich beteiligt.

Dass Appel bei beiden Konzernen zumindest bis zum kommenden Mai eine Spitzenfunktion einnimmt, sollte es also eigentlich nicht mehr geben. Weder die Regierungskommission insgesamt noch ihr Vorsitzender Rolf Nonnenmacher haben sich selbst dazu bis dato kritisch geäußert.

Tüngler, der im Hauptberuf der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ist, wagt sich nun aus der Deckung, fordert Konsequenzen und zeigt dabei auch Selbstkritik. Die Debatten um Corporate Governance müssten in der Öffentlichkeit sichtbarer geführt werden: „Wir müssen lauter werden.“ Der Ruf der deutschen Wirtschaft sei nicht ohne Grund deutlich schlechter als die Realität. „Im Kern haben wir ein Kommunikationsproblem“, sagt Tüngler.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Tüngler, mehr Schulden statt mehr Wohlstand – das Wirtschaftssystem, wie wir es kennen, funktioniert nicht mehr gut. Wie gehen wir damit um, wenn ein großer Teil der Bevölkerung unserem System nicht mehr zu vertrauen scheint?
Es fällt heute in der Tat immer schwerer, die Errungenschaften der Sozialen Marktwirtschaft zu erklären oder gar zu verteidigen. Wir sehen doch leider einer Radikalisierung der Gesellschaft an vielen Stellen, auch als selbstverständlich angenommene Gewissheiten geraten ins Wanken. Der Vorwurf: Das System dient nicht dem Bürger, sondern der Bürger dient allein dem System zugunsten weniger. Die Fliehkräfte führen zu einer Stärkung der extremen Positionen – gesellschaftlich wie politisch. Eine tickende Zeitbombe.

Was ist zu tun?
Bedenken, dass zum Beispiel von unserem System immer nur eine gleiche, kleine Gruppe profitiert, darf man nicht mit Arroganz und Scheuklappen begegnen. Dem ist mit einem vorbildlichen, die Interessen aller Stakeholder wahrenden und eben skandalfreiem Verhalten zu begegnen – guter Corporate Governance also.

„Frank Appel ist ein sehr guter CEO der Post“

Wie kann es dann sein, dass zwei Konzerne mit Staatsbeteiligung wie die Deutsche Post und die Deutsche Telekom dagegen verstoßen? Frank Appel hat seit einigen Monaten ein Doppelmandat inne, das es so eigentlich nicht geben sollte.
Zunächst ist Frank Appel ein sehr guter CEO der Post und ein nicht minder geeigneter Aufsichtsratschef der Telekom. Dass der Staat hier bewusst einen Verstoß gegen Kodexregeln in Kauf nimmt beziehungsweise veranlasst, irritiert mich wie viele andere Menschen auch und ist zu kritisieren. Damit hat der Bund der Telekom, Frank Appel und der Corporate Governance in Deutschland keinen Gefallen getan. Der „tone from the top“ macht die Musik und ist heute noch wesentlicher als früher.

Warum erlaubt sich die Bundesregierung diesen „schlechten Ton von oben“? Ist das die von Ihnen beschriebene Arroganz?
Ein Wechsel an der Aufsichtsratsspitze fällt ja nicht vom Himmel. Der kündigt sich lange an. Insofern muss der „Fehler“ in den letzten zwölf bis 18 Monaten vor der Benennung von Frank Appel gesucht werden. Aber egal, warum und wieso, es ist doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass der Bund die von ihm selbst ins Leben gerufene Kodexkommission nicht rechts überholt.

Es wurde auch argumentiert, dass es keinen anderen geeigneten oder willigen Kandidaten für den Aufsichtsratsvorsitz der Deutschen Telekom gegeben habe. Was sagen Sie dazu? Ist das so? Sind Aufsichtsratsmandate nicht mehr attraktiv?
Das Mandat als Aufsichtsrat ist höchst anspruchsvoll, und das gilt für den Vorsitz nochmals ganz besonders. Da wundert es zunächst nicht, dass die Suche nach einem Nachfolger bei einem Unternehmen wie der Telekom schwerer fällt. Aber auch das erklärt nicht den Verstoß gegen den Kodex durch die einjährige Doppelrolle von Frank Appel. Da erwarte ich vom Bund, dass er smarte und kodexkonforme Lösungen verlangt sowie umsetzt.

Der noch bis Mai amtierende Post-Chef ist zugleich Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom. imago images/sepp spiegl

Frank Appel

Der noch bis Mai amtierende Post-Chef ist zugleich Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom.

Zeigt der Fall Appel nicht, dass die Kommission und der Kodex zahnlose Tiger und damit im eigentlichen Sinne überflüssig sind?
Nein, sie ist als Institution der Selbstkontrolle schon richtig aufgestellt. Ich würde eher andersherum argumentieren. Gerade derartige Anlässe sollten die Diskussion nochmals anschieben und verbreitern.

Zudem kenne ich diese Debatte auch in einem anderen Kontext. Immer dann, wenn die Bundesregierung eine Kodexregelung ins Gesetz übernommen hat, wurde angeführt, das sei ein Affront und die Regierung würde damit den Kodex überflüssig machen. Auch das sehe ich ganz anders. Kodex und Gesetz stehen nicht im Wettbewerb. Sie ergänzen sich, interagieren und korrespondieren. Und: Wer gesetzliche Regelungen vermeiden will, sollte schlicht den Kodex erfüllen.

Sollten Kodex und Kommission reformiert werden?
Der Kodex gibt eine Orientierung. Gleiches gilt für die Kommission. Beide sind von daher in ihrer Struktur richtig angelegt. Vielleicht sollten wir alle aber noch bewusster und sichtbarer mit aufkommenden Fehlentwicklungen und erfolgten Verfehlungen umgehen. Ich persönlich würde mir wünschen, wir würden mehr über gute Unternehmensführung sprechen, diskutieren und im positiven Sinne streiten. Das fehlt mir, auch wenn sich diesbezüglich in den vergangenen 15 Jahren in Deutschland viel bewegt hat. Die Debatte ist mir allerdings nicht visibel genug. Wir müssen lauter werden.

Warum ist die Kommission im Fall Appel nicht laut geworden? Schließlich wurden Sie und die anderen Kommissionsmitglieder, darunter viele selbstbewusste und erfahrene Persönlichkeiten, doch übergangen.
Wir dürfen nicht vergessen: Die Kommission ist weder Polizei noch Richter. Die Unternehmen und hier der Aufsichtsrat bekommen konkrete Empfehlungen und Anregungen an die Hand. Der Kodex macht Verfehlungen überhaupt erst sichtbar. Ohne die Leitlinien des Kodex würde die Öffentlichkeit gute oder eben auch schlechte Governance nicht oder sehr viel schlechter erkennen können.

Was bedeutet Ihnen Ihre Mitgliedschaft in der Kommission?
Sie ist mir sehr wichtig. Als Mitglied der Kodexkommission wird man nicht unbedingt geliebt. Das habe ich schnell gelernt. Unternehmen, die ihre Hausaufgaben machen, werten den Kodex als überflüssig. Unternehmen, deren Governance bedenklich ist, fühlen sich bevormundet oder bedroht. Diese Ambivalenz schärft aber die Sinne. Es gilt, eine gute und richtige Mitte zu finden. Und oft ist es bereits eine erhöhte Transparenz der unternehmensspezifischen Governance, die besonders wirkungsvoll ist.

Tüngler kritisiert „gewöhnungsbedürftige“ Diskussionskultur

Also besser leise Töne und nur Empfehlungen statt gesetzlicher Regelungen als gar keine Thematisierung?
Was Empfehlungen anstatt gesetzlicher Regelungen betrifft, gilt hier ein klares Ja. Und wie schon gesagt: Wir müssen lauter werden. Der Ruf der deutschen Wirtschaft ist nicht ohne Grund deutlich schlechter als die Realität. Im Kern haben wir ein Kommunikationsproblem. In der öffentlichen Diskussion spielen Unternehmen und deren Lenker entweder keine oder eine negative Rolle. Das führt zu erheblichen Verwerfungen in der Wahrnehmung und Wirkung.

Ein Beispiel, bitte.
Wer seine Stimme nicht erhebt, wird nicht wahrgenommen. Wo findet Wirtschaft und wo finden Unternehmenslenker denn in der breiten Öffentlichkeit heute noch statt? Das mag auch an der sicher gewöhnungsbedürftigen Diskussionskultur in Talkshows hierzulande liegen, dass Unternehmensvertreter sich fernhalten. Das vertieft aber das Kommunikationsproblem und die Kluft.

Was ist zu tun?
Unternehmen und deren Führung sollten mehr Subjekt und nicht nur negatives Objekt des Diskurses sein. Das heißt erstens, dass Vorstände kommunikativ deutlich aktiver werden sollten. Zuletzt sind hier der Covestro-Chef Oliver Steilemann sowie Evonik-Chef Christian Kullmann positiv aufgefallen, die in ihren Rollen als VCI-Präsidenten sachliche Diskussionsbeiträge zu Themen liefern, die uns alle betreffen. Das heißt zweitens aber auch, dass Politik und Wirtschaft hier zusammenwirken sollten. Das war und ist auch der Ansatz der Kommission.
Herr Tüngler, vielen Dank für das Interview.

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