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05.01.2019

16:08

Interview mit Friederike Welter

Diese Herausforderungen erwarten den deutschen Mittelstand 2019

Von: Anja Müller

Friederike Welter, Chefin des Instituts für Mittelstandsforschung, über schnelles Internet auf dem Land und Probleme bei der Unternehmensnachfolge.

Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn. Institut für Mittelstandsforschung

Frederike Welter

Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn.

Viele Mittelständler blicken etwas bang in die Zukunft. Die besonders arbeitnehmerfreundliche Weihnachtszeit lässt ihnen viel Zeit zum Nachdenken über die Sorge vor einem konjunkturellen Abschwung, aber auch Zeit, Entscheidungen anzugehen und zu überdenken. Die gerade für sechs weitere Jahre gewählte Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung, Friederike Welter, mahnt, mit weniger Angst an die Themen Digitalisierung und Handelsstreitigkeiten heranzugehen.

Unternehmer sollten sich vielmehr auf ihre Stärken besinnen und kreative Lösungen finden, um mögliche Nachteile durch höhere Zölle oder Kosten auszugleichen. Ganz offenbar haben sie das laut Welter beim Thema Fachkräftemangel bereits getan. Gleichwohl sieht sie aber auch die Gefahren, die auf den heimlichen Weltmarktführern lasten, zu denen ja auch viele Autozulieferer und Maschinenbau-Unternehmen gehören.

Lesen Sie hier das gesamte Interview

Frau Welter, es scheint, 2018 war das Jahr der Veränderungen, der Umsetzung der Digitalisierung, wie weit ist der industrielle Mittelstand damit?
Man muss das Thema „Digitalisierung“ differenziert und weniger emotional betrachten. Wichtig ist mir: Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern immer ein Mittel zum Zweck – zum Beispiel für die Innovationsfähigkeit des Mittelstands. Zudem erfordert Digitalisierung auch ein Umdenken in den Köpfen – Digitalisierung ohne Menschen wird nicht funktionieren.

Gilt das nur für den großen industriellen Mittelstand?
Prinzipiell gilt: Der industrielle Mittelstand hat die Digitalisierung als Herausforderung erkannt und steht ihr generell offen gegenüber. Allerdings finden sich eher unter den größeren Unternehmen digitale Vorreiter, die eine konkrete Strategie verfolgen und über ein hohes Maß an Digitalisierungskompetenzen verfügen. Die Digitalisierung beinhaltet ja nicht nur technologische Innovationen, sondern muss auch von organisatorischen Innovationen begleitet werden.

Können Sie das konkretisieren?
Dazu gehören beispielsweise flexiblere Organisationsstrukturen, die das zunehmend abteilungs- und unternehmensübergreifende Arbeiten unterstützen. Dazu gehört aber auch, die Beschäftigten einzubinden und deren Erfahrungswissen aufzunehmen. Das heißt, für die erfolgreiche Digitalisierung sind neben Fachwissen, auch Methoden- und Sozialkompetenzen der Unternehmensführung wichtig.

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Aber Digitalisierung bedeutet ja auch, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Richtig. Aktuell ziehen die kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland – im Gegensatz beispielsweise zu den Unternehmen des US-amerikanischen Silicon Valleys und zu den Unternehmen in den anderen EU-Staaten – noch deutlich seltener wirtschaftlichen Profit aus den digitalen Möglichkeiten: Nur fünf Prozent von ihnen werten die gesammelten Kundendaten systematisch aus – im EU-Durchschnitt nutzen zehn Prozent diese Datenmengen. Zum Vergleich: Unter den Großunternehmen in Deutschland analysieren 17 Prozent Big Data. Dazu passt auch das zögerliche Verhalten der kleinen und mittleren Unternehmen im Hinblick auf internetfähige – „smarte“ – Produkte. Dabei gehören inzwischen smarte Produkte immer mehr zu unserem Alltag.

Was ist der Grund für ihr Zögern?
Fehleinschätzungen und -investitionen könnten schließlich ihr Unternehmen schnell in den finanziellen Ruin führen. Aber ebenso wichtig ist: Nicht jedes Unternehmen muss zu 100 Prozent digital aufgestellt sein. Dies können die Mittelständler für ihr eigenes Unternehmen in der Regel gut einschätzen. Trotzdem gehört es zu ihren Aufgaben, die Zukunftsfähigkeit des eigenen Geschäftsmodells vor dem Hintergrund der Digitalisierung kritisch zu überprüfen.

Wer muss sich Sorgen für das kommende Jahr machen?
Viele Unternehmen beobachten zwar die Aktivitäten ihrer Mitbewerber – zu wenig jedoch noch die Möglichkeiten, die die Digitalisierung bieten kann. Eine unserer aktuellen Studien hat gezeigt, dass nur etwa jedes fünfte kleine und mittlere Unternehmen die aktuellen technologischen Entwicklungen beobachtet und die Auswirkungen auf das eigene Geschäftsmodell abschätzt. Ein solches Vorgehen kann sich als gefährlich herausstellen.

Frederike Welter

Die Präsidentin

Sie ist gerade für sechs weitere Jahre im Amt als Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung bestätigt worden. Seit 2013 führt sie das IfM als hauptamtliche Präsidentin. Daneben lehrt sie Allgemeine BWL an der Universität Siegen, insbesondere das Management kleiner und mittlerer Unternehmen und Entrepreneurship. Für ihr wissenschaftliches Werk wurde die Professorin im August 2017 mit dem Greif Research Impact Award ausgezeichnet. Friederike Welter ist sowohl Mitglied im Mittelstandsbeirat des Bundeswirtschaftsministeriums als auch in dem der NRW-Landesregierung und gehört zu den einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftlern in Deutschland.

Das Institut

Das Institut für Mittelstandsforschung fühlt sein 60 Jahren den Puls der mittelständischen Unternehmen in Deutschland. Mit rund 40 Mitarbeitern wird dort interdisziplinär geforscht

Wo hapert es genau?
Die heutige technische Entwicklung erlaubt neue Geschäftsmodelle und auch den rascheren Markteintritt von marktfremden Unternehmen, die das eigene Produkt oder die eigene Dienstleistung vom Markt verdrängen können. Ähnliches gilt für Unternehmen, die nicht die strategische Bedeutung von digitalen Schnittstellen zu den Kunden erkennen. Auch diese Unternehmen laufen Gefahr, dass virtuelle Plattformanbieter Wertschöpfungsteile übernehmen.

Wie kann man sie aufrütteln?
Ich sehe es auch als eine wichtige Aufgabe unserer Forschung an, sowohl die politisch Verantwortlichen als auch die mittelständischen Unternehmen für diese Herausforderungen zu sensibilisieren. So zeigt eines unserer jüngsten Forschungsprojekte, dass Digitalisierung beispielsweise auch einer anderen Art von Führung bedarf. Denn das wirkt sich wiederum auf die Art und Weise aus, wie die Digitalisierung im Unternehmen umgesetzt und die Mitarbeiter hierbei mitgenommen werden.

Im vergangenen Jahr war der Blick in die USA etwas pessimistisch, wie beurteilen Sie die Situation für die großen Familienunternehmen, für die die USA ja der zweitwichtigste Markt sind?
Es zeigt sich bereits: Die US-amerikanischen Importzölle treffen nicht nur ausländische Unternehmen, sondern vor allem auch die US-amerikanischen Endprodukthersteller, weil sie mehr für die Vorprodukte zahlen müssen und dadurch an Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen (Dritt-) Märkten verlieren. Die Annahme der US-amerikanischen Regierung, dass die Zölle vor allem die Margen der ausländischen Zulieferer mindern, ist daher unwahrscheinlich, wie das aktuelle Beispiel General Motors zeigt.

Können Sie beurteilen, in wie weit deutsche industrielle Mittelständler von den Spannungen zwischen den USA und China betroffen sind oder sein werden?
Ich habe keine Glaskugel, mit der ich zukünftige Entwicklungen voraussehen kann. Ich stelle aktuell jedoch fest, dass die derzeitige Betrachtung der Spannungen zwischen den USA und China stark von Ängsten geprägt ist und wenig von Fakten, was für Volkswirte aussagekräftiger ist. Inwieweit die Spannungen tatsächlich den industriellen Mittelstand treffen, wird sich erst in ein bis zwei Jahren zeigen. Allerdings senkt die erhöhte Unsicherheit aufgrund der internationalen Spannungen die Bereitschaft, Investitionen außerhalb des Binnenmarktes zu tätigen.

Empfehlen Sie eine Strategie, sich darauf einzustellen?
Fakt ist, dass es ein Alleinstellungsmerkmal des industriellen Mittelstands ist, dass die Unternehmen handelspolitisch bedingte Nachteile wie beispielsweise Zollerhöhungen oder höhere Transaktionskosten durch (nicht-preisliche) Wettbewerbsvorteile auf anderen Gebieten ausgleichen können.

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Können Sie da Beispiele nennen?
Zum Beispiel durch die Erhöhung des Kundennutzens, durch integrierte Pakete Produkt und Dienstleistung oder After-Sales-Dienstleistungen. Fakt ist es aber auch, dass mittelständische Industrieunternehmen, die in globalen Wertschöpfungsketten integriert sind und maßgebliche Innovationsbeiträge erbringen, von den großen transnationalen Unternehmen gezwungen werden könnten, Produktionsstandorte beispielsweise in den USA aufzubauen. Das würde zweifellos für kleinere Familienunternehmen ein großes Investitionsrisiko darstellen, schließlich verfügen sie – verglichen mit den Konzernen – über geringere finanzielle und personelle Ressourcen.

Sie meinen, Mittelständler könnte das aus dem Markt treiben?
Es besteht immer die Gefahr bei einem sehr spezialisierten Produktangebot eines mittelständischen Zulieferers, dass größere Unternehmen versuchen, das Unternehmen und sein technisches Know-how aufzukaufen. Tendenzen hierzu sind ja bereits in der Automobilindustrie, im Maschinenbau und in der Textilindustrie zu beobachten.

Gibt es eigentlich Belege dafür, dass die Wertschöpfung dank der Digitalisierung wieder zurück nach Deutschland kommt?
Ja, die gibt es, wenn Sie sich die großen Familienunternehmen ansehen: Drei von zehn Unternehmen bieten laut der letztjährigen Befragung bereits smarte Produkte an – jedes zwölfte große Unternehmen plante zu diesem Zeitpunkt die Herstellung eines internetfähigen Produktes. Mehr als die Hälfte der Unternehmen mit smarten Produkten erzielten mit zusätzlichen Dienstleistungen rund um das smarte Produkt zusätzliche Umsätze. Inwieweit aus anderen Ländern Wertschöpfung dank der Digitalisierung zurückkommt, dazu liegen uns aktuell noch keine Daten vor.

Viele Unternehmer und CDU-Politiker machen sich ernste Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit, die Bundesregierung tue da viel zu wenig.
Ich kann natürlich nur für die Mittelstandspolitik sprechen. Es tut sich durchaus etwas – aber aus Sicht der Forschung ist eine Mittelstandspolitik des Nachteilsausgleichs nicht mehr zu rechtfertigen. Stattdessen sollte die Rolle des Mittelstands und das Potenzial, das in genau seiner Vielfalt liegt, für eine wettbewerbsfähige und zukunftsgewandte Wirtschaft und Gesellschaft betonen. Konkret bedeutet das: Es sollten generelle Anreize für eine unternehmerische Betätigung geboten werden.

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Wie stellen Sie sich das vor?
Die Mittelstandspolitik sollte nicht länger als ein spezieller Teil der allgemeinen Wirtschaftspolitik angesehen werden. Im Sinne einer rahmenorientierten Mittelstandspolitik ist es vielmehr wichtig, auch in anderen Politikressorts den Mittelstand zu berücksichtigen – sei, wenn es um Umweltauflagen, aber auch wenn es – wie aktuell angesichts der Dieselfahrverbote in den Städten – um infrastrukturelle Maßnahmen geht.

Die Mittelständler sind empört über die schlechten Internet-Verbindungen, genügt aus Ihrer Sicht das geplante 5G-Paket, oder nicht? Kurzum brauchen wir 5G an jeder Milchkanne?
Der flächendeckende Ausbau einer ultraschnellen Breitbandversorgung ist nicht nur für digitale Geschäftsmodelle eine wichtige Voraussetzung. Auch in landwirtschaftlichen Unternehmen wird mittlerweile selbstverständlich digitale Technologie eingesetzt – die Milchkanne benötigt deshalb 5G. Und nur dort, wo die Netz-Infrastruktur in der Fläche funktioniert, der Breitbandausbau vorangetrieben wird und die Lebensqualität stimmt, können mittelständische Unternehmen konkurrenzfähig bleiben.

Haben Sie dazu konkrete Zahlen?
Von fast jedem dritten großen Familienunternehmen wird die Verfügbarkeit der digitalen Infrastruktur als Hürde für die eigene Digitalisierung genannt. Und immerhin 34,1 Prozent der Unternehmen, die für die Studie „Größte Familienunternehmen“ im vergangenen Jahr befragt wurden, gaben an, dass die mangelnde Internetverbindung am Standort ihre Leistungsfähigkeit beschränkt. Vergessen darf man aber auch nicht, dass sich durch den Breitbandausbau auch Chancen ergeben, neue Unternehmen in den Regionen anzusiedeln und ländliche Entwicklung zukünftig anders zu denken.

Investiert der deutsche Mittelstand immer noch zu wenig in neue Technologien?
Es stimmt, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) haben in der jüngeren prosperierenden Phase weniger und unregelmäßiger als Großunternehmen investiert. Dennoch – so das Ergebnis einer unserer Studien in diesem Jahr – hat ihr wirtschaftlicher Erfolg nicht darunter gelitten. Im Gegenteil: Die KMU haben so ihre Eigenkapitalquote erhöht und können zukünftige Investitionsprojekte weitestgehend aus Eigenmitteln bestreiten. Die großen Familienunternehmen haben hingegen in der Vergangenheit durchschnittlich 2,3 Prozent ihres Umsatzes in die Digitalisierung investiert – und beabsichtigten diese Investitionsquoten noch zu steigern.

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Der Fachkräftemangel trifft inzwischen sogar Dax-Konzerne und Start-ups. Was soll der Mittelstand tun, damit der Mangel nicht zur Wachstumsbremse wird?
Die Unternehmen haben in den vergangenen zehn Jahren bereits ihre Anstrengungen zur Fachkräftesicherung erhöht, wie eine unserer Vergleichsstudien kürzlich gezeigt hat: Beispielsweise haben unternehmensinterne Aktivitäten zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit an Bedeutung gewonnen. Unter den KMU bietet jedes dritte Unternehmen inzwischen Qualifizierungsmaßnahmen für ältere Mitarbeiter an. Das sind mehr als doppelt so viele wie 2007. Um die potenzielle Arbeitskräftelücke zu reduzieren, wird sicherlich zukünftig die Zuwanderung von Fachkräften eine noch bedeutsamere Rolle spielen. Aus diesem Grund begrüße ich, dass über das geplante Fachkräftezuwanderungsgesetz der Zuzug von qualifizierten Fachkräften vereinfacht wird.

Im vorigen Jahr erklärten Sie uns, dass ein Jahresmindestgewinn von 54.000 Euro als untere Grenze für die Fortführung eines Unternehmens notwendig ist. Gilt die Grenze noch?
Nein, für die Schätzung, wie viele Unternehmen in den kommenden Jahren Nachfolger suchen, haben wir den Mindestertragswert, ab dem die Übernahme eines Unternehmens ökonomisch sinnvoll ist, auf 58.442 Euro erhöht. Auf dieser Basis rechnen wir bis 2022 mit insgesamt rund 150 000 Nachfolgen. Von den zu erwartenden Übergaben sind jährlich schätzungsweise rund 480 000 Beschäftigte betroffen. 

Und wie viele Mittelständler sind nicht nachfolgefähig?
Von den rund 3,4 Millionen Familienunternehmen in Deutschland erfüllen rund 700 000 Unternehmen unsere Bedingungen, um als übergabewürdig und damit als übergabefähig zu gelten. Das heißt umgekehrt, dass etwa vier von fünf Familienunternehmen nach unserer Definition nicht als nachfolgefähig gelten. Bedenken Sie schließlich, dass etwa die Hälfte der Unternehmen nicht einmal zehn Jahre am Markt bestehen bleibt. Auch wird sicherlich eine Reihe von Familienunternehmen, die unsere Bedingungen nicht erfüllen, gleichwohl einen Nachfolger finden, weil diese andere, individuell sehr verschiedene Vorstellungen davon haben können, was ein attraktives Unternehmen ausmacht.

Frau Welter, vielen Dank für das Interview.

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