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31.05.2022

08:30

Interview mit Volkswagen-Chef

Herbert Diess: „Wir können nicht nur mit Demokratien arbeiten“

Von: Sebastian Matthes

PremiumDer VW-Chef spricht über moralische Kompromisse, sein Engagement in China, die Zukunft der deutschen Wirtschaft – und seine Eindrücke vom Weltwirtschaftsgipfel in Davos.

„Wir müssen moralische Kompromisse machen“, sagt der CEO im Gespräch mit Sebastian Matthes im Gespräch. Bloomberg

Herbert Diess in Davos

„Wir müssen moralische Kompromisse machen“, sagt der CEO im Gespräch mit Sebastian Matthes im Gespräch.

Davos Am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos trafen sich Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes und VW-Chef Herbert Diess für eine Podcast-Aufnahme: Es war ein Gespräch über das Engagement des Autobauers in China, den Zustand der Weltwirtschaft – und das Geschäftsmodell Deutschlands.

Lesen Sie hier das Interview:

Herr Diess, das wichtigste Thema auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) war der kritische Zustand der Weltwirtschaft. Ökonomen haben vor einem Zerbrechen der Welt in Machtblöcke gewarnt, Unternehmen beklagen anhaltend gerissene Lieferketten. Teilen Sie die pessimistische Einschätzung? 
Angesichts der geopolitischen Lage gibt es durchaus Grund zur Sorge. Wir müssen aber zwischen den kurzfristigen und den langfristigen Entwicklungen unterscheiden. Einige Ökonomen und CEOs fürchten einen „perfekten Sturm“. Mit Blick auf die nächsten Monate können wir die Situation managen.

Also teilen Sie die Sorge vieler Ökonomen nicht, die die Welt auf eine Stagflation zusteuern sehen, auf eine Phase niedriger Wachstumsraten und hoher Inflation? 
Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt. Aber gerade in Europa werden wir die Auswirkungen des Krieges zu spüren bekommen. Für Deutschland geht es um die Frage der Energieversorgung. Die andere Dimension ist die geopolitische, und die ist eher langfristig.

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Standort erkennen

    Das heißt? 
    Die Frage ist, ob wir wieder eine Blockbildung erleben, ob wir zurückgehen in eine Zeit der Abschottung, geschlossenen Grenzen und beschränkten Reisemöglichkeiten. Zudem gibt es Anzeichen dafür, dass sich der Konflikt um die Technologievorherrschaft zwischen den USA und China weiter zuspitzt.

    Was ist das dann für eine Welt? 
    Als wir jung waren, konnten wir nicht mal eben nach Sankt Petersburg fahren. Wir hatten kaum Kontakte, konnten nicht nach China. Die Welt war verschlossen, kleiner, und sie hat sich langsamer entwickelt. Ich fürchte, dass wir uns nun wieder mit solchen Szenarien beschäftigen müssen.

    Insbesondere für Deutschland sind das schlechte Nachrichten, eine Wirtschaft, die wie kaum eine andere vom Außenhandel abhängt. 
    Für Deutschland ist das ein extrem negatives Szenario, das wäre auch eine Gefahr für das deutsche Geschäftsmodell. Denn Deutschland lebt von einer offenen Welt, vom Export, vom Handel, vom Zugang zu Rohstoffen. In einer abgeschotteten Welt würden wir uns langsamer entwickeln als andere Regionen und nicht mehr die Rolle spielen, die wir heute aufgrund unserer Wirtschaftskraft haben.

    Was meinen Sie damit? 
    Wir bestimmen deshalb mit, weil wir eine bedeutende, angesehene Nation sind, die in China und den USA investiert ist. Wenn diese Bedeutung abnimmt, nimmt auch unser Einfluss ab.

    Muss die Wirtschaft dabei auch moralische Kompromisse machen?
    Wir müssen moralische Kompromisse machen. Wir können, wir sollten sie nicht bei unserem Anspruch machen. Wir verteidigen unsere Ideale zu Recht. Europa hat das beste Gesellschaftssystem: Menschenrechte, Demokratie, Frieden, Meinungsfreiheit. Wenn die Welt überall so wäre wie in Europa, wäre sie besser. Wir sollten diese Werte mit Vehemenz verteidigen, aber das geht natürlich leichter aus einer Position der wirtschaftlichen Stärke.

    Beim Weltwirtschaftsforum in Davos wurde immer wieder darüber gesprochen, dass sich die globalen Eliten zu einer „moralischen Wende“ entschließen müssten. 
    Wir müssen Vorbild sein. Vorbild kann man aber nicht allein über moralische Standards sein, das geht nur über wirtschaftlichen Erfolg. Wir können uns deshalb nicht darauf beschränken, nur mit Demokratien zu arbeiten oder wirtschaftlich aktiv zu sein, die unseren Wertvorstellungen voll genügen. Das sind maximal zehn Prozent der Weltbevölkerung.

    „Wirtschaftlich ist der Standort Xinjiang eher unbedeutend“

    Was lösen in diesem Zusammenhang Meldungen aus China bei Ihnen aus, die erneut ein dramatisches Bild der Unterdrückung von Uiguren in der Region Xinjiang gezeigt haben, wo auch VW ein Werk betreibt? Machen Sie da Kompromisse? 
    Wir befassen uns mit Xinjiang schon seit vielen Jahren. Unser Joint-Venture-Partner, die SAIC Volkswagen, ist dort mit einer kleinen Fabrik vertreten. Wirtschaftlich ist der Standort eher unbedeutend.

    Dann können Sie das Werk aus Protest gegen das chinesische Vorgehen ja einfach dichtmachen. 
    Das könnten wir. Aber wir tun es nicht, weil wir glauben, dass unsere Präsenz Positives bewirkt.

    Wie bitte?
    Wir reisen dort hin, stellen wie überall auf der Welt sicher, dass unsere Arbeitsstandards durchgesetzt, kulturelle und religiöse Unterschiede respektiert werden. Ich glaube, dass die Präsenz der SAIC Volkswagen dazu führt, dass sich die Situation für die Menschen verbessert.

    Bislang hat Ihre Präsenz offenbar wenig bewirkt. Machen die neuen Recherchen gar nichts mit Ihnen? 
    Doch natürlich. Wegen unserer Geschichte sind wir besonders sensibel bei den Themen Menschenrechte, Freiheitsrechte und Meinungsfreiheit. Deshalb sind wir sehr aktiv, um an unseren Standorten unsere hohen Standards durchzusetzen. Und natürlich missbilligen wir, was dort passiert. Wenn wir Anhaltspunkte für Vergehen in unserem Werk vor Ort hätten, würden wir massiv dagegen vorgehen.

    Wie schätzen Sie generell die Lage in China ein? Einige Ökonomen fürchten ein Rezessionsszenario.
    Das sehe ich nicht. Aber auch wir gehen in China durch eine schwierige Zeit. Über tausend Expats mussten dort ausharren. Aber es gibt auch Lichtblicke.

    Mit der Einschätzung dürften Sie angesichts der immer neuen Lockdowns ziemlich allein dastehen. 
    Unsere Fabriken laufen wieder, ich rechne damit, dass auch die Ausgangsbeschränkungen zurückgefahren werden. Und ich bin zuversichtlich, dass wir China in wenigen Wochen wieder hochlaufen sehen. Die chinesische Wirtschaft ist in der Lage, relativ schnell wieder Tritt zu fassen.

    Aber die Autoverkäufe sind in China zuletzt gesunken. 
    Die ersten zwei Monate vor den Covid-Beschränkungen waren für Volkswagen sehr gut. Wir haben viermal so viele Elektroautos verkauft wie im Jahr zuvor. Es besteht kein Grund für Pessimismus. Das Wachstum wird sich zwar etwas abkühlen, aber es besteht weiterhin großer Nachholbedarf. China ist gemessen am Pro-Kopf-Einkommen immer noch kein reiches Land.

    „China wird Wachstumsmotor bleiben“

    Das klingt nach einer gehörigen Portion Zweckoptimismus.
    China wird Wachstumsmotor bleiben. Das Land hat eine fantastische Ausbildung, es gibt zudem eine relativ große Chancengleichheit. Und man merkt: Die Chinesen haben einfach Lust auf Innovation, auf Fortschritt, auf mehr Wohlstand.

    Was bedeutet das für Ihr Autogeschäft? 
    Obwohl China schon heute der größte Automarkt der Welt ist, werden in Relation zur Bevölkerung immer noch vergleichsweise wenige Fahrzeuge verkauft. Beim Bestand kommt China auf 250 bis 300 Autos pro 1000 Einwohner. In Deutschland liegen wir bei etwa 600, in den USA sind es sogar ungefähr 800. Allein diese Zahlen machen deutlich, dass China mit Abstand der größte Wachstumsmarkt bleiben wird.

    Die Vita von Herbert Diess

    Herbert Diess

    Der Manager ist seit April 2018 VW-Chef. Der Diplom-Ingenieur kam über Bosch und BMW nach Wolfsburg, wo er zunächst die Verantwortung für die Kernmarke übernahm. Als Vorstandschef fordert er immer wieder eine schnellere Transformation in Richtung Elektromobilität und Digitalisierung. In diesen Fragen geriet er mehrmals mit den Arbeitnehmervertretern in Konflikt. Im vergangenen Jahr verlängerte der Aufsichtsrat seinen Vertrag bis 2025.

    Volkswagen

    Der Wolfsburger Autohersteller ist mit seinen 670.000 Beschäftigten nach Toyota der zweitgrößte Autokonzern der Welt. Außer der Kernmarke VW gehören auch Audi, Porsche, Skoda und Seat zu der Gruppe. Größter Absatzmarkt des Konzerns ist China. Innerhalb der Autobranche gehört Volkswagen zu den Konzernen, die den Elektrokurs am stärksten vorangetrieben haben.

    Wie passt das dazu, dass Sie von Jahr zu Jahr schlechter in China verdienen? 
    Wir haben nach wie vor die höchsten Umsätze, Absätze und Renditen in China. In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben wir gut verdient. Auch die Elektrifizierung kommt dort gut voran. China darf man nicht nur als einfachen Absatzmarkt verstehen.

    Sondern? 
    Das Land muss man auch als Markt für die Zukunft sehen, das die ganze Welt technologisch voranbringen wird. Wenn man sich von China abkoppeln würde, koppelt man sich vom Wachstum und vom technologischen Fortschritt ab.

    Die Debatte läuft eigentlich in eine andere Richtung: Hat sich die deutsche Wirtschaft zu sehr von China abhängig gemacht? 
    Als Marktführer in China werden wir das immer wieder gefragt. Ich sage: Nein, wir sind Marktführer in dem Markt, der am schnellsten wächst und technologisch führend ist. Und das wollen wir auch möglichst lange bleiben. Zusätzlich wollen wir auch noch in anderen Regionen der Welt wachsen. Zum Beispiel in den USA, wo wir aktuell nur auf etwa vier Prozent Marktanteil kommen.

    Wird das US-Geschäft die Bedeutung Chinas bei Volkswagen zurückdrängen? 
    Nicht unbedingt. Denn wir erwarten, dass China schneller als die USA wachsen wird.

    Und wie blicken Sie auf Europa? Einer der wichtigsten Private-Equity-Investoren der Welt sagte neulich: „Europa ist zu zersplittert und zu schwach.“ Teilen Sie diesen Eindruck? 
    Da ist sicher etwas dran. Wir sind abhängig bei der Energie. Militärisch sind wir gemessen an den Nato-Ausgaben abhängig vom Schutz durch die USA. Und wir sind auch technologisch in vielen Bereichen abhängig: Wir haben keine Tech-Unternehmen, keine großen sozialen Medien. Von den drei Blöcken Europa, China und USA ist Europa der schwächste, wenn es um politischen Einfluss und wirtschaftliche Resilienz geht. Aber wir haben das beste politische System, mit einer Diversität, die einzigartig ist. Deshalb müssen wir uns auf unsere eigenen Interessen besinnen. Ich muss sagen, dass mir in diesem unendlich leidvollen Krieg in der Ukraine, der vor unserer Haustür stattfindet, eine europäische Führung fehlt. Auch wirtschaftlich muss Europa unabhängiger werden, seine Handelsinteressen durchsetzen und Innovationen und Investitionen in neue Technologien fördern.

    Sebastian Matthes hat den CEO zur Podcast-Aufnahme in Davos getroffen. Handelsblatt

    Herbert Diess mit Sebastian Matthes

    Sebastian Matthes hat den CEO zur Podcast-Aufnahme in Davos getroffen.

    Was bedeutet diese Diagnose für VW?
    Der Zerfall der Welt in Machtblöcke dürfte die Geschäfte für international aufgestellte Unternehmen schwieriger machen. Wir sind ein globales Automobilunternehmen, die Industrie ist hochkonsolidiert. Wenn Unternehmen in einer Region nicht mehr erfolgreich sind, wird es auch in anderen Regionen schwierig. Das gilt für alle unsere Wettbewerber, auch für uns. Eine Zersplitterung der Welt würde zu weniger Wachstum und weniger Innovationen führen. Auch die Bekämpfung des Klimawandels würde um ein Vielfaches schwieriger. Deshalb müssen wir unser europäisches Geschäftsmodell verteidigen und dafür sorgen, dass unsere Unternehmen, die weltweit erfolgreich sind, auch erfolgreich bleiben. Aus den Aussagen der europäischen Politiker habe ich aus Davos mitgenommen, dass Europa weiter an einer offenen Weltordnung, an einer multipolaren Welt mit freiem Handel festhält. Das stimmt mich positiv.

    Vielen Dank für das Interview.

    Dieser Artikel erschien zuerst am 29.05.2022 um 17:35 Uhr.

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