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17.10.2019

21:32

Interview

Schönfärberei oder Selbstbetrug? Roland Berger stellt sich der Wahrheit über seinen Vater Georg

Von: Sönke Iwersen, Andrea Rexer, Thomas Tuma

Georg Berger war früh NSDAP-Mitglied und Profiteur von Arisierungen. Über diese dunkle Seiten sprechen der Berater Roland Berger und der Historiker Michael Wolffsohn.

Roland Berger über Vater Georg: „Mir schien das alles plausibel“  Markus Burke für Handelsblatt Magazin

Roland Berger

„Oft sind Dinge und Lebensgeschichten ja nicht nur schwarz oder weiß, sondern grau...“

München Deutschlands profiliertester Unternehmensberater hat die Öffentlichkeit jahrelang falsch über die nationalsozialistische Vergangenheit seines Vaters informiert. Entgegen der Angaben von Roland Berger sträubte sich Georg Berger weder gegen die Verfolgung der Juden durch die Nazis, noch kam er dafür ins Konzentrationslager.

Recherchen des Handelsblattes zeigen, dass Georg Berger als Finanzchef der Hitler-Jugend arbeitete und anschließend mit Unterstützung der Nationalsozialisten Generaldirektor bei der „arisierten“ Ankerbrot wurde, der größten Bäckerei Österreichs. Er wohnte in einer von ihren jüdischen Eigentümern beschlagnahmten Villa.

Roland Berger zeichnete das Bild seines Vaters völlig anders. „Bis heute ist mein Vater für mich ein moralisches Vorbild. Er steht für Anstand und Mut“, schrieb Berger im Juli 2012 in einem Gastbeitrag.

In einem Interview im September 2018 sagte er über seinen Vater: „Er ist 1933 in die Partei eingetreten. ... Nach der Reichskristallnacht 1938 ist er aus Protest wieder ausgetreten. Danach hatten wir alle sechs bis acht Wochen die Gestapo im Haus.“

Beides stimmte nicht. Georg Berger trat schon am 1. Juni 1931 in die NSDAP ein und zahlte seine Mitgliedsbeiträge bis September 1944. 1937 ernannte ihn Adolf Hitler zum Ministerialrat. In Schwierigkeiten kam Berger erst 1942, als ihm Ankerbrot-Mitarbeiter Selbstbereicherung vorwarfen.

Im Polizeibericht vom 20. Juni 1942 stand, Berger habe seine Villa „mit einem unerhörten, in einem krassen Widerspruch zu den durch die Kriegslage gebotenen Sparmaßnahmen stehenden Aufwand“ ausgebaut. Außerdem haben Berger Nahrungsmittel aus der Firma für private Zwecke gehortet.

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Konfrontiert mit den Recherchen räumte Roland Berger Fehler ein. „Wenn sich herausstellen sollte, dass ich falsche Dinge behauptet habe, bereue ich das aufrichtig – und werde es öffentlich richtigstellen“, sagte der 81-Jährige im Interview. „Ich bin dem Handelsblatt gewissermaßen dankbar, dass Sie mir diese schmerzhafte Wahrheit nun näherbringen.“

Berger hat nun die Historiker Michael Wolfssohn und Sönke Neitzel beauftragt, die Rolle seines Vaters in der NS-Zeit aufarbeiten. Schon jetzt, sagte Wolffsohn dem Handelsblatt, sei klar: „Georg Berger war in der Tat Profiteur des NS-Systems.“

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Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Berger, viele Jahre lang haben Sie in Interviews immer wieder und ausführlich über Ihren Vater gesprochen, den Sie als Nazi-Opfer beschrieben. Nun zeigen Handelsblatt-Recherchen: Georg Berger war in der NS-Zeit ein Profiteur des Regimes. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?
Roland Berger: Ich kann zunächst mal nur sagen: Das Bild, das ich bislang von meinem Vater hatte, stammt aus seinen eigenen Erzählungen, aus den Erinnerungen meiner Mutter und den Berichten von Verwandten und Freunden, die ihn aus der Nazizeit kannten und uns oft besuchten, nachdem er aus russischer Gefangenschaft wieder zu Hause war. Mir schien das alles plausibel. Ich habe ja zum Beispiel erlebt, wie etwa die Gestapo unser Haus in Wien zwischen 1942 und 1944 immer wieder durchsucht hat. Klar, damals war ich noch ein kleiner Steppke, der die Gesamtzusammenhänge nicht deuten konnte. Aber die Bilder der Gestapo-Schergen in unserem Haus sind mir tief in der Erinnerung geblieben.

Welche konkreten Erinnerungen haben Sie noch an Ihren Vater?
Berger: Am 12. September 1944 bin ich beispielsweise mit meiner Mutter und meiner Schwester im Münchener Hauptquartier der Gestapo im Wittelsbacher Palais gewesen, wo ich meinem Vater ein paar Gedichte aufsagen durfte zu seinem Geburtstag. Dann mussten wir schnell wieder gehen. Mein Vaterbild saß ziemlich fest, bis Ihr Anruf und die ersten Andeutungen über die Hintergründe es doch nachhaltig erschüttert haben.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie erst vor rund 15 Jahren anfingen, das Leben Ihres Vaters in Interviews zu thematisieren?
Berger: Zu meinem 70. Geburtstag im Jahr 2007 wollte der Econ-Verlag eine Autobiografie von mir veröffentlichen.

Roland Berger – Vita

Kindheit

Bei seiner Geburt hieß Roland Berger noch Roland Altmann. Sein Vater Georg Berger heiratete die Mutter später in zweiter Ehe.

Karriere

Berger gründete mit 20 sein erstes Unternehmen: eine Wäscherei. Mit 24 arbeitete er für das amerikanisch-italienische Joint Venture Gennaro-Boston. Fünf Jahre später machte Berger sich selbstständig und wurde Deutschlands bekanntester und einflussreichster Berater.

Stifter

2008 entstand die Roland Berger Stiftung, ausgestattet mit 50 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen. Sie fördert begabte Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien.

Die ersten Interviews zu ihm gaben Sie aber schon 2003. Starteten die Vorarbeiten so früh?
Berger: Um die Zeit herum habe ich angefangen, über die Gründung einer Stiftung nachzudenken und mich so auch mit meiner Lebens- und Familiengeschichte zu beschäftigen. Die vom Verlag bestellte Autorin hat jedenfalls erstmals eigene Recherchen angestellt, deren Ergebnisse sich mit meinen Erkenntnissen weitgehend deckten...

... und die davon ausgingen, dass Ihr Vater zum Beispiel nach der sogenannten „Reichskristallnacht“ 1938 sein NSDAP-Parteibuch zurückgab – aus Protest gegen die antisemitischen Exzesse damals? Dass er danach von der Gestapo verfolgt wurde? Dass er angeblich sogar im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war, wie Sie es häufig berichtet haben?
Berger: Ja, ich hatte zum damaligen Zeitpunkt keinen Grund, an meinem Bild von ihm wirklich zu zweifeln. Jetzt will ich es natürlich genau wissen. Und deshalb bat ich nach dem ersten Hinweis des Handelsblatts auch die Historiker Michael Wolffsohn und Sönke Neitzel, reinen Tisch zu machen und alles aufzuklären, was aufzuklären ist. Das soll in den nächsten Monaten lückenlos dokumentiert werden. Ich will die Wahrheit wissen – und dann auch mein Vaterbild verändern und meine früheren Äußerungen zurücknehmen, falls das nötig ist. Oft sind Dinge und Lebensgeschichten ja nicht nur schwarz oder weiß, sondern grau...

... wobei Ihr Vater in Ihren Erzählungen ein gläubiger Christ und Gegner der Nazis war.
Berger: Wenn sich herausstellen sollte, dass ich falsche Dinge behauptet habe, bereue ich das aufrichtig – und werde es öffentlich richtigstellen.

Sie haben unter anderem in Interviews gesagt, Ihr Vater sei 1933 in die NSDAP eingetreten.
Berger: Nein, 1931.

Beide Zahlen haben Sie immer mal wieder genannt. Und das – falsche – Datum 1933 ist natürlich das schmeichelhaftere. Als die Nationalsozialisten einmal die Macht ergriffen hatten, strömten Millionen Deutsche in die NSDAP. Ihr Vater war früher dran.
Berger: Ja.

Georg Berger war von 1931 bis 1944 Mitglied der NSDAP. Archiv

Ausweis Nr. 104

Georg Berger war von 1931 bis 1944 Mitglied der NSDAP.

Sie erwähnten vorhin den Econ-Verlag, der Ihre Lebensgeschichte publizieren wollte. Warum ist dieses Buch, Ihre Autobiografie, eigentlich nie erschienen?
Berger: Das hatte nichts mit dem Dritten Reich zu tun.

Die Nazikarriere Ihres Vaters muss ja auch da schon eine Rolle gespielt haben.
Berger: Das Manuskript führte unter anderem etliche Klienten der Unternehmensberatung auf, denen wir als Berater auch im Nachhinein zur Vertraulichkeit verpflichtet sind. Dazu gab es unterschiedliche Auffassungen über Struktur und Sprachstil, es sollte ja in der Ichform erscheinen.

Unsere Recherchen ergaben unter anderem: Ihr Vater trat eben nicht 1938 aus Protest aus der Partei aus. Er arbeitete als oberster Verwaltungschef der Hitlerjugend und wurde 1937 von Adolf Hitler persönlich zum Ministerialrat ernannt. 1939 bat er Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß um ein Dankschreiben, das er auch erhielt.
Michael Wolffsohn: Ich beschäftige mich gemeinsam mit den Kollegen Neitzel und Scianna von der Uni Potsdam mit dem Fall erst seit zwei Wochen. Wir werden alles prüfen und dann bewerten. Sie haben da also einen enormen Vorsprung – aber bei den hier genannten Fakten recht. Was Herr Berger dazu in Interviews gesagt hat, kenne ich nur kursorisch. Zum Dankesschreiben von Heß: Berger bekam nicht das Prädikat „ehrenhalber“. Das ist relevant. Auch hier gilt es, das Wie und Warum genau nachzuprüfen. Quellen und Quellenkritik gehören für Historiker zusammen.

Der renommierte Historiker soll die Vergangenheit von Roland Bergers Vater aufklären. imago/Uwe Steinert

Michael Wolffsohn

Der renommierte Historiker soll die Vergangenheit von Roland Bergers Vater aufklären.

Aber Sie verstehen sicher, dass wir uns auch auf die Interviews von Roland Berger als Quelle stützen müssen.
Wolffsohn: Jede Quelle, erst recht NS-Quellen, bedürfen der Quellenüberprüfung.

Ab 1941 leitete Georg Berger das „arisierte“ Wiener Unternehmen Ankerbrot als Generaldirektor und lebte mit Frau und Familie fortan in einer hochherrschaftlichen Villa, die vorher ebenfalls einer jüdischen Familie gehörte.
Berger: In dieser Zeit haben viele Menschen Schuld auf sich geladen und aus Arisierungen Vorteil gezogen. Das war falsch und ist nicht zu rechtfertigen – auch wenn das Haus nicht auf meinen Vater übertragen wurde und er Miete zahlte.
Wolffsohn: Soweit sich das bisher feststellen lässt, war Georg Berger in der Tat Profiteur des NS-Systems. Das scheint klar. Dass er Täter gewesen sein soll, lässt sich nach derzeitigem Stand meiner Recherche nicht erkennen.
Berger: Damals war ich noch keine zehn Jahre alt. Wie hätte ich das alles richtig wissen, geschweige denn einordnen sollen?

Ihr Vater wurde damals in Wien von der NSDAP-Größe Alfred Proksch in sein Amt als Ankerbrot-Chef eingeführt. So eine Behandlung wird nicht gerade Systemgegnern zuteil.
Wolffsohn: Wir werden alle Details und Zusammenhänge sauber recherchieren und veröffentlichen.

Michael Wolffsohn – Vita

Herkunft

Wolffsohn wurde 1947 in Tel Aviv als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Seine Großeltern waren in Deutschland Opfer der „Arisierung“.

Wirken

Der Historiker gilt als einer der versiertesten Kenner der deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungen.

Ehrung

Träger des Bundesverdienstkreuzes und zahlreicher weiterer internationaler Auszeichnungen.

Herr Berger, im April 1942 kam die Gestapo tatsächlich zu Ihnen nach Hause – allerdings aufgrund diverser Anzeigen wegen Verstößen gegen die Kriegswirtschaftsordnung. Es ging darum, dass Ihr Vater im großen Stil Lebensmittel gehortet haben soll. 
Wolffsohn: Wobei Sie sicher wissen, wie ernst man viele dieser Gestapo-Akten nehmen kann. Das waren oft auch Instrumente der Denunziation.

Manche sind sicher ebenso kritisch zu sehen wie Entnazifizierungs-Unterlagen, die nach dem Krieg vielfach durch die Aussagen alter Freunde, Nachbarn und Verwandter geschönt wurden.
Wolffsohn: Beides stimmt.

Unser Fazit: Er erregte offenbar nicht aus politischen Gründen Anstoß, sondern aus ökonomischen. Im September 1942 musste er seinen Posten räumen, weigerte sich aber, die Dienstvilla zu verlassen. Wissen Sie, wie das Verfahren gegen ihn wegen Kriegswirtschaftsverbrechen ausging?
Wolffsohn: Glauben Sie mir, dass wir jeden Stein umdrehen und da keinerlei Rücksicht nehmen werden. Aber so weit sind wir einfach noch nicht. Qualität und Tiefe gehen vor Schnelligkeit. Da bitte ich um etwas Geduld.

Wir konnten zum Beispiel auch keinerlei Belege dafür finden, dass Georg Berger erst von den Nazis und später auch noch von den Amerikanern in Dachau inhaftiert gewesen sein soll, wie oft behauptet wurde. Ebenso wenig fanden wir Beweise dafür, dass der Vater an der Ostfront diente.
Wolffsohn: In der NS-Zeit war er offenbar nicht in Dachau. Er war definitiv nicht an der Ostfront in Polen oder der Sowjetunion. Was sonst verstehen Sie unter „Ostfront“?

Das müssen Sie besser Roland Berger fragen, der das in Interviews öfter erwähnte.
Wolffsohn: Georg Berger war als Soldat in Ost-Österreich. Das wissen wir recht sicher. Als Nicht-Historiker muss Roland Berger nicht mit der Fachterminologie vertraut sein. Als ich Ostfront las, hatte ich Berger‘sche Kriegsverbrechen in der Sowjetunion befürchtet. Man muss bei diesem Thema methodisch von Worst-Case-Szenarien ausgehen. Dafür haben wir bislang keinerlei Hinweise. Ich will Roland Bergers Sprachholper nicht verteidigen, aber er ist nun mal Laie auf dem Gebiet. Ein Laie, der seinen Papa verehrt hat.

Oft sind Dinge und Lebensgeschichten ja nicht nur schwarz oder weiß, sondern grau... Roland Berger

Solche persönlichen Bande verstehen wir völlig. Andererseits hat er sich ja dann doch über 15 Jahre lang sehr detailliert zu diesem Vater und dessen vermeintlichen Opferrolle geäußert.
Wolffsohn: Ich denke, darin sind wir uns einig: Vater Berger war kein Opfer.

Mit Verlaub: Hätte man das nicht viel früher merken können, ja: müssen?
Berger: Ich kann nur noch mal wiederholen: Es erschien mir – gerade aufgrund eigener Erlebnisse – alles plausibel. Insofern gab es in mir keinerlei Zweifel, die einen Umdenkungsprozess hätten in Gang setzen können.

Sie haben Ihren Vater sogar als „moralisches Vorbild“ bezeichnet. Würden Sie diese Einschätzung mit dem heutigen Wissen noch aufrechterhalten?
Berger: In diesem Zusammenhang sicher nicht mehr, auch wenn ich noch andere Dinge mit ihm erlebt habe, die mir bis heute vorbildlich erscheinen.

Wie oft haben Sie ihn nach dem Krieg eigentlich noch gesehen?
Berger: Nach dem Krieg sah ich ihn erst nach seiner russischen Gefangenschaft wieder. Er kehrte als gebrochener Mann zurück. Der Kontakt zu ihm war in den Wiener Jahren am intensivsten. Er hatte ja Arbeitsverbot. Später habe ich ihn noch an den Wochenenden getroffen. Gestorben und begraben ist er in Egglkofen, der Heimat meiner Mutter.

Wann?
Berger: Er ist 1977 gestorben, im Alter von 84 Jahren.

Was hat Ihr Vater nach dem Krieg zunächst gemacht?
Berger: Er hat sich ein paar Jahre als Handelsvertreter versucht. Aber ganz ehrlich: Es ging ihm erbärmlich. Er durfte ja keine Führungsaufgaben mehr übernehmen.

Wenn sich herausstellen sollte, dass ich falsche Dinge behauptet habe, bereue ich das aufrichtig. Roland Berger

Auch das hätte Sie stutzig machen können.
Berger: Wir werden noch aufarbeiten lassen, wofür er in russische Gefangenschaft kam und später noch von den Amerikanern interniert wurde. Man muss ja auch erst mal an die Unterlagen kommen.

Sie vergeben seit 2008 alljährlich einen „Preis für Menschenwürde“ – auch im Gedenken an Ihren Vater, wie Sie zum Beispiel bei der Gründung der Stiftung erklärt haben.
Berger: Also, in der Stiftungssatzung steht das nicht. Da geht es nur um den Schutz und die Förderung der Menschenwürde weltweit und das Gedenken an das Unrecht, auch während Nazizeit und Holocaust.

Wir wollen den Preis gar nicht infrage stellen. Der Stiftungszweck ist höchst ehrenwert. Aber Sie haben am 27. März 2008 bei der Übergabe der Stiftungsurkunde eine Rede gehalten, in der Sie auf das Schicksal Ihres Vaters eingegangen sind. Geht es da nicht womöglich auch um Irreführung der Öffentlichkeit?
Berger: Das kann ich so nicht sehen. Ich habe den Lebensweg meines Vaters nach bestem Wissen und Gewissen beurteilt. Heute bin ich klüger – auch durch die neuen Fakten und Dokumente. Aber eine Irreführung war nie meine Absicht. Warum sollte ich das auch tun?

Ihr Preis wurde erstmals am 24. November 2008 vergeben. Neun Tage vorher erhielten Sie vom Jüdischen Museum in Berlin den Preis für Verständigung und Toleranz. Im April 2013 wiederum erhielt dieses Museum den Roland Berger Preis. 
Wolffsohn: So linear und monokausal sind doch solche Beziehungen nicht. Roland Berger wird von der jüdischen Gemeinschaft nicht als Initiator eines Preises gesehen, sondern als Mensch, der sich vieler Verdienste rühmen darf. Das Jüdische Museum war und ist übrigens nicht Repräsentant der deutsch-jüdischen Gemeinschaft, sondern ein staatliches Museum.

Und wir wollen auch dieses Lebenswerk nicht infrage stellen. Die Grundsatzfrage ist aber tatsächlich, ob wir hier einen Fall absichtlicher Schönfärberei erleben oder einen tragischen Selbstbetrug. Verstehen Sie?
Wolffsohn: Natürlich sind beide Varianten theoretisch denkbar. Aber es ist doch weit plausibler, dass hier ein noch sehr junger und dann erwachsener Mann im Nachhinein seinen Vater verklärt hat... wie weit, das werden wir in den nächsten Wochen klären.
Berger: Wenn Sie so wollen: Ja, dann war es wohl ein ungewollter „tragischer Selbstbetrug“, den ich mir da habe zuschulden kommen lassen. Ich stelle es mir zwar auch gar nicht so leicht vor, in einem solchen Regime im Jahr 1939 die Ämter niederzulegen. Aber aus einer Niederlegung wird kein Akt des Widerstands.
Wolffsohn: Und glauben Sie mir: Ich habe vieles an Vergangenheitsbewältigung erlebt und erforscht – braune wie rote Geschichte. Ich finde es sehr gut, wie offen Herr Berger mit allen möglichen Resultaten unserer weiteren Recherchen umgeht.
Berger: Ich bin dem Handelsblatt gewissermaßen dankbar, dass Sie in mir diese schmerzhaften Zweifel an meinem Vaterbild geweckt haben und so die Wahrheit näherbringen.

Herr Berger, Herr Wolffsohn, vielen Dank für das Interview.

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Kommentare (3)

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Herr Fritz Katz

18.10.2019, 11:42 Uhr

Mein Gott, gibt es denn wirklich nichts wichtigeres für eine Wirtschaftszeitung zu berichten ??? Wen interessiert denn, was der Georg in der ersten Häflte des letzten Jahrhunderts gemacht hat ? Genauso uninteressant ist doch, was sein Sohn davon wusste oder erzählt hat. Der Mann ist jetzt über 80 und seiner persönlichen Lebensleistung - wie immer man sie sehen mag - tut Das doch keinen Abbruch.

Herr Christian Faust

18.10.2019, 14:44 Uhr

Herr Katz, mich (Jahrgang 66) interessiert das sehr wohl. Ein Großvater von mir war in der Waffen SS und wurde nach dem Krieg 10 Jahre lang interniert, weil er bei der Reichskristallnacht in seiner Heimatstadt beteiligt war. Ich finde die Strafe war das mindeste, die er tragen musste. Die Wahrheit ist aber, dass nur ein ganz kleiner Teil der nationalsozialistischen Verbrecher in Deutschland zu Rechenschaft gezogen wurde, weil der nächste Krieg schon lief...Kalter Krieg.... Meiner Generation wurde in der Schule eingehämmert, dass darf nie wieder passieren...Auch die schlimmsten Taten unserer Gesellschaft müssen richtig und wahrhaftig dargestellt werden sonst sind wir Vogelschiss.

Herr Christian Paschetag

18.10.2019, 16:15 Uhr

Herr Faust,
es wäre aber sehr viel praktischer, wenn wir ums um die derzeitigen Verbrechen in D kümmern.
Was der Vater von ihm tat ist doch vollkommen irrelevant, und der Sohn muss wohl auch nicht rumpausen, was sein Vater getan oder unterlassen hat. Für seine eigenen Taten ist er verantwortlich, aber damit kann man so schlecht Click Bait Artikel schreiben.
Aus historischer Sicht ist der Vater evtl. interessant, aber die künstliche Verknüpfung ist nicht in Ordnung. Das ist es, was mehr als negativ aufstößt.

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