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24.10.2018

17:30

Datenschutz

„Das ist Überwachung“ – Apple-Chef Tim Cook attackiert Google und Facebook

Von: Till Hoppe, Britta Weddeling

Daten werden „mit militärischer Effizienz als Waffe gegen uns eingesetzt“, warnt Apple-Chef Tim Cook bei einem Auftritt in Brüssel. Und er lobt Europa.

Neben seiner Kritik an der Datensammlung anderer Unternehmen wirbt der Apple-Chef in Brüssel für das hauseigene iPhone. Reuters

Tim Cook

Neben seiner Kritik an der Datensammlung anderer Unternehmen wirbt der Apple-Chef in Brüssel für das hauseigene iPhone.

Brüssel Am Ende seiner Rede wendet sich Tim Cook direkt an die Zuhörer: „Vielen Dank für Ihre Arbeit“, sagt der Apple-Chef, „und vielen Dank für Ihren festen Glauben, dass die besten Tage noch vor uns liegen.“ Er spricht die Worte mit gewohnt salbungsvoller Stimme, auch die zusammengelegten Hände erinnern an einen Prediger.

Doch Cooks Zuhörer sind dieses Mal allerdings keine Technikjünger, die sehnsüchtig auf das neueste Handy des Konzerns aus Cupertino warten. Es sind Datenschützer aus aller Welt: Delegationen aus 76 Ländern sind in den Plenarsaal des Europaparlaments in Brüssel gekommen; Gastgeber Giovanni Buttarelli, seines Zeichens Europas oberster Aufseher, nennt den Kongress die „Olympischen Spiele“ seiner Disziplin.

Für Cook bildet das gut gefüllte Halbrund, in dem sonst die Europaabgeordneten tagen, die perfekte Kulisse: Der Apple-Chef ist gekommen, um sich als Musterknabe der Technologiebranche zu präsentieren. Und um eine dicke Linie zwischen sich und andere Konzerne wie Google oder Facebook zu ziehen.

Jene Unternehmen also, die Cook mit dem Vokabular eines Gesellschaftskritikers zum „datenindustriellen Komplex“ zählt. Dieser setze Alltags- ebenso wie zutiefst private Informationen „mit militärischer Effizienz als Waffe gegen uns ein“.

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    Starker Tobak des Apple-CEOs, der die Namen seiner Nachbarn aus dem Silicon Valley natürlich nicht in den Mund nimmt. Aber auch so weiß jeder im Publikum, wer gemeint ist. An deren Praxis sei nichts schönzureden, so Cook: „Das ist Überwachung, und diese Datenberge dienen nur dazu, die Unternehmen zu bereichern.“

    Kommentar: Warum der Apple-Chef die Liebe zum Datenschutz entdeckt

    Kommentar

    Warum der Apple-Chef die Liebe zum Datenschutz entdeckt

    Tim Cook bekennt sich in Brüssel zum europäischen Datenschutzrecht. Die Haltung des Apple-Chefs ist aus der Not geboren – und dennoch richtig.

    Die Geschäftsmodelle von Facebook und Google beruhen auf gezielter Werbung, dafür brauchen sie möglichst präzise Informationen über die Interessen und Bedürfnisse der Nutzer. Im Gegensatz dazu erlöst Apple das Gros seiner Umsätze mit Hardwareverkäufen, fast zwei Drittel davon mit iPhones.

    Der Konzern ist daher weit weniger auf intensives Datensammeln angewiesen – und hat Privatsphäre-Themen als Marketingwerkzeug für sich entdeckt. Cook und seine Manager betonen bei jeder Gelegenheit, wie ernst das Unternehmen den Schutz der persönlichen Informationen seiner Kunden nimmt.

    Der Konzernchef tingelt mit seiner Botschaft gerade durch Europa, auch in Berlin und Paris hat er bereits Station gemacht. In Brüssel trifft er sich am Donnerstag mit dem Vizepräsidenten der EU-Kommission, Frans Timmermans, seine Chefjustiziarin Kate Adams hat einen Termin bei Justizkommissarin Věra Jourová. Auch dort geht es um Datenschutzfragen.

    Jourová lobt die Bemühungen des Konzerns. Sie schränkt aber zugleich ein, die Aufsichtsbehörden würden die Konzerne nun im Lichte der neuen Regeln genau durchleuchten. „In ein bis zwei Jahren werden wir sehen, wer der Klassenbeste und wer das schwarze Schaf ist“, sagte sie dem Handelsblatt.

    Auch Apples Weste ist nicht blütenweiß

    Die in Brüssel versammelten Datenschützer lauschen dem Stargast gebannt, aber der anschließende Applaus fällt nur lauwarm aus. Die Experten wissen: Blütenweiß ist auch Apples Weste nicht. Der Konzern kassiert etwa Milliardenbeträge von Google dafür, dessen Suchmaschine in seinem Safari-Browser oder dem Sprachassistenten Siri vorzuinstallieren. Indirekt profitiert also auch Apple von der Sammelwut der Kollegen.

    Gerade deshalb muss sich das wertvollste Unternehmen der Welt demonstrativ von der Konkurrenz abgrenzen, will es nicht in Mitleidenschaft gezogen werden von den zahlreichen Skandalen der vergangenen Monate. Facebooks Image hat tiefe Kratzer bekommen, seit der Missbrauch der Nutzerdaten durch Cambridge Analytica publik wurde; erst kürzlich wurde zudem ein weiteres Datenleck bekannt.

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    Google macht reinen Tisch: Der Onlinegigant gesteht ein vertuschtes Datenleck und verspricht mehr Privatsphäre. Kann das den Angriff Amazons noch abwehren?

    Die Konzernmutter Alphabet schaltete das Netzwerk Google Plus ab, nachdem auch dort Nutzerinformationen nach außen gedrungen waren. Beim dritten Branchenriesen Amazon untersucht inzwischen die EU-Kommission, ob der Onlinehändler seine Daten missbraucht hat, um sich Wettbewerbsvorteile gegenüber kleineren Anbietern zu verschaffen.

    Die Industrie könne sich solche Affären nicht länger leisten, warnt Cook: „Die Technologie wird ohne das Vertrauen der Nutzer nie ihr volles Potenzial entfalten.“ Es sei daher an der Zeit, strengere Gesetze zu erlassen. Die seit Mai geltende EU-Datenschutz-Grundverordnung lobte er als „beispielhaft für die gesamte Welt“. Die neuen Regeln knüpfen die Nutzung persönlicher Informationen an die Zustimmung der Nutzer, bei Missbrauch drohen saftige Strafen.

    Auch die USA, Apples Heimat, sollten sich an Europa ein Beispiel nehmen, fordert Cook. Der Konzern unterstütze ein umfassendes Datenschutzgesetz, wie es derzeit in Washington diskutiert wird. Und zwar nicht wie andere Unternehmen nur in der Öffentlichkeit, sondern auch, wenn die Türen geschlossen seien. Ein weiterer Seitenhieb auf die Nachbarn aus dem Silicon Valley: Google und Facebook haben sich auch für ein Gesetz nach europäischem Vorbild ausgesprochen, allerdings längst nicht so klar wie Apple.

    Dabei wäre es auch nach Einschätzung anderer Experten durchaus im wirtschaftlichen Interesse der Internetriesen, vergleichbare Regeln wie in der EU zu akzeptieren: „Europa ist für alle Firmen im Silicon Valley ein extrem wichtiger Markt“, sagt Vivek Krishnamurthy, Anwalt der Bostoner Kanzlei Foley Hoag. „Es ist kostengünstiger, einem Standard zu folgen, als das Geschäftsmodell von Land zu Land immer wieder anzupassen.“

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