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11.12.2018

12:14

Digitalisierung

Voestalpine zeigt, wie Mitarbeiter die Angst vor Kollege Roboter verlieren

Von: Johannes Steger, Kevin Knitterscheidt

Die Digitalisierung scheitert oft an den Mitarbeitern. Viele fürchten, ihren Job zu verlieren. Wie der Wandel trotzdem gelingen kann, zeigt ein Konzern aus Österreich.

Digitalisierung: So nehmen Unternehmen die Angst vor Kollege Roboter dpa

Kollege Roboter

Wenn Unternehmen behutsam vorgehen, können sie ihren Mitarbeitern die Angst vor der Digitalisierung nehmen.

Bochum, Donawitz Mit einer Geschwindigkeit von 400 Kilometern pro Stunde wickelt die Walzstraße im österreichischen Donawitz den glühend heißen Draht auf Hunderte Kilogramm schwere Bünde auf. Auf dem Weg dorthin heben riesige Roboterarme die vorproduzierten Stahlknüppel in den Ofen; rund 1500 Tonnen Stahl verarbeitet die Anlage jeden Tag.

Anschließend werden die Drahtbünde verpackt und für ihre Weltreise markiert, bevor die Voestalpine, die das Werk betreibt, sie an Automobil- und Energieproduzenten in der ganzen Welt verschickt. Die Fabrikhalle, in der diese Prozesse laufen, ist über weite Strecken menschenleer.

Seit gut einem Jahr funktionieren die Prozesse vollautomatisch. Von den Hunderten Arbeitern, die einst im Walzwerk arbeiteten und Maschinen bedienten, braucht der Konzern heute gerade einmal ein gutes Dutzend.

Er rühmt sich damit, in der Steiermark das „modernste Drahtwalzwerk der Welt“ zu betreiben: Gut 2000 Sensoren werten in Echtzeit mehr als 15.000 verschiedene Signale aus, ein Algorithmus steuert die verschiedenen Maschinen. Die verbliebenen Arbeiter sitzen währenddessen im Steuerstand vor dem Bildschirm: Willkommen in der volldigitalisierten Produktion.

In Bochum sitzt Daniel Schütt in einem hippen Konferenzraum: Wenn er die Macht der Digitalisierung verdeutlichen will, behilft er sich in seiner Präsentation mit einer Karte der USA aus den frühen 2000er-Jahren, vollgepflastert mit dem blau-gelben Logo der US-Videothekenkette Blockbuster.

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Ein nächster Klick und das einer Kinokarte nachempfundene Markenzeichen ist völlig von der Landkarte verschwunden: „2014 verschwanden auch die letzten Filialen. Das Unternehmen hat die Digitalisierung zu spät erkannt und ist dann völlig von ihr überrollt worden – auch und gerade von Netflix“, sagt Schütt. Dabei hätte die US-Videothekenkette Blockbuster einmal die Chance gehabt, Netflix zu übernehmen. Sie lehnte aber ab.

Es sind die Horrorszenarien, die wohl jedem durch den Kopf spuken, wenn es um Digitalisierung geht: Etablierte Geschäftsmodelle verschwinden völlig und es werden massiv Arbeitsplätze abgebaut. Am Ende hat Kollege Roboter den Mensch völlig ersetzt. Auch wenn in vielen Chefetagen die Digitalisierung oft zum verheißungsvollen Zauberwort geworden ist, tut sich in Wirklichkeit wenig.

Daher herrschen in den tieferen Hierarchie-Ebenen oft eher die beschriebenen Horrorszenarien vor: Digitalisierung, automatisierte Prozesse und Künstliche Intelligenz verunsichern Berufstätige stärker als bislang vermutet, fand eine Studie des Marktforschungsinstituts Rheingold im Auftrag der Randstad Stiftung zuletzt heraus. Digitalisierung in Unternehmen kann trotzdem funktionieren.

Schulungen statt Entlassungen

Dass die Belegschaft der Voestalpine bei der Umstellung auf die digitale Produktion ohne größeren Widerstand mitgemacht hat, ist auch auf das behutsame Vorgehen des Managements zurückzuführen. Noch vor der Grundsteinlegung für das Werk hat der Konzern seine Mitarbeiter darin weitergebildet, neue Aufgaben zu übernehmen.

Somit hat das Management verhindert, dass sich die Belegschaft im Vorfeld um ihren Arbeitsplatz gesorgt hat: In mehr als 3500 Schulungstagen lernten die Mitarbeiter die neuen Prozesse in Computer-Simulationen kennen und übten, die Daten auszuwerten.

Heute benötigt die eigentliche Produktion zwar deutlich weniger Leute, dafür wuchs aber der Bedarf im Backoffice: Datenspezialisten und Software-Entwickler bauen dort die nötigen Modelle für die Anlage und werten die Terabyte an Daten aus, die beim Drahtwalzen anfallen.

Daniel Schütt und Stefan Peukert (v.l.n.r.) wollen die betriebliche Weiterbildung verändern. Masterplan

Zwei Gründer

Daniel Schütt und Stefan Peukert (v.l.n.r.) wollen die betriebliche Weiterbildung verändern.

Rund fünf Jahre lang bildete das Unternehmen seine Mitarbeiter in Schulungen weiter – auch, um den Bedarf an diesen derzeit in allen Branchen heißbegehrten Arbeitskräften zu großen Teilen selbst zu decken. Für Unternehmen und Mitarbeiter eine Win-Win-Situation.

Voestalpine-Chef Wolfang Eder hält die Digitalisierung für eine „zentrale Voraussetzung“ für Technologieführerschaft. Doch anders als viele fürchten, stehe am Ende dieser Entwicklung „nicht das menschenentleerte, sich selbst steuernde Unternehmen“, meint der Manager.

Die Rolle der Arbeitnehmer verändere sich allerdings: „Während manuelle Arbeit heute immer mehr in den Händen von Robotern oder Maschinen liegt, nimmt der Bedarf an wissenden, hochqualifizierten Menschen rasant zu“, sagt Eder. Lebenslanges Lernen laute da das Stichwort.

Rheingold-Gründer und Psychologe Stephan Grünwald hat verschiedene Fehler ausgemacht, die das Thema Digitalisierung gemeinhin in Unternehmen begleitet: „CEOs reisen ins Silicon Valley, kommen beseelt nach Hause und wollen das auch alles für ihr Unternehmen – das endet dann meist sehr schnell, ist also nicht sehr nachhaltig“, findet Grünwald.

Oft würden Teams gegründet, die als digitale Speerspitze das Thema vorantreiben würden, erklärt der Psychologe: „Die werden dann aber häufig von bestehenden Strukturen aus Angst zum Beispiel vor einem Arbeitsplatzverlust ignoriert oder gar sabotiert.“ Auch die Auslagerung in externe Thinktanks schaffe zwar hohe Freiheitsgrade, drohe aber zugleich das Unternehmen in „modern“ und „alt“ aufzuspalten, beobachtet Grünwald.

Forscher zur Zukunft der Arbeit: „Millionen werden ihren Job verlieren – aber das könnte gut sein”

Forscher zur Zukunft der Arbeit

„Millionen werden ihren Job verlieren – aber das könnte gut sein”

Die Zukunft der Arbeit gehört den Maschinen, meint Forscher Federico Pistono. Im Interview erklärt er, wie die Unternehmen und Jobs der Zukunft aussehen und wo Menschen dann doch noch einen Platz finden werden.

Das führt zurück nach Bochum und Netflix: Für Schütt ist der Streamingdienst auch ein Lieblingsbeispiel, wenn es um Digitalisierung des eigenen Geschäftsmodells geht: „Die haben mit dem Versand von DVDs angefangen, waren selbst ein völlig analoges Unternehmen.

Aber sie haben die digitale Disruption erkannt, als Chance begriffen und sich neu erfunden.“ Das ginge eben nicht nur, wenn man ein Start-up sei. Geht es nach Schütt, kann Netflix als Beispiel für jedes Unternehmen gelten, egal aus welcher Branche.

Dabei wollen er und sein Mitgründer Stefan Peukert helfen. Die beiden Bochumer sind die Gründer von Masterplan, einer Plattform, auf der Nutzer Online-Kurse abrufen können. Darauf vertrauen bereits die Otto Group oder Siemens. Der erste verfügbare Grundkurs beschäftigt sich mit der Digitalisierung – in all ihren Facetten: „Von den notwendigen Skills, über die Kultur bis hin zur IT-Sicherheit“.

Es geht den beiden weniger darum, dass jeder zum digitalen Experten werde: „Wir bilden keine Social-Media-Marketer oder Coder aus, es geht um das Öffnen einer Tür in die digitale Welt und um das Ermutigen von Mitarbeitern, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen – wer gestalten will, muss verstehen.“

Das weit verbreitete Untergangsszenario über die Digitalisierung nervt die Gründer Peukert und Schütt. Wer die Digitalisierung wirklich vorantreiben wolle, müsse im Unternehmen anfangen: also bei der Mentalität der Mitarbeiter. Da herrsche oft: „Lange vor sich herschieben, dann Panik und am Abend vorher nochmal ins Buch schauen, obwohl man weiß, dass es doch nix bringen wird“, meint Schütt.

Die einzelnen Videos von Masterplan sollen eher an Netflix-Inhalte als an Weiterbildung erinnern. Masterplan

Masterplan-Team beim Dreh

Die einzelnen Videos von Masterplan sollen eher an Netflix-Inhalte als an Weiterbildung erinnern.

Julian Tesche leitet das Deutschlandgeschäft des dänischen Start-ups Peakon, das ein Werkzeug entwickelt hat, um Mitarbeiter regelmäßig über etwa die Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu befragen. Tesche beobachtet eine große Skepsis beim Einsatz digitaler Werkzeuge: „Oft herrscht Angst davor, dass am Ende der Mitarbeiter entweder gläsern oder gleich abgeschafft wird.“ Das Start-up hat zuletzt einen Algorithmus entwickelt, der Schlüsselwörter wie Belästigung oder Burnout in den Befragungen sofort erkennt.

So sollen Arbeitgeber schneller geeignete Maßnahmen ergreifen. Doch bis es soweit kommt, ist es oft ein weiter Weg, meint der Manager: „Es ist wichtig, digitale Werkzeuge wie etwa für Mitarbeiter-Feedback nicht einfach von oben auszurollen, ohne darüber zu kommunizieren, wie es funktioniert und welches Ziel es verfolgt.“ Oft werde die Digitalisierung zur Chefsache gemacht, ohne dabei beispielsweise den Betriebsrat mit ins Boot zu holen.

Der Fehler beginne oft schon dabei, dass Chefs die Digitalisierung als Wert oder Versprechen an sich kommunizierten, kritisiert Grünwald. Im besten Fall müssten alle Prozesse in die Unternehmensphilosophie eingebunden werden: „Erst dann wird aus der Digitalisierung ein Zweck und gibt ihr Mehrwert.“

Wegen der guten Erfahrungen hat Voestalpine beschlossen, ein weiteres Werk zu digitalisieren, das Edelstahl herstellt. So soll auch im österreichischen Kapfenberg bald nur noch ein gutes Dutzend Mitarbeiter digitalisierte Prozesse überprüfen. Dazu gehören die Anlieferung des Stahlschrotts, die Behandlung und das Gießen in entsprechende Gussformen. Die Mitarbeiter greifen nur ein, wenn es zu Problemen kommt.

Die Weiterbildungen dafür laufen schon, der Konzern rechnet mit 2500 Schulungstagen, um die Angestellten auf die Arbeit mit den neuen Anlagen vorzubereiten.

Gastkommentar: Die digitale Moderne braucht einen neuen Ordnungsrahmen

Gastkommentar

Die digitale Moderne braucht einen neuen Ordnungsrahmen

In der digitalen Moderne ist ein verbindlicher Rechtsrahmen die Grundlage für fairen Wettbewerb. Dessen Fehlen birgt Risiken für deutsche Unternehmen.

Dafür richtet der Konzern ein eigenes Schulungszentrum in Kapfenberg ein. Gleichzeitig entsteht dort ein eigenes Kompetenzzentrum für Digitalisierung, das die Mitarbeiter in den Bereichen Robotik, Sensorik und Datenanalytik weiterbilden soll – als Vorbereitung für die nächste Disruption.

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