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13.06.2018

20:29 Uhr

Film- und Fernsehgeschäft

Die Medienbranche steht nach dem AT&T Urteil vor einer Fusionswelle

VonThomas Jahn

AT&T darf Time Warner übernehmen. Das Urteil wird den Medienmarkt verändern – und läutet das Ende des klassischen Film- und Fernsehgeschäfts ein.

Das Urteil hat weitreichende Wirkung auf die globalen Medienmärkte. AFP

AT&T Store auf der 5th Avenue in New York

Das Urteil hat weitreichende Wirkung auf die globalen Medienmärkte.

New YorkRichard Leon ist ein eigenwilliger Mensch. Der Richter trägt stets Einstecktücher und Fliege, gern in auffälligen Farben und Mustern wie rot-schwarz-kariert. Beim Prozess des US-Justizministeriums gegen AT&T brachte er einen Stapel Bleistifte mit, um sie während der wochenlangen Verhandlungen anzuspitzen.

Auch bei der Urteilsverkündigung am Dienstag irritierte Leon mit merkwürdigen Auflagen. Niemand durfte den fensterlosen Saal in Washington verlassen, bevor der Richter nicht seinen Entscheid vorgetragen hatte. Eine schriftliche Version gab es erst nach dem Urteil. „Wer vorher geht, liegt besser auf einer Krankenbahre“, drohte der Gerichtsdiener.

Hunderte Anwälte, Lobbyisten, Hegefondsmanager, Reporter und Schaulustige ließen sich von den Eigenheiten des Richters jedoch nicht abschrecken. Sie waren teilweise bis zu 18 Stunden vor Beginn gekommen, um einen Platz im Saal zu ergattern. Zu wichtig war das Urteil von Leon: AT&T darf Time Warner für 85 Milliarden Dollar übernehmen.

Damit erteilte Leon dem US-Justizministerium und Präsident Donald Trump eine Ohrfeige. Deren Argumentation erwies sich als nicht stichhaltig. Der Mobilfunkanbieter AT&T, so der Richter, bekomme durch die Übernahme des Medienkonzerns Time Warner nicht mehr Marktmacht, und die Verbraucher müssten keine Preiserhöhungen fürchten.

Die Entscheidung hat Auswirkungen auf die globalen Medienmärkte. So hatte der US-Kabelnetzbetreiber Comcast angekündigt, im Falle einer Entscheidung zugunsten von AT&T eine Offerte für große Teile des Medienimperiums von Rupert Murdoch abgeben zu wollen. Da Walt Disney bereits für Teile des Unterhaltungskonzerns 21st Century Fox geboten hat, wird mit einem Bieterwettstreit gerechnet.

Und das dürfte erst der Beginn einer Bewegung sein, die zu zahlreichen Übernahmen und Fusion in den Vertriebs- und Medienbranchen weltweit führen wird. Nun seien Tür und Tor geöffnet, kommentierte Jessica Reif, Medienanalystin der Bank of America Merrill Lynch, die Entscheidung von Richter Leon.

So dürfte sich das Geschäftsmodell der Deutschen Telekom und anderer Telekommunikationsunternehmen verändern. Vor wenigen Monaten schloss die Telekom-Tochter T-Mobile US den Kauf von Layer3 TV mit Sitz in Denver ab, um ein eigenes Fernsehangebot in Amerika aufzubauen. „Die Menschen lieben Fernsehen, hassen aber ihre Fernsehanbieter“, sagte John Legere, Chef von T-Mobile US. „Ich kann es nicht mehr erwarten, die Großkabel- und Satelliten-TV-Anbieter zu bekämpfen.“

Furcht vor Netflix

Der Hintergrund: Das Internet zerrüttet die jahrzehntelange, etablierte Vertriebsstruktur von Kinos, Fernsehen und Videos. Immer mehr Menschen sind „Cable Cutter“, kündigen also ihr Kabelfernsehen, um sich Shows und Filme von neuen Anbietern wie Netflix oder Amazon auf dem Handy oder Tablet anzusehen. Laut Roger Entner, Gründer der Branchenberatung Recon Analytics, bringt Netflix jeden Tag zwei bis drei neue, selbst produzierte Inhalte auf Sendung. „Pro Woche ist das so viel, wie das gesamte deutsche Fernsehen im ganzen Jahr produziert.“

Das erst 20 Jahre alte Unternehmen Netflix ist mit 161 Milliarden Dollar bereits höher bewertet als etablierte Konkurrenten wie der Disney-Konzern, der auf 157 Milliarden kommt. Auch Comcast ist mit 144 Milliarden Dollar weit weniger wert. Das ruft ganz andere Giganten auf den Plan: Apple und Amazon. Der iPhone-Hersteller sondierte laut Marktberichten einen Kauf von Time Warner, um sein Apple-TV-Angebot aufzupolstern, nahm aber Abstand.

Das Online-Versandhaus Amazon hat vor Kurzem sein Prime-Video-Angebot umgebaut und einen neuen Chef angeheuert. Dessen Budget liegt jährlich bei fünf Milliarden Dollar. Unlängst gab Amazon Hunderte Millionen Dollar für die Fernsehrechte für „Herr der Ringe“ aus, für die Rechte der chinesischen Science-Fiction-Trilogie „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu soll es laut „Financial Times“ eine Milliarde gewesen sein.

Das Medienverhalten der Zuschauer verändert sich. In den USA ist bereits zu spüren, was bald auch in Deutschland ankommen wird: Die Menschen kündigen seit Jahren ihre Kabelverträge. Laut den Medienexperten von Kagan, einer Gruppe innerhalb der S&P Global Market Intelligence, trennten sich allein im ersten Quartal dieses Jahres 0,8 Prozent der Kunden von ihrem Kabelfernsehen – rund 700 000 Haushalte. Die Leidtragenden waren laut Kagan „in Rekordhöhe“ und zu 59 Prozent die Kabelanbieter Comcast und Charter.

Kommentar: Der Milliardendeal von AT&T nutzt der Telekom

Kommentar

Der Milliardendeal von AT&T nutzt der Telekom

Die Übernahme von Time Warner wird die Top-Manager von AT&T erst mal beschäftigen. Diese Zeit kann T-Mobile zur Kundenakquise nutzen.

Solche Zahlen treiben Unternehmen wie Comcast oder AT&T in die Medienbranche. 2011 kaufte Comcast das Fernseh- und Filmgeschäft von General Electric. Der landesweite Fernsehsender NBC mit Sitz im berühmten Rockefeller Center in New York, zahlreiche Kabelkanäle wie der Börsensender CNBC, der Wetterdienst The Weather Channel und Unterhaltungsprogramme wie Bravo und E! gehörten damit zu Comcast.

Auch Universal Pictures wird von dem Unternehmen kontrolliert, das Filmstudio produzierte viele Kassenschlager von Steven Spielberg wie „Der weiße Hai“, „ET“ oder „Jurassic Park“, neuere Streifen sind „Despicable Me“ oder „Les Miserables“.

Jetzt bietet Comcast für große Teile von 21st Century Fox. Details gab Vorstandschef und Chairman Brian Roberts nicht bekannt, nur eines ist klar: Comcast will mehr Geld auf den Tisch legen als Rivale Walt Disney. Der Medienkonzern aus Los Angeles bietet etwas mehr als 52 Milliarden Dollar in Aktien.

Aus Bankenkreisen ist zu hören, dass Comcast derzeit an einer Finanzierung arbeitet – um bis zu 60 Milliarden Dollar zu zahlen. Zugleich will der Kabelkonzern 31 Milliarden für den britischen Bezahlfernsehsender Sky ausgeben, der unter anderem in Deutschland die Fußball-Bundesligaspiele live überträgt.

„Wir kehren zurück zu unserer ersten Liebe“

Behält Roberts die Oberhand, wären die Filmstudios NBC Universal und 20th Century Fox unter einem Dach. Auch die Fernsehstationen NBC und FX sowie National Geographic. Seinen Nachrichtenkanal Fox News sowie diverse andere, kleinere Stationen will Murdoch nicht verkaufen. „Wir kehren zurück zu unserer ersten Liebe, Nachrichten und Sport – alles Dinge, die sich in Echtzeit abspielen“, erklärte der 86-Jährige seine Entscheidung. Ihn würden Filme und TV-Shows „zu viel Zeit kosten“.

Auch AT&T strebt schon lange in den Medienmarkt. 2015 übernahm der Konzern für 49 Milliarden Dollar den Satelliten-TV-Anbieter DirecTV. „Der Deal wird die Unterhaltungsindustrie in Film und Fernsehen neu definieren“, sagt damals Vorstandschef Randall Stephenson. Belieferte AT&T zuvor 5,7 Millionen Amerikaner per Kabel mit Fernsehen, waren es auf einen Schlag 26 Millionen.

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Die Idee: AT&T verfügt über mehr Marktmacht im Fernsehgeschäft und kann günstigere Preise für Fernseh- und Filmrechte verhandeln. Allerdings ist das laut Branchenexperten eine schwierige Sache. Analysten sind ratlos. „Finanziell ist es attraktiv“, kommentierte Adam Ilkowitz von Nomura damals die Akquisition, „aber es stellen sich Fragen bei der Strategie.“

Jetzt gesteht Stephenson mit der Übernahme von Time Warner indirekt ein, dass die Übernahme von DirecTV nicht der beste Griff war. AT&T muss seiner Meinung nach nicht nur den Vertrieb, sondern auch die Medieninhalte direkt kontrollieren. Das neue und schnelle 5G-Netzwerk im Mobilfunk wird immer mehr Zuschauer dazu bringen, Filme und Shows mobil anzusehen. Das TV-Satellitengeschäft gilt als Auslaufmodell.

Eine andere Strategie verfolgt Legere, der Chef von T-Mobile USA. Zwar baut die Telekom-Tochter mit Layer3 TV eigenes Fernsehen auf, will aber bislang keine Medieninhalte kontrollieren. Das neue Geschäftsfeld führt der frühere Layer3-TV-Chef Jeff Binder, das Team umfasst 200 Mitarbeiter und viele bekannte Namen.

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