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13.11.2018

11:23

Internet der Dinge

Diese Unternehmen profitieren vom Smart-Home-Durchbruch in Deutschland

Von: Christof Kerkmann, Johannes Steger, Kathrin Witsch

In den USA gehört das Thema Smart Home längst zum Alltag vieler Amerikaner. Deutschland tat sich lange schwer, doch das scheint sich zu ändern.

Vernetzte Anwendungen werden in deutschen Haushalten immer beliebter. obs/coqon

Smart Home

Vernetzte Anwendungen werden in deutschen Haushalten immer beliebter.

Düsseldorf, BerlinEin Reihenhaus irgendwo in Deutschland im Jahr 2020: Die Haustür ist gesichert durch ein Schloss, das sich aus der Ferne überwachen lässt. In der Küche informiert der Kühlschrank darüber, wenn mal wieder die Milch ausgegangen ist. Und vor der Tür dreht leise ein Mähroboter seine Runde, ohne dass sich der Besitzer auch nur vom Sofa erheben müsste.

Denn obwohl man den Deutschen gerne einmal Innovationsfeindlichkeit unterstellt, scheint sich hierzulande in Bezug auf das vernetzte Wohnen eine neue Offenheit zu zeigen: In Deutschland nutzt laut dem Branchenverband Bitkom schon jeder Vierte eine smarte Anwendungen zu Hause.

Das Geschäft hat großes Potenzial. Allein der deutsche Markt soll nach einer Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little und eco bis zum Jahr 2022 auf 4,3 Milliarden Euro wachsen – also jährlich im Schnitt um 26,4 Prozent. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es lediglich 1,3 Milliarden Euro.

Der Unternehmensberater Bernd Kotschi erwartet in den nächsten zwei Jahren einen Durchbruch in den Massenmarkt, der weitreichende Folgen hat: „Die Technologie infiltriert alle Branchen, die einen Bezug zum Zuhause des Kunden haben“ – beispielsweise auch Möbelhersteller. An der Vernetzung der deutschen Haushalte wollen heimische Anbieter mitverdienen.

Erst vor kurzem hat sich der Energieriese Eon mit Microsoft zusammengetan, um von dem Smart Home-Boom zu profitieren. Innogy oder die Deutsche Telekom sind ebenfalls schon lange aktiv.

Auch bei ihnen macht sich der Boom bemerkbar. So konnte die Telekom die Zahl ihrer Smart Home-Kunden innerhalb eines Jahres um 80 Prozent auf fast 300.000 steigern.

Grafik

Für die Telekom ist das vernetzte Haus mittlerweile „zu einem wichtigen Kernprodukt“ geworden. Das Bonner Unternehmen setzt mit Magenta SmartHome „auf offene Standards und Partnerschaften für ein möglichst großes Ökosystem an Geräten“, sagt ein Telekom-Sprecher dem Handelsblatt. Das bedeutet, dass nicht nur Telekom-Produkte mit den Magenta-Geräten kompatibel sind, sondern auch Waschmaschinen von Miele, Lautsprecher von Bose oder Lampen von Philips.

Der schwäbische Technologiekonzern Bosch wiederum hat 2016 nicht nur ein eigenes System, sondern gleich seinen eigenen Geschäftszweig für den Zukunftsmarkt gegründet. Sicherheit, Raumklima und Komfort seien dabei die Themen, die den Kunden am wichtigsten sind, sagt Gabriel Wetzel, Geschäftsführer der Robert Bosch Smart Home GmbH.

Eine Heizung, die dank Verbindung zum Smartphone schon anspringt, wenn der Kunde auf dem Heimweg ist, oder ein Sicherheitssystem, dass sich mithilfe von Gesichtserkennung beim Eintreten deaktiviert – so sieht für Wetzel die Zukunft des Smart Home-Marktes aus. Und: „Der Markt wächst deutlich schneller als in der Vergangenheit“, beobachtet auch der Bosch-Manager.

Dass vernetzte Lösungen in Deutschland immer beliebter werden, hängt laut Robert Spanheimer, Referent Smart Grids & Smart Home beim Branchenverband Bitkom, auch mit den digitalen Sprachassistenten zusammen: „Sie sind eine Art Wegbereiter gewesen – Steuerung durch Sprache ist intuitiv und hat Berührungsängste abgebaut. Nutzer haben so auch die Vorzüge der Vernetzung kennengelernt.“

Zudem hätten Angebote wie Alexa oder Google Home eine einheitliche Plattformlösung geschaffen, die nun viele Anbieter nutzen könnten. Peter Lennartz, EY-Partner und verantwortlich für den Bereich Start-ups, beobachtet zudem einen Mentalitätswandel: „Die Generationen Y und Z wachsen in die Konsumkraft hinein und interessieren sich tendenziell mehr für vernetztes Leben, weil sie mit dem Komfort der Digitalisierung aufgewachsen sind.“

Digitalisierung: Eon verbündet sich bei Smart-Home-Systemen mit Microsoft

Digitalisierung

Eon verbündet sich bei Smart-Home-Systemen mit Microsoft

Eine gemeinsame Plattform soll den Energieverbrauch privater Haushalte intelligent steuern. Der Markt ist noch jung, verspricht aber hohe Wachstumsraten.

Gänzlich an die US-Konzerne wollen deutsche Anbieter den Markt nicht abgeben. Doch die Umsetzung gelang nicht immer: Zwar haben sich große Unternehmen wie Eon, Bosch oder RWE das Thema schon vor Jahren als attraktives Feld für sich erkannt, „aber mit ihren Komplettlösungen konnten sie beim Kunden nicht punkten“, so Smart Home-Experte Lars Riegel von Arthur D. Little.

Simpel zu installierende Einzellösungen wie ein aufklebbarer Bewegungssensor an der Haustür, seien beim Eigenheimbesitzer dagegen beliebter. „Trotzdem wird auch der Verkauf von Gesamtlösungen ansteigen. Der zunehmende Erfolg macht die Produkte immer besser und günstiger – das beschleunigt den Markt“, so Riegel.

Versorger arbeiten mit Smart-Home-Start-ups zusammen

Viele Konzerne vertrauen im Bereich Smart Home zunehmend auf die Innovationskraft von Start-ups, beobachtet EY-Partner Lennartz: „Die sind oft weitaus agiler als Großkonzerne und treiben so Innovationen viel schneller voran.“ In den vergangenen Tagen erhielt zum Beispiel das Start-up Tado 50 Millionen US-Dollar von Amazon und dem Energiekonzern Eon.

Das Start-up aus München begann bereits 2011 mit der Entwicklung eines vernetzten Thermostats, das tief in die Steuerung der Heizung eingreift und damit hohe Ersparnisse verspricht. In ihrem neuen Thermostat sind Sensoren verbaut, die die Qualität der Raumluft überwacht. Geplant ist zudem eine Funktion, die den Energieverbrauch prognostiziert.

Internet der Dinge

Alltägliche Objekte

Das Internet ist bekannt als Infrastruktur, über die Menschen Daten austauschen – ob mit PC, Laptop oder Smartphone. Doch heutzutage lassen sich Objekte aller Art vernetzen: Heizung und Haustür, Fitness-Armband und Brille, Auto und Frachtcontainer sowieso.

Viele Begriffe

Das Konzept „Internet der Dinge“ prägten Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Ende der 90er-Jahre. Auch andere Begriffe beschreiben aber die umfassende Vernetzung: „Industrial Internet“ lässt an vernetzte Fabriken denken, „Machine to Machine“ (abgekürzt M2M) beschreibt technisch, dass verschiedene Geräte autonom Daten austauschen.

Kommerzielle Nutzung

Bislang ist das Internet der Dinge vor allem eine Sache der Wirtschaft: Logistikunternehmen verfolgen den Weg von Lieferungen, produzierende Unternehmen überwachen Fabriken. Technologie-Hersteller bringen aber zunehmend Produkte für Verbraucher auf den Markt, etwa Heizungssteuerungen.

Wirtschaftliches Potenzial

Der Marktforscher IDC schätzt, dass der Umsatz mit dem Internet der Dinge in diesem Jahr auf 770 Milliarden Dollar wächst. Die Fertigungsindustrie ist mit 189 Milliarden Dollar Investitionen das größte Segment, gefolgt von Transport und Logistik sowie der Versorgungsindustrie. Verbraucherprodukte sind mit 62 Milliarden Dollar Umsatz das viertgrößte Segment.

Zu den Investoren, die über die Jahre insgesamt 100 Millionen Dollar Kapital zur Verfügung stellten, zählen mehrere Energieversorger, darunter Eon und Total. Diese verkaufen die Geräte an ihre Kunden – und erhalten im Gegenzug über die App einen direkten Kontakt zum Kunden. Gleichzeitig können sie Daten über die Nutzung bekommen, um ihre Angebote daran auszurichten.

Tado ist nicht das einzige Smart-Home-Start-up aus Deutschland, das zuletzt mit Neuigkeiten aufwarten konnte: So übernahm das Berliner Start-up Smartfrog die Mehrheit an seinem Konkurrenten Canary. Der Anbieter für Heim-Sicherheitssysteme will gemeinsam mit Canarys Hauptinvestoren insgesamt 25 Millionen Dollar in das Unternehmenswachstum stecken, wie das Start-up mitteilte.

Vergangene Woche erhielt das Start-up Tink über zehn Millionen Euro von Rocket Internet, Seven Ventures und Vattenfall. Das Unternehmen bietet eine Online-Plattform zum Erwerb von smarten Alltagsgeräten. Das Tink-Team testet und berät Kunden zu Produkten von Amazon, über Bosch bis hin zu Sonos.

Tink ist auch in den USA vertreten und betreibt eine Niederlassung in San Francisco. Landestypische Unterschiede zwischen seiner Heimat und den USA beobachtet Gründer Julian Hueck: „In den USA ist das Thema Sicherheit stark ausgeprägt, da setzen wir besonders viele smarte Sicherheitskameras um. In Deutschland sehen wir ein stark wachsendes Interesse an Gegenständen, die Effizienz und Geldersparnis versprechen. Also zum Beispiel smarte Thermostate.“

Das Bosch-Tochterunternehmen BSH Hausgeräte hat nun in München den Future Home Accelerator ins Leben gerufen, um von der Innovationskraft der Start-ups zu profitieren: „Wir suchen darin gezielt nach Start-ups, die Konsumenten ein besonders innovatives Produkt oder einen Mehrwert im Bereich der digitalen Dienstleistungen in Haus und Küche bieten“, sagt Tibor Kramer, BSH Venture & Accelerator Partner. Damit erhöhe man zugleich die Innovationsgeschwindigkeit der BSH.

„Diese Form der Kooperationen zwischen der BSH und Start-ups schafft Win-Win Situationen für alle Partner“, ist der Manager überzeugt. Die Entwicklung im Bereich der Internet der Dinge sei so schnell, dass man als einzelnes Unternehmen auf die Zusammenarbeit mit externen Innovatoren angewiesen sei.

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Das Erfolgsrezept vieler Start-ups sieht Birgit Wilkes, Smart-Home-Expertin und Professorin für Telematik, vor allem in der Spezialisierung: „In Deutschland sind besonders die Start-ups erfolgreich, die sich auf eine Nische konzentrieren und damit den großen Playern aus den USA nur indirekt Konkurrenz machen.“

Die Partnerschaft mit großen Konzernen hilft dabei auch Vorbehalte auszuräumen, meint Wilkes: „Die deutschen Kunden sind im internationalen Vergleich auch bei Smart-Home-Themen weniger experimentierfreudig – das Angebot eines einzelnen Start-ups wird oft eher hinterfragt in puncto Ersatz und Garantie, da kann ein großer Partner helfen Vertrauen aufzubauen.“

Auch Lennartz von EY meint: „Eine Partnerschaft liefert ein Vertrauenssiegel. Beide Seite können profitieren, die Start-ups kommen an die Kunden und der Konzern kann einen Service bieten, den er selbst nicht im Hause hat.“ Dazu komme noch ein Wettbewerbsvorteil einheimischer Anbieter: „Das Thema Datenschutz ist in Deutschland von enormer Bedeutung. Das können deutsche Unternehmen besser bewerben als US-Konzerne.“

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