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12.12.2018

04:28

Köpfe der künstlichen Intelligenz (13)

Wenn Maschinen auf Mitarbeitersuche gehen

Von: Johannes Steger

Kaya Taner und Sohraab Joshi wollen die Suche nach IT-Fachkräften vereinfachen. Dabei setzen die Gründer auf Künstliche Intelligenz.

Sie wollen die Jobsuche vereinfachen. Honeypot

Kaya Taner und Sohraab Joshi (v.l.)

Sie wollen die Jobsuche vereinfachen.

Berlin Am Ufer der Spree, im Wrangel-Kiez, prägen alte Fabrikgebäude das Stadtbild. Oben in einem dieser alten Paläste der Industrialisierung sitzt Kaya Taner – er hat sich auf die begehrten Fachkräfte der Neuzeit konzentriert Taner ist Mitgründer von Honeypot, das Start-up hat es sich zur Aufgabe gemacht, ITler an Unternehmen zu vermitteln. Dabei vertraut Honeypot auch auf die Fähigkeiten Künstlicher Intelligenz (KI).

Je weiter sich die Welt und Geschäftsmodelle digitalisieren, desto mehr Unternehmen brauchen die entsprechenden Fachkräfte. ITler werden überall gebraucht: vom Kosmetikhersteller bis zum Maschinenbauer. Honeypot will helfen.

Bewerbungen digitalisieren

Taner ist Mitgründer der Marketingplattform für Apps, Applift, 2015 entschied sich der damals 36-Jährige jedoch für etwas Neues: „Ich fand es erstaunlich, wie wenig sich Bewerbungsverfahren in den letzten Jahrzehnten verändert haben und noch immer dem klassischen Muster folgen.“

Er wollte eine neue Jobplattform schaffen, die den Bewerbungsprozess vereinfachte, und kam im Laufe der Entwicklung mit mehr und mehr Programmierern ins Gespräch, erzählt Taner heute: „Die haben sich darüber beschwert, wie frustrierend es für sie ist, einen geeigneten Job zu finden – obwohl es doch eine riesige Nachfrage gibt.“ Viele Angebote seien zu ungenau, passten nicht zu den oft sehr speziellen IT-Kenntnissen, oder die Unternehmen säßen an Standorten, die für die Angefragten gar nicht infrage kämen: „Diese Ungenauigkeit verstärkt das Problem des Fachkräftemangels noch“, meint Taner.

Tausend Einschreibungen gehen pro Woche bei Honeypot ein, erzählt er: „Wir identifizieren die besten zehn Prozent, bei denen sich dann Unternehmen bewerben können.“ So kehrt die Digitalisierung die Verhältnisse um: Den ersten Schritt macht der Arbeitgeber. Zu den Kunden zählen Xing, Engel & Völkers oder der niederländische Finanzdienstleister Adyen. Sie vertrauen auf KI.

Die basiert zum Teil auf Ideen des Unternehmens Mindmatch, das in denselben Räumlichkeiten sitzt. Taner bezeichnet es als „Schwesterunternehmen“ – er hat in das Start-up von Sohraab Joshi investiert, Honeypot und Mindmatch arbeiten eng zusammen.

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Die KI kommt im Auswahlverfahren zum Einsatz: Ein Algorithmus liest die Lebensläufe und Anschreiben aus, um etwa technische Fähigkeiten abzugleichen oder Arbeitsplatzstandorte zu identifizieren, erkennt aber auch Cluster an Wörtern, die zum Beispiel auf Teamfähigkeit hindeuten. „Die KI bricht das Curriculum Vitae runter, wie es ein Mensch tun würde: Erfahrung, Lebenslauf – oder was der Bewerber über sich selbst sagt“, erklärt Taner.

Die entsprechenden Algorithmen sind lernfähig, erklärt Mindmatch-Gründer Joshi: „Wir bringen ihnen neben den Standardaspekten wie der Suche nach den geeigneten Fähigkeiten auch das bisherige Einstellungsmuster des suchenden Konzerns bei.“ Auf Basis der bisherigen Bewerbungen lerne der Algorithmus das Unternehmen besser verstehen, so der Gründer.

Doch wenn eine Maschine den Auswahlprozess übernimmt, besteht immer auch die Gefahr, dass sie lernt, menschliche Vorurteile zu reproduzieren oder eigene zu entwickeln.

Entwickler Joshi weiß das: „Wir beziehen Geschlecht, Alter, Herkunft oder Namen nicht mit ein – gerade in diesen Aspekten liegt eine große Gefahr des maschinellen Vorurteils.“ Jeder Prototyp müsse genau getestet werden: So ließ das Team beispielsweise die Einschätzung über Qualitäten eines Kandidaten sowohl nur auf weibliche als auch ausschließlich auf männliche Profile anwenden und verglich die Ergebnisse.

Gerade liefen Tests, um genderspezifische Wörter aus Anschreiben und Lebensläufen beim Ausleseprozess zu entfernen, so der Entwickler. Mit KI sei das eben immer so eine Sache, meint Honeypot-Mitgründer Taner: „Einfach zurücklehnen und machen lassen geht nicht.“

Köpfe der künstlichen Intelligenz

Die Serie

Wenn Ihr Onlinehändler Produkte vorschlägt, die Sie gar nicht gesucht haben, oder Ihr Computer plötzlich weiß, wer auf Ihren Urlaubsfotos zu sehen ist – dann ist in der Regel künstliche Intelligenz (KI) im Spiel. Die Technologie, die massenhaft Daten auswerten und aus den Ergebnissen lernen kann, gilt als Zukunftsthema schlechthin. Allzu oft geht der Blick bei Innovationen in dem Feld zuerst in die USA.

Doch auch in Deutschland arbeiten Forscher und Unternehmer an lernenden Algorithmen, die das Potenzial haben, die Wirtschaft oder gar das Leben Abertausender Menschen zu verändern. Diese digitalen Pioniere stellt das Handelsblatt in der Serie „Köpfe der künstlichen Intelligenz“ vor.

Folge 1: Ralf Herbrich
Folge 2: Ramin Assadollahi
Folge 3: Michael Müller-Wünsch
Folge 4: Fabian Westerheide
Folge 5: Katharina Zweig
Folge 6: Chris Boos
Folge 7: Bernhard Schölkopf
Folge 8: Gemma Garriga

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