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10.03.2022

17:35

Medien

Aufbruch bei den Zeitschriftenverlegern mit bewährtem Präsidenten

Von: Hans-Jürgen Jakobs

PremiumDer Unternehmer Rudolf Thiemann steht dem Medienverband der freien Presse vor. Die Verleger wollen mehr Einfluss auf die Politik in Berlin und Brüssel.

Die Branche zeigt sich zufrieden mit den Repräsentationskünsten des Verlegers. imago images/Christian Spicker

Rudolf Thiemann

Die Branche zeigt sich zufrieden mit den Repräsentationskünsten des Verlegers.

München Ein Hauch von Geschichte war unter dem Dach der Burda-Studios im Münchener Arabella-Park zu spüren. Ein „Parlament der Verlage“ tagte dort am Donnerstag in der Zentrale des Medienunternehmers Hubert Burda in einer „Hybridkonferenz“. Viele waren von außen dazugeschaltet. Am Ende wagten die 42 Delegierten von deutschen Verlagen eine vorher lang und breit diskutierte Neuerfindung: Sie beschlossen den „Medienverband der freien Presse“, der den 1949 gegründeten Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) ablöst.

So viel Aufbruchstimmung, so viel „Disruption“ hat man in diesen Kreisen selten erlebt.

Man habe als „starke Gemeinschaft“ in politisch und gesellschaftlich herausfordernden Zeiten eine „unternehmerische, ideelle und verlegerische Interessensvertretung unserer Branche geschaffen“, formuliert Rudolf Thiemann, in vierter Generation Gesellschafter der katholischen Liborius-Gruppe aus dem nordrhein-westfälischen Hamm. Eine „neue Ära“ habe begonnen, erklärte der 67-jährige Verleger des „Bayerischen Sonntagsblatts“, des „Liborius-Blatts“ und der „Christlichen Woche“.

Was sich nicht ändert, ist Thiemanns Rolle als Präsident. Nach fünf Jahren seines Wirkens zeigt sich die Branche zufrieden mit seinen Repräsentationskünsten. Er gilt als parkettsicher. Neben und unter ihm aber soll mit dem jetzt gestarteten Verband der freien Presse alles agiler, schlagkräftiger, moderner werden.

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    Die Verleger von Magazinen, bunten Blättern und Fachobjekten wollen ihre Gattung zukünftig besser vermarkten und mehr Einfluss auf die Politik in Berlin und Brüssel haben – im Kampf um die Zähmung von amerikanischen Internetkonzernen wie Google, Facebook und Amazon. Ein neuer „Digital Markets Act“ der EU-Kommission droht, die Monopole von Google bei Suchmaschine und von Facebook bei sozialen Netzwerken weitgehend unangetastet zu lassen.

    Nichts soll mehr im weiteren Verlauf der Dinge an einen Honoratiorenklub erinnern, als den Kritiker den VDZ wahrgenommen hatten. Und so tritt im Umfeld Thiemanns nun ein sechsköpfiges Exekutivkomitee an.

    Wie der Vorstand eines Unternehmens

    Hier sitzen Lars Joachim Rose, Verleger der Klambt-Gruppe, Burda-Vorstand Philipp Welte in einer Sprecherfunktion, Alfons Schräder vom Heise-Verlag als Finanzverantwortlicher, Detlef Koenig (mhp Medien) in der Rolle eines Chief Operating Officer sowie Holger Knapp (Sternefeld Medien) und Bianca Pohlmann, Zeitschriften-Geschäftsführerin der Funke-Mediengruppe aus Essen. Das Ganze wirkt wie der Vorstand eines Unternehmens.

    Die Zeitschriften-Geschäftsführerin der Funke-Mediengruppe gehört dem neuen Exekutivkomitee an. Getty Images

    Bianca Pohlmann

    Die Zeitschriften-Geschäftsführerin der Funke-Mediengruppe gehört dem neuen Exekutivkomitee an.

    Insbesondere die prominente Einbindung der Funke-Managerin Pohlmann ist ein Zeichen. Ihre Verlegerin Julia Becker hatte jüngst spektakulär den Rückzug ihres Unternehmens („Westdeutsche Allgemeine Zeitung“) aus dem altehrwürdigen Zeitungsverlegerverband BDZV verkünden lassen.

    Beckers Reformvorschläge waren dort genauso abgelehnt worden wie der Versuch, den öffentlich ins Abseits geratenen BDZV-Präsidenten Mathias Döpfner zum Rücktritt zu bewegen. Der Axel-Springer-Chef hatte intern Journalisten („Propaganda-Assistenten“) pauschal verunglimpft und musste sich von der „Financial Times“ in einer investigativen Recherche vorhalten lassen, in der Aufklärung der vielen Affären des Ex-„Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt trotz aller Dementi gemauschelt zu haben.

    Auch hatte die Funke-Gruppe die Idee ventiliert, die beiden Verlegerverbände für Zeitungen und Zeitschriften, aber auch jene für Anzeigenblätter und Lokalzeitungen, sollten auf mittlere Sicht aus Effizienzgründen fusionieren. Die Vorbereitungen sollten jetzt beginnen, forderten die Funke-Leute.

    Die Reformvorschläge der Verlegerin der Funke-Mediengruppe wurden im Zeitungsverlegerverband abgelehnt. Funke Mediengruppe

    Julia Becker

    Die Reformvorschläge der Verlegerin der Funke-Mediengruppe wurden im Zeitungsverlegerverband abgelehnt.

    „Wir wollen den Spekulationen um das Machtgerangel im BDZV ein klares Signal entgegensetzen und das Augenmerk auf den Kern unserer Diskussion lenken“, schrieb schließlich Funke-Geschäftsführer Christoph Rüth in seinem Abschiedsbrief an den BDZV.

    Dafür bringt sich der Essener Konzern, der unter anderem Zeitschriften wie „Hörzu“ aus dem Springer-Bestand übernommen hatte, nunmehr mit umso größerem Schwung im neuen Medienverband der freien Presse ein. Schon bald sollen, so ist aus dem Umfeld des Präsidiums zu hören, Unterhändler der neuen Organisation in Gesprächen mit dem BDZV den Wunsch nach einem größeren Kollektiv voranbringen.

    Geplant sei „eine integrierte politische Kommission aus Vertretern von Verlagen beider Verbände“, steht in einem Schreiben, das derzeit in Verbandskreisen zirkuliert. Die Emissäre sollen Strategien abstimmen und über wirkungsvolle gemeinsame Aktionen nachdenken. Dabei geht man vom Grundsatz der „Unteilbarkeit der Presse“ aus.

    Das Motto heißt: Kräfte bündeln

    Über den kleinen Umweg der neuen Kommission könnte die Funke-Gruppe also weiter am ganz großen Plan einer Kooperation mit den Zeitungsverlegern arbeiten. Das Motto: Kräfte bündeln. Immerhin treten die Zeitschriftenverleger jetzt selbst geschlossener als vorher auf: Die unter Protesten aus dem alten VDZ ausgetretenen Hamburger Verlagsgruppen der Bauer Media Group sowie des „Spiegel“ sind in der neuen Formation augenscheinlich mit dabei.

    Die Vorarbeiten für den Medienverband der freien Presse, der in Bonn eingetragen ist, haben zwei Jahre gedauert. 480 Verlage mit mehr als 7000 Zeitschriften und Medienangeboten sind mittlerweile hier organisiert. Der alte VDZ-Landesverband Berlin Brandenburg jedoch macht nicht mit und strengte sogar ein juristisches Verfahren an. Nun macht man in der Hauptstadt einfach als VDZ-Überbleibsel weiter und konkurriert mit der Landesvertretung des neuen Verbands, die von Verleger Detlef Prinz („Der Hauptstadtbrief“) angeführt wird.

    Im Münchner Studio des Hubert Burda, der selbst dem alten Verband VDZ 20 Jahre lang vorgestanden hatte, sahen sich die Delegierten der Gründungsversammlung angesichts des Überfalls auf die Ukraine und der Manipulationen der russischen Staatspropaganda im eigenen Anliegen bestätigt.

    Es sei Ziel, einen Beitrag zu leisten zur „Freiheit der Meinungen und Vielfalt der Lebensentwürfe in unserer pluralistischen Demokratie“, heißt es in einem Statement. Man begreife sich als „starke Stimme der Branche“ und habe den Anspruch, die Menschen in ihren individuellen Lebenswelten zu begleiten, fundiert zu informieren, zu beraten, zu inspirieren und journalistisch zu unterhalten. „Tiefe und Breite“ an journalistischen Medien seien eine der wertvollsten Errungenschaften der demokratischen Gesellschaft.

    Gegen die Übermacht von Google und Amazon

    Eine verabschiedete Grundsatzerklärung geht näher auf ein „ökonomisches Dilemma“ ein, das die Demokratie bedrohe: „Das hegemoniale Streben internationaler Großkonzerne und ihrer marktbeherrschenden Technologieplattformen in den Medienmärkten des 21. Jahrhunderts ist zu einer ganz konkreten Gefahr für die wirtschaftliche Basis hochwertiger journalistischer Inhalte geworden“, heißt es da zur Übermacht von Google, Facebook und Amazon.

    Die traditionellen Erlösquellen Vertrieb und Anzeigen seien „teilweise signifikant“ rückläufig, viele Magazine und Verlage kämpften „um die nackte Existenz“. Während das wirtschaftliche Fundament des freien Journalismus erodiere, ströme jedoch „eine anschwellende Flut an manipulativen Inhalten“ über das Internet und die sozialen Netzwerke auf die Menschen ein. Der Verband stehe für den Wettbewerb ein und für den Erhalt der mittelständisch geprägten Verlags- und Medienlandschaft in Deutschland, versichert das Grundsatzpapier der Zeitschriftenverleger.

    Die Branche sei enger zusammengerückt, sagt Burda-Manager Welte, der auch als Chef der Fachvertretung Publikumsmedien fungiert: „Jetzt lassen wir mit dem VDZ zurück, was so nicht mehr in unsere Zeit gepasst hat, und nehmen das mit, was unser Auftrag ist: geradezustehen für die Zukunft des Journalismus der Verlage.“

    Die Erwartungen an Reformen und auch an geringere Kosten sind hoch. Im alten Verband fielen schon mal sechsstellige Jahresbeiträge für größere Zeitschriftenhäuser an. Der neue alte Verbandspräsident Thiemann wird also alle diplomatischen Fähigkeiten ausspielen müssen. 2017, als er erstmals gewählt wurde, hat der Verleger von ambitionierten, aber eher kleinen Objekten wie „cattolica“ einen Merksatz hinterlassen: „Print ist nicht alles, ober ohne Print ist alles nichts.“

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