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31.08.2022

16:30

Medienkonzern

Adidas, RTL, Bertelsmann: Thomas Rabe muss gleich in mehreren Firmen Probleme lösen

Von: Michael Scheppe

Der Topmanager legt für den Medienriesen Bertelsmann trotz Krise Rekordzahlen vor. Doch bei wichtigen RTL-Projekten und bei Adidas wachsen die Probleme.

Der Manager sucht neue Chefs für Adidas und RTL Deutschland. Bertelsmann SE & Co. KGaA, Gütersloh

Thomas Rabe

Der Manager sucht neue Chefs für Adidas und RTL Deutschland.

Düsseldorf Über zu wenige Aufgaben kann Thomas Rabe derzeit nicht klagen. Der Manager ist seit zehn Jahren Vorstandschef des Medienkonzerns Bertelsmann, seit 2019 führt er zudem dessen wichtigste Tochter, die RTL-Gruppe. Und seit knapp zwei Wochen steht er übergangsweise auch noch RTL Deutschland vor, nachdem Rabe den bisherigen RTL-Co-Chef Stephan Schäfer nach nur einem Jahr von seinem Amt entbunden hatte.

Als wäre das nicht genug, ist der 57-Jährige auch noch Aufsichtsratsvorsitzender von Adidas. Bei dem Sportartikelhersteller muss Kasper Rorsted im kommenden Jahr sein Amt als CEO räumen, wie zuletzt bekannt wurde.

Rabe sucht also in Herzogenaurach nach einem neuen Dax-Chef, in Köln nach einem Nachfolger für sich selbst – und in Gütersloh, am Stammsitz des Familienunternehmens Bertelsmann, muss er auch noch den zweitgrößten europäischen Medienkonzern managen.

Das zumindest macht er, in Gesamtheit betrachtet, mit Erfolg: Trotz geopolitischer Unsicherheiten und einer drohenden Rezession hat Bertelsmann ein Rekordergebnis erzielt. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz aus eigener Kraft um 3,8 Prozent auf 9,3 Milliarden Euro, wie der Konzern am Mittwoch bekannt gab. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) betrug 1,43 Milliarden Euro – und war damit so hoch wie noch nie.

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    Für das Gesamtjahr hat Rabe sogar die Prognose angehoben. Der Konzern will erstmals die Schwelle von 20 Milliarden Euro beim Umsatz überschreiten, sagte Rabe im Gespräch mit dem Handelsblatt. Dass der Manager das so offensiv ankündigt, überraschte sogar die Konzernkommunikation: Im offiziellen Schreiben wurden keine Zahlen genannt. 2021 erzielte das Unternehmen bereits mit 18,7 Milliarden Euro einen Rekorderlös.

    Doch es läuft nicht alles rund bei Bertelsmann. Die größte Geschäftseinheit, die RTL-Gruppe, hatte zuletzt ihren Ausblick gekappt und erwartet weniger Gewinn und Umsatz. Grund dafür ist die Werbeflaute infolge der Konjunkturabkühlung, der hohen Inflation und des Ukrainekriegs. Das im MDax notierte Unternehmen ist von Reklame abhängig, Firmen schalten wegen der unsicheren Lage gerade aber nur zurückhaltend Werbung.

    Zudem befindet sich RTL in einer Zeit des Umbruchs. Seit Jahresbeginn sind der Kölner TV-Sender und der Hamburger Verlag Gruner + Jahr (G+J) unter einer Marke zusammengeschlossen. Bertelsmann verfolgt die Strategie, „nationale Medienchampions zu schaffen“, wie Rabe gern sagt, um im Wettbewerb gegen die globalen Tech-Plattformen bestehen zu können.

    Wichtiges Streamingprojekt bei RTL stockt

    Deshalb spielt in Rabes Wirken der Ausbau der Streamingplattform RTL plus, früher TV Now, eine zentrale Rolle. RTL will neben Filmen und Serien auch Inhalte wie Podcasts, Hörbücher, Musik, E-Books sowie Onlinemagazine und digitale Zeitschriftenartikel, etwa von „Stern“ oder „Geo“ aus dem Hause G+J, in seiner App anbieten – eine tatsächlich einzigartige Idee.

    RTL plus verzeichnete in den vergangenen zwölf Monaten zwar ein deutliches Nutzerwachstum um 69 Prozent auf 3,4 Millionen zahlende Abonnenten. Allerdings ist die Streamingplattform für Bertelsmann noch ein Zuschussgeschäft, erst 2026 soll sie profitabel sein. Allein in diesem Jahr rechnet Rabe mit Anlaufverlusten von 250 Millionen Euro. Das ist ein Grund dafür, warum das Konzernergebnis mit 492 Millionen Euro um 64 Prozent niedriger ausfällt als noch in der ersten Jahreshälfte 2021.

    Doch Rabes wichtiges Projekt stockt. Bei der Vorstellung im Spätherbst wollte RTL seine App im Sommer 2022 an den Start bringen. Bislang findet sich dort aber lediglich ein Musik-Portfolio. „Es hat in der Tat länger gedauert als gedacht, da müssen wir nicht drum herumreden“, räumt Rabe gegenüber dem Handelsblatt ein.

    Einen genauen Zeitpunkt vermag er schon gar nicht mehr zu benennen: „Wir gehen mit dem weiteren Ausbau an den Markt, wenn es den berechtigen Erwartungen der Kunden entspricht.“ Für Verzögerungen sorgt vor allem die Technik: „Es ist nicht einfach, die verschiedenen Mediengattungen in einer App zu bündeln und zu personalisieren.“

    Rabe ist Chef seines Chefs

    Mit diesen Problemen dürfte zusammenhängen, dass Rabe sich nun selbst zum RTL-Deutschlandchef gemacht hat und fortan die meiste Zeit der Woche in Köln verbringt. Offenbar hat der ausgeschiedene Co-Chef Schäfer, ein Wanderfreund von Rabe, nicht hart genug durchgegriffen.

    „Ich glaube, dass ich mit meiner Führungs- und Krisenerfahrung aus den vergangenen mehr als 22 Jahren einen Beitrag leisten kann, RTL Deutschland noch besser aufzustellen und die Integration mit Gruner + Jahr voranzutreiben“, sagte Rabe. Das sei seine „Art zu arbeiten“. Er hatte in seiner Karriere immer wieder mal Zusatzaufgaben übernommen, wenn die Lage es erforderte – etwa beim Bertelsmann-Dienstleister Arvato.

    Dass ein einzelner Manager sowohl operativ verantwortlich ist als auch gleich zweimal sein eigener Kontrolleur, ist weltweit ein Sonderfall – und dürfte von Corporate-Governance-Experten kritisch betrachtet werden. Rabe sagte dazu, man solle „die Dinge auch nicht überdramatisieren“. Er habe bei der RTL Group einen Aufsichtsrat, an den er berichte, und auch bei Bertelsmann.

    Rabe will den Job längstens ein Jahr machen. Gerade definiere er für den neuen Co-Chef ein genaues Anforderungsprofil.

    Dienstleistungen wachsen, Druckgeschäft schrumpft

    Schlechte Kennziffern weist Bertelsmann auch für sein schrumpfendes Druckgeschäft aus. Zur Jahreshälfte steht ein operatives Ebitda von 15 Millionen Euro – 42 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Rabe erklärt das mit „steigenden Energiekosten, die wir nicht ohne Weiteres an unsere Kunden weitergeben können“. Bertelsmann sei jedoch so breit aufgestellt, dass man Ergebnisschwankungen gut ausgleichen könne.

    Wachstumstreiber war erneut das Dienstleistungsgeschäft, das im Umsatz um acht Prozent auf 2,6 Milliarden Euro und beim Gewinn gar um 20 Prozent gestiegen ist. Auch das Musikunternehmen BMG, das viertgrößte der Welt, ist deutlich gewachsen.

    Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Rabe hat es geschafft, Bertelsmann in seiner Zeit deutlich internationaler, digitaler und wachstumsstärker aufzustellen. Vor allem hat der Manager die Investitionen erhöht. Allein in der ersten Jahreshälfte hat das Familienunternehmen über eine Milliarde Euro in die Hand genommen – fast doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Bis 2025 sollen es im Rahmen seiner „Boost“ betitelten Zukunftsstrategie insgesamt fünf bis sieben Milliarden Euro sein.

    Das Familienunternehmen legt ein Rekordergebnis vor. dpa

    Bertelsmann-Zentrale

    Das Familienunternehmen legt ein Rekordergebnis vor.

    Benannt ist das Zukunftsprogramm nach Rabes Laufschuhen von Adidas, die er bei seinen frühmorgendlichen Joggingrunden trägt. Über den Sportartikelhersteller will Rabe, der auch Adidas-Chefkontrolleur ist, im Gespräch mit dem Handelsblatt ausdrücklich nicht sprechen. Adidas will sich von Rorsted trennen, weil etwa das wichtige China-Geschäft nicht läuft.

    Rabe muss sich jetzt auf die Suche nach einem Nachfolger machen. In Herzogenaurach wird Kritik lauter, dass der Aufsichtsrat versäumt hat, einen internen Nachfolger aufzubauen. Eines ist klar: Rabe selbst kommt für diesen Job nicht infrage – weder aus zeitlichen noch aus rechtlichen Gründen.

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