Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

04.12.2019

06:49

Musikrechte

Die Digitalisierung zwingt die Gema zum Strategiewechsel

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Die Gesellschaft für Musikrechte will aktiver Teil der Entertainment-Industrie werden – ein ehrgeiziger Plan. An diesem Mittwoch erfolgt der erste Zukauf.

Die Gema will nicht mehr nur Rechtelieferant sein. Unsplash

Musikveranstaltung

Die Gema will nicht mehr nur Rechtelieferant sein.

München Der Endverbraucher kommt mit der geheimnisumwitterten Gesellschaft in Berührung, wenn auf Abi-Bällen, Feuerwehrbällen, im Stadion oder auf Volksfesten Musik gespielt wird. Da würden Ehrenamtliche arbeiten, „die uns schlicht nicht auf dem Schirm haben“, sagt Gema-Chef Harald Heker, „und die vergessen, dass man für Musik zahlen muss wie für Strom oder das Büffet“.

Die digitale Ära hat nun auch die Traditionsveranstaltung Gema erfasst, deren Vorläufer 1903 von Musikern wie Richard Strauß in München gegründet worden war. Teil der neuen Strategie ist es, nicht wie bisher nur Tantiemen von Musiknutzern einzutreiben, sondern selbst aktiver Teil der Entertainment-Industrie zu werden.

So sollen die jährlichen Erträge von mehr als einer Milliarde Euro – bei Kosten von 150 Millionen Euro – für rund 74.000 Mitglieder und weltweit mehr als zwei Millionen Rechteinhaber gesichert werden. Angesichts der Gratismentalität im Internet und der erdrückenden Dominanz einiger weniger US-Digitalriesen ein ehrgeiziger Plan.

Aktuell erster Deal, der am Mittwoch verkündet wird – ist der Kauf von 75,1 Prozent der Zebralution GmbH (Umsatz: rund 30 Millionen Euro), die im Internet Musiktitel vertreibt. Die profitable Berliner Firma, die auch Büros in Metropolen wie Los Angeles, London, Paris, Barcelona oder Amsterdam hat, ist auf Musik von „Indie-Labels“ jenseits der Branchen-Majors Warner, Sony und Universal spezialisiert, etwa auf Alben von DJ Koze, sowie auf Videos, Hörbücher, Podcasts und E-Books. Abnehmer sind etwa Spotify, Apple (iTunes), Amazon, Napster oder Google (Youtube). 

Wir vernetzen uns mit der digitalen Welt. Vorher waren wir ausschließlich Lieferant von Rechten. Harald Heker, Gema-Chef

Gründer Kurt Thielen, der 2018 auf der Buchmesse zum „Hörbuchmenschen des Jahres“ gewählt wurde, preist die Gema als „idealen, leistungsstarken Partner“, die Transaktion sei „auch ein Brückenschlag für Musikschaffende und Interpreten, verbunden mit dem Ziel einer fairen Vergütung der Kreativen“. 

Gema-Chef Heker spricht im Konferenzraum der Zentrale, die Münchener Philharmonie am Gasteig im Blick, von einer „Investition in die Zukunft“. Sie ergänze das alte Geschäftsmodell: „Wir vernetzen uns mit der digitalen Welt. Vorher waren wir ausschließlich Lieferant von Rechten, jetzt haben wir einen Schritt in die Wertschöpfungskette gemacht.“ Man lebt bei der Gema nun auch von Vertriebsprovisionen – und von weiteren Dienstleistungsangeboten, die sich aus der Zusammenarbeit mit der eigenständig bleibenden Zebralution bald ergeben dürften. 

Der eigentliche Charme der Akquisition ist, dass die „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ (so der offizielle, ein wenig monströse Titel) nun mit einem Schlag viel Know-how und Kompetenz bei Big Data gewinnt. Das soll helfen in den Verhandlungen mit der Übermacht von Google, Amazon, Facebook und Apple („Gafa“).

Die „dunkle Seite des Digitalen“,

Noch trägt der gesamte Internetsektor nur 160 Millionen Euro zu den Gesamterträgen bei, trotz eines gewaltigen Nachfragebooms. Dagegen liefern Sender wie ARD, ZDF, RTL Group und Pro Sieben Sat 1 genauso stabil mehr als 300 Millionen ab wie das Massengeschäft mit Veranstaltungen (intern: „Außendienst“).

Doch die Online-Zuwächse reichen nicht einmal aus, um die Ertragsrückgänge aus dem CD- und DVD-Verkauf auf nur noch 69 Millionen auszugleichen – zumal das Musikstreaminggeschäft auch Sättigungstendenzen aufweist.

Von der „dunklen Seite des Digitalen“, spricht der Musiker Jean-Michel Jarre, der als Präsident des globalen Dachverbands der nationalen Verwertungsgesellschaften fungiert, die alle miteinander kooperieren. Weltweit macht der Markt der Musikrechte zehn Milliarden Euro aus.

„Wir kommen jetzt an einen Punkt, wo es endlich wird“, bekennt Heker, 61, man kämpfe „verzweifelt“, die im Online-Business entstandene Lücke zu schließen. Der promovierte Jurist kam 2006 zur Gema, im Jahr drauf war er Vorstandschef und Nach-Nachfolger der allseits bekannten Mediengröße Reinhold Kreile.

Der einstige CSU-Bundestagsabgeordnete und finanzpolitische Berater von Franz Josef Strauß hatte die Organisation von 1990 bis 2005 gelenkt und als „Leuchtturm der Kultur“ gepriesen; heute ist er im Alter von 90 Jahren Ehrenpräsident.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×