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19.12.2018

18:02

Nachrichtenmagazin

Der „Spiegel“ enthüllt Lügen des eigenen Reporters

Von: Christoph Kapalschinski, Catrin Bialek

Der Journalist Claas Relotius soll bis zu 60 große Storys in weiten Teilen erfunden haben. Das Magazin verspricht nun eine ausführliche Aufklärung.

Ein Bau mit Botschaft. mauritius images

„Spiegel“-Gebäude in Hamburg

Ein Bau mit Botschaft.

Düsseldorf, HamburgDas haushohe Atrium des „Spiegel“-Hauses in Hamburg signalisiert: Das Nachrichtenmagazin begreift sich als Avantgarde des Journalismus. Entsprechend groß soll das Entsetzen gewesen sein, als der künftige Chefredakteur Steffen Klusmann am Mittwochmittag in ebendieser Eingangshalle den versammelten Journalisten eine Story enthüllte, die ein schwerer Schlag ist – für das Nachrichtenmagazin sowieso, aber auch für den Rest der deutschen Medienbranche. Denn es ging, kurz formuliert, um gefälschte Reportagen, um Fake News.

Der vielfach ausgezeichnete Journalist Claas Relotius, der seit sieben Jahren als eine der Top-Autoren für den „Spiegel“ arbeitet, soll über Jahre hinweg und „in großem Umfang“ eigene Geschichten in großen Teilen erfunden haben.

Entdeckt wurden die Fälschungen des seit eineinhalb Jahren fest angestellten 33-Jährigen erst durch hartnäckige Recherche eines Kollegen aus dem „Spiegel“ selbst, der am Artikel „Jaegers Grenze“ über eine Bürgerwehr in Arizona beteiligt war.

Der erfahrene Reporter Juan Moreno zweifelte am Wahrheitsgehalt des Story-Teils seines jüngeren Kollegen – und begann gegen interne Widerstände weiterzugraben. Das Ergebnis: Relotius hat wohl bei den meisten seiner knapp 60 „Spiegel“-Beiträge seine Fantasie bemüht. Der Absolvent der Hamburg Media-School habe die Erfindungen vergangene Woche in Gesprächen eingeräumt und am Montag gekündigt, hieß es.

Der Fall kommt zu einer Zeit, in der der „Spiegel“ im Umbruch steht. Der bisherige „Manager-Magazin“-Chef Klusmann soll ab Januar die Redaktion leiten und dabei Print- und Online-Redaktion zusammenführen. Das hat in den vergangenen Wochen eh für erhebliche Unruhe gesorgt. Die bisherigen Print-Redakteure fürchten um Privilegien, die Online-Truppe um ihre Autonomie vom Mutterhaus mit seinen legendären Hahnenkämpfen.

Kommentar: Die Lügen-Affäre des „Spiegel“ trifft den gesamten Journalismus

Kommentar

Die Lügen-Affäre des „Spiegel“ trifft den gesamten Journalismus

Jahrelang täuschte ein Reporter des Nachrichtenmagazins die Öffentlichkeit. Die „Spiegel“-Redaktion tut das einzig Richtige – und klärt auf.

„Sicherlich lenkt der Fall von den organisatorischen Aufgaben ab, mit denen wir genug zu tun haben“, sagte Klusmann am Mittwoch. Dennoch halte er an seinem Plan fest, bereits im Januar in den neuen Strukturen zu arbeiten. Immerhin enthalte der Skandal die Chance, dass die „Spiegel“-Journalisten wieder stärker über ihr Selbstverständnis als über Organisationsfragen diskutierten.

Am Streit über die interne Organisation waren bereits Vorstöße mehrerer Chefredakteure gescheitert, die Redaktionen zu verschmelzen. Zuletzt musste Klaus Brinkbäumer nach dreieinhalb Jahren an der Spitze gehen. Für den 52-jährigen Klusmann hat der Fall jedoch Auswirkungen über den Verlag hinaus.

Kommission soll Vertrauen zurückgewinnen

Er warnte, der Fälschungsfall sei „ein großer Schaden für den Journalismus“. Neues Vertrauen soll eine interne dreiköpfige Kommission schaffen, die den Fall Relotius untersuchen soll. Zwar schloss Klusmann nicht aus, dass im Laufe der Aufarbeitung weitere Mitarbeiter aus Redaktion oder Dokumentation, die die Fakten prüft, gehen müssen. Bislang jedoch stellen Chefredaktion und Geschäftsführer Thomas Hass die Fälschungen als Werk eines „genialen Einzelfälschers“ dar.

Relotius habe das Vertrauen missbraucht, das der „Spiegel“ ihm entgegengebracht habe. Er habe im Gespräch geäußert, er halte sich für krank, es fehle ihm an innerer Kontrolle, hieß es. Die „Spiegel“-Manager wollen durch knallharte Transparenz den Schaden für die Glaubwürdigkeit ihres Magazins gering halten. So veröffentlichten sie am Mittwoch online eine umfangreiche Darstellung des Falls und seiner Aufklärung.

Steffen Klusmann: Der neue Chefredakteur des „Spiegels“ soll altbekannte Probleme lösen

Steffen Klusmann

Der neue Chefredakteur des „Spiegels“ soll altbekannte Probleme lösen

Als Spitze einer dreiköpfigen Chefredaktion soll Steffen Klusmann das Nachrichtenmagazin umbauen – und endlich Print und Online zusammenbringen.

Klusmann will das als eine Art „Selbstanzeige“ verstanden wissen. Juristische Schritte gegen den Ex-Mitarbeiter habe der Verlag bislang nicht eingeleitet. Das sei aber je nach Ergebnis der Kommissionsarbeit denkbar. Ebenso schloss er nicht aus, dass von den gefälschten Reportagen Betroffene juristisch gegen das Magazin vorgehen.

Intern werde er überprüfen, ob neue Vorgaben nötig seien – etwa Reporter nur noch in Begleitung eines Fotografen loszuschicken, der die Arbeit dokumentiert. Die Kommission solle jedoch nicht als eine Art Geheimdienst alle Reporter unter Generalverdacht stellen. Die Arbeit weiterer Journalisten solle nur untersucht werden, wenn intern oder extern konkrete Hinweise auf Fehlverhalten kämen.

Der stellvertretende Chefredakteur Ullrich Fichtner schloss aus, dass Relotius von Vorgesetzten zu sehr unter Druck gesetzt worden sei. Allerdings warnte er, junge Journalisten seien zu stark auf Journalistenpreise fixiert. Relotius hat zahlreiche Auszeichnungen bekommen.

In Berlin erhielt er erst vor drei Wochen den Deutschen Reporterpreis für einen Artikel über einen syrischen Jungen, der glaubt, durch einen Kinderstreich den Bürgerkrieg im Land ausgelöst zu haben. Bei der Preisverleihung schwärmte die Jury noch von der „beispiellosen Leichtigkeit, Dichte und Relevanz“ des Textes, der „nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert“.

Nicht der erste Journalist, der manipuliert

Am Mittwoch war die Jubelstimmung verflogen, auf der Homepage veröffentlichte die Jury ein erbittertes Statement. „Wir sind entsetzt und wütend über die geradezu kriminelle Energie, mit der Claas Relotius auch uns getäuscht hat – die Organisatoren des Deutschen Reporterpreises, die Jurorinnen und Juroren, die ihm insgesamt vier Mal diese Auszeichnung verliehen haben. Die Jury berät nun zeitnah, wie in diesem Fall zu verfahren ist – ob Claas Relotius seine vier Reporterpreise aberkannt werden.“ Relotius ist nicht der erste Journalist, der manipuliert. Für großes Aufsehen sorgte 2000 der Fall Tom Kummer. Der Schweizer Journalist hatte angeblich mit allerhand US-Stars, darunter Brad Pitt und Sharon Stone, Interviews geführt.

Die meisten Gespräche waren indes seiner Fantasie entsprungen, wie sich später herausstellte. Unter anderem hatte das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ seine Texte abgedruckt. Beide Chefredakteure des „SZ-Magazins“, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, wurden daraufhin entlassen.

Auch der Filmemacher Michael Born verkaufte in den 1990er-Jahren mehrere gefälschte Reportagen an deutsche Fernsehsender, unter anderem über angebliche Machenschaften des Ku-Klux-Klans in der Eifel. Günther Jauch, der damalige Chefredakteur von „Stern TV“ musste sich den Vorwurf der mangelnden Sorgfalt bei der Prüfung des Materials gefallen lassen. „Stern TV“ änderte daraufhin seine Personalpolitik und setzte weniger freie Mitarbeiter ein.

Auch der „Spiegel“ selbst stand schon einmal im Mittelpunkt eines kleinen Medienskandals. Der heutige Leiter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, René Pfister, hatte in einer 2010 erschienenen Reportage über den CSU-Politiker Horst Seehofer dessen Modelleisenbahn wortreich beschrieben.

Später stellte sich heraus, dass Pfister diese Bahn nicht selbst gesehen hatte, sondern sich stattdessen auf Beschreibungen Dritter stützte. Den Henri-Nannen-Preis, der ihm kurz zuvor verliehen worden war, bekam er aberkannt.

Kommentare (1)

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Herr Götz Eckhardt

21.12.2018, 11:46 Uhr

Ob die Glaubwürdigkeit der Deutschen Presse durch diese Affäre gelitten hat bezweifle ich, ist sie doch schon länger in Zweifel geraten.
Wer der Presse schon immer misstraut hat wird das als Beweis seines Misstrauens sehen, andere werden es als Einzelfall abtun wollen.

Echte Lügen wird man in der Deutschen Berichterstattung wohl eher selten sehen, große Lücken und Einseitigkeiten sind da eher die Regel und da rührt meiner Meinung nach das Misstrauen her.

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