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22.10.2019

06:17

Nachruf Monika Schoeller

Monika Schoeller: Die in die Wüste ging

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Die große Dame der deutschen Verlagsszene ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Monika Schoeller hatte einen untrüglichen Instinkt für gesellschaftliche Debatten.

Verlegerin Monika Schoeller ist tot picture alliance / Bernd Kammere

Monika Schoeller

Die Verlegerin und Mäzenin Monika Schoeller am 25. November 2018 bei der Maecenas-Ehrung im Goethehaus in Frankfurt.

Düsseldorf Im deutschen Literaturbetrieb, der das Krachende liebt wie jetzt in der aufgeladenen Debatte um Peter Handke, war sie eine große Verlegerin im Verborgenen. Eine Persönlichkeit der leisen Töne, taktvoll, warmherzig, mit Fähigkeit zur Selbstironie: Als sie 2018 die Maecenas-Ehrung erhielt, lautete die eigene Wahrnehmung: „nicht gesellschaftsfähig“.

Einer Gesellschaft im Sinne einer GmbH kann das nicht gegolten haben. Monika Schoeller, die Tochter des aus dem Westfälischen nach Stuttgart gezogenen Medienunternehmers Georg von Holtzbrinck, war Jahrzehnte lang in der Holtzbrinck-Gruppe Gesellschafterin der Buchverlage, zu der heute Springer Nature, Macmillan, Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch, Droemer Knaur sowie S. Fischer in Frankfurt gehören.

Dort, am Main, war sie 1974 Verlegerin geworden, nach dem Studium von Sprachen sowie Kunstgeschichte und Germanistik und dem Erlernen des Verlagshandwerks, unter anderem bei Artemis & Winkler und dem Arche Literatur Verlag.

Bei S. Fischer begründete Monika Schoeller ihren legendären Ruf als Verlegerin mit einem untrüglichen Instinkt für gesellschaftliche Debatten, zum Beispiel über die Schrecken und Nachwehen der Nazi-Zeit. Mehr als 250 Titel umfasst ihre „Schwarze Reihe“ (später „Die Zeit des Nationalsozialismus“). Oder sie initiierte die Reihe „Die Frau in der Gesellschaft“, die mit Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ startete.

1978 publizierte sie 1000 Seiten von Doris Lessings Romans „Das Goldene Notizbuch“. Wo die Budgetmittel des Verlags nicht ausreichten, half sie schon mal aus dem eigenen Vermögen nach. Die Gesamtausgabe der Werke von Hugo von Hofmannsthal (bisher 41 Bände) sowie Ausgaben zum Schaffen von Thomas Mann oder Franz Kafka belegen ihre Schaffenskraft. Oder Virginia Woolfs Gesammelte Werken und die 17 Bände von Hubert Fichtes „Geschichte der Empfindlichkeit“.

Eine Matriarchin des Geistes. Eine Sammlerin der Worte.

Solcher „Output“ sprach für sie, nicht irgendein lautsprecherisches Interview, wie sie in Aufmerksamkeitsrennen postmoderner Gesellschaften üblich wurden. Hier meinte es jemand ernst. Monika Schoeller entsagte sich dem PR-Zirkus und hatte doch weiter viel zu sagen. „Ich muss mir meine Reserven enthalten, und ab und zu muss ich in die Wüste gehen, um mich erholen“, lautete einer ihrer Selbstbestimmungssätze.

Kraft kostete beispielsweise die Arbeit der Unternehmensberater von McKinsey, die die innere Struktur des Verlags auf Vordermann brachten. Aus dem Tagesgeschäft der S. Fischer Verlage zog sie sich 2002 zurück, wirkte jedoch weiter als Vorsitzende der Geschäftsführung und gründete die S. Fischer Stiftung, die sich der Förderungen von Übersetzungen verschrieben hat. Und die 2012 die „Debates on Europe“ ins Leben rief, zusammen mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Zudem geht das Netzwerk Traduki (Vermittlung südosteuropäischer Literatur) auf Monika Schoellers Initiative zurück. Für ihre Aktivitäten ist die Verlegerin deshalb vielfach ausgezeichnet worden, etwa mit dem Bundesverdienstkreuz und der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt.

Als sie 2006 von der jüdischen Organisation B‘nai B‘rith Europa geehrt wurde, erzählte Monika Schoeller einmal davon, wie sie im Kriegsjahr 1943 mit der Familie auf die Schwäbische Alb geflohen war und dabei erfuhr, wie es ist, „am Rande zu sein“. Diese frühe Erfahrung habe bei ihr im Literaturbetrieb immer eine Rolle gespielt. „Vom Rand aus sieht und versteht man besser“, erklärte die Frau, die mit dem Literaturwissenschaftler Bernd Schoeller verheiratet war und eine Tochter hatte.

Es sei ihr um Werte gegangen, sagt Stefan von Holtzbrinck, „um Stil, Anstand und Geduld“, sowie um „Toleranz und Mitmenschlichkeit, den Willen zu Freiheit und Gerechtigkeit“, was wir nach der jüngsten deutschen Geschichte immer wieder aufs Neue lernen müssten.

Vor wenigen Wochen noch, an ihrem 80. Geburtstag, hätte man ihr nicht anmerken können, „dass sie sich bald mit einem Lächeln verabschieden würde, im Guten mit sich, den Menschen und ihrem großen Werk“. Mit ihrem Halbbruder Stefan und ihrem Bruder Dieter von Holtzbrinck, dem Verleger des „Handelsblatts“, war die große alte Dame deutscher Verlegerkunst eng verbunden.

Ihr gebühre „Ehre durch Ruhmvermeidung“, formulierte einmal Schoellers Freundin, die verstorbene Schriftstellerin Silvia Bovenschen. Was ist schon Ruhm, wenn es ein Leben für Kultur gibt, das erinnert werden wird? Am vergangenen Freitag – als die Buchmesse wie jedes Jahr Titel um Titel feierte – ist Monika Schoeller in Filderstadt bei Stuttgart nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben.

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