Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

13.08.2018

19:05

Serie – Globale Konkurrenten im Check (10)

Samsung steht an allen Fronten unter Druck

Von: Martin Kölling

Nach der Haftentlassung des Samsung-Erben Lee Jae Yong steht der Konzern vor einem schwierigen Neuanfang. Die Rekordgewinne geraten in den Hintergrund.

Samsung ist heute in vielen Segmenten Marktführer – von Speicherchips über Displays bis hin zu Smartphones. Reuters

Samsung Electronics

Samsung ist heute in vielen Segmenten Marktführer – von Speicherchips über Displays bis hin zu Smartphones.

Tokio Indien, Noida, Anfang Juli. Die Kameras der koreanischen TV-Stationen zoomen auf den designierten Chef von Samsung Electronics. Dunkelblauer Anzug, blaue Krawatte, randlose Brille und ein nervöser Blick – so wartet Lee Jae Yong auf die Ehrengäste, Indiens Staatschef Narendra Modi und dessen südkoreanischen Kollegen Moon Jae In. Gemeinsam wollen sie die größte Chipfabrik der Welt einweihen.

Doch die Kommentare der Moderatoren machen klar, dass es sich hier nicht um eine normale Fabrikeröffnung handelt. Es geht um die soziale Rehabilitation von Lee und seinem Konzern.

Voriges Jahr war der 50-jährige Erbe in einem der größten Korruptionsskandale der südkoreanischen Geschichte wie auch die ehemalige Staatschefin Park Geun Hye wegen Korruption hinter Gitter gesteckt worden. Im Februar entließ ihn ein Berufungsgericht auf Bewährung. Nun zeigt er sich das erste Mal wieder öffentlich bei einem Firmentermin.

Der Manager steht wie auf einem Präsentierteller: Beobachter zählen mit, wie oft Lee sich vor Präsident Moon verbeugt: Ein-, zwei-, drei-, viermal dienert er. Ein paar Kopfnicker folgen und ein Schwur: Der Präsident sei von weither gekommen, um die Belegschaft zu unterstützen. „Ich schätze das und werde härter arbeiten.“

Lees demonstrative Demut scheint ein erster Etappenerfolg auf seiner Mission zu sein, Südkoreas erfolgreichstem Konzern seinen eigenen Stempel aufzudrücken. „Dies ist ein Neustart für Samsung“, urteilt Bruce Lee, Gründer von Zebra Investment und Vorkämpfer für Corporate-Governance-Reformen in Korea.

Zwar ist Lee Jae Yong inoffiziell bereits am Steuer, seit eine Herzattacke im Mai 2014 seinen Vater Lee Kun Hee arbeitsunfähig machte. Doch bisher hielten ihn erst Pietät und dann der Korruptionsskandal davon ab, offen seine Macht auszuüben.

Nach seinem Treffen mit Staatschef Moon ist er allerdings kein Ausgestoßener mehr. „Die Menschen vergessen – oder verzeihen“, meint Berater Lee. Nun müsse der neue Unternehmenschef liefern: intern die Moral bei Samsung aufbauen, extern den Saubermann markieren. „Und vor allem muss er zeigen, dass er ein guter Geschäftsmann ist“, sagt Lee.

Lee junior muss sein Erbe bewahren. Doch es gibt Probleme am Markt: Zwar trauen viele Analysten Samsung auch nach dem Rekordjahr 2017 höhere Gewinne und Kurssteigerungen zu – doch die Aktionäre sehen das anders.

Laut einer Reuters-Umfrage bewerten von 38 Analysten 13 die Aktie mit „kaufen“, 22 mit „outperform“ und nur drei mit „halten“. Samsung werde der Hauptnutznießer des mehrjährigen Superzyklus von Speicherchips und beim Übergang zu Displays aus organischen Leuchtdioden sein, begründet CW Chung von der japanischen Investmentbank Nomura seine Kaufempfehlung.

Stilllegung: Huawei und Xiaomi machen Samsung zu schaffen – Produktionsstopp in chinesischem Werk möglich

Stilllegung

Huawei und Xiaomi machen Samsung zu schaffen – Produktionsstopp in chinesischem Werk möglich

Samsungs Marktanteile in China sinken rapide, weil Huawei und Xiaomi immer beliebter werden. Nun denkt der Konzern über die Stilllegung eines chinesischen Werks nach.

Seit Monaten versuchen die Banker vergeblich, die Anleger mit luftigen Kurszielen zum Aktienkauf zu bewegen. Seit einem Rekordhoch im November 2017 ist Samsungs Kurs von 57.500 Won (umgerechnet 44,50 Euro) auf 45.050 Won am Montag gefallen.

Das macht für den Optimisten Chung mit seinem Kursziel von 68.000 Won schon ein Kurspotenzial von etwa 50 Prozent aus. Doch die Anleger sorgen sich über Samsungs Herausforderungen, meint Tuan Anh Nguyen vom Technikanalysten Canalys in Singapur. Der Elektronikkonzern hat eine ausschweifende Expansionsstrategie hinter sich, angestoßen von Lees Vater Kun Hee, und muss nun viele Baustellen in unterschiedlichen Geschäftsfeldern bearbeiten.

Führung mit harter Hand

Lee senior hat Samsung innerhalb von 20 Jahren von einem Elektronikbillighersteller zu einem globalen Ausnahmekonzern gewandelt. Sein Führungscredo: die harte Hand. 1995 schüttete er 2000 Handys auf dem Hof aus und ließ sie von Bulldozern zermalmen. Denn sie erfüllten seine Ansprüche nicht. Die rabiate Methode funktionierte: Samsung ist heute in vielen Segmenten Marktführer – von Speicherchips über Displays bis hin zu Smartphones.

Lee setzte zudem auf Vertikalisierung: Tochterfirmen des Konzerns fertigen wichtige Bauteile nicht nur für eigene Produkte, sondern auch für die der Konkurrenten. Der US-Konzern Apple bezieht beispielsweise Speicherchips und Displays von seinem koreanischen Konkurrenten.

Die Strategie ist risikoreich, da die Investitionsquote in Zukunftsfeldern wie dem der Chipindustrie hoch sein muss. Aber die Geschäftsfelder können sich gegenseitig stützen oder gar stimulieren. Samsungs Bilanzen der vergangenen zehn Jahre zeigen, dass Lees Strategie funktioniert hat.

Globale Konkurrenten im Check

Die Serie

Der weltweite Kampf der Konzerne um Marktanteile war noch nie so hart wie heute. Das Handelsblatt stellt in loser Folge wichtige internationale Akteure vor und analysiert ihre Stärken und Schwächen.

Folge 1 – Netflix
Folge 2 – Nike

Nike kopiert die Rezepte von Adidas – und hat damit großen Erfolg: Lange sah es so aus, als könnte Adidas näher an den US-Rivalen heranrücken. Doch jetzt findet der größte Sportkonzern der Welt zu alter Kraft zurück.

Folge 3 – Unilever
Folge 4 – Alphabet
Folge 5 – General Motors
Folge 6 – Microsoft
Folge 7 – Coca-Cola
Folge 8 – Telefónica
Folge 9 – Roche
Folge 10 – Samsung Electronics
Folge 11 – Boeing
Folge 12 – Tencent
Folge 13 – Vodafone
Folge 14 – BP
Folge 15 – Walmart
Folge 16 – Salesforce
Folge 17 - Teva
Folge 18 – Nestlé
Folge 19 – Inditex
Folge 20 – Easyjet
Folge 21 - Codelco

Anfang des vergangenen Jahrzehnts schwächelte die Chipkonjunktur, die Gewinne waren bescheiden. Lee erkannte den Smartphoneboom rechtzeitig und eroberte die Marktführerschaft. Umsatz und Gewinn gingen steil bergauf.

Auf dem Höhepunkt von Samsungs Rekordjagd im Jahr 2013 lag die Gewinnmarge der Mobilsparte bei 18 Prozent, während der Rest der Rivalen kaum Geld oder gar Verluste machte. Damals trug diese Sparte mehr als die Hälfte zum Umsatz und 68 Prozent zum Betriebsgewinn des Konzerns bei.

2015 wendete sich das Blatt. Samsung verdiente immer weniger Geld mit Handys. Stattdessen zog die Nachfrage nach Speicherchips gewaltig an. Nicht nur Smartphonehersteller, auch Datenserveranbieter benötigten die Speicherchips. Mit dem Chipmangel schossen 2017 die Preise und damit die Profite aller Chiphersteller in ungeahnte Rekordhöhen. Marktführer Samsung profitierte am meisten. Wieder einmal.

Im vergangenen Jahr explodierten Samsungs Einnahmen um fast ein Fünftel auf 239 Billionen Won (185 Milliarden Euro). Doch im gleichen Zeitraum verdoppelte sich die Gewinnspanne der Halbleitersparte nahezu auf 47,4 Prozent. Damit trugen die unscheinbaren Speicherchips zwei Drittel zu den Gewinnen Samsungs bei – und nicht mehr die Smartphones. Die Gewinnmarge des Konzerns übertraf mit 22,5 Prozent sogar das legendäre Smartphone-Hoch von 2013. Samsungs Gewinnmarge lag fast dreimal so hoch wie die seines einstigen Vorbilds Sony.

Doch Anleger und Analysten streiten, wie lange das Erbe von Lee senior noch wirkt. Die Probleme liegen auf der Hand: Mit Fernsehern verdient kaum ein Unternehmen mehr viel Geld. Samsungs Displaysparte enttäuscht, nicht nur wegen fallender Preise bei Flüssigkristalldisplays (LCDs). Auch die Nachfrage nach flexiblen, aber teureren Oled-Displays für Handys zieht nicht an wie erhofft.

Smartphonegeschäft schwächelt

Schlimmer noch: Auch Samsungs Smartphonegeschäft schwächelt. Der Umsatz der Mobilsparte sackte im vergangenen Vierteljahr um 22 Prozent unter den Vorjahreswert, der operative Gewinn sogar um 34 Prozent auf nur noch 2,7 Billionen Won (2,1 Milliarden Euro). Die Umsatzrendite von Samsungs einst wichtigster Sparte liegt damit bei nur noch elf Prozent. Gerade die Kunden in Industrieländern ersetzen immer seltener ihre Geräte.

Samsung befindet sich in einer unkomfortablen Situation: Im Billigsegment attackieren die chinesischen Hersteller Huawei und Xiaomi den Marktführer. In der Oberklasse will Huawei Samsung die Führung abkaufen.

Im vergangenen Quartal schob sich Huawei laut Marktforschern an Apple vorbei auf den zweiten Platz der Smartphonehersteller. Samsung führt zwar noch, aber der Verkauf seines Flaggschiffs Galaxy S9 liegt unter den Erwartungen. Ob das vorige Woche vorgestellte teuerste Modell, das Galaxy Note 9, den Trend wenden kann, muss sich noch zeigen.

Samsung Galaxy Note 9

Spielen statt telefonieren – mit diesem Flaggschiff will Samsung aufholen

Samsung Galaxy Note 9: Spielen statt telefonieren – mit diesem Flaggschiff will Samsung aufholen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Ausgerechnet Samsungs neuer Star stellt die Sollbruchstelle für die Rekordjagd dar. Den Grund erklärt Technikanalyst Nguyen: „Samsungs Geschäft hängt seit eineinhalb Jahren übermäßig stark von Speicherchips ab.“ Das Problem: Bisher folgte auf jeden Chipboom ein Absturz. Erste Warnsignale zeigen sich bereits.

Zwei Kategorien von Speicherchips dominieren den Markt: Dram-Chips sind für Arbeitsspeicher in Computern und Smartphones geeignet, die teureren Nand-Chips dienen als permanenter Datenspeicher und ersetzen Festplatten in Notebooks. Bei beiden Varianten ist Samsung Marktführer. Aber satte Gewinne erzielte Samsung nur noch bei Dram-Chips.

Aktuell fallen die Preise für Nand-Speicher rapide – und damit auch die Gewinne. Die Frage ist, ob sich diese Abwärtsspirale bei den Dram-Speichern wiederholt, wenn die anderen Hersteller ihre Produktionskapazitäten erweitern. „Das Chipgeschäft ist immer noch enorm profitabel, aber die Markterwartungen müssen sinken“, meint Nguyen daher.

Gekauftes Wachstum

Sein Kollege CW Chung hält dagegen und sagt: Speicherchips würden den längsten Superzyklus der Halbleitergeschichte erleben. Die bisherigen industriellen Revolutionen hätten auf Kohle und Öl basiert, philosophiert der Analyst. „Der Schlüssel für die vierte industrielle Revolution, in der menschliche Denk- durch maschinelle Rechenkraft ersetzt wird, dürften Halbleiter werden, ganz besonders Speicherchips.“

Das Zeitalter der künstlichen Intelligenz hat gerade erst begonnen. Immer mehr Maschinen werden vernetzt und Autos lernen, selbst zu fahren. Beides wird die Nachfrage nach Speicherchips weiter erhöhen. Zusätzlich wird das kommende superschnelle Mobilnetz der fünften Generation den Datenverkehr und damit den Speicher- und Rechenbedarf aller Geräte nochmals vermehren.

Schlechte Quartalszahlen

Galaxy S9 zieht nicht – deswegen schwächelt Samsungs Smartphone-Sparte

Schlechte Quartalszahlen: Galaxy S9 zieht nicht – deswegen schwächelt Samsungs Smartphone-Sparte

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Wie wird sich das auf den Aktienkurs von Samsung auswirken? Derzeit handeln die Aktionäre den Konzern mit dem 1,3-Fachen seines für das Jahresende geschätzten Buchwerts. Würden die Investoren Samsung allerdings auf Sonys Bewertung (das 1,9-Fache) anheben, wäre ein Aktienkurs von über 80.000 Won möglich.

Samsung hat daher begonnen, sich Wachstum zu kaufen. 2017 gliederte der Konzern den Autozulieferer Harman für acht Milliarden US-Dollar in sein Imperium ein, um seine Chips, Displays und andere Produkte besser an Autohersteller verkaufen zu können.

Und Anfang dieses Monats hat Lee den größten Investitionsplan in der Unternehmensgeschichte aufgelegt: 140 Milliarden Euro will die Firmengruppe in den kommenden drei Jahren investieren. Ein Teil dieses Plans ist allerdings politisch motiviert – Samsung will Arbeitsplätze schaffen und das eigene Image aufpolieren.

Der weltweite Kampf der Konzerne um Marktanteile war noch nie so hart wie heute. Das Handelsblatt stellt in loser Folge wichtige internationale Akteure vor und analysiert ihre Stärken und Schwächen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×