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04.12.2018

11:15

Start-ups

Warum europäische Tech-Firmen optimistisch sein können

Von: Miriam Schröder

Die europäische Start-up-Szene blickt auf ein Rekordjahr zurück. Das zeigt ein aktueller Bericht. Trotzdem kann noch vieles besser werden.

Start-ups: So (gut) geht es der europäischen Tech-Industrie dpa

Europäische Gründerszene

Es ist viel passiert in der einst so müden Start-Up-Szene Europas. Aber alles läuft noch nicht rund.

Berlin Bevor er Skype gründete, hatte Niklas Zennström eine Firma, die Musik zum Download bereitstellte. Die Firma hieß Kazaa – und sie scheiterte. Doch eine Gruppe junger Schweden, angeführt von Daniel Ek, hat die Idee aufgegriffen und aus den Fehlern von Kazaa gelernt. Sie gründeten Spotify – und brachten das Unternehmen in diesem Jahr an die Börse. 

Für die Autoren der Studie „State of European Tech“ steht die Geschichte stellvertretend für die Entwicklung der europäischen Tech-Szene: Das Beispiel zeige, dass europäische Gründer heute genügend Kapital einsammeln und die besten Talente akquirieren können, um Unternehmen zu gründen, die weltweit mithalten können. 

Skype-Gründer Zennström selbst ist ein Beispiel für die Entwicklung des europäischen Ökosystems: Nachdem er Skype an Microsoft verkauft hatte, gründete er den Investment-Fonds Atomico mit Sitz in London. Atomico hat im vergangenen Jahr seinen vierten Fonds in Höhe von 716 Millionen Euro aufgelegt und gehört damit zu den größten Tech-Investoren des Kontinents. 

Gemeinsam mit der Tech-Konferenz Slush und der Anwaltskanzlei Orrick verfasst Atomico jedes Jahr den „State of European Tech“, eine Kombination aus eigener Umfrage und aggregierten Daten. Das sind die wichtigsten Ergebnisse 2018.

Geld

Die gute Nachricht zuerst: In ganz Europa, und speziell auch in Deutschland, wird immer mehr Geld in Start-ups investiert. Insgesamt belaufen sich die Tech-Investitionen in Europa auf 23 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: 2013 waren es erst fünf Milliarden. Der Großteil des Geldes fließt immer noch nach Großbritannien. 2018 waren es 7,4 Milliarden US-Dollar. Deutschland liegt traditionell auf Platz zwei. Knapp über vier Milliarden Dollar wurden 2018 in deutsche Tech-Unternehmen investiert – das sind aber immerhin 35 Prozent mehr als noch 2017. Doch auch Frankreich holt auf: In unserem Nachbarland wurden im gleichen Zeitraum 3,8 Milliarden Dollar investiert – ein Plus von 46 Prozent im Vergleich zu 2017. 

Grafik

Die Risikokapital-Fonds, die hierzulande aufgelegt werden, werden immer größer. Und es gibt nicht mehr nur viele kleine, sondern immer mehr richtig große Finanzierungsrunden: Für 2018 zählt der Report 70 Runden, in denen über 50 Millionen Euro investiert wurde. 2013 waren es gerade mal zehn. Das ist wichtig, wenn europäische Start-ups mit der Konkurrenz aus China und den USA mithalten wollen. Ein deutsches Beispiel ist das Fintech N26, das im März 130 Millionen Euro eingesammelt hat. 

Diese positive Entwicklung hat einen guten Grund: In Europa investiertes Risikokapital galt lange als nicht so renditestark wie Geld, das in den USA investiert wird. Das hat sich geändert: Laut Report hat sich das Verhältnis in den vergangenen drei Jahren sogar umgedreht. Das lockt Investoren an, die bislang eher zurückhaltend waren. „Pensionfonds interessieren sich zunehmend für europäisches Risikokapital“, sagt Christina Brinck vom Sechsten Schwedischen Nationalen Pensionsfonds, „weil sie nach guter Rendite suchen - und Europa hat hier in den letzten Jahren ordentlich aufgeholt.“

Einhörner

61 europäische Unternehmen haben in den vergangenen 15 Jahren eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar erreicht, davon 17 alleine in diesem Jahr. Zu den deutschen Einhörnern gehören unter anderem die Gebrauchtwagenplattform Auto1, das Software-Start-up Teamviewer und der Kochboxenlieferant Hello Fresh. Die Autoren des Reports prognostizieren, dass wir in den kommenden Jahren häufiger Finanzierungsrunden in Höhe von 500 Millionen Dollar und mehr sehen werden. 

Investoren

Wer die Berichterstattung über Start-ups genau verfolgt, dem dürfte nicht entgangen sein, dass dabei immer häufiger die Namen von alten, deutschen Traditionsunternehmen fallen: Es sind die Erben der Gründer von einst, die das Geld ihrer Vorväter in neues, digitales Unternehmertum stecken. Immer mehr Family Offices entdecken die Tech-Szene. Über die vergangenen fünf Jahre investierten sie über fünf Milliarden US-Dollar in europäische Risikokapitalfonds. Auch die großen Unternehmen gehören in Europa zu den wichtigen Tech-Investoren. Sie versprechen sich nicht nur Rendite, sondern auch digitales Know-How und Innovationen für ihr Kerngeschäft. Noch mehr als diese beiden Gruppen investierten nur noch die staatlichen Behörden. Zurückhaltend sind dagegen die Pensionfonds. In den vergangenen fünf Jahren investierten sie nur 1,7 Milliarden Dollar in europäisches Risikokapital. Europäische Pensionsfonds verwalten insgesamt ein Vermögen von vier Billionen Dollar. 

Stattdessen investierten die Pensionsfonds im selben Zeitraum mehr als 75 Milliarden US-Dollar in klassische Private-Equity-Fonds. Das gilt auch für Deutschland: Nur 1,7 Prozent des investierten Wagniskapitals in der DACH-Region stammte in den vergangenen fünf Jahren von Pensionsfonds, 17,5 Prozent kam von Privatpersonen und Family Offices. Tom Wehmeier, Partner bei Atomico und Autor des Reports kommentiert den Befund wie folgt: „Wir müssen die Finanzierungslücke schließen, die bei institutionellen Investoren herrscht. Wenn Pensionsfonds ihre Investitionen neu ausbalancieren, weg von alten Industrien hin zu bahnbrechenden Technologien, können sie die Teilhabe an den Gewinnen der europäischen Tech-Branche demokratisieren.“

Talente

Wichtiger als Geld sind die Talente: Als wichtigsten Grund dafür, optimistisch zu sein, gaben die meisten Befragten in der Umfrage an: Die Leute, die das Tech-Ökosystem in Europa ausmachen. Es gibt inzwischen 5,7 Millionen professionelle Entwickler in Europa, 200.000 mehr als 2017. In den USA sind es nur 4,4 Millionen. 

Allem Jammern zum Trotz: In Deutschland wächst die Anzahl der Tech-Arbeitskräfte jährlich um vier Prozent. Zum Vergleich: Das Wachstum liegt in Frankreich bei 7,3 Prozent und in Großbritannien bei 3,3 Prozent. In Deutschland gibt es dem Report zufolge sogar mehr professionelle Entwickler als anderswo in Europa, nämlich 851 000. In Großbritannien sind es 830 500, in Frankreich 491 800. 

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55 Prozent der Gründer von Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern berichten laut Umfrage, dass es leichter wird, erfahrene Arbeitskräfte zu finden - ein Zeichen dafür, dass die Tech-Szene erwachsen wird. Gleichzeitig aber stimmen 54 Prozent der These zu, dass der Wettbewerb um die besten Talente in den vergangenen zwölf Monaten zugenommen hat.  

Deutschland, so mutmaßen die Autoren, profitiert von der Unsicherheit in Bezug auf den Brexit. So ist Deutschland bei den Umzügen der internationalen Tech-Elite laut Report die Top-2-Destination hinter Großbritannien - und der Abstand wird immer kleiner (siehe Grafik). Bei den innereuropäischen Umzügen liegen beide Standorte bereits gleichauf. 

Als wichtige Quelle für Talente werden in dem Report die Universitäten hervorgehoben. Europa sei ein „Research Powerhouse.“ In Europa befänden sich 14 der Top 50 Tech-Universitäten der Welt, inklusive fünf der Top 10. „Europa ist eine Fabrik für Weltklasse-Tech-Talente“, heißt es in dem Report. Ausgerechnet hier schneidet Deutschland weniger gut ab.

So ist in der Liste der zehn Universitäten, deren Studenten die meisten europäischen Start-ups gegründet haben, mit Harvard zwar auch eine US-Uni vertreten - aber keine einzige deutsche Hochschule (Ausnahme ist die paneuropäische ESCP, die zwar ihren Hauptsitz in Berlin hat, aber in Paris gegründet wurde). 

Tech-Föderalismus

Anders als in anderen europäischen Ländern, konzentriert sich in Deutschland nicht alles auf eine Stadt. Berlin galt lange auch als Hauptstadt der Tech-Industrie, doch das ist längst nicht mehr so, wie der Report zeigt. Zwar fließen hierzulande immer noch die meisten Investitionen nach Berlin, das Potenzial ist anderswo aber mindestens genau so groß, schreiben die Autoren der Studie. So ist Köln mit aktuell 165 900 professionellen Entwicklern Deutschlands größter digitaler Hub. Danach folgt Frankfurt mit 120 700, Berlin liegt mit 99 400 Entwicklern nur an dritter Stelle.

Die begehrten Tech-Talente arbeiten nicht nur in Start-ups, sondern sind auch in den Universitäten und in den klassischen Unternehmen zu finden. Und sie finden zunehmend zueinander. Elf deutsche Städte haben laut Report in diesem Jahr über 1000 Tech-Meetups veranstaltet. Darunter: Köln, Essen, Freiburg, Mannheim und Münster. Solche Meet-Ups, erklärt Tom Wehmeyer, seien ein wichtiger Indikator für die Entwicklung eines Tech-Standorts. Je stärker sich die Akteure untereinander vernetzten, desto höher sei der Output des ganzen Systems.

Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa: Neben den bekannten Tech-Metropolen werden sich immer mehr Städte zu Tech-Cities wandeln, prognostizieren die Autoren des Reports. 

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Diskriminierung

Diversity ist in diesem Jahr eines der Hauptthemen des Reports. Eine eigens für den Report durchgeführte Umfrage offenbart: Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist groß. Über 80 Prozent der Befragten stimmt der These zu, dass gemischte Teams gut sind für die Performance eines Unternehmens.

Und 75 Prozent der Teilnehmer denken auch, dass ihr Start-up über eine inklusive Unternehmenskultur verfügt. Dennoch gaben 46 Prozent der befragten Frauen an, im europäischen Tech-Sektor bereits Diskriminierung erlebt zu haben. In Deutschland ist der Wert mit 62 Prozent am höchsten in ganz Europa. Der am zweithäufigsten genannte Grund für Diskriminierung in der Umfrage war übrigens das Alter, gefolgt von ethnischer Herkunft. 

2018 gingen 93 Prozent aller Finanzierungen an ausschließlich männliche Gründerteams - auch diese Quote stagniert seit Jahren. Gemeinsam wollen die Initiatoren des Reports auf der Tech-Konferenz Slush, die heute in Helsinki beginnt, einen Leitfaden vorstellen für mehr Vielfalt in der Tech-Industrie. 

Niklas Zennström, der Gründer von Skype und Gründungspartner von Atomico, begründet die Notwendigkeit wie folgt: „Die Europäische Risikokapitalindustrie verpasst Renditen, weil es uns an Vielfalt mangelt. Start-ups haben eine schlechtere Performance, weil es ihnen an Vielfalt mangelt. Vielfalt nicht nur in Bezug auf das Geschlecht, sondern auch auf Herkunft, Rasse, Ethnie, physische und kognitive Besonderheiten. Das ganze Ökosystem ist herausgefordert, wenn sich etwas ändern soll.“ 

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