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03.08.2022

14:11

Streaming

Warum der kostenlose Streamingdienst „Freevee“ keine echte Alternative zu Amazon Prime ist

Von: Florian Kolf, Michael Scheppe

Der Online-Riese zeigt hierzulande erstmals Filme und Serien gratis. Das hängt auch mit der drastischen Preiserhöhung für den Abodienst Amazon Prime zusammen.

Der Onlinedienst hat einen kostenlosen Streamingdienst in Deutschland gestartet. Reuters

Amazon-Logistikcenter

Der Onlinedienst hat einen kostenlosen Streamingdienst in Deutschland gestartet.

Düsseldorf Amazon hat überraschend und ohne große Ankündigung schon zum 1. August einen neuen Streamingdienst in Deutschland gestartet. Unter der Marke „Freevee“ zeigt der Online-Versandhändler kostenlos Filme und Serien, die allerdings durch Werbung unterbrochen werden.

Amazon folgt damit einem neuen Trend im Streamingmarkt. Viele Anbieter führen derzeit ein günstigeres oder kostenloses, werbefinanziertes Abomodell ein. In Zeiten steigender Preise wollen die Unternehmen damit Kunden weiter an sich binden, denen ein Standardabo zu teuer ist.

Offenbar hat Amazon Sorge, durch die deutliche Preiserhöhung beim Abodienst Amazon Prime zu viele seiner weltweit aktuell 200 Millionen Kunden zu verlieren. Die Gebühr für die Nutzung steigt in Deutschland ab dem 15. September um etwa 30 Prozent von bisher 69 Euro auf knapp 90 Euro pro Jahr. Neben den Werbeunterbrechungen bietet die kostenlose Alternative Freevee aber nicht nur deutlich weniger Videoinhalte.

Kunden bekommen anders als bei Amazon Prime auch keinen Musikstreamingdienst oder Vorzüge bei der Bestellung von Waren, wie eine schnellere Lieferung. Freevee ist ein reiner Videodienst. Ein Amazon-Sprecher verspricht einen Mix aus eigenen Produktionen, externen Filmen und Serien, die über Lizenzen im Portfolio seien. Perspektivisch sollen auch lineare TV-Kanäle hinzukommen. Eine Zielmarke für Amazon-Freevee-Kunden in Deutschland nannte der Konzern nicht. In Amerika und Großbritannien war Freevee bereits verfügbar, der Start in Deutschland wurde für das laufende Jahr erwartet.

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    Amazon Freevee ist über die Prime-Video-Website zu erreichen und auch in den entsprechenden Handy- und Smart-TV-Apps verfügbar. Nutzer müssen sich nur mit einem kostenlosen Amazon-Konto einloggen. Derzeit zeigt der Dienst bei 30-minütigen Serienepisoden zwei Werbeclips von je 30 Sekunden Länge. Das ist deutlich weniger Werbung als im klassischen linearen Fernsehen.

    Auch Netflix und Disney planen Tarife mit Werbung

    Selbst Branchenprimus Netflix hatte zuletzt angekündigt, einen weiteren Tarif einführen zu wollen, der im Gegensatz zum Standardtarif werbefinanziert ist. Der US-Konzern hatte sich lange dagegen gewehrt, reagiert damit aber auf ein sich zusehends abschwächendes Wachstum.

    Im ersten Halbjahr 2022 hatte Netflix weltweit über eine Million Kunden verloren. Bei Netflix soll die Werbevariante Anfang 2023 in ausgewählten Ländern anlaufen. Disney plus plant ein Werbeabo zunächst in den USA, im kommenden Jahr dann auch international.

    Der werbefinanzierte Streamingdienst ist im August in Deutschland gestartet. dpa

    Logo von Amazon Freevee

    Der werbefinanzierte Streamingdienst ist im August in Deutschland gestartet.

    Amazon begründete die starke Preiserhöhung für Prime neben der Inflation auch damit, dass man das Videoangebot deutlich ausgebaut habe. Teile davon gibt es nun kostenlos zu sehen, wenn auch in deutlich abgespeckter Form. Das könnte Prime-Kunden gerade nach der deutlichen Preiserhöhung durchaus verärgern.

    Was Amazon zugutekommen könnte: Viele deutsche Kunden schätzen Prime in erster Linie wegen der Vergünstigungen beim Shopping. So gibt es nicht nur schnellere und zum Teil kostenlose Versandmöglichkeiten, sondern auch spezielle Sonderangebote für Prime-Kunden, etwa am sogenannten Prime Day.

    Deutsche würden schon für Nutzung der Amazon-Plattform zahlen

    Wie hoch die Zahlungsbereitschaft unter deutschen Amazon-Kunden grundsätzlich ist, dokumentiert eine Studie, die das Handelsforschungsinstitut IFH im vergangenen Jahr durchgeführt hat. In einer Umfrage gaben Amazon-Kunden an, dass sie bereit wären, allein für die Nutzung der Amazon-Plattform zwischen elf und 15 Euro zu bezahlen. Dabei waren zusätzliche Prime-Leistungen noch gar nicht eingeschlossen.

    Amazon werde von immer mehr Kunden als systemrelevant im deutschen Handel gesehen, urteilte E-Commerce-Expertin Eva Stüber vom IFH. „Mit dem Prime-Programm schaffen sie es herausragend, Kundinnen und Kunden an die Plattform zu binden“, so Stüber. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass gerade in Deutschland viele Kunden trotz der Preiserhöhung weiter bereit sind, für Prime zu zahlen.

    Ob Amazon Freevee ein Erfolg wird, steht also nicht fest. Zwar ist in den USA die durchschnittliche Zahl der Streamingabos pro Haushalt nach Daten des Marktforschers Kantar von 3,1 zu Beginn des Jahres 2021 auf zuletzt 4,8 gestiegen – hauptsächlich getrieben durch günstigere Werbeabos. Doch eine Studie der Strategieberatung Simon, Kucher & Partners zeigt auch: Die Bereitschaft, Werbung in Streamingdiensten zu akzeptieren, ist in Deutschland so gering ausgeprägt wie in kaum einem anderen Land.

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