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22.05.2019

11:01

Krankenhaus-Rating-Report

2025 droht die Krise: Fast jede fünfte deutsche Klinik insolvenzgefährdet

Von: Maike Telgheder

Deutschlands Krankenhäuser erleben eine Insolvenzwelle. Das liegt nicht nur daran, dass die Zahl der stationären Patienten sinkt. In vielen Regionen gibt es Überkapazitäten.

Bis 2025 soll fast jede fünfte Klinik insolvenzgefährdet sein Brand X Pictures/Getty Images

Leere Krankenhausbetten

Viele Krankenhäuser haben finanzielle Probleme.

Frankfurt Paracelsus, DRK-Kliniken, Via Salus – die deutsche Krankenhausbranche hat in den vergangenen Monaten einige Insolvenzen erlebt. Und es wird wahrscheinlicher, dass weitere Kliniken zahlungsunfähig werden.

Denn die wirtschaftliche Lage der Häuser verschlechtert sich zusehends, wie der aktuelle Krankenhaus-Rating-Report zeigt. Dafür wurden die Jahresabschlüsse von 877 Kliniken aus den Jahren 2016 und 2017 analysiert.

Demnach verbuchten rund 28 Prozent der Kliniken einen Jahresverlust. Zwölf Prozent der Häuser sind laut den Zahlen in erhöhter Insolvenzgefahr, das sind doppelt so viele wie im Vorjahr.

Branchenweit sind die Erträge der Kliniken gesunken, auch weil die Zahl der stationären Fälle zurückgegangen ist. Das durchschnittliche Jahresergebnis im Jahr 2017 betrug 1,7 Prozent der Erlöse nach 2,2 Prozent im Vorjahr. Zahlen für 2018 liegen bisher erst von wenigen Betreibern vor.

„Das Gesundheitssystem steht vor einem echten Wendepunkt“, sagte Studien-Mitautor Sebastian Krolop, Vorstandsmitglied bei der gemeinnützigen amerikanischen Organisation HIMSS, die sich der Verbesserung der Gesundheitsversorgung widmet. „Aufgrund der demografischen Entwicklung werden wir in den kommenden Jahren noch einen leichten Anstieg der Patientenzahlen erleben“, sagte Krolop.

Diesem Trend stünden aber die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft sowie die Tatsache gegenüber, dass sich Patienten zunehmend in ambulanter Behandlung befänden.

„Deutlich mehr Fälle von Zahlungsunfähigkeit“

Wird der Status quo fortgeschrieben, sollen bis 2025 etwa 18 Prozent der Kliniken stark insolvenzgefährdet sein. Wenn es für die Branche schlechter läuft, also die Fallzahlen weniger zunehmen und die Löhne steigen, könnten sogar 40 Prozent der Kliniken in den roten Bereich der erhöhten Insolvenzgefährdung geraten, so die Prognose.

Grafik

Die Entwicklung, die der Krankenhaus-Rating-Report aufzeigt, kann Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Rainer Eckert aus seiner praktischen Arbeit nur bestätigen. „Die Zahl der Insolvenzen nimmt quer über alle Trägergruppen zu. Wir sehen deutlich mehr Fälle von Zahlungsunfähigkeit als noch als vor Jahren. Allein unsere Kanzlei hat in den vergangenen fünf Jahren 14 Insolvenzverfahren mit mehr als 40 Kliniken verwaltet“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Der Markt hat in vielen Regionen Überkapazitäten, die Möglichkeiten, durch eine Steigerung der Behandlungen zu wachsen, werden durch staatliche Regulierung begrenzt. Die Länder, die eigentlich die Investitionen der Kliniken tragen sollen, kommen dieser Verpflichtung nicht in ausreichendem Maße nach.

Zudem sind die Strukturen in vielen Regionen ungünstig. Es gibt immer noch viele kleine Einheiten und eine geringe Spezialisierung der Kliniken – Faktoren, die die Insolvenzgefahr begünstigen.

Stationäre Patientenzahlen sind rückläufig

Der Krankenhaus-Rating-Report analysiert zum 15. Mal in Folge die Lage der Branche. Die untersuchten Krankenhäuser stehen für rund 70 Prozent der Umsätze im Krankenhausmarkt.

Der Report wurde gemeinsam vom RWI-Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung, dem Institute for Healthcare Business (hcb) und der HIMSS in Kooperation mit Deloitte erstellt. Die Analyse bezieht sich auf Abschlüsse der Jahre 2016 und 2017.

An der grundsätzlichen Lage der Branche hat sich 2018 aber nichts geändert, die stationären Patientenzahlen sind weiter rückläufig, so die Einschätzung von Thomas Lemke, Sana-Chef und Vizepräsident im Vorstand der Deutschen Krankenhausgesellschaft.

Nur weil mehr schwere und damit höher vergütete Fälle behandelt worden seien, dürfte der Umsatz der Branche 2018 insgesamt um knapp zwei Prozent gestiegen sein, sagte er dem Handelsblatt. Die deutsche Krankenhausbranche steht laut Statistischem Bundesamt für einen Umsatz von rund 95 Milliarden Euro. Die Zahl der Kliniken liegt bei 1940, rund 150 Kliniken weniger als noch vor zehn Jahren.

Mehrheit der Krankenhausfälle sind ambulante Fälle

Erstmals hat der Report das ambulante Geschehen an Krankenhäusern untersucht. Etwa 70 Prozent der 69 Millionen Krankenhausfälle pro Jahr sind ambulante Fälle. Viele Krankenhäuser unterhalten Privat-, Notfallambulanzen, Ambulanzen für vor- und nachstationäre Versorgung.

Die im Krankenhausmarkt bestehende Trennung von stationärer und ambulanter Versorgung werde diesen Veränderungen nicht mehr gerecht, zeigen die Autoren des Rating-Reports auf: „Wir brauchen neue sektorenübergreifende Vergütungsmodelle“, sagt RWI-Gesundheitsexperte Boris Augurzky.

Auch neue regionale Konzepte sind gefragt. So schlägt der Experte vor, dass sich Krankenhäuser hin zu Gesundheitsunternehmen entwickeln, die die Gesamtverantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung in ihren Regionen übernehmen.

Einige Klinikträger haben diese strategischen Optionen bereits erkannt und wollen sich entsprechend regional auch durch Zukäufe positionieren. Rechtsanwalt Rainer Eckert beobachtet jedenfalls ein hohes Übernahmeinteresse an den Insolvenzen, die er verwaltet.

HIMMS-Manager Sebastian Krolop geht zudem davon aus, dass sich die Branche auch durch kreative Disruption verändern wird: „Individualisierte, personalisierte und digitalisierte Medizin mit den Patienten und deren Gesundheit im Mittelpunkt werden heute Strukturen aufbrechen und teilweise obsolet machen“, erwartet er. Allgemeine, stationäre Einrichtungen würden an Bedeutung verlieren und durch hochspezialisierte Einrichtungen ersetzt werden“, so Krolop.

Mehr: Viele Finanzprobleme von Krankenhäusern sind hausgemacht, sagt Experte Rainer Eckert. Im Handelsblatt-Interview erklärt er, was in Kliniken falsch läuft.

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