MenüZurück
Wird geladen.

13.12.2018

21:50

Wer 2018 verstarb

Abschied von großen Personen aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft

Karl-Erivan Haub, George und Barbara Bush, Winnie Mandela: Die Liste der Persönlichkeiten, die der Welt fehlen werden, ist auch 2018 zu lang.

Polaris /Studio; Tom Rathmann

Karl-Erivan Haub: Ihm ging es um die große Linie

Bei meinem Freund „Charlie“ denke ich insbesondere an drei Eigenschaften, die den Menschen und Unternehmer Karl-Erivan Haub ausmachten.

Zunächst die Hartnäckigkeit und Bestimmtheit, mit der Haub seine einmal ins Auge gefassten Ziele beharrlich verfolgte. Nach der Übernahme der Verantwortung bei der in schweres Fahrwasser geratenen Firmengruppe seines Vaters hatte er – auch indem er dem Rat erfahrener Unternehmer von außen vertraute – schnell erkannt, dass die aus einer Vielzahl von über Jahrzehnte zusammengekauften Firmen bestehende Gruppe ohne einschneidende Veränderungen nicht überlebensfähig war.

Es musste radikal umgebaut werden, dies setzte er in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit seinem Vater durch. Es gelang ihm am Ende gemeinsam mit seiner Mutter Helga auch, trotz des Disputs die Einheit der Familie zu erhalten und gleichsam die unternehmerisch notwendigen Dinge zu tun. In einem Kraftakt, bei dem auch die Kreditgeber überzeugt werden mussten, gelang der Turnaround.

Der Vater beklagte jedoch fürderhin, dass sein Sohn alle die schönen Waggons, die er über Jahrzehnte an den Tengelmann-Zug angehängt hatte, einen nach dem anderen wieder abhängen würde. Diese anklagende, melancholische Haltung seines Vaters belastete Karl-Erivan, ich vermute bis zu seinem Lebensende. Aber er hatte die Unterstützung seiner beiden Geschwister Christian und Georg sowie seiner geliebten Mutter Helga errungen, und gemeinsam setzte das Team die weiteren Schritte um.

Der letzte große Akt des Umbaus war der Verkauf des früheren Herzstücks der Handelsaktivitäten im Lebenseinzelhandel, die Läden der Tengelmann-Gruppe. Er hätte dies sicher schon früher getan, aber dem Vater zuliebe hielten die Brüder Christian und Karl-Erivan – Christian war CO-CEO geworden – lange an diesem Verlustbringer fest.

Als es nicht mehr ging, hatten viele andere Händler bereits ihre Unternehmen an die Branchenriesen verkauft, sodass es jetzt nur mit Zustimmung des Kartellamtes ging. Als diese verweigert wurde, kämpfte er mit größter Beharrlichkeit um die Ministererlaubnis. Die meisten Beobachter dachten, dass dies ohne Erfolg bleiben würde – sie irrten. Diese Geschichte ist allseits bekannt.

Patrick Adenauer und Karl-Erivan Haub, beide Jahrgang 1960, kannten sich seit fast 30 Jahren. Die beiden in Köln lebenden Familien sind eng befreundet. Haub und Adenauer assoziierten als jeweilige Präsidenten die Vereine „Family Business Network International e.V.“ (FBN) und „Die Familienunternehmer e.V. „ und waren seither wechselseitig Vizepräsident des anderen. Polaris /Studio; Tom Rathmann

Über den Autor

Patrick Adenauer und Karl-Erivan Haub, beide Jahrgang 1960, kannten sich seit fast 30 Jahren. Die beiden in Köln lebenden Familien sind eng befreundet. Haub und Adenauer assoziierten als jeweilige Präsidenten die Vereine „Family Business Network International e.V.“ (FBN) und „Die Familienunternehmer e.V. „ und waren seither wechselseitig Vizepräsident des anderen.

Die zweite Eigenschaft, die Haub auszeichnete, war ein Auge für unternehmerische Talente und Entwicklungen. Er erkannte beispielsweise die Fähigkeiten von Stefan Heinig und ermöglichte ihm in Partnerschaft die Gründung von Kik und später Tedi, zwei großen Erfolgstorys.

Mit der gleichen Weitsicht erkannte er die Bedeutung der Digitalisierung und investierte als einer der Ersten bei Zalando und Co. Dabei wiederum vertraute er auf die Fähigkeiten der Gebrüder Samwer. Aus dem Händler, der er vielleicht nie gewesen ist, wurde ein in der Wolle gefärbter Entrepreneur, der Neues anging und, wo nötig, Altes hinter sich ließ.

Karl-Erivan Haub handelte im Grunde seines Herzens nach dem Motto „leben und leben lassen“. Ihm ging es um die große Linie. So dachte er nicht nur an das Erbe im Sinne eines Vermögens, das es im Goethe’schen Sinne zu erwerben galt, um es zu bewahren.

Er dachte auch an das Erbe, das die Gründungsväter dieser Republik uns hinterlassen hatten: die Soziale Marktwirtschaft. Erbe und Auftrag zugleich! Die Geschichte der Bundesrepublik ist auch eine Geschichte der Familie Haub, die zu deren Erfolg ihren Teil beigetragen hat.

Ein Streiter für den Umweltschutz

Darin war sein Engagement für die Allgemeinheit begründet, sein Bemühen um Ausgleich, seine Sorge um das Wohl der Mitarbeiter – und viele wohltätige Dinge, um die er nicht viel Aufhebens machte, sondern sie einfach umsetzte. Dies ist die dritte Eigenschaft, die ich hier herausstelle: seine Menschlichkeit.

Als Präsident des Family Business Network (FBN) Deutschland und später als weltweiter Chairman setzte er sich für die Belange der Familienunternehmen ein, des deutschen Erfolgsmodells schlechthin. So warb er aus Überzeugung für den Familienunternehmerkapitalismus als nachhaltige und den Menschen zugewandte Unternehmensgattung, aus eigener Erfahrung wohl wissend, welche inhärenten Probleme damit verbunden sind.

Schon früh hatte sich sein Vater für die Fragen des Umweltschutzes interessiert und als Vorreiter nicht nachhaltige Produkte aus seinem Sortiment verbannt. Das übertrug sich auf den Sohn. Sein Leinenjutebeutel mit Tengelmann-Umweltfrosch und -Schildkrötenlogo war legendär. Wenn er damit zum Abendessen bei der Kanzlerin auftauchte, verstand jeder auf Anhieb die Jute-Botschaft. Er war ein früher Verfechter von Energiewende und Elektromobilität – hier konnte man herrlich mit ihm streiten.

Die sich mit seinem zunehmenden Erfolg für ihn und seine Familie ergebenden Möglichkeiten wusste er zu nutzen, blieb aber trotzdem auf dem Boden. Und wenn es nötig wurde, ließ er sich auch von seiner Familie wieder auf den Boden zurückholen. Bei seiner geliebten Frau und seinen Kindern fühlte er sich geborgen. Seinen langjährigen Freunden war er eng verbunden und konnte ausgiebig mit ihnen feiern.

Die Freude an der Schöpfung war Karl-Erivan Haub in die Wiege gelegt. So verbrachte er viele Wochen in und auf den Bergen aller Kontinente mit seiner großen Leidenschaft, dem Bergsteigen und dem alpinen Skiwandern. Die Einsamkeit suchte er als Ausgleich für die zunehmende Hektik im Geschäft.

Besonders liebte er die Zermatter Bergwelt, die er seit den Studienzeiten in Sankt Gallen mit seinen Schweizer Freunden durchstieg. Dieser Leidenschaft nachgehend, gilt er seit dem 7. April als verunglückt und liegt seither tief im Gletschereis an seinem geliebten Matterhorn begraben, dem Berg, den er mehrfach bestiegen hatte. Sein unternehmerischer wie gesellschaftlicher Auftrag bleibt für seine Familie wie für uns alle. Patrick Adenauer

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×