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21.10.2022

11:28

Alternativen zu Gas

Warum die Umstellung für Unternehmen so schwierig ist

Von: Kevin Knitterscheidt, Anja Müller, Michael Scheppe, Katrin Terpitz

Aus Angst vor einem Gas-Lieferstopp rüsten viele Unternehmen um. Doch bürokratische Hürden, Materialknappheit und lange Lieferzeiten machen den Fuel Switch zum Geduldsspiel.

Gasspeicher dpa

Rohrleitungen eines Gasspeichers

Zahlreiche Firmen in Deutschland versuchen gerade fieberhaft, ihre Produktion von Gas auf andere Energieträger umzurüsten.

Düsseldorf Für den Textilhersteller Spandauer Velours aus Lichtenstein in Sachsen zählt jeder Tag. Um die Produktion zu sichern, will der Mittelständler die Hälfte des eigenen Gasverbrauchs von drei Millionen Kilowattstunden im Jahr auf Flüssiggas umstellen. Doch das kostet viel Geld – und noch mehr Geduld.

Seit Juni hat der industrielle Großverbraucher Unterlagen für den Bauantrag zusammengestellt. „Einen ganzen Aktenordner“ hätten die Behörden vor wenigen Wochen erhalten, sagt Geschäftsführer Steffen Martin. Normalerweise dauere die Bearbeitung sechs Monate, so die Erfahrung der beauftragten Firma, die den Sachsen mehrere Erdtanks, Leitungen und einen Verdampfer für Flüssiggas einbauen soll.

Der sollte eigentlich schon im Oktober vom Hersteller geliefert werden. „Die Auslieferung des Verdampfers wurde aber auf Februar verschoben, weil die Nachfrage so groß ist und Teile fehlen“, sagt Martin. Der Firmenchef ärgert sich über die Verzögerungen. „Ab Januar greift für uns die Gaspreisbremse, aber nur für 70 Prozent des Vorjahresverbrauchs. Wenn wir nicht bald auf günstigeres Flüssiggas umstellen können, zahlen wir kräftig drauf.“

Alternativen zu Gas: Der Fuel Switch wird zum Geduldsspiel

Zahlreiche Firmen in Deutschland versuchen gerade aus Sorge vor hohen Gaspreisen und einem möglichen Gas-Lieferstopp, ihre Produktion auf andere Energieträger umzurüsten. Im Fachjargon nennt man das einen „Fuel Switch“ – auf Öl, Flüssiggas (LPG), Kohle, Holz, Photovoltaik oder Windkraft.

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    In der Praxis stoßen viele Unternehmen mit ihren Bemühungen vom knappen Gas wegzukommen allerdings auf bürokratische Hürden. Zudem machen knappes Material, fehlende Fachkräfte und lange Lieferzeiten den Umbau der Energieversorgung zum Geduldsspiel.

    „Seit die Bundesregierung die Alarmstufe des Notfallplans Gas ausgerufen hat und die Bundesnetzagentur die Unternehmen nach ihrem Energiebedarf befragt hat, hat das Thema Fuel Switch schnell an Intensität zugenommen“, sagt Hauke Dierks, Referatsleiter Umwelt und Rohstoffpolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

    Auch viele Dax-Konzerne stellen auf andere Energieträger um, zeigte zuletzt eine Handelsblatt-Umfrage. So setzt der Autozulieferer Continental seit August etwa auf Öl und Flüssigerdgas aus LNG-Lieferungen. Der Konzern plant seinen Gasverbrauch um 20 Prozent zu reduzieren. Auch Henkel, Covestro, Qiagen, Siemens Healthineers oder Symrise versuchen, sich so unabhängiger vom Gas zu machen.

    Flüssiggas und Öl: Strenge Vorgaben für den Umstieg aus Alternativen zu Gas

    Da dezentral in Tanks gelagertes Flüssiggas wie Propan oder Butan explosiv und das schwere Heizöl wassergefährdend ist, müssen die Unternehmen dabei strenge gesetzliche Vorgaben beachten. Oft entscheiden die Immissionsschutzbehörden über die Anträge. Doch die arbeiten aus Sicht vieler Firmen zu langsam.

    So sind beim DIHK viele Beschwerden eingegangen: Die Genehmigungsverfahren der Ämter seien zu langwierig, sie verlangten komplizierte Anträge und zahlreiche Gutachten. Zudem müssten viele Betriebe auch bei alten Brennern oder stillgelegten Tankanlagen neue Bau- und Umweltstandards nachweisen.

    Bisher mussten Unternehmen formell sieben Monate warten, bis ihr Antrag genehmigt wurde, in der Praxis dauerte es häufig ein Jahr oder länger. In der Zwischenzeit können durch die hohen Gaspreise für die Unternehmen vermeidbar hohe Kosten anfallen.

    Fuel Switch: Inbetriebnahme auch ohne Genehmigung

    Im Rahmen des dritten Entlastungspakets hat die Regierung Anfang September begonnen, die Prozesse zu beschleunigen und zu vereinfachen. Nun können Behörden den Firmen erlauben, die Anlagen auch ohne endgültige Genehmigung gleich nach Antragstellung in Betrieb zu nehmen. So dürfte sich die Wartezeit auf Tage bis Wochen verringern, sagt DIHK-Experte Dierks. „Es besteht für Unternehmen aber das Restrisiko, dass sie die Anlagen wieder außer Betrieb nehmen müssen, falls es keine Genehmigung gibt.“

    Außerdem können Unternehmen für die Dauer der Gasmangellage von den strengen Umweltstandards abweichen. Die Ausnahme dafür erhalten sie auf Antrag auch ohne langwieriges Genehmigungsverfahren von der Behörde.

    Dierks berichtet von vielen Unternehmen, die keinen Fuel Switch durchgeführt hätten, weil ihnen die Regularien zu kompliziert gewesen seien. Die jüngsten Erleichterungen könnten diesen Firmen helfen.

    Alternative zu Gas: Schütte und Weidmüller rüsten auf Flüssiggas um

    Der Kölner Maschinenbauer Schütte etwa hat diese Gesetzesänderung genutzt und auf LPG umgerüstet. Die Übergangslösung muss nicht genehmigt werden. Carl Martin Welcker, geschäftsführender Gesellschafter bei Schütte, hat einen Propangastank auf dem Firmengelände installieren lassen. „Damit könnten wir eine Reduktion der Gaslieferungen eine Zeitlang kompensieren“, so der Unternehmer. Wenn die Anlage denn laufen würde.

    Derzeit wartet Welcker auf einen Verdampfer, um das im Tank gespeicherte Flüssiggas im Notfall überhaupt verwenden zu können. Wann er das fehlende Bauteil erhält, ist ungewiss. „Wir wissen nur, dass der geplante Liefertermin nicht eingehalten wurde.“

    Der Maschinenbauer ist darauf angewiesen, seine Hallen konstant mit Gas zu beheizen. Denn das Familienunternehmen produziert sogenannte Mehrspindelautomaten – Hochpräzisionsmaschinen, die Bohrlöcher müssen auf Hundertstel Millimeter genau sitzen. Sind die Temperaturunterschiede während der Produktion zu hoch, können sich große Metallbauteile verziehen.

    Grafik

    Schon im Dezember 2021 musste sich Helene Derksen-Riesen, Executive Vice President Corporate Development and Real Estate beim Verbindungstechnikhersteller Weidmüller, mit der Suche nach einem neuen Energielieferanten auseinandersetzen. Ihr Gaslieferant teilte damals mit, dass er die Versorgung aufgrund der aktuellen Marktlage nicht sicherstellen könne. „Das war für uns ein Schock und kam total überraschend“, so Derksen-Riesen. Innerhalb weniger Tage koordinierte das Unternehmen daraufhin ein Team, das sich mit der Suche nach einem alternativen Lieferanten und der Erarbeitung von Notfallplänen für Strom und Gas beschäftigte.

    Als sich die Lage nach dem Kriegsausbruch im Februar weiter verschärfte, kam das Thema Fuel Switch dazu. Mittlerweile sei das Unternehmen auf LPG umgestiegen, derzeit würden die neuen Anlagen angeschlossen. Auf dem Weg dorthin musste das Unternehmen allerdings einige Hürden nehmen.

    Gas: Umstieg auf Alternativen besonders schwer für Unternehmen in der Stadt

    „Es ist extrem schwierig derzeit, überhaupt an entsprechende Anlagen zu kommen“, so die Managerin. Hinzu komme ein Fachkräftemangel: „Selbst, wenn ich die Anlage und die nötige Technik dastehen habe, bekomme ich keine Dienstleister, die das kurzfristig installieren können.“ Das alles zusammenzuführen, sei eine große Herausforderung. „Wir haben im Sommer glücklicherweise den letzten LPG-Tank kaufen können, den wir noch auf dem Markt gefunden haben.“

    Besonders schwierig ist es für Unternehmen, die mitten in der Stadt wirtschaften. Etwa für die Königliche Porzellan Manufaktur (KPM) im Herzen Berlins, in der Nähe des Tiergartens. Bislang setzt das Unternehmen auf Gas, Fernwärme und Strom und hat den eigenen Energieverbrauch seit Kriegsbeginn bereits um zehn bis 15 Prozent gesenkt.

    Eigentümer Jörg Woltmann wartet seit zwei Jahren auf die Genehmigung einer Photovoltaik-Anlage, doch bislang gab es Einwände des Denkmalschutzes, die einer Genehmigung im Wege standen. Die Brennöfen für das Porzellan auf Öl umrüsten kann das Unternehmen nicht, deshalb prüft KPM derzeit auch, Flüssiggastanks aufzustellen. „Aber mitten in der Stadt ist das auch genehmigungspflichtig“, erklärt Woltmann. „Und sehr teuer.“

    Symrise reaktiviert alte Heizöltanks als Gas-Alternative

    Bei kleineren Heizöl- oder Flüssiggastanks müssen Unternehmen keine Genehmigung beantragen – es reicht, die Anlage von einem Sachverständigen prüfen zu lassen. Oft besitzen Firmen noch alte Heizöltanks, die sie reaktivieren. Das bedarf oft ebenfalls keiner neuen Genehmigung.

    So auch bei Symrise. Der Duft- und Aromahersteller hatte seine alten Heizkessel nicht abgebaut, als er vor ein paar Jahren von Öl auf Gas umstieg. In einem anderen Werksteil will der Dax-Konzern, der viele große Konsumgüterhersteller beliefert, bis zum Jahresende eine neue Infrastruktur für Öl aufbauen. Diese ist wegen ihrer Größe wiederum genehmigungspflichtig.

    Schlechte Erfahrungen mit den Behörden habe man nicht gemacht, sagte Nachhaltigkeitschef Bernhard Kott dem Handelsblatt. Warten muss der Konzern dennoch – und zwar auf Lieferungen: Die im Sommer bestellten Heizkessel sollen erst diesen Monat ankommen. Im Dezember soll die neue Infrastruktur dann stehen – über ein halbes Jahr, nachdem Symrise mit den Planungen begonnen hat.

    Zwischen ein und zwei Millionen Euro hat der Konzern für die Umstellung der Technik bezahlt. Dabei soll sie im besten Fall nie zum Einsatz kommen, Symrise setzt zumindest vorerst weiter auf Gas. „Es wäre viel teurer, wenn wir wegen Gasmangels ein paar Tage Produktionsstillstand haben. Die neue Öl-Infrastruktur ist Teil unserer Risikoabwägung“, sagt Kott.

    Erstpublikation: 18.10.22, 04:09 Uhr.

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