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30.11.2018

16:42

Automatisierungsspezialist

Lenze will den Ruf des „Hidden Champion“ abstreifen

Von: Anja Müller

Lenze will anorganisch wachsen – und das Image des heimlichen Weltmarktführers ablegen. Der Vorstand spricht selbstbewusst von einem aggressiven Kurs.

Vorstandschef Christian Wendler genießt seine unternehmerischen Freiheiten beim Antriebsspezialisten Lenze. Lenze

Lenze-Vorstandschef Christian Wendler

Vorstandschef Christian Wendler genießt seine unternehmerischen Freiheiten beim Antriebsspezialisten Lenze.

AerzenWer aus den Ballungszentren mit dem Auto nach Aerzen fährt, muss erst mal feststellen, dass es gemächlich über Land geht. An Paderborn und Bad Pyrmont vorbei, dann an Extertal, wo der Automatisierungs-und Antriebsspezialist Lenze nach der Grundsteinlegung mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, CDU, zurzeit ein neues mechatronisches Zentrum baut, vorüber. Schließlich erreicht man Aerzen, und damit den Hauptsitz von Lenze.

Aerzen, Extertal, diese Orte sind nur wenigen ein Begriff. Doch genau von diesen beiden Orten aus, der eine in NRW, der andere in Niedersachsen, schicken sich die Unternehmerfamilie und der Vorstandschef von Lenze an, mit rund 4000 Mitarbeitern, die Welt zu erobern – und das Image des Hidden Champions abzulegen.

In seinen Memoiren beschreibt Hermann Simon, der Professor, Unternehmensberater und Erfinder des Begriffs „Hidden Champion“ wie er einst – Ende der 1980er-Jahre – verstehen wollte, was das Exportwunder Deutschland ausmachte. Er kam darauf, dass es Unternehmen wie der Laserspezialist Trumpf, der Landmaschinenhersteller Claas aber auch der Automatisierungsspezialist Lenze waren, die kaum einer kannte, die aber sehr umtriebig nicht nur Weltmarktführer, sondern auch „frühe und muntere Globalisierer waren“.

Diese Firmen wuchsen sehr stark, hatten zahlreiche Tochtergesellschaften und waren selbst in schwierigen Märkten. „Das waren echte Champions, aber außer einigen Spezialisten kannte niemand diese Firmen“, resümiert Simon in seinen Memoiren.

Seitdem ist viel Zeit vergangen und nach einer längeren Phase, in der sich viele mittelständische Familienunternehmer geschmeichelt fühlten, wenn sie zu den geheimen Weltmarktführern gezählt wurden, beginnt ein Umdenken – auch beim Pionier Lenze.

Vorstandschef Wendler genießt seine unternehmerischen Freiheiten

Der heutige Vorstandschef Christian Wendler kam einst vom Großkonzern ABB. Als erster komplett familienfremder Manager. Wer ausgewiesene Experten und unternehmerisch denkende Manager an der Spitze eines Familienunternehmens wissen will, die ja dennoch meist keine Anteile erwerben können, muss diesen Führungskräften etwas bieten.

Wäre Lenze wirklich noch so hidden, wäre es vermutlich schwerer gewesen, einen Top-Fremdmanager nach Aerzen zu locken. Doch das Wort Fremdmanager mögen die Lenze-Gesellschafter nicht: „Er ist unser Unternehmer“, stellt Nikolaus Belling klar. Er ist Gesellschafter, Aufsichtsrat und Sohn von Elisabeth Belling, die nach dem frühen Tod ihres Mannes, das Unternehmen zeitweise führte. Vorstandschef Wendler schätzt die unternehmerische Freiheit bei Lenze, die er in Konzernstrukturen niemals gehabt hätte.

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Wendler und Belling sowie dessen Neffe Max Finger, der stellvertretende Aufsichtsratschef – also Vorstand und Familie – verbreiten Aufbruchstimmung. Dazu zählen Investitionen und Innovationen in der Region, wie jetzt in Extertal, aber auch ein stärkerer Fokus auf den Ausbau des digitalen Geschäftsmodells und auf der Position als Dienstleister und Berater.

Und es fällt im Gespräch eine Wortkombination, die in Familienunternehmen bislang höchst selten benutzt wird. Man spricht vom aggressiven Wachstumskurs. Aktuell liegt der Gewinn vor Steuern und Zinsen bei knapp 66 Millionen Euro, ein Plus von mehr als zwölf Prozent. Der Umsatz, der aktuell um mehr als neun Prozent auf 741 Millionen Euro gestiegen ist, soll bis zum Jahr 2020/2021 auf 850 Millionen klettern, Die Umsatzmilliarde hat Wendler in den nächsten Jahren fest im Blick.

Wendler will den „digitalen Wandel ganz vorn mitgestalten“. Dafür war es auch hilfreich, dass Lenze bereits im Jahr 2000 den IT- und Software-Spezialisten Encoway übernommen hat und zuletzt Logicline. Weitere Übernahmen sind nicht ausgeschlossen. Tatsächlich profitiert die gesamte Branche der Automatisierungsspezialisten von der Digitalisierung enorm, bemerkt ein Branchenexperte, also geht es auch den Konkurrenten von Lenze gut.

Die Unternehmerfamilie, mit insgesamt sechs Mitgliedern hat sich eine Verfassung gegeben, darin ist auch geregelt, wer von der Familie ins Unternehmen darf. Neben Praktika sind Familienmitglieder nur als CEO gewünscht, stellt Gesellschafter Belling klar. Und er fügt einen interessanten Gedanken hinzu. „Wenn ein Gesellschafter aus unserer Familie so gut ist, dass er oder sie Lenze führen kann, dann ist er oder sie in der Funktion als Gesellschafter noch wertvoller.“ Auch das ist ein Zeichen, wie sich Weltmarktführer wandeln.

Tatsächlich hat Lenze in den vergangenen Jahren dann doch noch im Verborgenen ziemlich viel getan, um auf dem Arbeitsmarkt kein Hidden Champion zu sein. Hermann Simon beobachtet den Wandel seiner geheimen Weltmarktführer. Der Trend habe mit zwei Märkten zu tun, dem Arbeitsmarkt und dem Kapitalmarkt. „Auf beiden ist es nicht vorteilhaft, wenn man verschwiegen ist.“ Simon empfiehlt beim Arbeitsmarkt, Leute aus der Region nach dem Studium wieder zurück zu locken. „In ihrer Region sind die Weltmarktführer ja nicht hidden.“

Laien verstehen häufig nicht, was Lenze macht

Den Fachkräftemangel, den manche Konkurrenten feststellten, spüre Lenze nicht, sagt Wendler, obwohl Aerzen nicht einmal so richtig in der Nähe der niedersächsischen Landeshauptstadt liegt. „Lenze hat bereits früh erkannt“, betont Wendler, „dass wir mittelfristig hier am Standort nicht genug Ingenieure finden werden.“

Heute werden aber auch in Aerzen viele Sprachen gesprochen. Vorstandschef Wendler findet, dass zu einer guten Unternehmenskultur gehöre, dass man die Mitarbeiter immer wieder befähigt und kontinuierlich in sie investiert. Dazu zählen Englischkurse und Weiterbildungen an regionalen Hochschulen, aber auch an renommierten Business Schools.

Bei den Ingenieuren ist Lenze eine bekannte Größe, die rund 1000 im Unternehmen forschen nicht nur zwischen Niedersachsen und NRW, sondern an insgesamt acht Standorten weltweit und zwar auf „Weltklasseniveau“, wie Finger betont. Der Gesellschafter und stellvertretende Aufsichtsratschef, der einst mit den Samwer-Brüdern Alando gründete, später an Ebay verkaufte, und heute als Investor in Berlin aktiv ist, erklärt: „So manches Berliner Start-up, das sich Tech-Start-up nennt, ist technologisch viel weniger interessant als Lenze.“

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Für den Laien aber ist nicht einfach zu verstehen, was Lenze macht. Und genau hierin liegt ein häufiges Problem der Spezies Hidden Champion. Man ist Weltmarktführer, allerdings eben in einem sehr speziellen Gebiet – oft weit weg von Verbrauchervorstellungen. In ihren Branchen aber genießen Firmen wie Lenze eine ausgesprochen hohe Reputation.

Schließlich befähigt Lenze die Smart Factory, so erklärt Wendler das Geschäftsmodell. Dazu zählt auch, dass das Unternehmen Autofabriken oder Maschinenbauer berät. Im Prinzip hat Lenze jedoch, mal von einigen Experimenten in der Gründerzeit abgesehen, „immer Fabriken modernisiert und Antriebe produziert“, sagt Belling kurz und bündig.

Sein Neffe Finger, der als Investor schon viele Präsentationen gesehen hat, ergänzt: „Einen Pitch gewinnt man vielleicht nicht, wenn man beschreiben muss, was Lenze macht – dafür sind wir zu komplex.“ Aber – die Unternehmen, die auf die Website schauten, wüssten, was sie bei Lenze bekommen.

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