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01.06.2022

06:25

Clearco

Dieses Fintech investiert in Start-ups – verlangt aber keine Anteile

Von: Anja Müller

Clearco will in Deutschland 500 Millionen Euro in Start-ups investieren. Dafür will Gründerin Michele Romanow keine Anteile, sondern am Umsatz beteiligt werden.

Die kanadische Seriengründerin will umsatzbasierte Wachstumsfinanzierung, bei der die Investoren statt Firmenanteilen Umsatzanteile erhalten, in Deutschland bekannter machen.

Michele Romanow

Die kanadische Seriengründerin will umsatzbasierte Wachstumsfinanzierung, bei der die Investoren statt Firmenanteilen Umsatzanteile erhalten, in Deutschland bekannter machen.

Düsseldorf Die meisten Start-up-Finanzierungen folgen einem klaren Muster: Investoren geben Geld, damit die jungen Unternehmen schneller wachsen können. Dafür bekommen die Investoren Anteile, die sie beizeiten wieder – am besten mit Gewinn – verkaufen. Doch nicht für jedes Start-up passt diese Art der Finanzierung.

Es gibt Gründer, die keine Anteile abgeben wollen. Und andere, die von klassischen Investoren meist gar nicht finanziert werden, weil sie an den falschen Standorten starten, an den falschen Unis studiert haben, einen Migrationshintergrund haben oder schlicht, weil sie kein Mann sind.

Diese Erfahrung haben jedenfalls Michele Romanow und ihr Mitgründer Andrew D‘Souza gemacht. Um eine neue Art der Start-up-Finanzierung zu ermöglichen, haben die beiden kanadischen Unternehmer das Fintech Clearco gegründet, das am 1. Juni in Deutschland startet.

Der Ansatz der beiden Gründer beruht auf zwei Elementen: Für die Finanzierung von Start-ups verlangt Clearco keine Anteile, sondern eine Beteiligung am Umsatz. Wie hoch diese jährlich ausfällt, berechnet eine Künstliche Intelligenz. Insgesamt belaufen sich die Gebühren aber auf mindestens sechs Prozent der Finanzierungssumme.

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Standort erkennen

    Und auch bei der Auswahl der Start-ups gehen die beiden Investoren einen anderen Weg: Sie garantieren, dass die Kapitalentscheidungen von Künstlicher Intelligenz getroffen werden – Geschlecht, Herkunft, Ausbildung oder Standort der Gründer spielen keine Rolle. Allein in Deutschland will Clearco in den kommenden Jahren 500 Millionen Euro in deutsche Start-ups investieren, die sich auf E-Commerce oder Software-as-a-Service spezialisiert haben.

    „Ma'am, Sie verstehen nichts von Darlehen“

    Die Idee für eine neue Art des Start-up-Investments kam ihnen nach mehreren Absagen: „Mein Mitbegründer Andrew und ich haben mit rund 100 Leuten an der Wall Street gesprochen – und erhielten 100 Absagen, hauptsächlich von weißen Männern“, erzählt Romanow im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir konnten nicht den herkömmlichen Werdegang aufweisen, und dadurch wurde der Prozess, an Kapital heranzukommen, erschwert“, erinnert sie sich. Romanow hat ukrainische Wurzeln, ist aber in Kanada aufgewachsen. Einige Investoren hätten ihr Anliegen harsch abgelehnt, erzählt sie: „Ma'am, Sie verstehen nichts von Darlehen.“

    Die Suche nach Geldgebern habe damals unnötig viel Zeit gekostet. „Die hätten wir lieber direkt in den Aufbau des Unternehmens gesteckt“, sagt Romanow. „Die Welt ist nicht so strukturiert, dass man gute Ideen überall finanziert.“ Wer nicht die richtigen Leute kenne, nicht in Harvard oder Stanford studiert habe, bekomme kein Geld.

    Die Idee für Clearco entwickelte Romanow vor sieben Jahren, nachdem sie bereits selbst mehrere Start-ups gegründet hatte und als Investorin bei dem kanadischen Pendant zur Investorenshow „Die Höhle der Löwen“ – „Dragons‘ Den“ – saß. Romanow empfand den Preis, den Start-ups manchmal für ein paar Hunderttausend Dollar zahlten, indem sie Anteile abgaben, schon als ziemlich hoch, erinnert sie sich.

    Inzwischen haben 7000 Start-ups das sogenannte „revenue-based financing“ von Clearco genutzt, umgerechnet hat Clearco mehr als drei Milliarden Euro investiert – in Kanada, den USA, Australien, Großbritannien, Irland und den Niederlanden. Zu den Investoren zählt seit Mitte 2021 auch der japanische Technologiekonzern Softbank, der sich mit 215 Millionen Dollar an Clearco beteiligt hat.

    Die Finanzierung durch eine Umsatzbeteiligung ist hierzulande zwar nicht ganz neu, aber bislang noch wenig verbreitet. Konkurrenten wie Re-Cap haben auch namhafte Investoren wie Project A hinter sich und verfolgen ein ähnliches Modell. Und auch bei Purpose Ventures, dem Investment-Arm der Purpose-Stiftung, die sich für Verantwortungseigentum einsetzt und bewusst ohne Stimmrechte investiert, gibt es die Möglichkeit, Finanzierungen über Umsatzbeteiligungen abzuschließen. Mit Clearco kommt nun ein neuer, ein großer Spieler auf den deutschen Markt und hofft, in Europas größter Volkswirtschaft die Finanzierungsform weiter zu etablieren.

    So funktioniert die umsatzbasierte Wachstumsfinanzierung

    Bei der umsatzbasierten Wachstumsfinanzierung treten Start-ups künftige Umsatzanteile an Investoren ab. Im Unterschied zu einer normalen Kreditfinanzierung geben sie aber keine Garantien ab. Clearco legt darum bei der Auswahl der Start-ups größten Wert darauf, dass bereits ein nennenswerter Umsatz von mindestens 10.000 Euro im Monat erwirtschaftet wird. Im Gegenzug können Start-ups zugesagtes Kapital von Clearco nutzen, um Werbung zu schalten oder andere Marketingausgaben zu finanzieren. Das ist der typische Finanzierungsfall, erklärt Romanow.

    Wie wird geprüft und abgerechnet?
    Die Investoren erhalten Zugang zu den Firmenkonten und prüfen mithilfe von Künstlicher Intelligenz und Datenanalyse den Geldbetrag, der zur Verfügung gestellt werden kann, und dann auch die monatlichen Rückzahlungsbeträge. Das soll nicht nur bei Clearco, sondern laut Webseite auch beim Konkurrenten Re-Cap innerhalb von wenigen Tagen möglich sein. Die Investoren sehen im Grunde in Echtzeit, wie sich die Einnahmen des Start-ups entwickeln. Bei Clearco können Gründer Beträge zwischen 100.000 Euro und maximal 20 Millionen Euro finanzieren.

    Was sind die Vorteile?
    Wenn es um kleinere Summen geht, funktioniert die Geldbeschaffung für Start-ups relativ schnell und rein datenbasiert. Bei Clearco zählen nur die Geschäftszahlen, unabhängig vom Firmensitz oder der Herkunft oder dem Geschlecht der Gründer. Das führt dazu, dass die Hälfte der bisherigen Finanzierungen des kanadischen Fintechs weltweit auf weibliche Gründer entfällt – deutlich mehr als bei klassischen Start-up-Finanzierungen.

    Und noch eine weitere überraschende Erkenntnis hält Romanow bereit: Die Finanzierungen von Clearco konzentrieren sich nicht so stark auf die üblichen Metropolen, sondern sind auch geografisch gleichmäßiger verteilt.

    Was sind die Nachteile?
    Erstens, die Start-ups müssen sich komplett transparent machen. Sie müssen nicht nur ihre Konten bei Banken, sondern auch die bei Amazon, Shopify, Paypal, Big Commerce, Facebook, Google mit dem Anbieter vernetzen. Daher sieht der Financier alle Verkäufe, Einnahmen, Werbeausgaben. Die so erzeugten Daten münden dann in ein Zahlungsangebot. Die aggregierten Daten fließen in die Berechnungen ein, auf die die Gründer dann wieder zugreifen können.

    Zweitens müssen die Gründer das Geld ziemlich schnell zurückzahlen, bei Clearco zum Beispiel geschieht das meist innerhalb von sechs Monaten. Allerdings: Wachsen die Umsätze weniger schnell, muss bei Clearco auch weniger zurückgezahlt werden.

    Was kostet die umsatzbasierte Finanzierung?
    Die Gebühr, die Clearco erhebt, liegt bei sechs Prozent, wenn man Marketingkosten finanziert bekommen möchte. Geht es um andere Kosten, dann könne der Prozentsatz höher liegen, heißt es bei dem Fintech.

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