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07.04.2022

04:00

Coronapandemie

4,2 Millionen Infizierte: Wie die Omikron-Welle aktuell Firmen und Kliniken lahmlegt

Von: Lazar Backovic, Anja Müller, Michael Scheppe

In Kriegszeiten ist Corona in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gerückt. Unternehmen und kritische Infrastruktur leiden derzeit jedoch massiv unter Personalengpässen.

Omikron legt kleine Firmen und Kliniken lahm dpa

Pflegerin auf einer Intensivstation in Freiburg

Viele Klinken berichten von hohen Personalausfällen.

Düsseldorf Die coronabedingten Personalausfälle sind derzeit so hoch wie nie seit Ausbruch der Pandemie: An der Uniklinik Münster sind es 500 Mitarbeiter – dreimal so viele wie im Winter. Das hat Folgen: 20 Prozent der planbaren Eingriffe müssen verschoben werden, OP-Säle sind geschlossen.

Solche Engpässe erleben fast alle deutschen Krankenhäuser. 75 Prozent müssen deshalb ihr Versorgungsangebot einschränken, sagt Gerald Gaß, Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die Zahlen lägen weit über den üblichen Werten. „Teilweise wird von einer Ausfallquote von 50 Prozent auf den Stationen berichtet.“

Betriebe der kritischen Infrastruktur sind derzeit besonders von der Omikron-Welle betroffen. Doch auch in den Unternehmen machen sich die Folgen der hochansteckenden Virusvariante bemerkbar, zeigt eine Handelsblatt-Umfrage. Zwar schaffen es große Konzerne mit Hygienekonzepten in den Werken und Dauer-Homeoffice der Bürobeschäftigten, die Ausfälle größtenteils zu kompensieren.

Im Mittelstand ist die Lage prekärer: Jeder vierte kleine und mittlere Betrieb klagt über Belastungen durch pandemiebedingte Personalausfälle, zeigt eine repräsentative Studie der KfW – ein Anstieg von zehn Prozentpunkten zum Herbst. Besonders betroffen ist das verarbeitende Gewerbe, auch weil dort Heimarbeit schlechter umzusetzen ist.

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    Obwohl die Infektionszahlen zurückgehen, trifft Corona Deutschland so stark wie nie. Das Robert Koch-Institut zählt über vier Millionen aktive Infektionen – ein bisher nie registrierter Wert. Darunter sind auch viele Beschäftigte, die krank oder in Isolation sind und nicht arbeiten gehen können, zeigen Zahlen der Krankenversicherungen: Bei der Barmer sind über 50.000 Versicherte wegen Covid-19 krankgeschrieben – doppelt so viele wie im Dezember und viermal so viele wie in den ersten Pandemiewellen. Auch die AOK Nordost meldet einen doppelt so hohen Krankenstand wie im Mittel der Jahre 2019 bis 2021.

    Viele Ausfälle in Kliniken

    Besonders wirkt sich das auf die Krankenhäuser aus: „Der schlimmste Fall ist für jeden Mediziner die Triagierung“, also die Priorisierung von Patienten, heißt es vom Klinikum Braunschweig. „Zurzeit sind wir davon weniger entfernt als in den Wellen zuvor diskutiert.“ Dort fehlen sechs Prozent der Ärzte und zwölf Prozent der Pfleger. In der Berliner Charité liegt der Ausfall bei acht Prozent, im Hamburger Uniklinikum Eppendorf müssen schon länger geplante und nicht dringliche Operationen verschoben werden.

    Klagten die Krankenhäuser früher über zu viele Covidpatienten, gibt es nun Probleme mit dem eigenen Personal – gerade in Bayern. Die Uniklinik München muss auf 300 bis 500 Mitarbeiter verzichten, ein Fünftel der Betten kann nicht belegt werden. Im Klinikum Freising fällt jeder zehnte Mitarbeiter aus. Pfleger werden aus dem Urlaub zurückgeholt und Honorarärzte engagiert. „Das geht an die Substanz und Nerven aller Mitarbeiter“, heißt es. Weil in Starnberg jeder fünfte Arzt ausfällt, meldet sich die Klinik bei der Leitstelle immer wieder von der Notfallversorgung ab. Die Lage sei angespannt.

    Auch weitere Bereiche der kritischen Infrastruktur sind betroffen: Bei der Bundespolizei fehlen 3000 Beamte wegen Corona – doppelt so viele wie zu Beginn der Omikron-Welle. Bei den Feuerwehren in München und Frankfurt fallen fünf Prozent der Beamten aus, in Hamburg sieben Prozent. Hinzu kommt: Viele Einsatzkräfte können nach einer Infektion erst nach Wochen wieder Atemschutzmasken nutzen – so steigt die Belastung weiter.

    Auswirkungen in den Konzernen geringer

    Bei großen Unternehmen scheinen die Auswirkungen geringer zu sein. Zwar melden viele Firmen wie BASF, Allianz, Henkel, Brenntag, Siemens oder das B2B-Handelsunternehmen Berner derzeit mehr Infektionen. Doch es gebe nur leichte oder keine Auswirkungen auf das Tagesgeschäft, versichern Dax-Konzerne und große Familienunternehmen. Dass Omikron wie zunächst befürchtet die Wirtschaft lahmlegt, scheint sich bislang nicht zu bewahrheiten.

    Komplett gefeit sind die Konzerne aber nicht: Der Triebwerkhersteller MTU muss Mitarbeiter intern umplanen, „um punktuell auftretenden Engpässen zu begegnen“. Bei der Telekom kommt es im Außendienst mitunter zu Verzögerungen. Volkswagen hatte wegen erhöhter Inzidenzen schon im Februar einzelne Schichten eingestellt.

    Betriebe ohne Produktion haben es in der aktuellen Lage einfacher. Weil viele Omikron-Infektionen mild verlaufen, können Betroffene „üblicherweise aus dem Homeoffice arbeiten“, wie SAP mitteilt. Arbeitsrechtlich sind Beschäftigte auch dazu verpflichtet. Bei der Allianz sollen Mitarbeiter selbst entscheiden, ob sie sich bei einem milden Verlauf „fit genug fühlen, um von zu Hause zu arbeiten“. Eon hält Beschäftigte an, „auch leichte Symptome in Ruhe auszukurieren“.

    Angesichts sinkender Infektionszahlen rechnen viele Konzerne mit einer Entspannung der Situation. Sartorius, RWE, Bayer und BMW berichten, die Zahl der infizierten Mitarbeiter sei rückläufig. Krankenhäuser sind skeptischer: Die Uniklinik München befürchtet, dass aufgrund der Lockerungen der Personalausfall gleich bleibt oder weiter ansteigt. Sollte auch die Zahl der Covidpatienten nach oben gehen, „wird es für die übrigen Patienten wirklich sehr eng“.

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