Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

10.04.2022

15:25

Das Unternehmergespräch

Job-Portal für Geflüchtete: „Wir hören nicht auf, wenn der Krieg vorbei ist“

Von: Anja Müller

Willi Prettl hat mit Alexander Wittker eine Job-Plattform für Geflüchtete aufgebaut. Im Interview erklären sie, warum Unternehmen sich jetzt für die Ukraine einsetzen sollten.

„Viele Unternehmen haben mich seitdem gefragt, wie sie helfen können“, sagt Honorarkonsul Willi Prettl. Getty Images

Ukrainische Flüchtlinge an der Grenze zu Polen

„Viele Unternehmen haben mich seitdem gefragt, wie sie helfen können“, sagt Honorarkonsul Willi Prettl.

Düsseldorf Seit bald drei Jahren ist Unternehmer Willi Prettl als Honorarkonsul ehrenamtlich für die Ukraine aktiv. Seit Kriegsbeginn aber ist er mit einem Mal Anlaufstelle für Geflüchtete. Täglich landen bis zu 500 Mails in seinem Postfach, immer wieder stehen Mütter mit ihren Kindern in seinem Konsulat. Er will helfen – und hat daher gemeinsam mit JobImpulse-Chef Alexander Wittker den Aufbau der europaweiten Job-Plattform „Ukrainians Abroad“ angestoßen.

Prettl ist in dritter Generation Mitgesellschafter der Prettl-Gruppe, die unter anderem als Autozulieferer Bordnetze mit vier Standorten in der Ukraine herstellt, und auch operativ tätig. Wittker, Geschäftsführer von JobImpulse, kennt er schon lange.

Der Personaldienstleister hat zwei Standbeine: Einerseits beschäftigt das Unternehmen im Geschäftsbereich Tech Impulse rund 500 Ingenieure und IT-Fachkräfte unter anderem in der Auto- oder Luftfahrtindustrie. Zudem beschäftigt das Unternehmen weltweit rund 8000 Mitarbeitende in der Leiharbeit. Darunter waren bereits vor Ausbruch des Krieges rund 1200 Ukrainer, die in Polen tätig sind.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklären die beiden Unternehmer ihre Motivation, zu helfen, die Herausforderungen vor Ort im Detail und warum es diesmal gelingen könnte, dass Unternehmen eine entscheidende Rolle bei der Integration der Geflüchteten spielen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Prettl, bei Kriegsausbruch wollten Sie sich als Honorarkonsul der Ukraine zunächst nicht äußern. Was hat Sie bewogen, Ihre Meinung zu ändern?
    Willi Prettl: Es geht mir darum, den Geflüchteten zu helfen. Und das geht am besten, wenn wir versuchen, ihnen eine Heimat zu geben und sie schnell auch in Arbeit zu bringen. Systematisch und langfristig helfen kann man aber nur, wenn man möglichst viele Unternehmer ins Boot holt und mit einer Job-Börse die Geflüchteten mit den Unternehmern vernetzt. Deshalb spreche ich mit ihnen.

    Herr Wittker, Sie beschäftigen 1200 Ukrainer in Polen und haben eine Niederlassung im ukrainischen Lwiw. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie mehr tun wollen, als Hilfsgüter zu liefern?
    Alexander Wittker: Zunächst ging es erst einmal um die direkte Hilfe. Die Familien unserer ukrainischen Mitarbeitenden kamen direkt nach Kriegsausbruch nach Polen, unsere Mitarbeiter aber haben dort eher Single-Wohnungen, da können Sie keine ganze Großfamilie mit Haustier unterbringen. Wir haben zunächst einfach die Ankommenden mit dem Nötigsten versorgt, weitere Wohnungen gesucht und einen Hilfsfonds gegründet. Dann ist uns aber schnell klar geworden: Der Krieg dauert länger als erwartet. Da braucht es mehr als Spenden. So ist die Idee für „Ukrainians Abroad“ entstanden.

    Die Unternehmer haben enge Verbindungen zur Ukraine und wollen Geflüchteten bei der Integration helfen.

    Alexander Wittker (Mitte), Willi Prettl

    Die Unternehmer haben enge Verbindungen zur Ukraine und wollen Geflüchteten bei der Integration helfen.

    Und wie entstand die Verbindung zwischen Ihnen?
    Prettl: Wir kennen uns schon sehr lange, haben auch geschäftliche Beziehungen über die Unternehmen. Zugleich bekomme ich als Honorarkonsul täglich 300 bis 500 E-Mails von Unternehmen, kleine wie große, die gerne Ukrainer einstellen wollen. Ich bin mit dem Innenministerium in Stuttgart im Austausch.

    Viele Unternehmen haben mich seitdem gefragt, wie sie helfen können. So kamen wir zusammen. Wir müssen bei den vielen Menschen, die gerade in Deutschland ankommen, systematisch helfen und sicherstellen, dass diese nicht an unseriöse Anbieter geraten.

    Meinen Sie so etwas wie den Schlachtkonzern Tönnies, der an der ukrainisch-polnischen Grenze Geflüchtete anwerben wollte, das aber inzwischen nach Kritik wieder eingestellt hat?
    Prettl: Dazu möchte ich nichts sagen. Fakt ist, die Geflüchteten brauchen Plattformen mit Reputation und ohne Gewinnerzielungsabsicht. Dahinter sollte ein Unternehmen stehen, das sich auch im internationalen Arbeitsrecht wirklich auskennt.

    Herr Prettl, vielleicht erklären Sie einmal kurz Ihre Rolle als Honorarkonsul?
    Prettl: Bei einem Besuch einer ukrainischen Delegation vor drei Jahren fragte man mich, ob ich das Ehrenamt übernehmen wolle. Da habe ich gern zugesagt. Es gibt noch einen weiteren Honorarkonsul der Ukraine. Ich bin eigentlich für Baden-Württemberg zuständig, aber ich helfe, wo ich kann.

    Prettl war eines der ersten deutschen Unternehmen in der Ukraine

    Aber wie entstand Ihre enge Beziehung zur Ukraine?
    Prettl: Prettl war bereits vor der Unabhängigkeit 1991 eines der ersten Unternehmen in der Ukraine. Damals, Ende der 1980er-Jahre, war ich noch ein kleiner Bub und bin mit meiner Familie mitgereist – noch mit Ersatz-Benzinkanistern im Auto, weil die Versorgung damals noch nicht so weit war in der Ukraine. Seitdem war ich immer wieder dort. Privat und geschäftlich bin ich mit dem Land eng verbunden.

    Und was haben Sie bislang als Honorarkonsul bewegen können?
    Prettl: Aufgrund von Corona konnte ich leider nicht all das erreichen, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte. Es geht ja um eine Verbesserung der Wirtschaftskontakte und deutsche Firmen dort anzusiedeln. Ich wollte mitunter den Tourismus ankurbeln: Odessa gilt als das Paris des Ostens, die Schwarzmeerküste bietet viel. Das ist natürlich alles erst einmal vorbei. Seit Ausbruch des Krieges ist die Hölle los. Bei mir stehen zuweilen 15 Mütter im Konsulat, die beten, weinen oder brüllen. Sie brauchen Hilfe für sich und ihre Kinder. Das geht einem schon sehr nahe.

    Vita Willi Prettl

    Der Unternehmer

    Der 38-Jährige ist seit 2007 im eigenen Familienunternehmen aktiv. Nach dem Studium in Paris, Mailand und London startete er seine Karriere in der Autobranche unter anderem bei Bosch in Japan und Mahle in den USA. Seit 2019 ist er Honorarkonsul der Ukraine in Baden-Württemberg. Seine privaten Interessen sind Fremdsprachen und Kulturen, er lebte auch längere Zeit mit der Familie unter anderem in China und Lateinamerika. Prettl hat sich sehr für die Nachhaltigkeit in der Firmengruppe engagiert.

    Das Unternehmen

    Die 1953 von Franz W. Prettl gegründete Firmengruppe aus Pfullingen ist bewusst diversifiziert mit insgesamt fünf unabhängigen Unternehmen. Dazu gehören aber auch Marken wie Jupiter Küchenmaschinen, Endress Stromerzeuger oder Refu Wechselrichter. Seit 2019 hat die Gruppe gemeinsam mit Bosch Climate Solutions eine CO2-Strategie für die Gruppe erstellt. Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als „Ecopreneur“.

    Wie können Sie denn überhaupt helfen – von Ihrem Ehrenamt aus?
    Prettl: Die größte Unterstützung ist, ihnen eine Heimat zu geben, damit sie beispielsweise nicht in den Messe- und Sporthallen ausharren müssen. Viele wollen erst einmal hier bleiben, zunächst die Kinder in die Schulen bringen und dann arbeiten. Deshalb bin ich so froh, dass es solche Aktionen von Unternehmern gibt.

    Mehr Unternehmergespräche

    Herr Wittker, wollen wirklich viele Ukrainer in Deutschland bleiben?
    Wittker: Zunächst: Arbeiten hilft enorm bei der Integration. Aber ich denke, viele wollen auch wieder zurück, nur ist derzeit völlig unklar, wann. Wenn aber wie jetzt so viele Privatpersonen und so viele Unternehmen Hilfe anbieten, als gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe, kann man sehr viel erreichen. Nicht nur hierzulande, sondern auch auf europäischer Ebene.
    Prettl: Ich finde es toll, wenn Unternehmer wie Herr Wittker aktiv werden, sie fackeln nicht lange und machen einfach. Es geht darum, die Ukraine zu retten, das ist mein Job als Honorarkonsul.

    Sie garantieren also für die Seriosität und dass Sie kein Geschäft daraus machen?
    Wittker: Ja, wir sind ja bereits seit 2006 in der Personaldienstleistungsbranche aktiv und genau für solche Matchings über eine Plattform da. Wir haben die Ukrainisch sprechenden Mitarbeitenden auf der einen Seite und die Unternehmen unserer Kunden auf der anderen Seite. Die kennen wir lange. Und mit der Vermittlung ist es ja nicht getan, da geht es auch um Kinderbetreuung und Sprachkurse, da können schon viele Unternehmer anpacken.

    Vita Alexander Wittker

    Der Unternehmer

    Der 44-Jährige machte nach einer Berufsausbildung zum Vermessungstechniker das Fachabitur mit anschließender Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Parallel konzentrierte sich Wittker auf sein berufsbegleitendes VWL-Studium. Mit 20 Jahren gründete Wittker gemeinsam mit einem Partner seine erste Firma für die Vermittlung von IT-Freelancern in der Schweiz. Zurück in Deutschland baut Wittker die Personalberatung und den Geschäftsbereich Headhunting für einen Personaldienstleister neu auf. 2006 gründet Wittker schließlich JobImpulse.

    Das Unternehmen

    Die JobImpulse Group ist an über 50 Standorten in 13 Ländern aktiv und umfasst neben dem klassischen Personaldienstleistungsgeschäft Bereiche wie Executive Search, IT – Hardware- und Softwareentwicklung sowie Roboterverleih für Produktionsunternehmen. Das Unternehmen setzte 2021 rund 120 Millionen Euro um.

    Ist die Willkommenskultur hierzulande nur so groß wie der Fachkräftemangel?
    Wittker: Der Fachkräftemangel hierzulande mag groß sein, aber auch bei unseren Kundenunternehmen spüren wir erst einmal den Willen zu helfen. Warum sollte nicht jedes Unternehmen mit seiner Kernkompetenz dabei sein? Hinter den anderen Vermittlungsplattformen wie „UA Talents“ und „Job Aid Ukraine“ stecken auch Unternehmer. Wir wollen keinen Profit aus der Situation herausschlagen.

    Wir können nicht nur hierzulande helfen, sondern auch in Polen, der Slowakei, aber auch in Portugal oder Spanien und Ungarn. Die meisten Ukrainer kommen zwar über Polen in die EU, aber viele wollen auch weiter, zum Beispiel zu Verwandten in Portugal oder Spanien. Auch da können wir helfen, weil wir Ukrainisch sprechende Mitarbeiter und Anlaufstellen in Form von Büros haben.

    Herr Prettl, zu Ihrer Firmengruppe gehören vier Werke in der Ukraine. Wie geht es den dortigen rund 2000 Mitarbeitenden?
    Prettl: Wir haben Werke in Kamianets-Podilskyi, Chernivsti und Lwiw. Das ist im Westen der Ukraine. Die Infrastruktur ist in diesen Städten voll intakt. Strom, Gas, IT, alle notwendigen Versorgungsmedien funktionieren.

    Das heißt, sie alle arbeiten auch noch bei Ihnen?
    Prettl: Ja. Am Tag nach Kriegsausbruch haben wir unsere Mitarbeiter gefragt, ob sie arbeiten können – und über 80 Prozent kamen zur Arbeit. Aktuell sind es sogar 95 Prozent, die täglich arbeiten. Die Arbeit hilft ihnen dabei, ein Stück Normalität zu wahren – und unsere Mitarbeiter wollen zeigen, dass die Ukraine ein wichtiger Teil der Lieferkette bleibt.

    Aber wurden die männlichen Mitarbeitenden nicht eingezogen?
    Prettl: Nur sehr wenige.

    „Mit der Vermittlung ist es nicht getan.“ JobImpulse

    Hilfsaktion von JobImpulse in Lodz

    „Mit der Vermittlung ist es nicht getan.“

    Wie viel setzen Sie in der Ukraine um?
    Willi Prettl: Es sind rund 40 Millionen Euro, das entspricht 40 Prozent des europäischen Automotive-Geschäfts von 100 Millionen Euro. Der Löwenanteil ist im Bereich Automotive, vor allem die Bordnetze.

    Sie waren vor dem Krieg auch in Russland aktiv. Haben Sie sich dort zurückgezogen?
    Prettl: Wir haben dorthin alle Verbindungen gekappt.

    Wie hat sich Ihr Blick noch einmal verändert nach den Berichten aus Butscha?
    Prettl: Hofften wir vorher noch, dass es innerhalb der nächsten Wochen eine friedliche Einigung gibt, sehen wir nun eine langfristige Katastrophe.

    Die Autohersteller sind ja auf Produkte aus Ihren ukrainischen Werken angewiesen. Wie groß ist der Druck da auf Ihr Unternehmen, Herr Prettl?
    Prettl: Der Druck auf Zulieferer ist schon in den letzten Jahren insbesondere durch Corona immer größer geworden. Damit gehen wir souverän um und sehen in jedem Wandel auch eine Chance.

    „Wir sind beim Wiederaufbau der Ukraine dabei“

    Der deutsche Autozulieferer Leoni produziert ja inzwischen auch außerhalb der Ukraine. Sie auch?
    Prettl: Wir produzieren derzeit in der Ukraine eher mehr. Es gibt natürlich Notfallpläne, auch in anderen Regionen produzieren wir mehr, wir müssen uns ja darauf einstellen, dass der Krieg weitergehen könnte. Bislang ist in unseren ukrainischen Werken noch nichts passiert.

    Herr Wittker, wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie geht es weiter, werden Sie die Plattform wieder einstellen?
    Wittker: Ich sehe es als langfristiges Projekt. Auch wenn es eine Einigung gibt, wissen wir nicht, wohin die Menschen zurückkehren können, wenn die Städte zerstört sind. Wir sind gerade im Gespräch mit einer geflüchteten Ukrainerin, die aus der IT-Branche ist. Mit ihr gemeinsam wollen wir in der Ukraine ein IT-Lab aufbauen und so mit unserem zweiten Geschäftszweig – der Softwareentwicklung – auch in die Ukraine gehen. Wir hören nicht mit der Plattform auf, wenn der Krieg vorbei ist.

    Was ist Ihre Langfristperspektive, Herr Prettl?
    Prettl: Es ist frustrierend, wenn so ein Land, das sich noch im Aufbau befand, zerstört wird. Wir kämpfen dafür, dass die deutschen und europäischen Firmen beim Wiederaufbau helfen. Das ist eine große Aufgabe. Da muss man den Unternehmen das Vertrauensgefühl wieder geben, aber das kann man jetzt leider noch nicht sehen. Ich als Honorarkonsul und auch unser Unternehmen sind beim Wiederaufbau der Ukraine dabei.

    Würden Sie es befürworten, dass man hierzulande auf russisches Gas verzichtet?
    Prettl: Dazu kann ich mich nicht äußern, ich bin für die Ukraine zuständig. Wissen Sie, eine Woche vor Kriegsbeginn haben wir noch mit rund 140 deutschen Unternehmern ein Video-Meeting veranstaltet, da ging es um langfristige Ideen mit und in der Ukraine. Wir hatten nicht gedacht, dass es Krieg geben wird.
    Wittker: Es gibt sicher kein Unternehmen, das in Russland aktiv ist, das die Gesamtsituation nicht schon bewertet hat oder immer wieder neu bewertet. Eine pauschale Antwort gibt es nicht.

    Herr Prettl, Herr Wittker, vielen Dank für das Interview.

    Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×