Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

12.06.2022

14:01

Das Unternehmergespräch

Mittelstandsinvestor: „Die Stimmung in der Beteiligungsbranche wird sich weiter eintrüben“

Von: Peter Köhler

Krieg, Inflation und Zinswende treffen die Unternehmen. Hannover-Finanz-Chef Goetz Hertz-Eichenrode erklärt, wo er noch Chancen für neue Investments sieht.

Private Equity: Hannover Finanz-Chef Goetz Hertz-Eichenrode Hannover Finanz GmbH

Goetz Hertz-Eichenrode

Der Unternehmer führt Hannover Finanz in zweiter Generation.

Frankfurt Goetz Hertz-Eichenrode, Chef des Mittelstandinvestors Hannover Finanz, wird angesichts von Ukrainekrieg, Inflation und steigenden Zinsen vorsichtiger, wenn es um neue Investments geht. Auch Verkäufe und Börsengänge von Firmen im Portfolio würden schwieriger. „Ich denke, die Stimmung in der gesamten Beteiligungsbranche wird sich im zweiten Halbjahr weiter eintrüben“, sagt der Manager im Gespräch mit dem Handelsblatt.

In der von angelsächsischen Private-Equity-Fonds geprägten Beteiligungsbranche ist die Hannover Finanz eine Ausnahme. Das Haus ist schon seit 40 Jahren in Deutschland aktiv, bekannte Marken wie Rossmann oder Fielmann sowie Aixtron sind mit dem Kapital der Hannoveraner groß geworden. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen ein Rekordergebnis von mehr als 100 Millionen Euro.

Die Gesellschaft versteht sich als Partner für den Mittelstand – und sieht sich bei Familienunternehmen im Vorteil. „Wir sind ja selbst inhabergeführt in der zweiten Generation, das ist unsere DNA“, sagt Hertz-Eichenrode. Seit der Gründung hat Hannover Finanz mehr als 250 Projekte abgeschlossen und mehr als zwei Milliarden Euro investiert.

Lesen Sie hier das komplette Interview

Herr Hertz-Eichenrode, Hannover Finanz ist seit vielen Jahrzehnten im Beteiligungsgeschäft tätig. Wie trifft der „perfekte Sturm“ aus Ukrainekrieg, steigenden Zinsen und Lieferkettenproblemen Ihre Unternehmen?
Mit dem Ausbruch des Ukrainekriegs haben wir sofort eine Matrix erstellen lassen, um zu sehen, wo unsere Portfoliounternehmen engagiert sind. Und – wie wir es eigentlich auch erwartet hatten – gab es kaum Engagements in Russland, nur vereinzelt Produktionsstätten in der Ukraine und IT-Mitarbeiter dort. Eher machen wir uns Sorgen um die Abhängigkeit von den Energielieferungen aus Russland.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Diese Abhängigkeit treibt ja auch die Inflation. Wie spüren das die Portfoliounternehmen?
    Natürlich wirkt sich das auf unsere Unternehmen aus. Aber steigende Löhne und Preise waren auch vor dem Ukrainekrieg schon ein Thema, jetzt wirkt diese Krise als Brandbeschleuniger. Deutschland ist da, was die Abhängigkeit von Russland angeht, in Europa sicher in einer Sondersituation.

    Sind Sie jetzt vorsichtiger geworden bei Ihren Investments?
    Ja, schon, vor allem bei Industrieunternehmen, auch bei Kfz-Zulieferern und Einzelhändlern. Das merkt man vor allem bei Fusionen und Übernahmen, den sogenannten M&A-Prozessen. Wir haben jetzt drei Situationen erlebt, wo bereits angelaufene Verkaufsprozesse gestoppt wurden.

    Vita Götz Hertz-Eichenrode

    Der Unternehmer

    Der heute 45-Jährige ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Er startete nach einem Studium an der European Business School in Oestrich Winkel seine Karriere beim Wirtschaftsprüfer Deloitte & Touche. Danach arbeitete er bei der Alpha Gruppe, einer europäischen Private-Equity-Gesellschaft mit einem verwalteten Fondsvolumen von 1,7 Milliarden Euro. 2009 rückte er in den Vorstand der Hannover Finanz auf, seit 2017 leitet er die von seinem Vater mitgegründete Beteiligungsgesellschaft mit Standorten in Hannover und Wien.

    Das Unternehmen

    1979 gründete Albrecht Hertz-Eichenrode den Mittelstandsinvestor Hannover Finanz. Die inhabergeführte Beteiligungsgesellschaft finanzierte namhafte Unternehmen wie Fielmann, Rossmann oder Aixtron. Insgesamt waren es seit der Gründung mehr als zwei Milliarden Euro in 250 Unternehmen im deutschsprachigen Raum. Aktuell sind es 35 Beteiligungen bei 700 Millionen Euro verwaltetem Kapital. 200 Millionen stehen für neue Investments in mittelständische Unternehmen ab 20 Millionen Euro Umsatz bereit. 2021 erzielte die Hannover Finanz Gruppe ein Rekordergebnis von mehr als 100 Millionen Euro.

    Warum?
    Ich denke mal, dass da die Planungen für die kommenden Monate nach unten korrigiert werden mussten. Die Vorstellungen über Kauf- und Verkaufspreise gehen derzeit weit auseinander. Das waren übrigens produzierende Industrieunternehmen, darunter ein Anlagenbauer.

    Wie sieht die Pipeline derzeit aus? Wie viele Deals schauen Sie sich an?
    Wir sind bei drei Unternehmen in der Due Diligence, also der wirtschaftlichen Detailprüfung. Wir suchen Unternehmen, die in der Lage sind, auch höhere Preise am Markt durchzusetzen. Das ist etwa in der Medizintechnik der Fall und auch bei ausgesuchten Konsumgüterherstellern.

    Erwarten Sie noch einen Abschluss in diesem Jahr?
    Ja, das ist unser Ziel. Aber insgesamt werden wir 2022 deutlich weniger Kapital in neue Beteiligungen stecken, das ist ganz klar. Im vergangenen Jahr haben wir 115 Millionen Euro investiert, das ist ein Höchstwert. Dieses Jahr kommen wir wahrscheinlich bei rund 60 Millionen Euro raus.

    Wie groß ist das verwaltete Vermögen?
    Rund 700 Millionen Euro, davon sind 200 Millionen freie Gelder für neue Beteiligungen. Im Schnitt investieren wir etwa 20 Millionen Euro, die Haltedauer liegt im Mittel bei acht Jahren.

    Mit Beteiligungskapital Plattformen für die Konsolidierung schaffen

    Wird die Bestandspflege jetzt wichtiger?
    Das kann man so sagen, die Buy-and-Build-Strategie spielt eine große Rolle, also Investitionen in das Wachstum und der Zukauf passender Firmen. So kann man Plattformen für einzelne Branchen schaffen. Das gilt zum Beispiel für die Unternehmen für technisches Gebäudemanagement, an denen wir beteiligt sind.

    Mit Finvia haben Sie auch ein Fintech-Unternehmen übernommen. Das war vorher kein Schwerpunkt von Hannover Finanz.
    Jein, würde ich sagen. Wir verfolgen hier schon eine Sektorstrategie. Wir sind bekannt als Generalist mit einem breiten Branchenfokus, aber wir wollen uns auch den neuen Technologien stärker widmen. Software, Medizintechnik und Hightech-Unternehmen spielen bei uns inzwischen eine große Rolle.

    Was haben Sie mit Finvia vor?
    Das ist eine klassische Wachstumsfinanzierung. Hier soll die ganzheitliche Vermögensberatung ins digitale Zeitalter transformiert werden. Privatpersonen mit Vermögen zwischen 2,5 und zehn Millionen Euro stehen im Fokus, neben klassischen Anlagen liegt eine Stärke bei alternativen Assets wie Private Equity und Private Debt. Wir haben in Finvia einen zweistelligen Millionenbetrag investiert.

    Können Sie sich weitere Investments im Fintech-Bereich vorstellen?
    Wir sind in diesem Segment sicher verstärkt unterwegs und haben auch entsprechende Expertise im Beirat, unter anderem mit dem Gründer und ehemaligen CEO von Finleap, Ramin Niroumand. Generell kann man sagen, dass mit den sinkenden Bewertungen der Start-ups dort neue Chancen für Investitionen entstehen.

    Was müssen Start-ups mitbringen, um für Hannover Finanz interessant zu sein?
    Sie sollten schon profitabel sein. Und wir suchen keine potenziellen Unicorns mit einer Milliardenbewertung, sondern eher Bewertungen von vielleicht 40 oder 50 Millionen Euro.

    Wir haben über Investments gesprochen, aber wie sieht es bei den Exits aus?
    Ich denke, die Stimmung in der gesamten Beteiligungsbranche wird sich im zweiten Halbjahr weiter eintrüben. Entsprechend werden auch Verkäufe von Portfoliounternehmen schwieriger. Ich glaube, wir werden auch weniger Investitionen der Unternehmen sehen, was die Lagebeurteilung zusätzlich belasten wird.

    Der Fahrradhersteller zählt zu den Beteiligungen von Hannover Finanz. Simplon

    Simplon-Räder

    Der Fahrradhersteller zählt zu den Beteiligungen von Hannover Finanz.

    Sind Börsengänge ein Thema?
    Eher nicht. Wir haben viele kleine und mittelgroße Unternehmen im Portfolio, da würde ein Börsengang keinen Sinn machen, weil die Liquidität nach dem Initial Public Offering (IPO) zu gering ist. Für die Unternehmen gibt es keinen Research, sie gehen einfach unter und werden kaum beachtet.

    Wie steht es um Verkäufe an andere Finanzinvestoren?
    Solche Secondaries machen wir ganz wenige. Wir setzen auf den familiengeführten Mittelstand. Sehen Sie, wir sind ja selbst inhabergeführt in der zweiten Generation, das ist unsere DNA.

    Wo bleibt die berühmte Deal-Welle aus der Nachfolgeproblematik?
    Seit 2018 nimmt das zu, seitdem hatten wir in Deutschland rund 1000 Deals gesehen, bei denen es an einem internen Nachfolger mangelte. Das waren rund 40 Prozent der Unternehmen, die für uns infrage kamen. Wir haben uns seit 2018 an elf Unternehmen beteiligt, davon waren sieben Nachfolgeregelungen.

    Warum verkaufen die Unternehmer?
    Nun, die Komplexität wird immer größer, gleichzeitig wächst der Digitalisierungsdruck. Einige Unternehmer sagen auch, nach der Coronakrise und dem Ukrainekrieg habe ich einfach keine Lust mehr, weiterzumachen. Die Welt dreht sich immer schneller, da wollen viele Unternehmen einen finanziellen Partner, der sie unterstützt. Es gibt auch Firmenlenker, die sind Mitte 50, und wollen dann einen Teil des Vermögens hinter die Brandmauer bringen, das ist verständlich.

    Lesen Sie hier weitere Unternehmergespräche:

    Welche Renditen sind derzeit mit Private Equity erzielbar?
    Wir sind bei Hannover Finanz seit über 40 Jahren im Durchschnitt bei rund zwölf Prozent netto. Wir haben auch eine Art Grundeinkommen über Dividenden und Zinserträge, wir sind also nicht nur von den Deals abhängig. Das ist ein Sockel, der mindestens 25 Millionen Euro im Jahr ausmacht. Deshalb können wir auch in Jahren ohne Exit an unsere Investoren ausschütten. Und bei steigenden Zinsen werden auch Minderheitsbeteiligungen wieder attraktiver.

    Machen Sie überwiegend Mehrheitsbeteiligungen?
    Ja, oftmals über einen Owner Buy-out, da bleibt der Eigentümer mit einer Minderheit oder sogar signifikant beteiligt und kann weiter für sein Unternehmen tätig sein.

    „Wir achten stark auf Diskretion“

    Wo sehen Sie Ihre Stärken im Wettbewerb mit den anderen Private-Equity-Fonds?
    Wir kommen oft an exklusive Deals, weil wir stark auf Diskretion achten. Deshalb sind wir schon seit 40 Jahren im Markt, heute haben wir 35 Beteiligungen im Portfolio. Wir sind eigentlich ein Hybrid zwischen Family Office und Private Equity.

    Nachhaltigkeit wird auch in der Private-Equity-Branche großgeschrieben. Was tun Sie dafür?
    Wir sind seit einem Jahr klimaneutral – aber unser CO2-Abdruck ist auch gering, da fallen ein paar Dienstreisen ins Gewicht, wir haben ja keine klassische Produktion wie etwa eine Eisengießerei. Und wir haben uns an der Firma First Climate beteiligt, die entwickeln Projekte – insbesondere für die Dritte Welt – zur CO2-Reduktion.

    Wie steht es um Investments in erneuerbare Energien?
    Da sind wir eher zurückhaltend, da scheuen wir die Regulatorik. Aber wir lieben Randbereiche, etwa Komponenten für Anlagen aus dem Bereich Wind-, Wasser- und Solarenergie. Aber wir sind etwa bei Excon engagiert, die haben ein Tool zur Einführung, Überwachung und Administration der ESG-Bilanz entwickelt, mit dem können Firmen prüfen, wie weit sie bei der Umsetzung der ESG-Kriterien sind.

    Bei Hannover Finanz gibt es beim Thema Diversität offenbar noch Schwächen – es gibt nur zwei Managerinnen in Leitungsfunktionen für das operative Geschäft.
    Das stimmt nur bedingt, denn im Backoffice haben wir weitere Frauen in Führungspositionen. Insgesamt sind wir 34 Mitarbeitende und davon sind fast die Hälfte Frauen. Man muss auch sehen, dass in unserer Branche schnell Topkräfte abgeworben werden. Das trifft aber mehr auf Berlin und Frankfurt zu. Wir haben daher flexible Modelle – eine Managerin arbeitet beispielsweise von Frankfurt aus – und wir wollen dadurch in Zukunft mehr Frauen an Bord holen.

    Wie sehen Ihre Geldgeber aus und was hat das Management eingebracht?
    Unser Investorenkreis besteht aus Versicherern wie etwa der Hannover Rück oder der Signal Iduna, aber auch aus kirchlichen und berufsständischen Versorgungswerken. Das Management hat rund 20 Millionen Euro eingebracht.

    Was erwarten Sie von der Bundesregierung?
    Ich fände es schon gut, wenn der Status quo gewahrt bleibt, es also keine schlechteren Rahmenbedingungen gibt. Die Branche muss weiter daran arbeiten, ihr Image zu verbessern, um das alte Heuschrecken-Image ein für allemal abzustreifen. Aber da ist ja auch schon viel passiert, heute verstehen viele das Geschäftsmodell von Private Equity sehr gut. Die 50-jährigen Unternehmer kennen heute die Vorteile von Beteiligungskapital.

    Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was machen Sie anders als Ihr Vater früher?
    Der war sicher noch ein Manager der alten Schule, ein Patriarch. Bei Investmententscheidungen hat man auf ihn geschaut und dann wurde der Daumen gesenkt oder nach oben gerichtet. Das ist natürlich überspitzt formuliert. Heute stehen eher Teamentscheidungen im Mittelpunkt. Der Führungsstil ist deutlich kooperativer. Das passt auch in die heutige Zeit, zumal die Manager ja eigenes Geld investieren.

    Was sind die größten Herausforderungen in den kommenden Monaten?
    Sicherlich wird es entscheidend sein, weiterhin gutes Personal zu gewinnen. Und natürlich müssen die Unternehmen diesen „perfekten Sturm“ wirtschaftlich gut meistern und überleben. Bisher ist keines unserer Unternehmen notleidend und einige – wie etwa der Fahrradhersteller Simplon – profitieren sogar von der Krise. Da hat sich der Umsatz verdoppelt. Ich selbst nehme auch ein E-Bike zum Job, das sind jeden Tag zwölf Kilometer.

    Herr Hertz-Eichenrode, vielen Dank für das Interview.

    Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×