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26.06.2022

09:55

Das Unternehmergespräch

Ostdeutscher Unternehmer Loclair über einen Gasstopp: „Totalausfall der Produktion wäre die Folge“

Von: Anja Müller

Holger Loclair führt den Folienspezialisten Orafol aus Oranienburg. Er fordert für einen möglichen Gaslieferstopp planbare Szenarien für Unternehmen.

Der Chef des Folienspezialisten Orafol setzt jetzt auf Flüssiggas, um dem Gasnotstand zu begegnen. Orafol Europe GmbH

Holger Loclair

Der Chef des Folienspezialisten Orafol setzt jetzt auf Flüssiggas, um dem Gasnotstand zu begegnen.

Oranienburg Die Wirtschaft bereitet sich auf den Ernstfall vor. Am Donnerstag hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die Alarmstufe des Gasnotfallplans ausgerufen. Die Lage ist ernst, auch für Ostdeutschlands größtes familiengeführtes Industrieunternehmen Orafol, das täglich 32.000 Kubikmeter Gas benötigt.

Die stark gestiegenen Gas- und Strompreise verschärfen den Wettbewerb mit großen US-Konzernen wie 3M und Avery, die von den weiterhin niedrigeren Energiekosten profitieren.

Der geschäftsführende Eigentümer Holger Loclair schuf aus dem ehemaligen Kombinat ein Familienunternehmen, das reflektierende Folien für Verkehrsschilder, Spezialfolien für Pässe und Klebebänder für Hausgeräte- und Autohersteller produziert. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Loclair, wie er trotz großer Lieferkettenprobleme einen Rekordumsatz erzielte und wie er auf den Gasnotstand reagieren wird. Er fordert „klar formulierte Ziele für eine wettbewerbsfähige Energieversorgung“.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Loclair, Sie führen das größte industrielle Familienunternehmen in Ostdeutschland. Orafol ist einer der fünf größten Energieverbraucher in Brandenburg. Wie viel Gas brauchen Sie am Tag?
Wir benötigen 32.000 Kubikmeter Gas pro Tag. Zum Vergleich: Ein Einfamilienhaus braucht 2000 Kubikmeter im Jahr.

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Standort erkennen

    Wie viel mehr müssen Sie derzeit für Ihr Gas zahlen?
    Der Wettbewerbsvorteil, den kostengünstiges Gas aus Russland dem Standort Deutschland verschafft hat, ist auf lange Zeit verloren gegangen. Energiekosten sind ein riesiger Kostenfaktor für uns. Im ersten Quartal 2022 haben wir zwei Millionen Euro zusätzlich gezahlt.

    Ihre größten Konkurrenten sitzen in den USA. Hatten die nicht schon immer einen Vorteil bei den Energiekosten?
    Das stimmt.

    Grafik

    Sie haben auch sechs Werke in den USA, können Sie die energieintensiven Produktionsprozesse nicht dorthin verlegen?
    Dazu fehlen uns dort noch Kapazitäten. Unser Produktionsverbund funktioniert arbeitsteilig. Die internationalen Produktionskomplexe ergänzen sich. Kostenintensive Prozesse haben wir bislang nicht mehrfach in der Welt aufgebaut.

    Werden Sie das nun ändern?
    Der positive Gedanke der globalen Arbeitsteilung wird verloren gehen. Wir brauchen künftig in jeder Region Produktionseinheiten, die unabhängig voneinander produktiv sind. Das macht nicht nur vor dem Hintergrund von Energiekrisen Sinn, sondern auch mit Blick auf die Lieferung von Produkten und Halbfertigprodukten, die wir aktuell nicht aus den Häfen bekommen.

    Sie werden die Produktion in den USA also ausbauen?
    Ja, wir bauen alle sechs Standorte in den USA aus. In zwei Jahren werden wir in den USA komplett autark arbeiten.

    Wie viel günstiger ist die Produktion in den USA denn für Sie?
    Deutlich günstiger. Aber ich stelle den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht infrage.

    Aber …?
    Sobald die Bundesnetzagentur dieses Werk vom Netz nimmt, weil Gas nicht mehr in ausreichendem Maß zur Verfügung steht, stoppt die Produktion. Ein Totalausfall der Produktion wäre die Folge. Wir brauchen klar formulierte Ziele für eine wettbewerbsfähige Energieversorgung. Wo möchte Deutschland hin? Hoffen ist zu wenig!

    Alternativen zum Gas

    Haben Sie nie über Alternativen zum Gas nachgedacht?
    Wir haben eine tiefgreifende Analyse für uns durchgeführt, Strom kommt nicht infrage. Die einzige wettbewerbsfähige Antwort auf diese Situation ist die Umstellung des Werkes auf eine Flüssiggasversorgung. Wir werden in zwei Phasen vorgehen. Phase 1 wird eine temporäre Versorgung mit Flüssiggas sein, die im Herbst starten kann. Und dann hoffen wir, dass wir mit dem Bau eines LNG-Tanklagers im nächsten Frühjahr beginnen können. Die Errichtung eines derartigen Tanklagers erfordert ein Genehmigungsverfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz. Hier muss unbedingt ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren möglich sein.

    Nun dreht Russland den Gashahn aber offenbar bereits zu.
    Das stimmt. Wir haben uns schon im Frühjahr dieses Jahres darauf eingestellt, dass Putin den Stopp der Lieferungen im September oder Oktober einleiten wird, um Deutschland in seiner wirtschaftlichen Stärke zu schwächen. Jetzt wird dieses Szenario immer wahrscheinlicher.

    Trifft die Reduktion der Liefermengen Orafol?
    Energie ist für uns existenziell. Was ich persönlich nicht verstehe: Dass sich Deutschland Möglichkeiten nimmt, und zum Beispiel auch weiter am Atomausstieg festhält.

    Aber der Atomausstieg ist schon lange beschlossen und geplant.
    Als Naturwissenschaftler bin ich fest davon überzeugt, dass wir künftig über Lösungen sprechen, die wir bislang gar nicht für machbar hielten. Wenn wir über Tempo und Wettbewerbsfähigkeit sprechen, müssen wir doch offen bleiben und die Solar- und Windenergie sinnvoll mit weiteren verlässlichen Lösungen ergänzen. Dazu gehört für mich auch die Atomenergie.

    Sie wollen, dass die Atomkraftwerke länger laufen?
    Warum wurden Atomkraftwerke abgeschaltet? Weil man Gefahren sah, die unsere Nachbarländer offensichtlich als geringer einschätzen. Dabei frage ich mich: Welche Sicherheit haben wir uns jetzt geschaffen?

    Vita Holger Loclair

    Der Unternehmer

    Der 1951 in Penzin geborene Chemiker Holger Loclair kommt 1977 zum VEB Spezialfarben Oranienburg, 1987 wird er Betriebsdirektor. Nach dem Fall der Mauer 1990 entscheidet sich Loclair mit der Unterstützung seiner Mitarbeiter, das Unternehmen unabhängig vom Kombinat weiterzuführen. Als der Klebebänderhersteller Transatlantic H. Bernhardt GmbH unter der Führung von Klaus Schmidbaur die Unternehmensanteile von Orafol von der Treuhand übernimmt, wird Loclair Entwicklungsleiter bei Transatlantic und Geschäftsführer bei Orafol. 2005 werden die beiden Unternehmen verschmolzen, Loclair übernimmt das Unternehmen schrittweise und hält heute 99 Prozent.

    Das Unternehmen

    Das heutige Unternehmen Orafol wird bereits 1808 unter dem Namen Wibelitz-Farbenwerkstatt in Berlin gegründet und zieht später nach Oranienburg. Zu DDR-Zeiten wird es verstaatlicht. Seit den 1960er-Jahren werden die ersten selbstklebenden Reflexfolien für Verkehrsschilder hergestellt. Unter der Führung von Holger Loclair spezialisiert sich das Familienunternehmen weiter und wächst weltweit – organisch und durch Übernahmen, zum Beispiel in den USA. Orafol erwirtschaftet heute mit 2500 Mitarbeitenden einen Gesamtumsatz von 768 Millionen Euro.

    Haben Sie schon etwas von der Bundesnetzagentur gehört?
    Wir bekommen keine Signale. Wir wissen nicht, auf welches Szenario wir uns einstellen sollen.

    Was brauchen Sie denn, wenn Sie weniger Energie bekommen?
    Würden wir teilweise vom Netz genommen, ist es auch nicht so einfach. Dann brauchen wir Gas in zusammenhängenden Blöcken von drei bis vier Tagen. Jeden Tag ein paar Stunden, das ginge nicht.

    Das klingt ja so, als würden Sie sich schon auf das Szenario vorbereiten.
    Ja. Alarmstufe herrschte für uns von Anfang an. Uns war klar, dass das genauso kommt. Ich will damit sagen: Wir haben erwartet, dass die zweite Stufe des Notfallplans Gas ausgerufen werden muss. Und wissen Sie, ich kenne das Thema Energiezuteilungen ja noch aus der damaligen DDR.

    Sie waren damals Werksleiter in Ihrem heutigen Unternehmen.
    Da hieß es: Von morgens um neun bis nachmittags um 16 Uhr habt ihr Strom. Nur in dieser Zeit konnten wir produzieren. Wir haben es erlebt, keine Energie zu haben. Deshalb warne ich vor den Folgen des Abschaltens.

    Trotzdem planen Sie gerade große Investitionen.
    Ja. Wir werden 160 Millionen Euro in den nächsten drei Jahren am Stammsitz in Oranienburg investieren. Sechs Millionen fließen dabei allein in die Energieeffizienz. Mitte 2024 sind wir damit fertig.

    Schlafen Sie wegen der Energiekrise schlecht?
    Nein. Anders als in Kombinatszeiten haben wir die Möglichkeiten, Probleme eigenständig und mit unternehmerischem Verstand zu lösen. Mit Leistungswillen oder Kreativität ließ sich damals nichts machen. Wir mussten eine ständige Mangelwirtschaft in einem starren Korsett bewältigen.

    „Der Zusammenbruch bestimmter Lieferketten ist akut“

    Was ist schlimmer, die Energieknappheit oder das Lieferkettenproblem?
    Die Energieknappheit rollt auf uns zu, da haben wir die Chance gezielte Maßnahmen einzuleiten. Der Zusammenbruch bestimmter Lieferketten ist akut. Unsere Forschung ist vollauf damit beschäftigt, alternative Rohstoffe aufzuzeigen. Das verläuft natürlich nicht risikofrei.

    Haben Sie schon Lösungen gefunden?
    Es zahlt sich in solchen Zeiten aus, dass wir stabile Lieferantenbeziehungen haben und nicht wegen eines Cents von einem zum anderen gependelt sind.

    Aber Sie haben 2021 mit 768 Millionen Euro Rekordumsätze erzielt. Wie war das trotz fehlendem Material möglich?
    Entscheidend sind unsere Produktionsprozesse. Deren Effizienz ist der Schlüssel: keine Rohstoffe vergeuden, Ausschussquoten konsequent senken. Es ist erstaunlich, was man dabei erzielen kann.

    Optimieren Sie da selbst mit?
    Ja, wir stimmen uns täglich dazu ab. Und wir sind von der Monatsplanung auf eine Zehn-Tages-Planung übergegangen, so erkennen wir auch minimale Abweichungen rechtzeitig. Versäumnisse in den ersten zehn Tagen eines Monats können wir in den verbleibenden nicht mehr aufholen, da wir in einem vollkontinuierlichen Wechselschichtbetrieb arbeiten.

    Wie ändern sich diese Prozesse in der aktuellen Situation? Stehen bei Ihnen bereits Maschinen still?
    Ja, wir müssen Produktionspläne ändern, wenn uns bestimmte Rohstoffe fehlen. Wir konnten solche Fällen bis dato durch die Leistungssteigerung der anderen Maschinen ausgleichen. Dahinter steht auch ein Team, das das schafft, nicht nur die Maschinen.

    Lagern Sie inzwischen auch mehr ein?
    Wir haben vor einem Jahr beschlossen, dass wir unsere Läger geplant füllen. Aktuell können wir aus dem Lagerbestand gut auf die Marktanforderungen reagieren. Wir nutzen auch Außenläger, die wir schon vor der Coronapandemie eingebunden haben.

    Lesen Sie hier weitere Unternehmergespräche:

    Vor drei Jahren kritisierten Sie, dass bei aller Tesla-Euphorie Familienunternehmen bei der Förderung vernachlässigt werden. Hat sich die Unterstützung durch die Politik seitdem verändert?
    Wir sind ein bescheidenes Unternehmen. Wir treten auch bislang so auf. Aber wir müssen daran arbeiten, dass wir als Familienunternehmen, das nachhaltig Arbeitsplätze und Wohlstand schafft, neben Tesla wahrgenommen werden. Ein Familienunternehmen in Baden-Württemberg bekommt dort, wo es so viele davon gibt, mehr Gehör. Wichtig ist, dass zuerst Bildung und Infrastruktur kommen, und dann folgen die Unternehmen von alleine. Wir werden nicht müde, das zu betonen.

    Fehlen Ihnen in Brandenburg die Mitstreiter?
    Um das Verständnis für Familienunternehmen und unsere Produktion zu erhöhen, laden wir regelmäßig die Politik ein. Was uns fehlt ist der sprichwörtliche Austausch über den Gartenzaun. Wir sind jetzt dem Wirtschaftsrat der CDU beigetreten und sind lustigerweise in Baden-Württemberg angesiedelt, nicht in Brandenburg. Hier sind wir ein Exot. Der Austausch mit den dortigen Unternehmern macht für uns Sinn, weil dort einfach das gegenseitige Verständnis für gemeinsame Themen da ist. Wir lernen zum Beispiel auch, unsere Anliegen noch selbstbewusster zu adressieren.

    Fühlen Sie durch die Energieknappheit Ihr Lebenswerk bedroht?
    Nein, dann würde ich nicht 160 Millionen investieren.

    Die reflektierenden Folien des Unternehmens werden vor allem für Verkehrsschilder genutzt. Auch in der Ukraine.

    Orafol-Produktion in Oranienburg

    Die reflektierenden Folien des Unternehmens werden vor allem für Verkehrsschilder genutzt. Auch in der Ukraine.

    Wie wichtig war oder ist das Russlandgeschäft für Ihr Unternehmen?
    Zunächst würde ich gern etwas klarstellen. 1990 dachten viele, wir Ostdeutschen bringen den osteuropäischen Markt in das vereinte Deutschland ein. Doch das war eine völlig falsche Annahme.

    Wieso?
    Wir kannten doch nur den staatlichen russischen Außenhandel, der uns nicht mal sagte, wo die Ware überhaupt hingeht. Als der staatliche Außenhandel dann zusammenbrach, wussten wir nichts. Wir kannten einfach nicht die richtigen Leute. Es gab also den berühmten Vorteil für den osteuropäischen Markt damals nicht.

    Wie blicken Sie mit diesem Wissen auf den Angriffskrieg Russlands?
    Ich war zu Kombinatszeiten und auch als Geschäftsführer von Orafol häufig in Russland. Durch das Aufwachsen und die Erziehung in der früheren DDR haben wir schon eine andere Sicht auf Russland gehabt als im Westen.

    Wie sehen Sie als ostdeutscher Unternehmer Russland denn?
    Wichtig ist: Wir sind absolut keine Putin-Versteher! Aber wahrscheinlich waren Menschen, die in der BRD aufgewachsen sind, weniger überrascht als wir. Umso größer ist das Entsetzen über diesen aggressiven Krieg. Er lag außerhalb unserer Vorstellungskraft und das empfinde nicht nur ich persönlich so, sondern auch viele mit denen ich spreche.

    Haben Sie aktuell noch Kunden dort?
    Wir sind seit dem russischen Angriffskrieg auf dem Rückzug. Die Rahmenbedingungen haben sich fundamental verschlechtert. Es kann kein Handel mehr gewinnbringend entstehen.

    Aufgrund der Sanktionen?
    Unsere Produkte stehen nicht auf den Sanktionslisten.

    Wie wichtig war Russland für Ihr Unternehmen Orafol denn bis zum Ukrainekrieg?
    Wir haben dort circa acht Prozent des Gesamtumsatzes gemacht.

    Liefern Sie aktuell noch?
    Wir gleichen diese acht Prozentpunkte beim Umsatz mit anderen Märkten aus. Wir haben jedoch Verpflichtungen, die nicht einfach abgebrochen werden können. Für ein Familienunternehmen wie unseres ist das relevant.

    Liefern Sie auch nach Belarus und in die Ukraine?
    In Belarus sind die Beziehungen schon auf null. In die Ukraine haben wir starke Beziehungen, aber gemessen am Umsatz war das Geschäft deutlich kleiner als in Russland.

    Und das kam mit dem Krieg zum Erliegen?
    Ja, leider. Gerade die Ukraine ist für uns ein vielversprechender Markt. Für Länder, die sich auf einen EU-Beitritt vorbereiten, gehört das Thema Infrastruktur und somit auch die Verkehrsschilder, für die wir die reflektierenden Folien entwickeln und herstellen, zum Paket.

    Das heißt, Sie haben bereits vor dem Krieg geholfen, die Ukraine fit zu machen für den EU-Beitritt?
    Ja, wir begleiten und beraten Kunden in solchen Fragen, wenn es darum geht, EU-weit harmonisierte Anforderungen zu übertragen oder einfacher gesagt, europäische Normen für Verkehrszeichen zu erfüllen. Das liegt leider auf Eis. Kommt aber jetzt wieder.

    Haben Sie in der Ukraine ein eigenes Vertriebsbüro?
    Nein, wir kooperieren dort mit selbstständigen Händlerorganisationen und wir sind von unserem Stammsitz aus weiter in Kontakt mit unseren Kunden.

    Herr Loclair, vielen Dank für das Interview.

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