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Die größten Familienunternehmen der Welt

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Strippenzieher in der US-Politik

Diese Erfolgskultur interpretierten einige Mitarbeiter falsch. So musste Koch Industries im Jahr 2000 die für damalige Verhältnisse rekordverdächtige Strafe von 30 Millionen Dollar für Umweltschäden zahlen. Von 1990 bis 1997 war es zu mehr als 300 Öllecks an Pipelines und Raffinerien gekommen. Der Grund: Es wurde zu wenig in die Instandhaltung investiert. Vor Gericht wurde Phil Dubose, der in Louisiana einige Ölleitungen von Koch Industries beaufsichtigte, über die Einstellung im Unternehmen zu Wartungskosten gefragt. Seine Antwort: „Das kostet nur Geld.“

Seitdem hat sich Koch Industries geändert. Der Konzern verkleinerte das Pipelinegeschäft deutlich. Auch sieht er die Nichteinhaltung von Vorschriften nicht mehr als Kavaliersdelikt an. Charles Koch formulierte für das Unternehmen das „10.000-Prozent-Ziel“, bei dem „100 Prozent der Mitarbeiter 100 Prozent der Vorschriften einhalten“.

So unbekannt das Unternehmen ist, so sehr haben sich die Koch-Brüder in der politischen Szene der USA einen Namen gemacht. Sie haben perfektioniert, was in der alten Bundesrepublik einst verharmlosend als „Landschaftspflege“ bezeichnet wurde: die Steuerung der Politik mit Wahlkampfspenden.

Ihren Einfluss tarnt die Familie geschickt, sie hat ein Netzwerk gleichgesinnter Großverdiener aufgebaut, das Wahlkampfgruppen, Thinktanks und angeblich wohltätige Organisationen finanziert, zugleich aber die Spuren des Geldes verwischt und die Identität der Spender schützt.

Chronologie

1925

Fred C. Koch gründet mit einem Partner ein Ingenieurbüro in Wichita, Kansas. Sie hatten ein eigenes Verfahren entwickelt, mit dem sie die klassischen Ölfirmen bedrohten. Sie gingen daher verstärkt ins Ausland, auch nach Russland und fertigten ebenfalls für das Dritte Reich.

1935

Charles Koch wird als einer von insgesamt vier Brüdern geboren. Der Streit zwischen den Geschwistern war groß und endete schließlich damit, dass Charles und sein jüngerer Bruder David, die beiden anderen Brüder Frederic und Bill auszahlten.

1940

Fred Koch gründet wieder ein Unternehmen und erneut nicht allein. Das Unternehmen heißt Wood River Oil and Refining Company.

1940

David Koch wird als zweiter Sohn von Fred Koch geboren.

1967

Firmengründer Fred Koch stirbt. Seine beiden Söhne, die jeweils 42 Prozent halten, übernehmen die Firmenleitung und benennen das Unternehmen in „Koch Industries“ um. Charles Koch ist seitdem Präsident und Vorstandschef in einer Person, sein Bruder Vizepräsident.

1969

Mit der mehrheitlichen Übernahme der Great Northern Oil Company in Minnesota legte Charles Koch den Grundstein für viel Wachstum und für Gewinne, zugleich zementierte sich dadurch auch der schlechte Ruf von Koch als Umweltsünder.

1978

Charles Koch ruft in der „Libertarian Review“ andere Unternehmer zu einem radikalen Widerstand gegen jegliche staatliche Einmischung auf.

1999

Gleich zwei spektakuläre Verfahren verurteilen das Unternehmen: Koch Industries wurde des Betrugs in fast 25.000 Fällen überführt. Wegen eines tödlichen Pipeline-Unglücks wird Koch zur Zahlung von fast 300 Millionen Dollar verurteilt. Die fehlende Wartung sei nicht nur fahrlässig, sondern böswillig.

2000

Koch Industries verkauft große Teile des Pipeline-Geschäfts, steigt in den Finanzsektor ein und auch ins Kunststoffgeschäft. Als Produzent von Formaldehyd gilt Koch weiterhin als Umweltsünder.

2018

David Koch zieht sich aus gesundheitliche Gründen als Vizepräsident aus der Unternehmensführung zurück.

2019

Charles Koch gründet mit George Soros, der politisch weit von ihm entfernt steht, eine gemeinsame Denkfabrik. Sie setzen sich dafür ein, dass die USA weniger Kriege führen und unter anderem auch mit dem Iran wieder in die Diskussion kommen.

Das Ideal ist die verabsolutierte Freiheit, der sogenannte Libertarismus, möglichst niedrige Steuern und möglichst wenig Vorschriften. Im Zweiparteiensystem der USA gilt die Präferenz des Clans klar den Republikanern. Der Aufstieg der Tea Party wäre ohne die Koch-Brüder wohl kaum denkbar gewesen.

 Regelmäßig veranstaltet Koch Industries seit 2003 Treffen mit hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft und Politik, um ihre Ideen zu verbreiten. Zweimal im Jahr findet eine Konferenz statt, 2019 in Indian Wells in Kalifornien. Dort kamen fast 634 Unternehmer, Investoren oder Privatiers zusammen, eine Rekordbeteiligung. Voraussetzung: Jeder Teilnehmer muss mindestens 100.000 Dollar spenden.

Trump als Desaster

Ausgewählte Journalisten dürfen vor Ort berichten. Für die Ehre müssen sie sich an bestimmte Regeln halten, beispielsweise dürfen sie nur Namen von Teilnehmern nennen, die damit ausdrücklich einverstanden sind. Teilnehmer waren früher Kenneth Langone, Gründer der Baumarktkette Home Depot, oder Steve Bechtel vom Bauriesen Bechtel.

Die Agenda von der Konferenz hat sich geändert. Früher ging es kämpferisch zu, um mit allen Mitteln beispielsweise die gesetzliche Krankenversicherung vom ehemaligen Präsidenten Barack Obama zu stoppen. „Die Bedrohung durch zu viele Ausgaben der Regierung“ gelte es zu bekämpfen und „wirtschaftliche Freiheit“ zu bewahren. „Wir müssen den Angriff auf unsere grundsätzlichen Prinzipien stoppen und umkehren“, hieß es in einer Einladung zu dem Treffen, die die „New York Times“ 2010 aufgabelte.

Heute stehen dort ganz andere Themen oben an. So unterstützt man die Initiative „Stand Together“ mit 90 Millionen Dollar, die Armut in den USA bekämpft. Ein anderes Programm unterstützt Schulen oder hilft entlassenen Gefängnisinsassen – Koch Industries stellt als eines der wenigen Unternehmen in den USA explizit „ex-cons“, Ex-Häftlinge, ein. Auf einem Empfang im vergangenen Januar warnte Charles Koch davor, dass Amerika derzeit „auseinandergerissen“ werde. „Wir müssen die Menschen wieder zusammenbringen“.

Die Brüder haben die marktradikale Ideologie von ihrem Vater, dem Firmengründer Fred Koch, übernommen. Dieser war ein glühender Antikommunist und trichterte seinen Söhnen ein, Sozialprogramme als Anfang vom Ende der Freiheit zu fürchten.

Der Konzern ist in 60 Ländern der Welt vertreten. In Deutschland arbeiten knapp 1500 Beschäftigte in Tochterfirmen wie Molex oder Invista. imago/ZUMA Press

Firmensitz von Koch Industries

Der Konzern ist in 60 Ländern der Welt vertreten. In Deutschland arbeiten knapp 1500 Beschäftigte in Tochterfirmen wie Molex oder Invista.

Doch zuletzt ist etwas Unvorhersehbares geschehen: Aus Sicht der Koch-Brüder ist US-Präsident Donald Trump ein Desaster, obwohl er Republikaner ist und eines der Ziele der Kochs – die Absenkung der Unternehmensteuern – umsetzte.

Handelskriege, Zölle, Abschottung gegen Immigranten – die Politik von Trump passt wenig zu den weltoffenen, libertären Vorstellungen der Koch-Brüder. Wie bereits 2016 werden sie ihn auch im Wahlkampf 2020 nicht unterstützen – was in republikanischen Kreisen einem Erdbeben gleichkommt.

 Anfang Juli wurde darüber hinaus bekannt, dass Charles Koch sich ausgerechnet mit dem sich eher für linke Ideale starkmachenden Milliardär George Soros zusammentut, um im September eine Denkfabrik mit Namen „Quincy-Institut für verantwortungsbewusste Staatskunst“ zu starten.

Ihr gemeinsames Ziel: Die USA sollten sich mehr als Friedensstifter hervortun. Konkret fordern Koch und Soros, Militäreinsätze zurückzufahren, zum Beispiel in Afghanistan und Syrien, und zum Atomdeal mit dem Iran zurückzukehren.

Aber Trump teilt ihre libertären Ideale nicht, will keinen schlanken Staat, vielmehr flirtet er mit etwas, das die Brüder noch mehr fürchten als demokratischen Regulierungseifer: den Autoritarismus.

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