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22.07.2019

03:59

Die größten Familienunternehmen der Welt

Was Familienunternehmen so erfolgreich macht – und vor welchen Gefahren sie stehen

Von: Anja Müller

Die weltgrößten Familienunternehmen verbindet ihre Verschwiegenheit. Mehr Transparenz könnte die Antwort auf viele neue Herausforderungen sein. Ein Essay.

Was die größten Familienunternehmen so erfolgreich macht Getty Images [M]

Die größten Familienunternehmen der Welt

Das Handelsblatt stellt in einer Serie in den kommenden Wochen die größten Konzerne in Familienbesitz vor.

Düsseldorf Familienunternehmen gelten gemeinhin als das freundliche Antlitz des Kapitalismus. Auf jeden Fall hierzulande, in der Wiege des berühmten „German Mittelstands“ und der Sozialen Marktwirtschaft gelten sie als solides Fundament.

Die Politik ist froh über zuverlässige Unternehmer und Unternehmerinnen, die selbst wissen, was gut für ihren Laden und ihre Mitarbeiter ist. Je komplexer die Welt wird – etwa durch Handelskriege oder die disruptiven Veränderungen im Zuge der Digitalisierung –, desto mehr schätzt man die Verlässlichkeit.

Die Arbeitsteilung zwischen Politik und Wirtschaft funktioniert trotz Mindestlohndebatten, trotz Erbschaftsteuer-Novelle, trotz fehlender Wettbewerbsfähigkeit im Steuerrecht. Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise ist das allen Politikern klar geworden.

Die Familienunternehmer – das sind doch die Guten: Sie stehen für den Freihandel, gegen Turbokapitalismus, gegen Orientierung an Kurzfristzielen, gegen das Sich-aus-der-Verantwortung-Stehlen durch Rücktritte an Firmen- und Parteispitzen. Dass sie die Gewerkschaften scheuen und Betriebsräte am liebsten kapern, fiel da nicht weiter ins Gewicht. Auch nicht, dass sie allesamt enorm verschwiegen sind.

Und dann passierte kürzlich das: Der Internationale Währungsfonds, IWF, kritisiert ausgerechnet die deutschen Familienunternehmen. Deren Eigentümer strichen Globalisierungsgewinne ein, während die weiter unten liegenden Einkommensklassen – aufgrund fehlender Lohnerhöhungen und einer schwach ausgeprägten Eigentumsstruktur auf dem Wohnungsmarkt – auf ihrem Niveau verharrten.

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Die Unternehmer fühlten sich zu Unrecht angegriffen. Denn mit den einbehaltenen Gewinnen werden Investitionen in Innovationen und Immobilien ebenso finanziert wie solche in Mitarbeiter und die Region.

Von diesen deutschen Familienunternehmen haben es immerhin vier in die Top Ten der Familienunternehmen weltweit geschafft: Aldi Nord und Aldi Süd, die Schwarz-Gruppe mit Lidl sowie der Technologie-Mischkonzern Bosch. Noch nie waren so viele deutsche Unternehmen unter den ersten zehn – gleichauf mit den weitaus größeren USA.

Im Frühjahr dieses Jahres hatte die Universität Sankt Gallen gemeinsam mit der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY eine aktuelle Liste der größten Familienunternehmen veröffentlicht. Diejenigen, die nicht an der Börse notiert sind und auch keine reinen Finanzholdings sind, stellt das Handelsblatt in den nächsten zehn Wochen vor.

Hinter ihnen stehen große Unternehmerfamilien, die oft in den einschlägigen Rankings zu den Reichsten ihres Landes zählen. Diese Listen basieren auf einer ähnlichen Systematik wie der aktuelle IWF-Bericht: Man geht davon aus, dass der Jahresumsatz in etwa den Unternehmenswert widerspiegelt, wenn das Unternehmen verkauft würde. Nur, dass es den echten Familienunternehmern eben überhaupt nicht um Verkauf geht und das Geld tatsächlich in Immobilien und Maschinen, Patenten und Köpfen steckt.

Privates Geld für Arbeitsplätze

Es behauptet ja niemand, dass die Unternehmerfamilien arm seien – im Gegenteil. Sie reden nicht gern über ihr Geld. Und zwar auch dann nicht, wenn sie es für das Unternehmen ausgeben. Etwa, indem sie bereits ausgezahlte Dividenden in schlechten Zeiten investieren, um Arbeitsplätze zu erhalten, wie es Nicola Leibinger-Kammüller beim Laserspezialisten Trumpf getan hat. Auch so etwas passiert meistens im Verborgenen.

Doch natürlich kann ein solches Handeln nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch große Familienunternehmen nicht immer das Richtige tun. Je größer sie sind, desto größer sind sogar die Gefahren – und diese kommen von vielen verschiedenen Seiten.

Je größer sie sind, desto mehr muss man die Frage stellen, wie „familiär“ ein Unternehmen überhaupt noch ist. Gerade wenn ein Unternehmen viele Jahre alt ist, die Zahl der Gesellschafter ebenso gewachsen ist wie die Komplexität der Unternehmensstruktur, wenn externe Manager das groß gewordene Unternehmen führen und sich die Gesellschafter immer weiter vom Tagesgeschäft entfernen, dann stellt sich die Frage, ob das ein oder andere Konglomerat nur noch dem Namen nach ein Familienunternehmen ist.

Der Unternehmergeist, der Erfindergeist, die Vision bleiben da nicht selten auf der Strecke. Die Erträge kommen herein, weil sie vor vielen Jahren erfolgreiche Produkte geschaffen haben. Doch wo bleiben die echten Innovationen?

Für einige gilt: Sie sind zu satt. Manche hatten auch so lange Erfolg, dass ihre Fähigkeit, sich im Schumpeter’schen Sinne immer wieder neu zu erfinden, erlahmt. Den großen Familienunternehmen kommt womöglich das Unternehmerische abhanden.

Werte statt Identifikationsfigur

Früher haben sich Familienunternehmen am Gründer orientiert. Fehlt eine Identifikationsfigur an der Spitze, müssen andere Werte her. Solche, die transparent sind und auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens bestehen. Immer mehr Anteilseigner haben diese Gefahr inzwischen erkannt. Ein Gesellschafter eines großen deutschen Familienunternehmens formulierte es einmal so: „Vertrauen geht, Transparenz kommt.“

Das hat auch seine guten Seiten. Viele Gesellschafter sind nicht im operativen Alltag gefangen, sie sind gut ausgebildet und sehen gesellschaftliche Strömungen, an deren Spitze sie sich setzen können, wie es zum Beispiel Timm Mittelsten Scheid von Vorwerk mit seiner Initiative „Made by Vielfalt“ – einer Allianz gegen Populismus – gemacht hat.

Schaut man auf die größten zehn Familienunternehmen in der ganzen Welt, sind klare Visionen schwer zu finden. Was wiederum auch an ihrer Verschwiegenheit liegen könnte. Was hat sie erfolgreich gemacht? Was verbindet sie außer Größe und Verschwiegenheit? Warum dominieren deutsche und amerikanische Firmen die Top Ten?
Dass sich unter den weltgrößten Familienunternehmen vier Handelsunternehmen finden, überrascht wenig. Für sie ist bislang Größe wichtig und auch große Auswahl für ihre Kunden im „Vor-Internet-Zeitalter“, in dem sie so groß geworden sind.

Zu ihnen zählen die Schwarz-Gruppe, die Aldi-Firmen Nord und Süd sowie die Familie Mulliez als Gründer der französischen Ketten Auchan und Decathlon und an der Spitze der weltgrößte Getreidehändler Cargill. Ob bei diesen vieren früh genug die Weichen für die Zukunft gestellt werden, ist noch nicht ausgemacht.

Man weiß, dass sich die deutschen Firmen unter ihnen jedenfalls mit dem Onlinehandel schwertun. Man weiß auch, dass dort die Führung noch patriarchalisch funktioniert. Genügt es, was zweifellos eine gute Idee ist, Ladestationen auf den Parkplätzen der Märkte zu errichten?

Wie lange es mit den ganz großen Familienunternehmen noch gut geht, ist durchaus ungewiss. Die Assoziation familiale Mulliez mit ihren rund 700 Familienmitgliedern in Frankreich jedenfalls ist alarmiert. Die großen Auchan-Supermärkte verlieren Kunden und sogar der lange prosperierende Sportartikel-Discounter Decathlon verzeichnet Umsatzrückgänge von rund fünf Prozent.

Dennoch muss man berücksichtigen, dass nicht das Sujet an sich, sondern die Größe des Marktes eine Rolle dabei spielt, ob man zu den größten Familienunternehmen der Welt zählt oder nicht. Warum sind ausgerechnet die Unternehmen aus Deutschland mehrfach in dieser Spitzengruppe vertreten?

Während die amerikanischen Familienunternehmen ebenso wie der Chinese Wang Jianlin mit seiner Dalian Wanda Group, die in Immobilien und Unterhaltungsangebote investiert, gleich in riesigen Heimatmärkten expandieren konnten, mussten die Deutschen immer schon etwas schneller ins Ausland. Ihr Heimatmarkt war schon immer zu klein für große Pläne, vor allem für die rund 1300 Weltmarktführer. In ihrer weltweiten Expansion, sei es zunächst als Exporteure und schließlich als Arbeitgeber in anderen Ländern war die Welt stets ihr Markt und nicht allein die Heimat.

Mit Bosch ist ein solcher deutscher Technologieführer erstmals unter den Top Ten weltweit dabei. Bosch verkörpert all das, wofür deutsche Unternehmen stehen: technologische Exzellenz mit nachhaltiger Unternehmensführung und klarem Blick auf die nächsten Generationen.

Gründer-Ersatz als Identifikationsfiguren

Bosch ist sogar noch etwas weiter als die meisten Familienunternehmen, weil es streng genommen fast keines mehr ist. Eine Stiftung erhält 92 Prozent der Dividenden, und das Unternehmen wird durch eine Treuhandfirma gesteuert, die keinen Anspruch auf die Dividenden hat, aber über 93 Prozent der Stimmrechte verfügt. Die Familie hält jeweils den Rest der Dividenden und Stimmrechte. Mehr Trennung von Eigentum und Entscheidung geht kaum.

Treten also Gründerfiguren ab, braucht es ganz klar einen Ersatz in Sachen Identifikation. Bosch hat sich da schon sehr früh auf den Weg gemacht. Ob man das dann noch Familienunternehmen nennt, ist eine offene Frage.
Die heutigen großen Familienunternehmen befinden sich in einem Umbruch, und es ist alles andere als klar, wie sie diesen bewältigen werden.

Die Mitglieder der Unternehmerfamilien haben oftmals bereits die Führung an externe Manager abgegeben. Die hohe Kunst dabei besteht darin, eine Führungsperson zu installieren, die wie ein Unternehmer agiert, also Spaß daran entwickelt, sehr weit nach vorn zu denken und Geschäftsmodelle zu gestalten.

Einerseits müssen die Eigentümer kontrollieren, andererseits dürfen sie den angestellten Unternehmenschefs aber nicht den Raum zum Gestalten nehmen. Es ist die Balance zwischen Kontrolle und Vertrauen, die die Eigentümer herausfordert. Und es ist die Balance zwischen Demut und Entscheidungsfreude, die die angestellten Firmenchefs mitbringen müssen.

Mit dem Duo Dieter Schwarz und Klaus Gehrig ist eine solche Partnerschaft in der Schwarz-Gruppe gelungen. Doch die Zusammenarbeit der beiden 79- und 70-Jährigen ist endlich. Ist es in Neckarsulm, wo Dieter Schwarz wirkt, gelungen, dass auch andere Entscheidungsträger heranwachsen können? Ist das Unternehmen ein Arbeitgeber, zu dem junge digitale Vordenker unbedingt hinwollen? Wohl eher nicht.

Andererseits besteht die hohe Kunst auch darin, die Gesamtheit der Gesellschafter mitzunehmen, sie einzubeziehen, mitentscheiden zu lassen.

Die Verschwiegenheit wird zelebriert

Mit der Größe sinkt auch die Kraft der Patriarchen – sehr langsam allerdings. Noch ist zum Beispiel völlig unklar, wer die prägende Gestalt an der Spitze von Koch Industries künftig sein wird. Das Familienunternehmen, das mit Raffinerien groß geworden ist und heute in der Chemie- und Finanzindustrie aktiv ist, schaut noch immer auf Charles Koch, 83 Jahre alt.

Auch an dieser Stelle offenbart sich: Die zehn größten Familienunternehmen zelebrieren die Verschwiegenheit. Es ist, so scheint es, ihr wichtigstes Gut.

Es gibt gleich mehrere Gründe, warum sie ihre Verschwiegenheit bislang so hoch hielten. Jeder Handwerker weiß, dass Unternehmertum Neid erzeugt und man die Unternehmerkinder am besten schützt, wenn man sich nicht zu sehr in die Öffentlichkeit begibt. Aber auch aus unternehmerischen Gründen lieben und fordern viele Unternehmer die Freiheit, so zu wirtschaften, wie man es für richtig erachtet.

Und wer sich kein Geld am Kapitalmarkt besorgen muss, der kann im Verborgenen wirtschaften und dann Konkurrenten und Kunden mit der neuesten Innovation überraschen. Doch gerade diese Art der erfolgreichen Verschwiegenheit ist längst nicht mehr zeitgemäß.

Erstens steht die Kundenorientierung heute über dem technisch Machbaren. Die ingenieurgetriebenen Technologien verfangen nicht immer auf den Märkten. Wer heute die Kunden als Erster erreicht, macht den Umsatz. Um die Kundenwünsche aber zu kennen, braucht man Offenheit statt Verschwiegenheit.

Schon seit einigen Jahren haben das viele Familienunternehmen gespürt. Digitalisierung und Datenökonomie – Letztere ein furchtbarer Gedanke für verschwiegene Familienunternehmer – beschleunigen diesen Prozess. Neue Konkurrenten aus neuen Richtungen zwingen viele Familienunternehmen zur Kooperation, mit Start-ups oder anderen Unternehmen. Erst langsam wird bei einigen aus dem Zwang ein Wunsch.

Zweitens, wer unternehmerisch denkende Mitgestalter sucht, muss ihnen etwas bieten. Selbst das Weltunternehmen Mars, das mit dem Schokoriegel groß wurde und inzwischen mehr Geld mit Tierfutter und -gesundheit verdient, will sich vorsichtig öffnen.

Mars hat erkannt, dass Verschwiegenheit ziemlich schlecht für die Arbeitgebermarke ist, will man kluge Köpfe finden, die die Zukunft bauen. Dass sich dafür auch so manche Hierarchiestrukturen bisheriger Riesen in Familienhand ändern müssen, haben noch nicht alle erkannt.

Wer wirklich kundenzentriert arbeiten will, muss sich drittens für die Wünsche der Kunden öffnen, ja sogar mit ihnen zusammenarbeiten. Allein dadurch rücken die Kunden auf Augenhöhe. Auch dies ist für manche noch neu.

Kunden verlangen Aufklärung

Hinzu kommt, viertens, dass das Thema Umweltschutz nicht mehr von den Agenden der Familienunternehmen verschwinden wird. Die Kunden verlangen Aufklärung in einer nie gekannten Weise. Immer mehr Verbraucher wollen wissen, wo zum Beispiel Kleidung und Lebensmittel herkommen und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden, das trifft auch die Familienunternehmen wie Cargill, die bislang Verbraucher nicht zu ihren Kunden zählten. Diese Geschwindigkeit der veränderten Kundenwünsche wurde bislang in vielen Familienunternehmen deutlich unterschätzt.

Mehr Offenheit jedenfalls ist keine lästige Pflicht, sie ist Notwendigkeit. Die Firmen müssen klar Positionen beziehen und sich von der Blutsgemeinschaft in eine Wertegemeinschaft verwandeln. So ist der Rohstoffriese Cargill, der übrigens gerade Koch Industries als größtes Familienunternehmen weltweit wieder abgelöst hat, in dem Report der Umweltschutzorganisation Mighty Earth zum schlimmsten Unternehmen der Welt gekürt worden. Das ist in den USA noch kein großer Aufreger gewesen, in Europa aber schon.

Viele deutsche Familienunternehmen haben bereits verstanden, dass das Umweltthema nicht mehr verschwindet. Auch wenn es beim Umsetzen noch hapert. In den USA, so scheint es, ist es noch anders. Aber wie lange noch? Die drei US-Unternehmen in den Top Ten – Koch, Cargill und Mars – jedenfalls gehören (noch) nicht zu den Guten, zumindest, was die Umwelt betrifft.

Die IWF-Kritik, die deutschen Familienunternehmer behielten zu viel für sich, trifft sicher mehr auf die US-Unternehmen zu. Ein illustrer Kreis von US-Milliardären hatte sich erst vor wenigen Wochen dafür ausgesprochen, dass der nächste Präsidentschaftskandidat eine Vermögensteuer einführen solle.

Bei deutschen Familienunternehmen erntete der Vorschlag nur Kopfschütteln. Ihr Geld steckt im Unternehmen, in den Maschinen, in den Mitarbeitern, sagen sie. Und doch spüren immer mehr von ihnen ein Unbehagen, wenn sie an die ganz großen Vermögen denken. Mehr Transparenz würde den Familienunternehmen in vielerlei Hinsicht helfen.

Die Serie
Welche Unternehmen in Familienhand können sich mit den größten börsennotierten Unternehmen messen? Wir stellen Ihnen ab kommender Woche jeden Montag eines der zehn größten vor. Basis ist der Family Business Index von der Universität St. Gallen und der Prüfungsgesellschaft EY.

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