Handelsblatt App
Jetzt kostenlos testen Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

28.07.2019

10:51

Das Konglomerat führt die Liste der größten nicht börsennotierten Familienunternehmen der Welt an. Koch Industries

Zellstofffabrik von Koch Industries

Das Konglomerat führt die Liste der größten nicht börsennotierten Familienunternehmen der Welt an.

Die größten Familienunternehmen der Welt

Wie die erzkonservativen Koch-Brüder ihr Industrie-Imperium führen

Von: Thomas Jahn

Mit großer Beharrlichkeit bauten Charles und David Koch ihr US-Konglomerat auf. Mit dem Familienunternehmer im Weißen Haus haben sie aber Probleme.

New York Ein Glasgefäß steht im Büro von Charles Koch, gefüllt mit „jelly beans“. Wer an die süßen Geleebohnen will, muss an einem Merkzettel vorbei, der groß an dem Deckelgriff aus geschliffenem Kristall hängt. „Verwechsle nicht einen Bullenmarkt mit Köpfchen“, steht darauf zu lesen, daneben ist ein Stier gezeichnet – das Symbol für steigende Kurse an der Wall Street.

Das Gefäß mit dem Zettel steht seit 20 Jahren auf dem Konferenztisch von Charles Koch. Der Chef von Koch Industries will sich und seine Mitarbeiter erinnern: auf dem Boden der Tatsachen bleiben, nicht günstige Marktfaktoren mit der eigenen Herrlichkeit verwechseln.

Die Geschichte wird in der vierteljährlich erscheinenden Firmenzeitung erzählt, in der die neuen Zahlen für das Jahr 2018 verkündet werden: 110 Milliarden Dollar Umsatz, fast ein Fünftel mehr als der deutsche Mischkonzern Siemens.

Ein tolles Ergebnis, aber – so warnt die Zeitung mit der Geschichte von den Geleebohnen: immer auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Die Rekordergebnisse 2018 von Koch Industries seien auch durch günstige Rohstoffpreise zustande gekommen, heißt es dort.

Koch Industries führt die Liste der größten nicht börsennotierten Familienunternehmen der Welt an, aber viele kennen es nicht. Das liegt auch an der Geleebohnen-Philosophie: den Ball flach halten, nichts an die große Glocke hängen. Bescheidenheit, langfristiges Denken, gnadenloses Kalkulieren, diese Eigenschaften brachten das Unternehmen und die Koch-Brüder weit.

Die Liste der Reichen liest sich jedes Jahr ähnlich: Jeff Bezos, Bill Gates oder Warren Buffett belegen regelmäßig die Spitzenplätze. Kaum jemand schaut ein bisschen weiter unten, wo sich die Brüder Charles und David Koch befinden. Mit jeweils 50,5 Milliarden Dollar landen sie im neuesten Ranking des US-Wirtschaftsmagazins „Forbes“ auf Platz elf. Zusammengenommen aber würden sie noch vor Gates auf Platz zwei landen.

Er führte das Unternehmen zusammen mit seinem jüngeren Bruder David. AP

Charles Koch

Er führte das Unternehmen zusammen mit seinem jüngeren Bruder David.

Die Quelle ihres Reichtums ist Koch Industries. Jedem Bruder gehören jeweils 42 Prozent vom Konglomerat, das Raffinerien und Pipelines betreibt, aber auch in der Chemie-, Elektronik-, Papier- und Finanzbranche tätig ist. Das Unternehmen beschäftigt fast 130.000 Menschen. Etwas mehr als die Hälfte davon arbeiten in den USA.

Der Konzern ist in 60 Ländern der Welt vertreten. In Deutschland arbeiten knapp 1500 Beschäftigte in Tochterfirmen wie Molex, die in Walldorf Automatisierungs- und Computertechnik vertreibt, oder Invista, einem Chemieunternehmen in Hattersheim am Main.

Von den Brüdern ist Charles Koch schon länger die maßgebliche Figur im Unternehmen. Charles ist fünf Jahre älter als David, führt seit Ewigkeiten als Vorstandschef und Chairman die Geschäfte des Unternehmens mit Sitz in Wichita im US-Bundesstaat Kansas. Mit Geschick expandierte er die vom Vater 1940 gegründete Raffineriefirma Rock Island Oil & Refining Company, die er im Alter von 32 Jahren übernahm.

1967 benannte er die damalige Firma zu Ehren seines gerade verstorbenen Vaters in „Koch Industries“ um und ging auf Einkaufstour. Er erwarb erst Raffinerien, um später in andere Geschäftsfelder wie Rohstoffhandel, Immobilien, Papier oder Düngemittel zu expandieren.

Zum Koch-Reich zählen auch Brawny-Wischtücher oder Dixie-Becher, auch Invista, das Unternehmen, das Lycra-Textilfasern oder Stainmaster-Teppiche produziert. Der Erfolg kann sich sehen lassen. Die Firma war Anfang der 1960er-Jahre nur 21 Millionen Dollar wert. Heute beziffert „Forbes“ den Firmenwert auf 112 Milliarden Dollar.

David Koch, der jüngere Bruder und langjährige Vizepräsident des Unternehmens, zog sich im vergangenen Jahr aus gesundheitlichen Gründen aus Unternehmen und Politik zurück. Bei dem 79-Jährigen wurde bereits vor einem Vierteljahrhundert Prostatakrebs diagnostiziert.

Sein Bruder Charles gilt als pragmatischer und weniger ideologisch starrköpfig. David hatte schon immer einen Hang zur Politik, versuchte sich in den 1980er-Jahren mit einer politischen Karriere – allerdings mit wenig Erfolg.

Hohe Investitionen

Der 83-jährige Charles Koch kommt jeden Tag ins Büro und arbeitet rund um die Uhr. Er ist nicht jemand, der auf den schnellen Dollar aus ist. 90 Prozent der Gewinne investiert Koch Industries wieder in das Geschäft, statt es für Aktienrückkäufe oder Dividenden auszugeben. Seit 2003 waren das insgesamt Investitionen von 105 Milliarden Dollar. Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das von Wall Street und Quartalsdenken geprägt ist.

Wie sich das im Tagesgeschäft niederschlägt, erfuhr vor vielen Jahren Wesley Jones. Der Amerikaner leitete vor 15 Jahren die Zellstoffherstellung bei Georgia-Pacific. Der Papierhersteller war damals stark verschuldet, versuchte, an allen Ecken und Enden zu sparen. Auch bei der Produktion, was Jones immens frustrierte. „Wir versuchten, so wenig auszugeben wie möglich“, erinnerte er sich. „Selbst kleine Beträge waren ein Problem.“

Grafik

Dann kaufte Koch Industries 2004 die Zellstoffproduktion von Georgia-Pacific, setzte Jones als Chef ein. Erst wenige Monate in seinem Amt, rief Jones bei seinen neuen Vorgesetzten an und trug eine Bitte vor: In einem Werk in Brunswick im Bundesstaat Georgia wären neue Verarbeitungstürme eine gute Idee, sie würden die Produktion effizienter und besser machen.

Allerdings kosteten sie auch 30 bis 40 Millionen Dollar. Früher wäre das bei Georgia-Pacific ein schwieriges Vorhaben gewesen angesichts der hohen Investitionssumme. Jetzt aber erhielt Jones sofort grünes Licht – noch am Telefon. „Ich war völlig von den Socken“, erzählte der Manager. Die Investments in das Werk zahlten sich laut Jones schnell aus. Ende 2005 weiteten die Koch-Brüder ihr Papiergeschäft deutlich aus, übernahmen den Gesamtkonzern Georgia-Pacific für 21 Milliarden Dollar.

Die Geschichte wird in dem neuen Buch „Kochland“ erzählt. „Es ist eine bemerkenswerte Businessgeschichte“, sagte Autor Christopher Leonard. Der Konzern ist sehr zurückhaltend, fast geheimniskrämerisch. Es war daher eine seltene Ausnahme, dass sich Leonard eine Zeit lang in dem Unternehmen aufhalten und sich mit hochrangigen Managern unterhalten konnte.

Bei Koch Industries herrscht laut Leonard eine zwanglose, aber aggressive Unternehmenskultur. Krawatten haben Seltenheitswert, Statussymbole zählen wenig. Manager werden nicht an der Einhaltung von Jahresbudgets gemessen, sondern am Geschäftswachstum.

Der Erfolgsdruck begründete sich in der Unternehmerphilosophie von Charles Koch, der sie 2007 in dem Buch „Die Kunst des Erfolgs“ zusammenfasste. Darin beschreibt er sein „Market Based Management“ (MBM), das auf Theorien der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Hayek und Ludwig von Mises beruht und seit Anfang der 1990er-Jahre im Unternehmen gepredigt wird.

Opportunitätskosten spielen in MBM eine große Rolle, es gilt nicht die Höhe der Rendite zu den Kosten, sondern die Höhe der Rendite im Vergleich zu Renditen bei anderen möglichen Investitionen: „Jeder Mitarbeiter, der nicht wirklichen Wert schafft, macht nicht wirklich seinen Job“, schreibt Koch.

Koch schwärmt für Hayeks Idee der spontanen Ordnung, man müsse den Dingen ihre Freiheit geben, wie bei der Evolution oder der Sprache würde sich aus dem Chaos ganz von selbst eine konstruktive Struktur ergeben. Entsprechend hat er wenig für den Staat übrig, dessen Einfluss gelte es zu minimieren, während „die Privatwirtschaft und individuelle Freiheit zu maximieren“ seien, wie es in dem Buch heißt.

Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×