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08.08.2019

04:01

Einhörner in Israel

Die Milliarden-Mentalität: So kommen Start-ups in Israel zur Milliardenbewertung

Von: Pierre Heumann

Israel rühmt sich, ein Start-up-Land zu sein. Das liegt an außergewöhnlichen Denkmustern dort. Davon profitieren derzeit zwei junge Unternehmen für Datenspeicher und Gaming.

Ausbrechen aus alten Denkmustern. Thomas Berger für Handelsblatt

Infinidat-Gründer Moshe Yanai

Ausbrechen aus alten Denkmustern.

Tel Aviv Während eines Helikopterflugs entlang der Küste zwischen Tel Aviv-Jaffa und dem nördlich gelegenen Caesarea zeigt uns Moshe Yanai, wie Israel zum Innovationshotspot mit der weltweit höchsten Start-up-Dichte wurde. Mehr als ein Dutzend Einhörner gibt es dort, also junge Firmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen dem Ausbrechen aus alten Denkmustern und dem technischen Fortschritt, fasst er seine Theorie zusammen.

Um uns das in einer historischen Perspektive vorzuführen, hat er hinter dem Pilotenknüppel Platz genommen und kreist über der alten Hafenstadt Caesarea. Hier habe König Herodes vor 2000 Jahren mit dem Aquädukt, der noch heute deutlich zu erkennen ist, Wasser aus den umliegenden Bergen transportiert und damit den Bürgern einen hohen Lebensstandard ermöglicht: „Die hatten sogar Toiletten mit fließendem Wasser.“

Südlich von Caesarea, über dem 4000 Jahre alten Hafen von Jaffa, beschreibt er die damals aufkommende Seefahrt als Motor für das anschließende Wachstum.

Sprung in die Gegenwart: In Israel ist eine Hightech-Szene entstanden, die den Vergleich mit dem Silicon Valley nicht zu scheuen braucht. Nirgends gibt es pro Kopf mehr Start-ups, die an der Zukunft des Lebens und der Arbeit forschen. In der ersten Jahreshälfte 2019 sammelten Hightech-Firmen insgesamt 3,9 Milliarden Dollar Venture-Capital ein – Insider sprechen von einem Rekordergebnis.

Seine Hubschrauber-Show sieht Yanai auch als Protest gegen den politischen Einfluss der Ultraorthodoxen im Land, die nichts anderes als die Heilige Schrift im Kopf haben. Deren Absage an die Technologie und ihr Verzicht auf die ständige Suche nach Innovationen hätten einen „verheerenden Einfluss“ auf das Land, schimpft er, während unter uns Segelschiffe und Surfer die Freuden genießen, die das Meer bietet.

Grafik

Auch wichtigen Kunden führt Yanai seine etwas handgestrickt anmutende Theorie über Triebfedern der Innovation gern auf seinen Rundflügen vor. Die Klientel kommt zu ihm, weil er einen beachtlichen Leistungserfolg beim Umgang mit dem stetig und rasant anschwellenden Datenstrom hat.

Die digitale Transformation verändere die Komplexität und das Ausmaß der Datenspeicherung, sagt der erfahrene Speicher-Guru. Er wolle deshalb helfen, das Wissen der Menschheit zu speichern und neue Formen des Computings möglich zu machen, sagt er. Dazu hat er ein System perfektioniert, an dem er zuvor mehr als 40 Jahre gearbeitet hatte.

In zwei Jahren an die Börse

Israel rühmt sich, ein Start-up-Land zu sein. Die Denkweise der jungen Nation hilft zwei Unternehmen für Datenspeicher und Gaming, die Grenze zur Milliardenbewertung zu durchbrechen. Sein Start-up Infinidat gründete der 70-Jährige vor acht Jahren. Heute wachse es jährlich um über 30 Prozent bei Umsätzen von mehreren Hundert Millionen Dollar.

Mit dem Unternehmen, dessen Wert auf rund 1,6 Milliarden Dollar taxiert wird, will er in zwei Jahren an die Börse. Derzeit hält er eine Kontrollmehrheit von mehr als 50 Prozent. Seine Angestellten besitzen weitere 20 Prozent, den Rest halten Goldman Sachs und TPG Capital.

Yanai arbeitete in den 1970er-Jahren in den USA für IBM, ab 1984 für Nixdorf, bevor er 1987 zu EMC wechselte. Dort war er bei der Entwicklung des Storagesystems Symmetrix beteiligt, das Dell/EMC heute noch als führendes Qualitätsprodukt vermarktet. Damals schon ermöglichte sein System trotz niedrigerer Kosten höhere Leistungen.

Der Absolvent der technischen Hochschule in Haifa, der im Laufe der Jahre 40 Patente gesammelt hat, hatte sich vorübergehend in den Ruhestand zurückgezogen. Aber jetzt sind Petabytes und Racks wieder seine Welt. Er führt uns in den Serverraum, zeigt auf einen Serverschrank und erklärt, ganze Bibliotheken ließen sich in einem dieser Racks speichern, die sich nahtlos aneinanderreihen.

Zehn Petabytes könne man in einem Rack unterbringen – was eine für Laien schier unvorstellbare Datenmenge ist, wie folgende Vergleiche zeigen: Ein Petabyte entspricht der Menge von 745 Millionen Floppy Disks oder 1,5 Millionen CD-ROMs. Auf einem Petabyte hätten zum Beispiel mehr als eine Milliarde Digitalfotos Platz.

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