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14.06.2022

17:08

Encourage Ventures

Zu viele Männer in jungen Unternehmen: Netzwerk will Frauenanteil bei Start-ups erhöhen

Von: Tanja Kewes

PremiumDeutschlands Gründerszene ist noch sehr männlich dominiert. Das wollen einige Führungsfrauen nachhaltig ändern.

Die Gründerinnen von Encourage Ventures wollen Investorinnen und Gründerinnen zusammen- und weiterbringen. Sie ziehen eine erste positive Bilanz.

Tina Müller (r.), Stephanie Bschorr (l.), Ina Schlie

Die Gründerinnen von Encourage Ventures wollen Investorinnen und Gründerinnen zusammen- und weiterbringen. Sie ziehen eine erste positive Bilanz.

Düsseldorf Sie sind unterschiedliche Typen Frauen. Doch eine Idee brachte sie vor einem Jahr zusammen: Ina Schlie, die Multiaufsichtsrätin, Stephanie Bschorr, die Unternehmerin, und Tina Müller, die Topmanagerin. Gemeinsam gründeten sie im Juni 2021 den Verein Encourage Ventures. Daraus erwachsen ist inzwischen ein Netzwerk, dem 460 Start-ups unter weiblicher Führung und 470 Investorinnen angehören. Das Ziel: sich gegenseitig als Gründerinnen und Investorinnen unterstützen und mehr Frauen ermutigen, unternehmerisch tätig zu werden.

„Wir wollen den Anteil der Frauen in der Gründerszene erhöhen und auch politisch wirken“, sagt Ina Schlie, die Initiatorin des Netzwerks und Co-Vorsitzende des Vereins. Und weiter sagt Schlie, die unter anderem im Aufsichtsrat des SDax-Konzerns Heidelberger Druckmaschinen wirkt: „Das ist uns in den vergangenen zwölf Monaten auch schon gelungen.“ Es sei ein Ökosystem entstanden, das Investorinnen und Gründerinnen gleichermaßen weiterbringe.

Schlie, Bschorr und Müller engagieren sich dabei wie auch Ex-Allianz-Vorständin Ana-Cristina Grohnert sowohl mit ihrem Wissen, ihrer Erfahrung als auch mit eigenem Geld. Sie sind als Mentorinnen und Investorinnen aktiv. Für Douglas-CEO Müller, eine der deutschen Topmanagerinnen, ist das Netzwerk ein wichtiger Schritt, um „den Innovationsrückschritt Deutschlands wieder aufzuholen und um entscheidende Weichen für eine diversere und damit erfolgreichere Zukunft von Deutschlands Gründerinnen im internationalen Vergleich zu stellen“.

Erster erfolgreicher Exit

Seit seiner Gründung vor einem Jahr hat das Netzwerk eigenen Angaben zufolge 50 Veranstaltungen durchgeführt, darunter auch sogenannte Pitch Nights, bei denen über 80 Start-ups mit Investments, Mentoring und Sponsoring unterstützt wurden. Dabei erfreuten sich vor allem Tech-Start-ups eines großen Interesses. Dazu gehörte etwa Ubimaster, eine digitale Nachhilfeplattform. Die Gründerin und CEO Jana Krotsch fand über das Netzwerk nicht nur Geldgeberinnen. Sie sagt: „Bei Encourage Ventures haben wir neben einer Finanzierung vor allem motivierte Partnerinnen gefunden, die uns dabei unterstützen, unser Unternehmen auf das nächste Level zu heben und weiterwachsen zu können.“

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    Für Schlagzeilen sorgte auch schon ein erster Exit aus dem Netzwerk heraus. Anfang des Jahres verkauften die beiden Gründerinnen Anna Kaiser und Jana Tepe ihr Berliner Start-up Tandemploy gemeinsam mit ihren überwiegend weiblichen Investoren an den US-Tech-Konzern Phenom. Es war der erste sogenannte „All-Female-Deal“. Schließlich ist Deutschland bisher vor allem das Land männlicher Unternehmer und Gründer.

    So gibt sich Deutschlands Gründerszene zwar offen und divers, ist aber faktisch bei der Frauenförderung rückständiger als die meisten Traditionskonzerne. Im Jahr 2021 lag der Frauenanteil unter allen Neugründungen nach Angaben des Deutschen Start-up-Monitors (DSM) nur bei 17,7 Prozent. Deutschland hat zwar mittlerweile 25 Einhörner oder Unicorns laut Daten von CB Insights hervorgebracht, also Start-ups mit einer Marktbewertung von mehr als einer Milliarde Dollar oder Euro. Frauen unter den Einhorn-Gründern gibt es aber bisher genau eine: Osnat Michaeli von Infarm.

    Politische Einflussnahme

    Entsprechend positiv wurde das neue Frauennetzwerk in der Gründer- und Investorenszene aufgenommen: So sagt Christian Miele, Chef des Start-up-Verbands: „Unser Ziel ist ein kultureller Wandel, der veraltete Rollenbilder aufbricht und Frauen ermutigt, sich im Start-up-Ökosystem zu etablieren.“ Die Stärkung der Gründungsaktivitäten von Frauen sei kein Selbstzweck, sondern gesellschaftlich erforderlich – und vor allem ein Gebot ökonomischer Vernunft und Notwendigkeit.

    Und selbst nicht im Netzwerk aktive Unternehmerinnen wie die „Fintech Ladies“-Gründerin Christine Kiefer begrüßen Encourage Ventures als „Problemlösung“.

    Der Erfolg beflügelt die frühere SAP-Managerin Ina Schlie und ihre Mitstreiterinnen und ließ sie auch politisch aktiv werden. Von Vorteil: Stephanie Bschorr etwa hat als langjährige Präsidentin des Verbands Deutscher Unternehmerinnen (VDU) gute Kontakte in Berlin. Im Oktober richteten sie erstmals Handlungsempfehlungen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Prompt wurden sie jetzt im Frühjahr 2022 in die Konsultationen zur neuen Start-up-Strategie der Bundesregierung eingebunden. Vertreterinnen des Vereins waren sowohl an Workshops des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) als auch an der Onlinekonsultation beteiligt.

    Und damit nicht genug. Unter der Leitung von Netzwerkmitgründerin Heike Marita Hölzner, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, wurden zudem zwei Forschungsprojekte initiiert, die zu einer besseren Datenlage führen sollen. In der ersten Untersuchung geht es um mögliche Unterschiede im Investitionsverhalten von Investorinnen im Vergleich zu Investoren. Im zweiten Forschungsvorhaben soll ermittelt werden, mit welchen Herausforderungen sich Gründerinnen entlang der verschiedenen Phasen des Gründungsprozesses konfrontiert sehen. Hölzner: „Mit den Forschungsprojekten wollen wir unsere Forderungen faktenbasiert untermauern und durchsetzen, um all die ‚Totschlagargumente‘ da draußen zu entkräften.“

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