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22.03.2022

18:57

Erfahrungsberichte

„Es gibt keine Worte für diese Brutalität“: Was Unternehmer mit Ukraine-Geschäft jetzt bewegt

Von: Florian Kolf, Hannah Krolle, Anja Müller, Jakob Schreiber

PremiumDeutsche Familienunternehmer, die in der Ukraine aktiv sind, sorgen sich nach dem russischen Angriff um ihre Mitarbeiter und deren Familien. Nun sprechen sie darüber.

Deutsche Unternehmer fürchten um das Schicksal ihrer Mitarbeiter in der Ukraine. Viessmann, Polaris/laif, ddp/Ziv Koren/Polaris

Brennende Fabrik von Viessmann (l.), zerstörte Häuser in Kiew

Deutsche Unternehmer fürchten um das Schicksal ihrer Mitarbeiter in der Ukraine.

Düsseldorf Rund 2000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung sind in der Ukraine aktiv. Sie beschäftigen etwa 50.000 Menschen. Das Handelsblatt hält seit mehreren Wochen Kontakt zu deutschen Familienunternehmen und Start-ups, die einen Firmensitz im Land haben – und die sich nach dem Angriff Wladimir Putins um ihre Mitarbeiter und deren Familien sorgen. Hier sprechen fünf Unternehmer über ihre Erfahrungen.

Max Viessmann: „Ein Angriff auf unsere menschliche Welt und unsere Werte“

Als Mensch und Familienvater, aber auch als Familienunternehmer sehe ich in den Angriffen auf die Ukraine einen Angriff auf unsere menschliche Welt und unsere Werte. Eine Welt, in der wir gerne leben, die auf Werten basiert, die das Wohlergehen der Menschen, das freie Denken, die freie Meinungsäußerung und die demokratische Entscheidungsfindung fördert und die die unverzichtbare Grundlage dafür bildet, dass wir bei Viessmann unserer Aufgabe, Lebensräume für zukünftige Generationen (mit-)zu gestalten, gerecht werden können.

Angesichts des Krieges gegen die Menschlichkeit und das ukrainische Volk erscheint es fast wie eine Randnotiz, dass unser Büro- und Logistikzentrum in Kiew durch die Bomben der Putin’schen Streitkräfte völlig zerstört wurde. Es gibt keine Worte für die Brutalität, die wir in der Ukraine erleben müssen.

Glücklicherweise wurde das Büro zuvor evakuiert, aber die schrecklichen Nachrichten, die wir jeden Tag sehen, und der Schmerz, den unser Team erlebt, brechen uns das Herz. Unsere Gedanken und Gebete sind bei allen unschuldigen Menschen, die so sehr unter diesem sinnlosen Krieg leiden.

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    Als 105 Jahre altes Familienunternehmen nehmen wir auch hier und jetzt unsere soziale Verantwortung wahr und helfen schnell und pragmatisch. So spendet unsere Viessmann Stiftung eine Million Euro, um die ukrainische Bevölkerung in drei Bereichen zu unterstützen: humanitäre Hilfe, lokale Unterstützung durch Transport, Lebensmittel und Medikamente sowie langfristige Unterstützung durch Integration und Ausbildung für Flüchtlinge.

    Der Heizungs- und Klimaspezialist beschäftigt mehr als 12.750 Mitarbeiter und hatte 2020 einen Jahresumsatz von rund 2,8 Milliarden Euro. Sandra Steh Photography/Viessmann

    Max Viessmann, Vorstandschef von Viessmann

    Der Heizungs- und Klimaspezialist beschäftigt mehr als 12.750 Mitarbeiter und hatte 2020 einen Jahresumsatz von rund 2,8 Milliarden Euro.

    Dazu gehört auch ein „1:1 Match your donation“-Programm für unsere weltweiten Viessmann-Familienmitglieder, deren Geldspenden wir von Unternehmensseite verdoppeln.

    Besonders stolz sind wir darauf, wie unsere ukrainischen Viessmann-Familienmitglieder mit dieser beispiellosen Situation umgehen und wie unsere Familienmitglieder in Polen, Ungarn, Rumänien, der Slowakei und zahlreichen anderen Ländern viele Initiativen zur Unterstützung ukrainischer Flüchtlinge ins Leben gerufen haben.

    Sie haben den Transport der Familien unserer Mitarbeiter von der Grenze aus organisiert, haben Lebensmittel und Betten zur Verfügung gestellt und ihre persönlichen Wohnräume mit den Flüchtlingen geteilt. Als eine große Familie stehen wir zusammen – im Unternehmen und weit darüber hinaus!

    Christian Gisy: „Wie es weitergeht, wissen wir im Augenblick noch nicht“

    Dem Großteil unserer Mitarbeiter geht es gut. Sie wollen weiterarbeiten, sich ablenken von den schrecklichen Ereignissen. Wir bekommen Slack-Nachrichten wie „Ich sitze gerade im Bunker und bin gut erreichbar“. Das ist für uns nur schwer vorstellbar, aber es funktioniert. Unsere IT-Mannschaft ist zu einem Großteil am Hauptstandort in Odessa geblieben, die meisten Fachkräfte im Kundencenter arbeiten remote.

    Das Unternehmen verkauft Pkw- und Lkw-Ersatzteile in 27 europäischen Ländern und verbuchte 2021 zum ersten Mal einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro. Autodoc

    Christian Gisy, Geschäftsführer und Co-CEO von Autodoc

    Das Unternehmen verkauft Pkw- und Lkw-Ersatzteile in 27 europäischen Ländern und verbuchte 2021 zum ersten Mal einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro.

    Wir beschäftigen auch russische Mitarbeiter in der Ukraine und an einem Standort in Novosibirsk. Ich habe Angst, dass durch den Krieg Gräben in der Belegschaft entstehen. Wir haben unseren Mitarbeitern frühzeitig klar- und sehr deutlich gemacht, dass wir eine Familie sein wollen, immerhin kommen unsere Fachkräfte aus 50 Ländern.

    Dazu gehören auch russische Mitarbeiter. Viele davon arbeiten und leben in der Ukraine und sind daher genauso betroffen wie die Ukrainer. Ihr Leben ist ebenfalls in Gefahr, wenn sie in Kiew oder Charkiw sind. Wenn separatistische Strömungen entstehen, müssen wir sofort dagegen angehen. 

    Wie es weitergeht, wissen wir im Augenblick noch nicht, da einiges außerhalb unseres Einflussbereichs liegt. Der Großteil unserer Mitarbeiter sind Männer. Niemand weiß, wann diese ausreisen dürfen. Wer an die Standorte in Berlin, Stettin oder Prag kommen möchte, kann das jederzeit tun. Wir sind flexibel, denn als Digitalunternehmen sind wir gewohnt, aus allen Regionen Europas zu arbeiten.

    Ulrich Bettermann: „Wenn der Krieg zu Ende ist, wollen sie zurück“

    Alle Welt fragt sich, warum es zu keinen ehrlichen Gesprächen kommt. Alle lavieren herum. Ich empfinde es schon als heldenhaft, was die Ukraine den Russen entgegensetzt.

    Wir haben in der Ukraine ein Logistikzentrum und ein Vertriebsbüro in Kiew. Die waren vor Kriegsbeginn in einem Komplex untergebracht, insgesamt sind es 35 Leute. Weil wir keine Produktion in der Ukraine haben, konnten wir den Betrieb bei Kriegsbeginn einfach zusperren und unsere Mitarbeiter das Gebäude verlassen. Bis heute ist es noch nicht zerstört worden, und wir haben einen Dienstleister engagiert, der das Gebäude bewacht.

    Unsere Mitarbeiter sind zum Teil aufs Land geflohen, einige weiter ins Ausland – zu unserem ungarischen Standort in Budgy in der Nähe von Budapest, einige zu uns ins Sauerland nach Menden.

    Das Unternehmen produziert Befestigungsmaterial und macht rund 800 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Julia Sellmann/laif

    Ulrich Bettermann, Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident von OBO Bettermann

    Das Unternehmen produziert Befestigungsmaterial und macht rund 800 Millionen Euro Umsatz pro Jahr.

    Wir haben fast so viele Frauen wie Männer in der Ukraine beschäftigt. So hat sich zum Beispiel unsere Logistikleiterin aus Kiew mit ihrer Mutter und ihrer sechsjährigen Tochter samt einem nicht ganz kleinen Hund bis nach Menden durchgeschlagen. Sie hatte vorher gefragt, ob sie den Hund mitbringen kann, natürlich kann sie das! Sie kamen dann also zu viert mit dem Auto her.

    Insgesamt 18 Stunden mussten sie voller Angst und in kilometerlangen Staus von Kiew bis zur polnischen Grenze fahren, bis sie erleichtert nach 30 Stunden Flucht hier ankamen. Sie waren furchtbar erschöpft. Der kleinen Tochter habe ich erst mal ein OBO-Männchen in Plüsch in die Arme gedrückt. Unserer Logistikleiterin habe ich 1000 Euro gegeben. Wir waren alle sehr gerührt.

    Was bleibt, ist die Sorge um ihren Mann, der ja in die Armee eingezogen wurde. Er arbeitet nicht bei uns. Aber auch unsere wehrfähigen Männer sind eingezogen worden, schon deshalb wäre ein Weiterbetrieb gar nicht möglich. Am Donnerstagabend hat unser Logistikleiter aus Menden seine Kollegin aus der Ukraine zum Essen eingeladen, einfach gegen das Heimweh und gegen die Sorge um ihren Mann.

    Die Hilfsbereitschaft aller Mitarbeiter in unseren Betrieben in Menden und in Ungarn ist sehr groß. Diejenigen, die geflüchtet sind, arbeiten in Ungarn und Deutschland weiter, das dürfen sie ja. Aber wenn der Krieg zu Ende geht, wollen sie so schnell wie möglich wieder zurück.

    Jürgen Schuster „Ähnlich gute Fachkräfte sind kaum zu bekommen“

    Wenn ich heute an das Kiew von vor dem Krieg denke, werde ich traurig. Im Land herrschte Aufbruchstimmung, dort waren und sind hoch motivierte junge Menschen, top ausgebildet.

    Deshalb habe ich mich entschieden, einige Bereiche meines E-Commerce-Unternehmens in der Ukraine aufzubauen. Es war einfacher, dort Fachkräfte zu finden als an unserem ländlichen Firmensitz im bayrischen Genderkingen. 

    Das Onlinefachgeschäft beschäftigt rund 330 Mitarbeiter und setzte 2021 107,5 Millionen Euro um. Raumschmiede

    Jürgen Schuster, Geschäftsführer von Garten-und-Freizeit.de

    Das Onlinefachgeschäft beschäftigt rund 330 Mitarbeiter und setzte 2021 107,5 Millionen Euro um.

    Kurz nach Kriegsausbruch sind viele ukrainische Mitarbeiter ins Ausland geflüchtet, andere arbeiten im Land unter erschwerten Bedingungen weiter. Einige Aufgaben übernehmen Mitarbeiter in der Zentrale in Deutschland.

    Kurzfristig gibt es keine echte Alternative zur Ukraine für die Raumschmiede, denn ähnlich gut ausgebildete Fachkräfte sind in Deutschland und anderen Ländern kaum zu bekommen. Das eine oder andere Zukunftsprojekt wie die Digitalisierung von Produktdaten dürfte sich jetzt deutlich verzögern. 

    Uwe Knotzer: „Wir werden die Fabriken wieder hochfahren“

    Ich mache mir große Sorgen um unsere rund 600 Mitarbeiter in der Ukraine. Die meisten davon sind in unserem Gipsplattenwerk in Donbass beschäftigt. Schon die letzten Jahre waren für die Menschen in dieser Region nicht einfach. Mit dem Einmarsch der russischen Armee hat sich die Lage dort jedoch noch einmal erheblich verschärft.

    Unmittelbar nach dem Beginn der militärischen Auseinandersetzungen haben wir uns dazu entschlossen, den Betrieb unserer Fabriken einzustellen und alle Mitarbeiter in der Ukraine nach Hause zu schicken, damit sie sich und ihre Familien in Sicherheit bringen können.

    Alle Mitarbeiter haben drei Monatslöhne im Voraus erhalten, damit sie sich zumindest finanziell in nächster Zeit keine Sorgen machen müssen. Darüber hinaus haben wir einen Fonds eingerichtet, mit dem wir unbürokratisch Mitarbeitern helfen, die ihre Wohnung verloren haben oder sonst in finanzielle Not geraten.

    Der Baustoffkonzern setzt mit 40.000 Mitarbeitern rund 12,5 Milliarden Euro um. Knauf KG

    Uwe Knotzer, geschäftsführender Gesellschafter der Knauf Gruppe

    Der Baustoffkonzern setzt mit 40.000 Mitarbeitern rund 12,5 Milliarden Euro um.

    Besonders stolz macht mich eine Spendenaktion unserer Mitarbeiter für die Kollegen in der Ukraine. Im Rahmen dieser Aktion wird jeder gespendete Euro von Knauf verdoppelt. Die weltweite Solidarität unserer Mitarbeiter mit den Kollegen in der Ukraine ist überwältigend. Ich halte über die lokale Geschäftsführung nahezu täglich Kontakt zu den Mitarbeitern in der Ukraine. Soweit ich weiß, sind alle Mitarbeiter und deren Familien wohlauf. Einige sind zum Militär eingezogen worden, einige haben zwischenzeitlich das Land verlassen.

    Für diejenigen, die das Land verlassen wollen, haben wir eine Hotline eingerichtet, über die Hilfsangebote weitergegeben werden. Für erste Mitarbeiter oder deren Familien konnten auf diese Weise Gastfamilien in Deutschland gefunden werden.

    Die überwiegende Mehrheit unserer Mitarbeiter in der Ukraine ist jedoch noch im Land und hofft darauf, dass bald Frieden einkehrt.

    Wenn ich höre, wie mutig und zuversichtlich unsere Mitarbeiter trotz der schwierigen Lage in ihrem Land sind, beeindruckt mich das sehr. Wir werden unsere Fabriken wieder hochfahren, sobald das ohne Gefahr für Leib und Leben unserer Mitarbeiter möglich ist, und unseren Beitrag zum Wiederaufbau der Ukraine leisten.

    Dem Landkreis Kitzingen werden wir in den nächsten Tagen eine Unterkunft für rund 100 Flüchtlinge aus der Ukraine kostenlos zur Verfügung stellen.

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