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13.06.2022

18:36

Fachkräftemangel

Die Plattform Redi-School bietet IT-Schulungen für Flüchtlinge an – und befindet sich gerade im Ausnahmemodus

Von: Tanja Kewes

Anne Kjaer Bathel will mit ihrem Unternehmen dem Fachkräftemangel etwas entgegensetzen. Der Ukrainekrieg stellt das Projekt vor neue Herausforderungen.

Die Gründerin, die Innovationsmanagement in Aarhus studiert hat, will digital expandieren.

Anna Kjaer Bathel

Die Gründerin, die Innovationsmanagement in Aarhus studiert hat, will digital expandieren.

Düsseldorf Der Iraker Mohammed brauchte eigentlich nicht viel, um in Deutschland als Informatiker erfolgreich arbeiten zu können. Als Anne Kjaer Bathel ihn im August 2015 in einem Flüchtlingsheim kennenlernte, kam die damals 33-Jährige auf die Idee für die Redi-School.

Einige Monate später gründete Bathel eine gemeinnützige GmbH. Seitdem bietet die Redi-School IT-Schulungen für Flüchtlinge an und setzt dem Fachkräftemangel damit etwas entgegen.

Rund 6500 Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten aus 106 Nationen wie Syrien, Afghanistan und Eritrea hat die Redi-School seitdem aus- und weitergebildet und erfolgreich in die deutsche Wirtschaft integriert. Mehr als 100 Partner aus der deutschen Wirtschaft und 500 ehrenamtliche Lehrkräfte unterstützen das Projekt. Mohammed etwa arbeitet inzwischen als Programmierer bei Accenture.

Der Ukrainekrieg bringt nun aber auch ihr Unternehmen in eine neue Dimension: „Viele Ukrainerinnen und Ukrainer sind sehr gut ausgebildet“, sagt Bathel. „Und die Nachfrage nach Fachkräften aus der deutschen Wirtschaft ist sehr hoch.“ Aufgabe sei es, diese miteinander zu verknüpfen.

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    Seit Kriegsbeginn befindet sich die Redi-School deshalb im Ausnahmemodus. Mehr als 600.000 Flüchtlinge sind seit März aus der Ukraine in Deutschland angekommen. Viele von ihnen seien Technologie-affin. „Einige haben bereits IT-Kenntnisse“, sagt Barhel. Andere hätten wenig Computer- oder Programmier-Erfahrung, seien aber sehr interessiert. Am meisten fehlten Sprachkenntnisse und Kontakte.

    „Wir unterrichten daher auch in Ukrainisch oder Russisch und vermitteln nicht nur Fachwissen, sondern auch Mentoren, Karriere-Coaches und ein Netzwerk“, sagt Bathel, die auch Mitglied im Innovation Board des Handelsblatts ist.

    Co-Creation-Workshops und Tech-Kurse für Kinder

    Mit den Partnerunternehmen Capgemini, Cisco, Siemens, The Digital Collective und Fujitsu veranstaltet die Redi-School daher sogenannte Co-Creation-Workshops, aber auch Tech-Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit insgesamt rund 120 Teilnehmern in Berlin, München und demnächst auch in Düsseldorf. Dafür hat Redi vier Ukrainerinnen als Projektmanagerinnen eingestellt. Insgesamt beschäftigt die Redi-School inzwischen 73 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

    Die Abkürzung Redi steht für Readiness und Digital Integration. Die gemeinnützige GmbH arbeitet nicht gewinnorientiert. Werden dennoch Gewinne erzielt, müssen diese reinvestiert werden. „Unser Unternehmensziel war und ist Wirkung, nicht Return on Investment“, sagt Bathel.

    Doch auch angesichts ihres Erfolgs und des weiter steigenden Bedarfs kann die Redi-School eigenen Angaben zufolge nicht so rasch expandieren. wie es Gründerin Bathel gerne hätte: „Wir hätten in Deutschland schon deutlich mehr Schulen eröffnen können. Die Bürokratie lässt das aber nicht so leicht zu“, sagt Bathel. „In München arbeiten wir zum Beispiel hervorragend mit der Stadt und auch mit dem Jobcenter zusammen, aber leider sind nicht alle Behörden in Deutschland so offen und innovativ.“

    Der Grund: Der Lehransatz der Redi-School, die zwar selbst als Bildungsträger nach AZAV zertifiziert ist, basiert auf ehrenamtlich tätigen IT-Experten aus der Tech- und Start-up Branche. Diese sind zwar häufig hochqualifiziert, kennen die aktuellen Bedarfe der IT-Industrie sehr gut, sind selbst jedoch nicht zertifiziert.

    Das verlangen jedoch viele Behörden. Aus dem gleichen Grund erhält die Redi-School auch für die Vermittlung von Arbeitssuchenden aktuell keine Bonuszahlungen von Jobcentern.

    Viel Optimierungspotenzial

    Hier sieht Bathel eindeutig „Optimierungspotenzial“: „Eine Systemänderung wäre gut“, sagt sie. In anderen Ländern ginge die Expansion rascher voran. In Dänemark ist die Redi-School dank der Unterstützung unter anderem durch die Coca-Cola-Foundation seit drei Jahren aktiv. In Schweden finanziere nun die Stadt Malmö eine Redi-School, und die Stadt Stockholm habe auch Interesse signalisiert.

    „So digital die Welt inzwischen ist, so wichtig sind gerade bei Geflüchteten die persönliche Ansprache und die Einbindung in ein lokales Netzwerk“, sagt Bathel. Die Gründerin, die Innovationsmanagement in Aarhus studiert hat, will nun digital expandieren.

    Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz soll nun die „Redi-School in Cyberspace“ aufgebaut werden, eine digitale Plattform für die IT-Weiterbildung von Geflüchteten und Menschen ohne Zugang zu digitaler Bildung. Dafür erhält die Redi-School im Rahmen des „Innovationsprogramms für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen“ eine Förderung in Höhe von 200.000 Euro.

    Die Plattform soll gemeinnützig wirken. Bathel: „Mit der ‚Redi in Cyberspace‘ können wir auch Menschen in Flüchtlingscamps erreichen und vor Ort qualifizieren. Das wäre dann eine Art Entwicklungshilfe am Menschen.“

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