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23.02.2022

04:00

Familienunternehmen

Großprojekt bei Würth: Innovationszentrum ermöglicht Extremtests für Baumaterialien

Von: Martin-W. Buchenau

Würth-Chef Friedmann setzt die Konkurrenz mit einem Bauprojekt für 70 Millionen Euro unter Druck. Es stärkt die eigene Produktlinie – samt Härtetest.

Das Unternehmen für Befestigungstechnik will mit einem Innovationszentrum den Wachstumsvorsprung weiter ausbauen. Sebastian Gollnow/dpa

Würth-Chef Robert Friedmann

Das Unternehmen für Befestigungstechnik will mit einem Innovationszentrum den Wachstumsvorsprung weiter ausbauen.

Künzelsau Die Zukunft Würths ist noch eine Baustelle. 70 Millionen Euro ist dem weltgrößten Unternehmen für Befestigungstechnik sein neues Entwicklungszentrum am Stammsitz in Gaisbach bei Künzelsau wert. Sicherheitsschuhe und Schutzhelm gehören zur Arbeitskleidung. Ein kleiner Spalt im Betonboden umrandet dort eine 100 Quadratmeter große eingelassene Fläche.

Darunter verborgen: Hochtechnologie. „Wir können hier Erdbeben simulieren“, erklärt Würths Entwicklungschef Heiko Roßkamp beim Baustellenrundgang. „Mit Dauertests können wir nachahmen, wie Tausende Autos und Lkws am Tag über eine Brücke fahren und sie belasten.“ Meterlange Reparaturanker zur Brückensanierung und chemischer Spezialmörtel sollen hier ihre Tauglichkeit beweisen.

Noch ist die Halle leer, aber das Familienunternehmen will 250 Materialforschern und Entwicklern optimale Arbeitsbedingungen bieten. Im Herbst soll das Innovationszentrum fertig werden und dann eins der weltweit leistungsfähigsten Prüfzentren für Befestigungstechnik sein.
„Wir setzen noch stärker auf innovative Produkte, mit denen wir uns von der Konkurrenz differenzieren können“, sagte Würth-Chef Robert Friedmann dem Handelsblatt.

„Wir wollen systematische Lösungen anbieten, die unseren Kunden Zeit und damit Kosten sparen.“ Gemeint sind Innovationen wie die Spezialdübel zur Instandsetzung von Brücken. Oder Holzschrauben, die sich schneller eindrehen lassen und für deren Mehrwert Kunden bereitwillig höhere Preise zahlen. Solche Ankündigungen sollten die Konkurrenz nervös machen.

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Standort erkennen

    Der 55-jährige Friedmann führt das Unternehmen bereits seit 2004 operativ. Das letzte Wort hat aber immer noch der inzwischen 86-jährige Firmenpatriarch Reinhold Würth. Das gilt auch für die Zukunftsausrichtung. Das Unternehmen begann als klassischer Händler im Direktvertrieb mit Außendienstlern. Seit den 1970er-Jahren werden Produkte unter der eigenen Marke verkauft.

    Viel Sanierungsbedarf im Brückenbau

    Seither verbessert der Konzern stetig seine Produkte, maßgeblich durch Rückmeldungen des Vertriebs mit seinen mehr als einer halben Million Kundenkontakten. Das direkte Feedback führt immer wieder zu praxisnahen Neuentwicklungen: So sind die Bits bei Schraubendrehern bei Würth farbkodiert – ebenso wie die passenden Schrauben.

    Welche Art Innovation sich der Mittelständler von seinem Forschungszentrum verspricht, zeigt Heiko Roßkamp anhand eines gut einen halben Meter langen Metallstabs mit unterschiedlichen Gewinden. Eine dieser Ankerschrauben kostet rund 100 Euro. Und sie können die Lebensdauer von Brückenbauwerken verlängern.

    Deutschlandweit werden in der Nachkriegszeit gebaute Brücken umfassend saniert, da sie der modernen Belastung nicht mehr standhalten. Weltweit schätzt Roßkamp diesen Markt auf mehrere Milliarden Euro. Die Ankerschrauben müssen daher künftig den Erdbebentest bestehen.

    „Wir werden im Innovationszentrum die Welt unserer Kunden nachbilden“, verspricht Einkaufs- und Produktchef Thomas Klenk. In der 1500 Quadratmeter großen Versuchshalle wird Würth komplette Dachstühle aufbauen, um Holzschrauben zu verbessern, Befestigungen für Isoliermaterial oder Spezialkleber zu testen und zu entwickeln.

    Hauptziel ist es, Entwicklungszyklen zu verkürzen und schneller am Markt zu sein, betont Klenk. Hinter der fertigen Fassade aus Aluminium und Glas werden sich ab Herbst Labore für Dübeltechnik, 3D-Druck und Vernetzungen sowie Werkstätten, Prüffelder und Klimakammern finden. Eigentlich sollte der Bau schon Ende 2021 bezugsfertig sein. Aber zu Beginn der Coronapandemie wurde der Bau vorsichtshalber abgebremst. „Nachdem unser Geschäft sich dann schnell erholte, haben wir rasch weitergebaut“, sagt Konzernchef Friedmann.

    Konkurrenz hält bei der Dynamik nicht mit

    Mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Universität Stuttgart sollen intensive Kooperationen zusätzlichen Schub bringen. „Die direkte Übertragbarkeit aus der Forschung in die industrielle Umsetzung ist ein wichtiges Kernelement“, erläutert Thomas Klenk. Würth plant zudem 40 hoch qualifizierte Ingenieure neu einzustellen, insbesondere für die Bereiche Mechatronik, Chemie, Softwareentwicklung und Befestigungstechnik. Arbeitsplätze mit Blick ins Grüne, erträgliche Immobilienpreise und viel Natur soll die Spezialisten in die Hohenlohe locken.

    Würths Innovationszentrum ist eine Kampfansage an die Konkurrenz, die internationale wie die lokale. So besuchte Reinhold Würth einst mit Albert Berner die Schule in Künzelsau. Später wurden sie direkte Wettbewerber. Die Berner Group ist mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro im gleichen Segment erfolgreich.

    Aber mit der Dynamik Würths kann der Künzelsauer Lokalrivale trotz zuletzt zehn Prozent Wachstum nicht mithalten. Man kommentiere Maßnahmen von Mitbewerbern nicht, teilte ein Berner-Sprecher mit: „Wir konzentrieren uns auf die Weiterentwicklung unseres bereits im Mai 2021 erfolgreich in Betrieb genommenen Chemie-Innovationslabors am Standort Duisburg.“

    Würth wirkt übermächtig: Nach vorläufigen Zahlen wuchs Würth 2021 um 18,5 Prozent auf 17,1 Milliarden Euro Umsatz. Das 1945 direkt nach dem Krieg gegründete Unternehmen ist in der Pandemie um knapp ein Fünftel größer geworden.

    Mehr Dübel verkauft als die Erfinder des Dübels

    Vom Sanierungsbedarf und Heimwerkerboom in der Pandemie profitierte auch eine dritte deutsche Branchengröße: die Fischer Group. Artur Fischer erfand einst den Dübel, der lange synonym mit dem Unternehmensnamen einherging. In den vergangenen 42 Jahren hat Gründersohn Klaus Fischer, 71, das Unternehmen solide weiterentwickelt. 2021 kratzte es an der Milliardengrenze beim Umsatz, wie das Unternehmen vor wenigen Tagen berichtete. Auch Fischer wuchs im vergangenen Jahr kräftig.

    Aber: „Würth fertigt inzwischen mehr Dübel als Fischer“, sagt ein Branchenkenner. Bei den Künzelsauern entspricht ein Plus von 18 Prozent einer Summe in Höhe von 2,6 Milliarden Euro. Die schließt viel Handelsumsatz ein, die Hälfte erzielt Würth jedoch mit selbst produzierten oder in Auftrag gefertigten Erzeugnissen. Das Innovationszentrum könnte das Wachstum noch aggressiver machen und die Konkurrenten zusätzlich unter Druck setzen.

    Fischer hat das Glück, dass Würth vor allem gewerbliche Kunden bedient. Wie stark die Innovationsoffensive aus Künzelsau den Konkurrenten trifft, wollte das Unternehmen ebenfalls nicht sagen. „Seit jeher halten wir es so, dass wir uns zu Mitbewerbern grundsätzlich nicht äußern“, sagte ein Sprecher. Berner und Fischer werden den Vorstoß von Würth allerdings genau beobachten.

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