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29.06.2022

14:39

Familienunternehmen

Werhahn gibt sich wehrhaft – So steuert das Familienunternehmen durch die Krise

Von: Anja Müller

Der breit aufgestellte Familienkonzern Werhahn ist in allen seinen Geschäftsbereichen gewachsen. Was das Unternehmen anders macht als die Konkurrenz.

Die Werhahn-Tochter profitierte zuletzt vom wachsenden Onlinegeschäft. Wilh. Werhahn KG, 2021

Messer von Zwilling

Die Werhahn-Tochter profitierte zuletzt vom wachsenden Onlinegeschäft.

Düsseldorf Während andere Mittelständler über große Unsicherheiten klagen, ist das Geschäft des Familienkonzerns Werhahn auch im abgelaufenen Jahr gewachsen. Der Umsatz fiel mit vier Milliarden Euro ganze sieben Prozent besser aus, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Der Gewinn vor Steuern legte sogar um 50 Prozent auf 212 Millionen Euro zu. Alle Geschäftsbereiche konnten ihren Umsatz verbessern.

Den aktuellen Krisen – ob Corona, Ukrainekrieg oder Inflation – trotzt Werhahn mit seiner außergewöhnlich stark diversifizierten Aufstellung. Das Unternehmen mit rund 420 Gesellschaftern hat drei große Säulen: Die Konsumgütersparte Zwilling Küche und Beauty produziert Messer, Nagelscheren und Küchenmaschinen. Allein hier legte der Umsatz um 18 Prozent auf 975 Millionen Euro zu.

Darüber hinaus baut Werhahn mit seiner Tochter Basalt AG Natursteine und Schiefer ab. In diesem Segment legte der Umsatz allerdings nur leicht auf 1,41 Milliarden Euro zu.

Mit Finanzdienstleistungen rund um abc Finance, die Bank11 und das Autokreditportal Yareto besetzt das Familienunternehmen neue Geschäftsfelder. Auch dieses Geschäft legte um sieben Prozent auf rund 1,63 Milliarden Euro zu.

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Standort erkennen

    Es habe Zeiten gegeben, da sei Werhahn für dieses breite Portfolio abgestraft worden, erinnert sich Vorstandschef Paolo Dell‘Antonio. Nun erweise es sich als besonders robust. Tatsächlich sei „die Diversität unternehmerischer Aktivitäten gerade in Krisenzeiten sehr vorteilhaft“, sagt Heiko Kleve, Akademischer Direktor am Wittener Institut für Familienunternehmen.

    Der Italiener setzt auf ein weiterverzweigtes Firmennetz. Wilh. Werhahn KG

    Werhahn-Chef Paolo Dell‘Antonio

    Der Italiener setzt auf ein weiterverzweigtes Firmennetz.

    „Unternehmerfamilien, die auf eine solche Heterogenität setzen, ziehen ihre Identität dann nicht so sehr aus ihren Produkten, sondern aus ihrer Familienidentität, die prinzipiell durch das Unternehmerische und Innovative geprägt ist.“ Und der Forscher fügt hinzu: Die Produkte könnten wechseln, aber die Familie sowie ihre unternehmerische Motivation und ihre generationenübergreifende Intention blieben.

    Anders als viele andere Familienunternehmen – wie Tengelmann mit Obi, Henkel oder Dr. Oetker – macht Werhahn weiter Geschäfte in Russland und der Ukraine. 260 Mitarbeitende sind auf den beiden Steinbrüchen der Werhahn-Tochter Basalt AG im Norden Russlands an der Grenze zu Finnland beschäftigt. „Im Mittelpunkt steht die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Familien, die sich dort für das Unternehmen engagieren“, betont Dell’Antonio.

    Auch in der Ukraine arbeiteten 160 Beschäftigte in Steinbrüchen. Man habe „zahlreiche Angehörige unserer Mitarbeitenden außer Landes bringen können, die das wollten“. Die allermeisten seien aber noch in der Westukraine, erhalten weiter ihren Lohn. Inzwischen wird an dem Standort 300 Kilometer nordöstlich von Lwiw wieder in eingeschränktem Umfang gearbeitet.

    Vorstandssprecher Dell‘Antonio wagt aktuell zwar keine Prognose. Doch für die erwartete Rezession sieht sich das Unternehmen krisensicher aufgestellt – mit vier strategischen Ansätzen.

    Erstens: Langer Atem

    Während gerade viele Investoren schnelle Gewinne verlangen, versucht Werhahn, seinen Zukäufen Zeit für die Entwicklung zu geben. Die jüngste Akquisition Fiber Lean Technologies dürfte auch im laufenden Geschäftsjahr die Verluste erhöhen – um langfristig ein profitables Geschäftsfeld zu erschließen. Das Unternehmen entwickelt innovative Verbundwerkstoffe aus mikrofibrillierter Cellulose, ein wichtiger Werkstoff für die Kreislaufwirtschaft.

    Man habe bereits erste Erfolge mit nachhaltigen Verpackungen vorzuweisen, betont Dell’Antonio. „Das ist eine langfristige Investition!“

    Auch im Geschäftsfeld Natursteine erschließe das Unternehmen schließlich mitunter Steinbrüche, die „erst in 20 Jahren ihre volle Wertschöpfung erreichen“.

    Zweitens: Frühzeitig gegensteuern

    Statt auf eng getaktete Lieferketten zu vertrauen, hat die Werhahn-Tochter Zwilling bereits sehr früh Vorräte aufgebaut. „Die hohen Lagerbestände haben uns geholfen, dass wir immer lieferfähig waren“, sagt Dell’Antonio. Frühzeitig investierte Zwilling auch in den Onlinehandel und setzte bereits vor Jahren auf Influencer. Das zahlte sich in der Pandemie aus. 40 Prozent des Rekordumsatzes von 878 Millionen Euro wurden online erzielt.

    Drittens: Lokaler produzieren

    Werhahn setzt auf mehr Produktion in Europa. Bereits 2021wurden rund 30 Prozent mehr Messer in Solingen gefertigt – der Anteil der Messer aus deutscher Produktion soll in Zukunft weiter steigen. Aber auch beim französischen Kokottenhersteller Staub soll die Produktion weiter ausgebaut werden. Werhahn wagt damit eine der größten Investitionen bei Zwilling. Das ist auch deswegen möglich, weil die Eigenkapitalquote des Werhahn-Konzerns ohne Finanzdienstleistungen bei 61 Prozent liegt. Allerdings ist sie derzeit etwas niedriger als noch im Vorjahr.

    Viertens: Neue Trends erkennen

    Der Trend zum Rad soll der Finanzdienstleistungssparte dabei helfen, weiterzuwachsen. Abc Finance hat zuletzt per Leasing immer mehr Dienstfahrräder finanziert und inzwischen eine exklusive Kooperation mit dem Anbieter JobRad in Österreich. Die Werhahn-Tochter Bank11 will mit dem Partner Smive bei Autoabos wachsen. Das zahle sich bereits langsam aus, sagt Dell’Antonio. 340 Händler seien dabei. Weitere Zahlen will das verschwiegene Unternehmen nicht nennen. Doch auch in der Krise soll die Sparte weiteres Wachstumsgeschäft besetzen.

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