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11.03.2019

18:02

Familienunternehmer und Vordenker

So umfassend transformiert Max Viessmann den eigenen Familienbetrieb

Von: Anja Müller

Er war erst Berater, dann Business-Angel, später Digital-Vorstand: Nun muss Max Viessmann als Vorstandschef 12.000 Mitarbeiter vom Wandel überzeugen.

Jeden Monat befragt er die Mitarbeiter zur Unternehmenskultur. Kim Keibel für Handelsblatt

Max Viessmann

Jeden Monat befragt er die Mitarbeiter zur Unternehmenskultur.

FrankfurtDer Sturm „Eberhard“, der den Bahnverkehr nach Frankfurt extrem behinderte, passte gut ins Bild. Befeuern doch starke Stürme wie „Eberhard“ die Diskussion um den Klimawandel. Und diese Diskussion treibt seit längerer Zeit auch den Wandel bei Viessmann an.

Schließlich will Max Viessmann, der das Unternehmen seit gut einem Jahr in vierter Generation führt, nicht mehr als Heizungshersteller verstanden werden. „Wir gestalten Lebensräume für künftige Generationen“, lautet sein Credo. An diesem Montag, zum Start der Fachmesse für Heizung und Sanitär ISH in Frankfurt, konkretisiert der 30-Jährige, was er damit meint.

Max Viessmann, dem Joachim Janssen als Co-CEO zur Seite steht, stellte am Messestand denn auch die rhetorische Frage: „Was ist unsere Daseinsberechtigung?“ Um darauf mit seiner Vision zu antworten. Auf drei Ebenen will er die Lebensräume künftiger Generationen gestalten: das gesunde Zuhause, die emissionsfreie Stadt, der lebenswerte Planet. Das klingt nicht nach Gewinnmaximierung eines Unternehmens, das klingt nach Weltverbesserung. Und er trifft damit einen Nerv bei Kunden und Mitarbeitern, und wie es scheint, ist die Sinnhaftigkeit in den deutschen Chefetagen ohnehin gerade en vogue. Auch Joe Kaeser hat jüngst eine Debatte zur Sinnsuche angestoßen.

Und Viessmann hat sich bemüht. Das Familienunternehmen, das sich inzwischen als Komplettanbieter für das Wohlbefinden seiner Kunden versteht und neben dem Heizen auch das Lüften, Kühlen und das Versorgen mit Strom zum Kerngeschäft erklärt, hat einen grundlegenden Transformationsprozess begonnen. 

Das bestätigt auch Sebastian Purps-Pardigol, Experte für Digitalisierung und Kulturwandel. Was den Berater immer wieder erstaunt, ist, „mit welch hoher Geschwindigkeit Viessmann diese Transformation durchlebt“. Der Junior mache viele Dinge richtig, weil er viele Mitarbeiter mitsprechen und mitgestalten lasse. „Er scheint jemand zu sein, von dem sich die Menschen inspiriert fühlen.“ Tatsächlich hat sich bei dem Familienunternehmen viel bewegt.

Vater, Sohn und Firma

Martin Viessmann

Der heute 64-Jährige übernahm 1991 die Führung des Unternehmens. Schon damals leitete er einen Kulturwandel des 1917 gegründeten Unternehmens ein. Martin Viessmann vervielfachte den Auslandsumsatz des Heizungsherstellers, setzte auf Umweltfreundlichkeit und blieb Allendorf an der Eder treu. Nachhaltigkeit und Umweltschutz gehören seitdem zur Viessmann-Strategie. Die Klimaziele der Bundesregierung für 2050 erfüllt Viessmann bereits jetzt.

Maximilian Viessmann

Der 29-Jährige studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Darmstadt und in Karlsruhe, arbeitete zunächst bei Boston Consulting und als Business-Angel. Er zog 2016 als Digitalchef in den Viessmann-Vorstand ein, Joachim Janssen übernahm den CEO. Seit Anfang dieses Jahres sind beide gemeinsam Co-CEOs, Martin Viessmann ist unverändert Präsident des Verwaltungsrats.

Viessmann

Im Jubiläumsjahr 2017 erwirtschaftete der Klimaspezialist mit 2,37 Milliarden Euro den höchsten Umsatz in der 100-jährigen Firmengeschichte und fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Der Auslandsanteil hat sich 2017 weiterhin leicht auf 55 Prozent erhöht. Im wichtigsten Markt, dem deutschen, wuchs Viessmann um vier Prozent. Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung lagen bei 118 Millionen. Gemeinsam mit seinem Management-Team hat Max Viessmann die Unternehmensvision neu definiert und erweitert: „Wir gestalten die Lebensräume von morgen für die heutige Generation und für kommende Generationen.“ Mit den beiden Risikokapitaltöchtern investieren die beiden Unternehmer in Technologie-Start-ups und solche, die nah am Kerngeschäft liegen. In Berlin entsteht zurzeit der „Maschinenraum“, in dem sich künftig auch andere Mittelständler mit Start-ups vernetzen können.

Vater Martin, 65, der den Verwaltungsrat von Viessmann führt, hat früh erkannt, dass sich die Firma, die sein Großvater gründete und die er internationalisierte, ganz neu aufstellen muss. Das ist schon ein paar Jahre her. Für die Umsetzung des Wandels steht sein Sohn Max. Man könnte meinen, Digitalisierung und Energiewende seien die größten Herausforderungen für das Unternehmen, so las es sich noch vor zwei Jahren.

Max Viessmann, Wirtschaftsingenieur und früher Berater bei Boston Consulting, der zunächst als Business Angel und dann als Digitalvorstand bei Viessmann wirkte, spricht auf der ISH heute lieber von den größten Chancen in der über 100-jährigen Unternehmensgeschichte und fügt hinzu: „Und wir werden sie nutzen“, sagt er selbstbewusst.

Max Viessmann sieht sein Unternehmen gleich in zweierlei Hinsicht im Vorteil, einmal als „nahbares und anfassbares Familienunternehmen“, das in der Lage sei, die Mitarbeiter mitzunehmen auf die Transformationsreise. Und in Hinblick auf die Kundenorientierung sieht er Viessmann sogar im Vergleich zu Internetriesen wie Alphabet, Amazon oder Google im Vorteil. Viessmann habe eben nicht nur die Bequemlichkeit der Kunden im Blick, sondern auch ihr Umweltgewissen.

So verkündet Viessmann stolz, durch den Austausch von Geräten bereits rund 500 000 Tonnen CO2 eingespart zu haben. Christian Berner, geschäftsführender Gesellschafter des Handelsunternehmens Berner Group, kennt das Thema Transformation aus dem eigenen Unternehmen, aber auch bei Viessmann. Max Viessmann sei sehr fokussiert sowohl bei der Entwicklung seiner Strategie als auch bei der Umsetzung. „Er entscheidet mutig, setzt auf innovative Ansätze und folgt einem klaren Wertekompass.“

Martin und Max Viessmann im Interview: „Was wir erleben, ist ein Jahrhundertwandel“

Martin und Max Viessmann im Interview

„Was wir erleben, ist ein Jahrhundertwandel“

Vater und Sohn des Heizungsbaukonzerns über die Herausforderungen der Digitalisierung und die Notwendigkeit eines rechtzeitigen Generationswechsels.

Tatsächlich ist Max Viessmann nicht der Chef, der die Strategiepapiere in der Schublade hat, er teilt das Wissen und fragt jeden Monat, „wie die Mitarbeiter unsere Unternehmenskultur beurteilen und die Art und Weise, wie wir führen“. Er will sie alle mitnehmen. Seine Überzeugung: „Kein Unternehmer erreicht das, was er will, allein.“

Das Führungsteam um Max Viessmann hat die vergangenen zwei Jahre genutzt, um neue Geschäftsmodelle anzustoßen. Dazu zählt auch die Übernahme der offenen Plattform Wibutler im vorigen Jahr. Aber auch die Vernetzung beim Thema Brennstoffzelle, bei dem die Hessen Vorreiter sind, oder die Möglichkeit, Wärme zu mieten, gehören dazu.

Dabei ist Viessmann strategisch vorgegangen. Alles muss vom Kunden her gedacht werden, und der Heizungshersteller muss zum Lösungsanbieter werden. Dabei sei die Kommunikation das Wichtigste, sagt Max Viessmann. Er will „total klar und transparent“ agieren. Jeder Mitarbeiter könne nun wissen, was die Führung tut. Auch wenn er bedauert, dass die gelebte Transparenz noch nicht bei allen 12.000 Mitarbeitern angekommen sei.

Der großen Transparenz gegenüber den Mitarbeitern steht jedoch eine gewisse Verschlossenheit der Öffentlichkeit gegenüber. Der Umsatz ist im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf 2,5 Milliarden gestiegen, der wichtige und wettbewerbsintensive deutsche Markt sogar um sechs Prozent, doch fragt man nach den Gewinnen, antwortet Viessmann nur: „Wir wachsen profitabel.“

Vordenker

Anfang 2019 wurde Max Viessmann als Mitglied in die diesjährige Vordenker-Community aufgenommen, eine Initiative von Handelsblatt und der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG). Die Community umfasst derzeit rund 300 junge Führungskräfte, Gründer und Visionäre. Ausgewählt werden sie von einer unabhängigen Jury. Die Talente vernetzen sich auf regelmäßigen Treffen und tauschen sich zu Zukunftsthemen aus.

In jedem Jahr gibt es ein Thema, das sich als roter Faden durch das Jahr und die Veranstaltungen zieht. Im Mittelpunkt 2018/2019 steht das Thema „Digital & Analytics“ mit den Fragen: Wie prägt die digitale Transformation aktuelle gesellschaftliche Debatten, welche Rahmenbedingungen von Wirtschaft und Politik sind notwendig und welche Forderungen stellen sie?

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