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31.10.2019

12:22

Finanzierungsrekord

Fünf Milliarden Euro für deutsche Start-ups – aber die Angst vor einer Blase wächst

Von: Larissa Holzki, Christoph Kapalschinski

Noch nie floss mehr Geld in Gründungen in Deutschland. Doch der Fall WeWork hat aufgerüttelt: Experten warnen auch hierzulande vor einer Blase.

Fünf Milliarden Euro für deutsche Start-ups – Angst vor Blase wächst Reuters

Berliner Start-up Infarm

In der deutschen Start-up-Metropole herrscht Goldgräberstimmung.

Düsseldorf, Hamburg Petersilie im Supermarkt züchten? Mit so einer Idee lassen sich heute 100 Millionen US-Dollar einsammeln. Die Investoren des Londoner Geldgebers Atomico sind sich jedenfalls sicher: Indoor-Farming sei ein „ein Megatrend, der unsere Gesellschaft verändern wird“ und gingen den Deal im Sommer ein.

In der deutschen Start-up-Metropole herrscht Goldgräberstimmung. Schon bis zum Ende des dritten Quartals konnten deutsche Start-ups 2019 insgesamt eine Investitionssumme von mehr als fünf Milliarden Euro verzeichnen. Das hat die Unternehmensberatung EY für das Handelsblatt berechnet.

EY ermittelt den Geldfluss seit 2015. So viel gab es seitdem nicht mal in einem gesamten Jahr für die Startups. Der Wert liegt sogar 50 Prozent über dem Vorjahreszeitraum – und weckt Befürchtungen, dass sich eine Blase bildet.

Dabei ist Deutschland noch weit von den Summen entfernt, die in den USA oder auch in Großbritannien abgerufen wurden. Allein im ersten Halbjahr flossen Investments von umgerechnet insgesamt 60 Milliarden Euro an US-Start-ups – im Schnitt 13,33 Millionen Euro in 4500 Finanzierungsrunden. Britische Start-ups sammelten in 537 Finanzierungsrunden durchschnittlich annähernd so viel ein, nämlich 12,48 Millionen Euro.

Trotzdem sind Klagen über knappe Mittel nicht mehr angebracht: Deutschland liegt in diesem Zeitraum und mit einem Schnitt von 8,46 Millionen Euro etwa gleichauf mit Frankreich.

Gerade erst haben sich die deutschen Gründer in München mit Stargast Barack Obama bei ihrer Leitkonferenz „Bits & Pretzels“ gefeiert. Nun warnen erste Investoren, dass der Höhenrausch bald vorüber sein könnte. Denn der WeWork-Schock hat auch die hiesige Szene aufgeschreckt: Das gehypte Coworking-Start-up von Gründer Adam Neumann ist kurz vor dem geplanten Börsengang knapp an der Totalpleite vorbeigeschrammt. Die Bewertung von fast 47 Milliarden Dollar vom Jahresbeginn ist verpufft.

Christian Miele, Partner bei Berliner Geldgeber Eventures, wertet den Fall als Warnung für die gesamte Branche. WeWork-Gründer Neumann sei zwar ein „unehrenhafter Bauernfänger“, sagt er. Dessen „übler Charakter konnte allerdings nur deshalb enttarnt werden, weil schon seit vielen Jahren eine Blase im Anmarsch ist, nicht nur in Deutschland.“ Seine drastischen Worte zeigen: Die Geldgeber treibt die Sorge um, auf Übertreibungen hereinzufallen.

Unternehmerfamilien werden vorsichtiger

Die Sorgen vor einem Konjunktureinbruch lassen potenzielle Kapitalgeber in Deutschland vorsichtiger werden. Während Eventures noch im Juli melden konnte, mit 335 Millionen Euro seinen größten Fonds mit Mitteln unter anderem von Family Offices und Familienunternehmern geschlossen zu haben, läuft das Werben um Gelder anderswo inzwischen offenbar zäher.

Matthias Grychta, Partner beim Hamburger Investor Neuhaus Partners, hat gerade begonnen, Mittel für seinen vierten, bislang größten Frühphasenfonds einzusammeln. Unterstützt von der Hamburger Förderbank sollen bis Ende 2020 so 100 Millionen Euro zusammenkommen. Doch ob das angestrebte First Closing bei 35 Millionen Euro wie erhofft bis Ende 2019 gelingt, ist noch offen.

Grychta merkt, dass insbesondere deutsche Family-Offices und Unternehmerfamilien wieder zurückhaltender werden. Sie teilten eine Befürchtung: „Es könnte sein, dass wir uns gerade auf dem Höhepunkt der Start-up-Welle befinden und die Bewertungen bald wieder zurückgehen“, sagt Grychta.

Von Panik sind Investoren und Gründer aber weit entfernt. „Blasen kommen und gehen“, meint Eventures-Partner Christian Miele. „Aufgrund dieser natürlichen Bewegung der Märkte mache ich mir da keine großen Sorgen.“ Von den schwankenden Bewertungen will er sich nicht irritieren lassen: „Als Investor ist es uns jetzt wichtig, dass wir diszipliniert unserer Investmentstrategie folgen und uns nicht vom Momentum der Märkte hin und her reißen lassen.“

Neuhaus-Partner Grychta sieht in einem neuen Realismus sogar Chancen. Wenn sein neuer Fonds in einigen Monaten investitionsbereit ist, könnten die Bewertungen schon wieder zurückgegangen sein, spekuliert Grychta. „Daher wäre es eigentlich falsch, gerade jetzt nicht in einen Fonds zu investieren.“ Schließlich könnte ein neuer Fonds dann günstig einsteigen – und womöglich gute Wertentwicklung erzielen.

Noch entspannter ist Christian Saller, Partner bei Holtzbrinck Ventures (HV). Für ihn ist WeWork eine unrühmliche Ausnahme – und ohnehin kein echtes Tech-Geschäftsmodell. „Wir sehen bisher nicht im Markt, dass dies eine Auswirkung auf Tech- und Start-up-Bewertungen im Allgemeinen hat“, sagt Saller.

Auch EY-Experte Peter Lennartz sieht kein Risiko eines Crashs wie im Neuen Markt im Jahr 2000: „Die Investoren kennen die Märkte teilweise besser als die Gründer und können daher die Chancen und Risiken ihres Investments viel besser einschätzen als noch vor 19 Jahren“, meint er. Die hohen Investitionen seien auch ein Zeichen dafür, dass mehr Start-ups die Frühphase überstehen und weitere Finanzierungsrunden stemmen.

Der Onlinehandel-Trend ist vorbei

Klar ist: Die Gründer nehmen dabei zurzeit mit, was sie bekommen können – und das ist einiges: Messlatte sind die 484 Millionen Euro, die der Berliner Reise-Event-Vermittler Getyourguide im Mai einsammeln konnte.

„Der Vorteil ist, dass die Gründer wegen der größeren Runden schneller skalieren können. Der Nachteil ist, dass der Druck steigt, schnell zu monetarisieren“, sagt ein Insider der Berliner Szene. Gerade Fonds aus den USA und Asien trieben die Bewertung der wenigen wirklich herausragenden Start-ups. Zugleich allerdings sei die Qualität der Gründungen durch die Bank höher - auch weil öfter erfahrene Seriengründer in den Ring steigen.

Grafik

Denn Start-up ist nicht gleich Start-up. Jahrelang dominierten E-Commerce-Modelle die Szene – angeführt vom Erfolgsbeispiel Zalando. Doch der große Trend zum Onlinehandel ist vorbei, der Markt an vielen Stellen aufgeteilt.

Die EY-Auswertung zeigt, dass der E-Commerce weniger Geld anzieht. Wurden in den ersten drei Quartalen 2018 noch 1,4 Milliarden in diesen Start-up-Sektor investiert, waren es im gleichen Zeitraum 2019 nur noch 324 Millionen.

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