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09.10.2019

19:08

Fleischskandal

Bei Wilke Wurst soll ein „Klima der Angst“ geherrscht haben

Von: Katrin Terpitz

Gegen den Chef des insolventen Fleischherstellers wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Klaus Rohloff war ein Mann mit zwei Gesichtern.

Die Firma hatte schon länger finanzielle Schwierigkeiten, die Wurstbranche steht unter enormem Preisdruck. dpa

Wilke Wurstwaren in Twistetal

Die Firma hatte schon länger finanzielle Schwierigkeiten, die Wurstbranche steht unter enormem Preisdruck.

Düsseldorf Auf der Homepage von Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren ist die Welt noch in Ordnung. Von Betriebsschließung wegen listerienverseuchter Wurst, zwei Toten oder Insolvenz ist nichts zu lesen. Stattdessen finden sich sentimentale Erinnerungen von Geschäftsführer Klaus Rohloff an die 80 Jahre alte Dorfmetzgerei, „die zum modernen Erfolgsunternehmen aufstieg“.

Schon als Kind sei er gern dorthin gefahren: „Dieser Einkauf in Twistetal war für den Jungen immer ein echtes Highlight, allein schon, weil er stets ein ordentliches Stück Fleischwurst auf die Hand bekam.“

Wilke-Wurst wird Rohloff in letzter Zeit wohl nicht mehr gegessen haben, dürfte er doch vermutlich von den hanebüchenen hygienischen Zuständen in seiner Firma gewusst haben. Ekelfotos von dick mit weißem Schimmel überzogenen Würsten gelangen scheibchenweise an die Öffentlichkeit. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt nun gegen Rohloff – unter anderem wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung.

Unternehmer Rohloff gilt als Mann mit zwei Gesichtern: „Nach außen wirkte er elegant, smart und gepflegt, in seiner Firma trat er als menschenverachtender Choleriker auf“, erzählt Andreas Kampmann von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten Nord- und Mittelhessen. „In der Firma herrschte ein Klima der Angst. Beschäftigte wurden vom Chef zusammengeschrien, unter Druck gesetzt, mit Kündigung bedroht“, so der Gewerkschafter.

Ein Großteil der rund 200 Mitarbeiter habe nichts von den hygienischen Zuständen gewusst, hätten ihm diese versichert, so Kampmann. Sie arbeiteten getrennt nach Abteilungen. Auch über etwaige Auflagen von Behörden wegen Hygieneverstößen oder Keimen sei angeblich niemand informiert worden.

Ohnehin habe Rohloff Beschäftigte, die Kritik übten, rüde abgewiesen. So seien auch Ladungen mit verschimmelter Wurst über Nacht verschwunden, die ein Mitarbeiter gesehen und moniert hatte. Kampmann vermutet, dass Werkverträgler und Leiharbeiter aus Osteuropa, die Wilke beschäftigte, die vergammelte Ware weiterverarbeiten mussten: „Die hätten um ihre Existenz bangen müssen, wenn sie etwas gesagt hätten.“

Schon länger finanzielle Schwierigkeiten

Hygienische Missstände gab es wohl schon länger, wie jetzt herauskommt. Umso unerklärlicher scheint, dass Wilke noch im Sommer 2018 mit dem IFS-Zertifikat auf „höherem Niveau“ ausgezeichnet worden war. Das Lebensmittelsiegel ist freiwillig, Händler verlangen es aber meist von ihren Lieferanten. „War es Zufall, hat die Kontrolle versagt, oder hat Rohloff Prüfer mit krimineller Energie getäuscht?“, fragt sich Kampmann.

Die Firma hatte schon länger finanzielle Schwierigkeiten, die Wurstbranche steht unter enormem Preisdruck. 2005 verkaufte die Gründerfamilie die Mehrheit an das Düringer Fleischkontor. Später wurde Rohloff, der schon seine kaufmännische Lehre bei Wilke gemacht hatte, Geschäftsführer und übernahm vor einigen Jahren die Anteile.

Laut „Bundesanzeiger“ machte die Firma 2017 bei leicht sinkenden Umsätzen von 43 Millionen Euro Verluste von 2,6 Millionen Euro. Hinzu kamen Bankschulden von 1,5 Millionen Euro. „Wilke stand auch ohne den Listeriose-Skandal kurz vor der Insolvenz“, betont Kampmann von der NGG.

Ob die insolvente Firma nach dem Skandal noch eine Zukunft hat, ist fraglich. „Derzeit ermitteln mein Team und ich die Vermögensverhältnisse“, ließ der vorläufige Insolvenzverwalter Mario Nawroth verlauten. Rohloff war für eine Anfrage nicht zu erreichen.

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