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11.09.2019

17:13

Frachtfirma Fiege

Dieser Familienbetrieb aus dem Münsterland verbündet sich mit Ebay gegen Amazon

Von: Christoph Schlautmann

Der Konzern aus dem Silicon Valley soll der Frachtfirma Fiege zu neuem Schub verhelfen. An dem mangelte es in Greven zuletzt.

Ebay soll dem familiengeführten Frachtunternehmen mit seinen 15.000 Mitarbeitern zu neuem Schub verhelfen. Anne Großmann Fotografie

Felix (links im Bild) und Jens Fiege

Ebay soll dem familiengeführten Frachtunternehmen mit seinen 15.000 Mitarbeitern zu neuem Schub verhelfen.

Greven Triumphierend schiebt Felix Fiege seinem Cousin Jens das Smartphone mit der erlösenden Nachricht zu. Ab November, ist auf dem Display zu lesen, wolle eine niederländische Airline den Flughafen Münster/Osnabrück (FMO) mit Berlin-Tegel (TXL) verbinden. Und das zweimal täglich.

Für die beiden Vorstände des Logistikkonzerns Fiege, deren Bürofenster in der achten Etage den Blick freigeben auf die Landebahn des Regional-Airports im münsterländischen Greven, könnte es besser kaum laufen. Die Bundeshauptstadt steht derzeit so häufig auf ihrem Terminplan wie ansonsten wenige Ziele. Meist geht es dann nach Dreilinden an den Wannsee, wo der amerikanische Onlineanbieter Ebay seinen Deutschlandsitz hat.

Der Konzern aus dem Silicon Valley soll dem familiengeführten Frachtunternehmen mit seinen 15.000 Mitarbeitern zu neuem Schub verhelfen. An dem hatte es zuletzt in Greven eher gemangelt. Der Logistikumsatz stagnierte 2018 bei 1,55 Milliarden Euro, der Ertrag vor Steuern und Zinsen ging um ein Viertel auf 22,8 Millionen Euro zurück.

Demnächst mit 470 Onlineshops

Entsprechende Freude verbreitet der neue Großkunde. „Die Kooperation haben wir schon letztes Jahr gestartet“, berichtet Jens Fiege, mit 45 Jahren der Ältere der beiden. „Zunächst als Pilotphase mit 70 Versandhändlern.“

Sie endete vor wenigen Tagen mit Erfolg, was Ebay und Fiege nun antreibt, den Geschäftsbetrieb hochzufahren. „Aktuell werden 100 weitere Onlineshops aufgeschaltet“, strahlt der Münsterländer, „danach werden in den nächsten Monaten noch einmal 300 hinzukommen.“

Die ungleiche Allianz zwischen dem US-Digitalkonzern und dem 1873 als Fuhrunternehmen gegründeten Familienbetrieb, der bis Kriegsende als Nebenerwerb zu einer Gastwirtschaft geführt wurde, hat Großes im Sinn: Gemeinsam will man dem übermächtigen Rivalen Amazon die Stirn bieten. Zunächst in Deutschland.

„Ebay hat erkannt“, sagt Felix Fiege, „welche Faktoren dem Wettbewerber Amazon die Kundschaft zutreiben.“ Es sei die verlässliche Zustellung innerhalb von 24 Stunden, berichtet der 41-Jährige, aber auch professionelle Verpackungslösungen und ein lückenloses Retourenmanagement gehörten dazu.

Hinter der Logistikqualität des Rivalen aber stecken Milliardeninvestitionen. Allein in Deutschland betreibt er zwölf riesige Logistikzentren, in denen kooperierende Onlineshops Ware einliefern und per „Fulfillment by Amazon“ versenden. Selbst einen eigenen Paketdienst fährt der Webshopping-Weltmarktführer seit 2015 in Deutschland auf.

Ebay dagegen legte bislang Wert auf eine schlanke Unternehmensstruktur und überließ den Versand seinen Marktplatzhändlern – mit mäßiger Kontrolle über die Lieferqualität und, zum Bedauern der Konzernführung, einem schleichenden Vertrauensverlust der Kunden. Wuchs Amazon zwischen 2016 und 2018 um jeweils 27 bis 31 Prozent, musste sich Ebay mit einem Plus von jährlich fünf bis acht Prozent bescheiden.

Die Formel „Ebay Fulfillment“ soll das jetzt ändern – durch Outsourcing: Die komplette Logistik und Versandabwicklung übernimmt Fiege. In Erfurt stellt die Firma dazu ein Warenverteilzentrum zur Verfügung, wo Ebay-Händler bereits jetzt Ware einlagern können. Sobald ein Kunde ordert, wird die Bestellung von Fiege-Lageristen aus den Regalen geangelt, verpackt und per Hermes, DHL, DPD oder GLS an die Haustüre geliefert. Für den Service zahlen beteiligte Onlineshops pro Sendung eine Gebühr an Ebay. Ein Teil des Geldes fließt anschließend weiter nach Greven.

Der gemeinsame Fulfillment-Service besitzt nach Einschätzung von Experten großes Potenzial. „Gerade kleine und mittelständische Unternehmen können ihre Logistik an eine professionelle Stelle auslagern und sich besser auf ihr Tagesgeschäft konzentrieren“, lobt Andreas Arlt, Vorstandschef des Onlinehandelsverbands Händlerbund. „Mit Fiege hat Ebay aus unserer Sicht einen erfahrenen Partner an seiner Seite.“

Das Geschäftsmodell – Fachleute sprechen von „Kontraktlogistik“ – gilt in Deutschland als Miterfindung der Münsterländer. 1979 hatte ihnen der Reifenhersteller Bridgestone vorgeschlagen, dessen Lagerhaltung, Kommissionierung, Qualitätskontrolle und Verzollung in Hamburg zu übernehmen.

Bis heute kamen Großkunden wie Esprit, Media-Saturn, Sport Scheck oder Haribo hinzu. Die Lagerfläche wuchs auf die Größe von 420 Fußballfeldern.

Bescheidene Gesellschafter

Ab 2020 wird Fiege darüber hinaus die Logistik des Warenhauskonzerns Karstadt/Kaufhof steuern. Dort wird das in fünfter Generation geführte Unternehmen ebenso für die Filialversorgung wie für den Onlineversand verantwortlich sein – und löst als Dienstleister nach fast zwei Jahrzehnten den Kontraktlogistik-Marktführer Deutsche Post/DHL ab.

Ein Grund für den Wechsel könnte in der Bescheidenheit der Westfalen liegen. So begnügte sich Fiege 2018 nicht nur mit 1,9 Prozent Betriebsgewinn vom Nettoumsatz, was der Hälfte der konkurrierenden DHL-Sparte entsprach. Seinen vierköpfigen Vorstand entlohnte der Logistiker auch nur mit insgesamt zwei Millionen Euro.

Zum Vergleich: DHL-Spartenvorstand John Gilbert, der nach wenig glückreichem Wirken neulich einem Nachfolger wich, verdiente letztes Jahr allein drei Millionen.

Eine Ausschüttung an die Gesellschafter gab es 2018 bei Fiege nicht, der Konzerngewinn blieb dem Unternehmen als „Gesellschafterdarlehen“ und in Form von Rücklagen erhalten. Schuld an der Knausrigkeit dürfte die Satzung der Fiege Logistik Stiftung sein, die seit 2005 als persönlich haftende und geschäftsführende Gesellschafterin fungiert.

Dort heißt es im hinteren Teil: „Zweck der Stiftung ist es weiter, aus Erträgen, die für die Stiftung gemäß Paragraf 2, 2.1 bis 2.2 (Sicherung, Fortbestand und Wachstum der Fiege-Gruppe, d. Red.) nicht benötigt werden, die Familienangehörigen zu unterstützen.“ Das Firmenwohl geht vor.

Riskante Experimente schloss das in den vergangenen Jahren nicht aus. Zwar verabschiedeten sich die Brüder Heinz und Hugo Fiege – die Väter von Jens und Felix – in den 90er-Jahren erfolgreich vom Großteil des Transports, um Kontraktlogistik-Kunden stets den günstigsten Anbieter zu vermitteln.

2006 aber geriet der Zukauf des Logistikers TTS Global zum Desaster. Weil dessen Großkunde Metro absprang, wurde der Neuerwerb weitgehend beschäftigungslos. Nach bitteren Verlusten sah Fiege erst 2009 wieder schwarze Zahlen.

Die Lust am Neuen aber haben die Nachfolger – Jens Fiege kam 2009 in den Vorstand, Felix 2012 – nicht verloren. 2017 gründeten sie im nahen Münster die IT-Firma Westfalia Datalab. Heute beschäftigt sie 60 Datenanalysten, die es Mittelständlern ermöglichen, mit cloudbasierten Datenanalysen Vorhersagen zu treffen – von der Routenplanung über Lösungen für die Finanzbranche bis hin zu Prognosen für Landmaschinenhersteller. „Das Interesse ist riesig“, freut sich Felix Fiege, „der Bedarf offensichtlich enorm.“

Gleichzeitig verspricht das Ebay-Modell weiteres Neugeschäft. So trat auch der Marktplatzbetreiber Zalando zum 1. April ein Warenverteilzentrum vor den Toren Berlins an Fiege ab. Man werde beim dortigen Versand, so sicherte Zalando dem Outsourcing-Partner zu, künftig auch Drittkunden akzeptieren. Die Auslastung der neuen Flugverbindung FMO–TXL dürfte damit gesichert sein.

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Kommentare (1)

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Herr Hans Schönenberg

11.09.2019, 17:27 Uhr

Da wollen wir hoffen, dass Fiege den richtigen Weg beschreitet. Wenn es bei ebay wieder vorwärts gehen sollte: da habe ich als Klein-Aktionär auch was von.

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