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31.12.2021

08:27

Getränkebranche

Die Deutschen greifen öfter zum Premium-Sekt – doch die Preise steigen 2022

Von: Katrin Terpitz

Die Deutschen sind trotz Pandemie in Kauflaune. Frostschäden haben aber der Weinlese zugesetzt. Kellereien wie Henkell und Rotkäppchen dürften 2022 die Preise erhöhen.

Die sonst auf günstige Preise bedachten deutschen Konsumenten greifen in Krisenzeiten verstärkt zu Premium-Schaumwein. dpa

Sekt

Die sonst auf günstige Preise bedachten deutschen Konsumenten greifen in Krisenzeiten verstärkt zu Premium-Schaumwein.

Düsseldorf Silvester fällt das große Feuerwerk erneut aus, Bälle und Tanzpartys sind untersagt. Die Sektlaune aber lassen sich die Deutschen auch in der Pandemie nicht gänzlich nehmen. „Die Menschen dürfen zwar nur im kleinen Kreis anstoßen, dafür gönnen sie sich etwas Gutes“, sagt Andreas Brokemper, Chef des weltgrößten Schaumweinherstellers Henkell Freixenet, dem Handelsblatt.

Die sonst auf günstige Preise bedachten deutschen Konsumenten greifen in Krisenzeiten verstärkt zu Premium-Schaumwein. Der Umsatz entwickelt sich besser als der Absatz – ein Trend, der seit einigen Jahren zu beobachten ist.

Laut Marktforscher IRI ist der Umsatz von Champagner und Crémant zweistellig gestiegen, der von Prosecco Spumante sogar um über 30 Prozent. Untersucht wurde der Verkauf im deutschen Einzelhandel von Januar bis November im Vergleich zum Vorjahr.

Der preislich günstigere Sekt hingegen war leicht rückläufig. „Insgesamt zeigte sich der deutsche Sektmarkt im zweiten Jahr der Pandemie recht krisenstabil“, betont Brokemper. Allerdings werden die Ernten immer unberechenbarer und bestimmte Rebsorten knapp. Das dürfte 2022 steigende Preise zur Folge haben.

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    2020 lag der Absatz von Schaumwein in Deutschland bei insgesamt rund 274 Millionen Litern. Das waren – trotz Lockdowns der Gastronomie und Reisebeschränkungen – nur 2,1 Prozent weniger als im Vorjahr, ermittelte das Statistische Bundesamt. Sekt wurde vorwiegend im Supermarkt gekauft, weil die Absatzkanäle Gastronomie, Fluglinien und Duty-free weitgehend wegfielen.

    3,3 Liter Schaumwein trank jeder Deutsche im Schnitt im Jahr 2020. Das sind etwa vier Flaschen zu 0,75 Liter. Dabei werden die Anlässe seit Jahren immer informeller. „Früher wurde zum Geburtstag, Hochzeit oder Silvester angestoßen, heute geht es einfach um Genuss oder einen feierlichen Moment“, erklärt Christof Queisser, Geschäftsführer von Rotkäppchen-Mumm, dem deutschen Marktführer für Sekt.

    Der Dezember mit Weihnachten und Silvester sei zwar immer noch der absatzstärkste Monat für Schaumwein, aber die Saisonkurve flache deutlich ab, beobachtet der Rotkäppchen-Chef.

    Grafik

    Das Unternehmen mit Sitz in Freyburg/Unstrut machte 2020 mit 330 Millionen Flaschen rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz – ein leichtes Plus zum Vorjahr. Jede zweite Flasche Sekt, die hierzulande getrunken wird, stammt aus dem Hause Rotkäppchen-Mumm. Der Kultsekt aus Sachsen-Anhalt ist eine der wenigen ostdeutschen Marken, die nach der Wende in ganz Deutschland Erfolg haben.

    Die Trinkgewohnheiten wandeln sich. Die Deutschen trinken Sekt, Prosecco oder Cava immer öfter zu Hause allein oder mit Freunden. 41 Prozent wollen ihren Gästen ein „Genusserlebnis“ bieten, zeigt eine Studie im Auftrag von Rotkäppchen. „Mehr als sonst hat Sekt in seiner Bedeutung als Aperitif-Getränk an Bedeutung gewonnen und für einen Lifestyle-Trend gesorgt“, konstatiert der Verband Deutscher Sektkellereien.

    Alkoholfreier Sekt legt zu

    Auch alkoholfreier Sekt liegt zunehmend im Trend. Das Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher sei deutlich gestiegen und damit auch die Nachfrage in diesem Segment, konstatiert das Deutsche Weininstitut. „Mit vier Prozent Marktanteil ist alkoholfreier Sekt immer noch ein Nischenmarkt, der aber stetig wächst“, sagt Henkell-Freixenet-Chef Brokemper. Die Sektkellerei ist nach eigenen Angaben der weltweit führende Anbieter von Schaumwein ohne Alkohol.

    Der Trend zu mehr Premium zeigt sich auch in der wachsenden Beliebtheit von Winzersekt, die deutsche Antwort auf Champagner. Bundesweit kelterten 2020 laut Statistischem Bundesamt 1086 Winzer Schaumwein.

    Alle Winzersekte durchlaufen – wie beim Champagner – in der Flasche eine zweite Gärung. Diese muss mindestens neun Monate und kann einige Jahre dauern. Für den Sektgrundwein eines Winzersekts dürfen nur Trauben eigener Weinberge verarbeitet werden.

    Zur höheren Wertschätzung von Schaumwein hierzulande passt wenig, dass mancher Discounter derzeit mit Sekt zu Kampfpreisen die Kunden lockt. Bei Aldi Nord und Süd etwa war die 0,75-Liter-Flasche „Rotkäppchen trocken“ vergangene Woche zum Aktionspreis von 2,29 Euro zu haben: 42 Prozent günstiger als sonst. In der Branche fragt man sich: Wie kann Qualitätsschaumwein im Handel für unter drei Euro verkauft werden? Allein schon die Sektsteuer beträgt rund 1,02 Euro pro 0,75-Liter-Flasche zuzüglich Mehrwertsteuer.

    „Unsere Marke ist mehr wert“, sagt Queisser über Lockangebote des Handels. Er erwartet im Gegenteil, dass die Preise für Sekt und Wein 2022 steigen werden. Mit um die 20 Cent die Flasche sei zu rechnen.

    Jeder Deutsche trinkt im Schnitt vier Flaschen Schaumwein im Jahr. dpa

    Sekt, Prosecco, Cava

    Jeder Deutsche trinkt im Schnitt vier Flaschen Schaumwein im Jahr.

    Denn die Weinlese in Europa war dieses Jahr sehr durchwachsen. „Der Weinjahrgang 2021 hat eine hervorragende Qualität, aber es fehlt an Menge“, konstatiert Queisser. In Deutschland lag die Erntemenge laut Deutschem Weininstitut nur leicht unter dem langjährigen Mittel. Die europäische Weinmosternte hingegen ist mit 171 Millionen Hektolitern voraussichtlich 13 Prozent geringer ausfallen als im Vorjahr, schätzt die EU-Kommission.

    „In Frankreich gab es im Frühjahr enorme Frostschäden“, berichtet Henkell-Chef Brokemper. Die Traubenlese in Deutschland, Italien oder Spanien konnte die fehlenden Mengen nicht kompensieren. „Gewisse Herkünfte und Rebsorten werden knapp“, prophezeit auch Rotkäppchen-Geschäftsführer Queisser.

    Verknappung bei Prosecco

    Betroffen ist etwa Prosecco. Dort gibt es eine starke Verknappung, weil 2019 erstmalig Prosecco Rosé als kontrollierte Ursprungsbezeichnung „Denominazione di Origine Controllata“ (DOC) zugelassen wurde. Mehr als 80 Millionen Flaschen wurden weltweit vermarktet. „Die erfolgreichste Neueinführung aller Zeiten bei Schaumwein hat zur Folge, dass die Preise für Prosecco hochgehen“, erklärt Brokemper.

    Oetker-Tochter Henkell hatte 2008 den italienischen Prosecco-Hersteller Mionetto übernommen. 2018 kauften die Wiesbadener 50,67 Prozent der Anteile des katalanischen Cava-Herstellers Freixenet. Henkell stieg mit Freixenet zum weltgrößten Schaumweinhersteller auf. Der Marktanteil liegt global bei neun Prozent, so Marktforscher IWSR.

    Der Umsatz von Henkell Freixenet sank 2020 um 7,4 Prozent auf rund 1,2 Milliarden Euro. Zweitdrittel erwirtschaftet die Gruppe im Ausland. Die Geschäfte in Spanien, Italien und Frankreich brachen zwischenzeitlich ein, weil Tourismus und Gastronomie im Lockdown stark litten. „In der Gruppe sind wir bald wieder auf dem Vor-Corona-Niveau“, ist Brokemper indes sehr zuversichtlich.

    Neben der Pandemie machen nicht nur Wetterkapriolen und knappe Rebsorten den Sektkellereien zu schaffen. In der ganzen Lieferkette sind die Kosten explodiert. „Holz für Paletten und Weinkisten ist knapp und teuer“, so Queisser. Rotkäppchen hat wegen des Lkw-Fahrermangels inzwischen viele Transporte auf die Schiene verlagert. Auch die Preise für die Glasflaschen, Etiketten und Kork sind laut Brokemper deutlich gestiegen.

    Das Anstoßen mit Sekt oder Champagner dürfte im neuen Jahr ein Stück mehr zum prickelnden Luxus werden.

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