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13.05.2022

17:22

Green Deal

Dient es dem Klimaschutz, mehr mit Holz zu bauen?

Von: Anja Müller

Waldbesitzer Max von Elverfeldt kritisiert die Biodiversitätsstrategie der EU. Nachhaltige Forstwirtschaft diene dem Klimaschutz mehr. Was ist dran an den Argumenten?

Nach Willen der EU sollen künftig zehn Prozent der Flächen streng geschützt werden. imago images/imagebroker

Wald in Bayern

Nach Willen der EU sollen künftig zehn Prozent der Flächen streng geschützt werden.

Weeze Heizen, klimagerechtes Bauen oder die Versorgungsengpässe infolge des Ukrainekriegs – all diese Themen spielen im Wald von Max von Elverfeldt eine Rolle. Wer mit dem 58-Jährigen hindurchwandert, der sieht Buchen, Eichen, Ahorn, Fichten, Douglasien, Kastanien. Große Bäume und frisch gepflanzte Weißtannen säumen sein Anwesen Schloss Kalbeck in Weeze nahe der deutsch-niederländischen Grenze.

Die 850 Hektar Wald, die von Elverfeldt neben 400 Hektar Landwirtschaft bewirtschaftet, sind mit Siegeln für nachhaltiges Wirtschaften und Artenvielfalt zertifiziert. Außerdem betreibt er auf seinem Land noch vier Windräder. Dennoch hat der Waldbesitzer, der als Bundesvorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst rund 2000 Unternehmen vertritt, ein Problem mit einem zentralen Punkt des Green Deals von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Die sogenannte Biodiversitätsstrategie sieht vor, dass die Mitgliedstaaten zehn Prozent ihrer landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr bewirtschaften. Darunter fallen auch Wälder. Von Elverfeldt ist überzeugt: „Ein bewirtschafteter Wald hat ein höheres Klimaschutzpotenzial als ein unbewirtschafteter Wald.“ Denn das verarbeitete Holz binde CO2 in Möbeln und im Hausbau. Andere Baustoffe wie Stahl, Beton oder Kunststoffe verursachten dagegen deutlich höhere Emissionen.

Hinter der Biodiversitätsstrategie steht die Sorge, dass ein Verlust der Artenvielfalt in Flora und Fauna unseren Planeten ebenso bedroht wie der Klimawandel. Das Weltwirtschaftsforum schätzt, dass mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandprodukts – 2021 waren es 95 Billionen Dollar – von der Natur abhängig oder sogar stark abhängig sind.

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    Aber schützt man wirklich das Klima, wenn man mit Holz baut? Von Elverfeldt rechnet mit schwerwiegenden Folgen, sollten künftig rund zehn Prozent der Wälder unter strengen Schutz gestellt werden. Von rund 11,5 Millionen Hektar dürften dann 1,15 Millionen Hektar nicht mehr bewirtschaftet werden.

    Das Holz wird infolge des Ukrainekriegs bereits knapp

    Zum einen sei die Versorgung nicht mehr gewährleistet. Statt rund 70 Millionen Kubikmeter Holz, die pro Jahr in Deutschland geschlagen werden, wären es nur noch rund 50 Millionen Kubikmeter. Und das in einer Zeit, in der das Material durch die fehlenden Importe aus Russland und der Ukraine immer knapper wird. Das spüren die Bauunternehmen bereits seit Längerem.

    Zum anderen seien 1,1 Millionen Menschen mittelbar mit Holz beschäftigt, vor allem in der nachgelagerten Industrie wie Sägewerken und Möbelherstellern. Würde man die Lücke mit Holz aus dem Ausland schließen, gehe das auf Kosten der Umwelt, sagt der Unternehmer. Denn nur hierzulande seien 80 Prozent der Wälder als nachhaltig zertifiziert. Hinzu kämen noch die Transportwege.

    Vor allem aber werde mehr CO2 ausgestoßen, wenn aufgrund des fehlenden Holzes andere Materialien wie Stahl und Kunststoff verwendet würden. So werden bei der Produktion einer Tonne bis zu 600 Kilogramm des klimaschädlichen Gases freigesetzt. Bäume entziehen der Luft dagegen das CO2 und speichern es in ihrem Holz.

    Von Elverfeldt hält es daher für besser, dass mehr Wald nachhaltig bewirtschaftet wird, als wenn man einige Flächen gar nicht mehr nutzt und der Natur komplett überlässt. Das ist umstritten, entgegnet Susanne Bergius. Die Nachhaltigkeitsexpertin hat ein Buch über Biodiversität geschrieben und kennt auch die andere Meinung: „Demnach müssen Teile des Waldes wirklich sich selbst überlassen werden, um ihre volle Wirkung für Klima und Artenschutz zu entfalten.“

    Der Bundesvorsitzende d er Familienbetriebe Land und Forst stellt sich Ende Mai zur Wiederwahl.

    Max von Elverfeldt

    Der Bundesvorsitzende der Familienbetriebe Land und Forst stellt sich Ende Mai zur Wiederwahl.

    Doch wer hat recht? Sven Selbert, der als Referent für Wälder beim Naturschutzbund (Nabu) für das Thema zuständig ist, beobachtet, dass der Krieg gegen die Ukraine verstärkt als Argument verwendet wird, um die angespannte Versorgungslage bei Holz zu erklären. „Die Waldbesitzerverbände wie der von Elverfeldts torpedieren mit dem Argument der Versorgungssicherheit derzeit die europäischen Ziele für den Erhalt der Biodiversität“, sagt Selbert.

    Einig sind sich beide Seiten, dass langlebige und nachhaltige Produkte aus Holz zum Klimaschutz beitragen können. „Wir sollten den begrenzten Rohstoff Holz intensiver stofflich nutzen, aber wir müssen gleichzeitig auch die ökologischen Prozesse intensivieren, damit die Wälder im Klimawandel überhaupt Bestand haben können und uns neben Holz auch weiter mit sauberem Wasser, Hochwasserschutz und kühler Luft versorgen“, sagt der Experte.

    Zugleich weist er darauf hin, dass hierzulande zu viel Holz eben nicht langlebig verwendet wird, sondern nach nur sehr kurzer Nutzung oder als Energieholz direkt verbrannt wird – so zum Beispiel beim Schalungsholz im Betonbau, bei Europaletten, Verpackungen oder Holzhackschnitzeln.

    Da der lebende Wald im Vergleich zu Holzprodukten jedoch etwa das Zehnfache an Kohlenstoff binde und gleichzeitig die Grundlage jeder Forstwirtschaft sei, müsse es nach Selbert nun oberste Priorität haben, diesen zu stabilisieren und zu stärken. Um einen Rohstoffengpass zu vermeiden, müsse Holz nicht nur effizienter genutzt werden, sondern auch die Recyclingquote verbessert werden.

    Starke Schäden durch Trockenheit und Schädlinge

    Auch wenn hierzulande immer mehr Forstbetriebe zertifiziert nachhaltig arbeiten, gebe es auch in von Elverfeldts Verband noch immer Waldbesitzer, „die aus der Vergangenheit keine Lehre gezogen haben und statt auf naturnahe Mischwälder weiter auf monokulturartige Wälder setzen“, sagt Selbert. So hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt festgestellt, dass es hierzulande bereits 5000 Quadratmeter Kahlflächen gibt, wo zuvor Fichtenwälder standen. Auch diese könne man kurzfristig nicht zu Biodiversitätszonen machen.

    Laut Statistischem Bundesamt wurde in deutschen Wäldern 2021 mit 83 Millionen Kubikmetern so viel Holz geschlagen wie noch nie. Ein Grund waren starke Schäden infolge der Trockenheit und des Borkenkäferbefalls. Zudem konnten die Waldbesitzer aufgrund der starken Nachfrage hohe Preise in diesem langlebigen Geschäft erzielen. Schließlich wachsen die Bäume fünfzig Jahre und mehr, bevor man sie ernten kann.

    In den 1980er-Jahren lag der Holzpreis bei umgerechnet 130 Euro pro Kubikmeter, sagt von Elverfeldt, dann sei er stetig gefallen, sodass zuletzt sogar die Chinesen Holz im Ausland kauften. Durch das Schlagen nach dem Borkenkäferbefall landeten die Preise in den letzten drei Jahren bei rund 40 Euro.

    Erst seit 2021 erreichten die Preise wieder ein Niveau von zuletzt rund 100 Euro, berichtet der Unternehmer, der mit weiteren Anstiegen rechnet. Zumal auch die Bundes- und Landesregierungen auf das Baumaterial setzten. So seien in Baden-Württemberg 50 Prozent der Fertighäuser mit Holz gebaut. „Wir müssen mehr Holz nutzen“, mahnt der Verbandschef. „Es ist der einzige Rohstoff, der nachwächst und CO2 bindet.“

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