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30.06.2022

09:55

Hall of Fame

Die Ravensburger-Formel: Glück im Spiel, Konstanz in der Familie

Von: Joachim Hofer

PremiumViele Familienunternehmen träumen vom nahtlosen Übergang in die nächste Generation. Otto Julius und Clemens Maier haben es bewusst anders gemacht.

Die Unternehmerfamilie des Spieleherstellers zieht in die Hall of Fame ein. Getty Images, Ravensburger, Handelsblatt Montage

Ravensburger

Die Unternehmerfamilie des Spieleherstellers zieht in die Hall of Fame ein.

Ravensburg Es ist kein Spiel wie jedes andere. Die weiße Schachtel mit den bunten, geometrischen Figuren ist einem exklusiven Kreis vorbehalten: den Beschäftigten von Ravensburger. Sie bekamen es vergangenen Herbst geschenkt. Darin finden sich drei farbige Bauklötzchen, drei Dutzend Spielkarten und vor allem das „Playbook“, eine Art Anleitung für die Arbeit bei dem fast 140 Jahre alten Familienunternehmen.

Spielerisch sollen die Mitarbeitenden ihren Arbeitgeber erkunden – und das ist kein Zufall. „Wir inspirieren Menschen zu entdecken, was wirklich wichtig ist“ – das steht als Leitmotiv über allem bei Ravensburger.

Die Firmenbibel im Spielformat hat der Vorstandsvorsitzende Clemens Maier einerseits für neue Mitarbeiter entwickeln lassen. Sie sollte seine Leute vergangenes Jahr aber auch zusammenschweißen in jener schwierigen Phase, als die meisten Angestellten wegen der Pandemie ihre Zeit im Homeoffice verbrachten. „Wir sind ein Familienunternehmen und sehen auch unsere Teams und Mitarbeiter als Familie“, schreibt Maier im Schlusswort.

Kein nahtloser Übergang

Das „Playbook“ kommt hochmodern daher. Was sich darin nachlesen lässt, das galt in großen Teilen aber schon, als Otto Julius Maier noch den Betrieb führte. Der Vater von Clemens Maier übernahm die Firma 1952, da war er gerade 21 Jahre alt. „Nutzen stiften für die Unterhaltung und Bildung“, war früher das Motto.

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    In seinen mehr als 40 Jahren an der Spitze formte der heute 91-Jährige aus einem Buchverlag, der auch Gesellschaftsspiele und Puzzles herstellte, den führenden deutschen Spieleverlag und den Marktführer bei Jugendbüchern. Mehr noch: Otto Julius Maier schuf das Fundament, auf dem Sohn Clemens Maier heute ein globales Spieleimperium mit mehreren Marken errichtet.

    Ein nahtloser Übergang zwischen Senior und Filius war es aber nicht – und sollte es auch gar nicht sein. Otto Julius Maier musste schon in jungen Jahren die Verantwortung übernehmen, weil sein Vater Otto Maier unerwartet mit 61 Jahren infolge einer an sich harmlosen Operation gestorben war. Der junge Mann war gerade auf dem Sprung zu einem Praktikum in einer Buchhandlung in Cambridge, da rief die Pflicht. „Dann bin ich halt hiergeblieben“, erinnert sich Maier.

    Ziehen in die Hall of Fame der Familienunternehmen ein: Clemens Maier, der aktuelle Vorstandsvorsitzende von Ravensburger, und sein Vater Otto Julius Maier. Anja Koehler

    Clemens Maier und Otto Julius Maier

    Ziehen in die Hall of Fame der Familienunternehmen ein: Clemens Maier, der aktuelle Vorstandsvorsitzende von Ravensburger, und sein Vater Otto Julius Maier.

    Clemens Maier dagegen konnte sich exzellent vorbereiten, ehe er an die Spitze rückte: Erst 2017, und damit mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Abschied seines Vaters aus dem operativen Geschäft, nahm der Volkswirt auf dem Chefsessel Platz. Zu jenem Zeitpunkt war er 45 Jahre alt, hatte bereits einige Jahre bei Konzernen wie Bertelsmann verbracht und war danach zwölf Jahre im familieneigenen Unternehmen tätig.

    Als die Bücher sprechen lernten

    Ravensburger, das ist nicht irgendeine Marke: Die Spiele und Bücher mit dem markanten Logo, einem blauen Dreieck, sind aus den Haushalten im deutschsprachigen Raum kaum wegzudenken. Unter der Führung von Otto Julius Maier eroberten die Schwaben erst mit Klassikern wie „Memory“ oder „Malefiz“ die Wohnstuben, später die Jugendzimmer mit „Scotland Yard“ oder „Das verrückte Labyrinth“. Unter der Ägide von Clemens Maier entstanden Bestseller wie der elektronische Griffel „Tiptoi“, mit dem Bücher sprechen gelernt haben, oder zuletzt die Kugelbahn „Gravitrax“.

    Vater und Sohn setzen eine lange Tradition fort: Das erste Spiel brachte der Ravensburger Buchhändler Otto Maier einst 1884 heraus: „Reise um die Erde“. 1900 ließ sich der Unternehmensgründer die Marke „Ravensburger Spiele“ schützen. Nach seinem Tod 1925 übernahmen seine drei Söhne die Firma. Diese brachten das noch heute bekannte „Fang den Hut“ in die Läden.

    Die nächste Generation, also die Enkel des Firmengründers, trat in den 1950er-Jahren in die Firma ein: erst Otto Julius Maier, später dessen Cousine Dorothee Hess-Maier. Über Jahrzehnte führten die beiden das Unternehmen Seite an Seite, geprägt von „gegenseitigem Vertrauen“, so Otto Julius Maier. Das war nötig, denn sie waren persönlich haftende Gesellschafter. „Da steht man mit Kopf und Kragen ein“, sagt Maier.

    Die Bauarbeiten sind Zeichen des Wandels

    Heute sitzen sie fast Tür an Tür in der Marktstraße 26, in einem mittelalterlichen Gebäudekomplex in der Altstadt von Ravensburg. Das spätgotische Eckhaus aus dem Jahr 1416 ist Sitz der Holding, des Eigentümers der Ravensburger AG. Wichtiger noch: Dies ist die Wiege ihres Unternehmens, der Stammsitz des Otto Maier Verlags, hier hat die Familie Maier das Museum ihrer Marke eingerichtet und führt ihre gemeinnützige Stiftung; gleichzeitig wohnt Otto Julius Maier ganz oben unter den uralten Giebeln.

    Die Zentrale indes ist am Rande der Kreisstadt angesiedelt. Clemens Maier lässt die Verwaltungsgebäude gerade umbauen, will einen Anreiz schaffen, damit seine Leute aus dem Homeoffice wieder mit Freude ins Büro zurückkehren.

    Die Bauarbeiten in Ravensburg sind das sichtbarste Zeichen für den Wandel in dem Unternehmen mit seinen 2413 Mitarbeitern. Hinter den Kulissen indes hat Clemens Maier in den vergangenen Jahren bereits kräftig gewirbelt in dem Traditionshaus. Allerdings immer mit Augenmaß. Denn als er 2005 dort anfing, da war die Erinnerung an die größte Katastrophe in der Firmengeschichte noch frisch.

    Das erste Spiel von Ravensburger aus dem Jahr 1884: „Reise um die Erde“

    Ravensburger

    Das erste Spiel von Ravensburger aus dem Jahr 1884: „Reise um die Erde“

    Im Boom des Neuen Marktes waren die Schwaben groß ins Kinderfilmgeschäft eingestiegen, wollten auf einmal Computerspiele produzieren und bauten einen eigenen Freizeitpark auf. Dies ging einher mit einem riesigen Rummel um den Börsengang der Tochter RTV. Der Ausflug an den Kapitalmarkt und der Einstieg in völlig fremde Bereiche hätten beinah in der Pleite geendet. Hohe Verluste liefen auf, die Eigenkapitalquote brach auf zehn Prozent ein, mehrere Hundert Beschäftigte mussten gehen.

    Zu jener Zeit führte zwar bereits ein familienfremder Manager das Unternehmen. Doch die missglückte Expansion geschah mit Einverständnis der Eigentümer. Sie winkte die überzogenen Pläne durch. Die Folgen waren dramatisch: „Uns stand das Wasser bis zum Hals“, erinnert sich Otto Julius Maier.

    Die Wende gelang einem ausgewiesenen Experten für Markenartikel: Der frühere Philip-Morris-Manager Karsten Schmidt fing 2002 bei Ravensburger als Vorstandsvorsitzender an. In der Folge übte sich das Unternehmen wieder in der Bescheidenheit, die für Oberschwaben typisch ist, und konzentrierte sich auf das, was sie im Schussental stets am besten konnten: Spiele sowie Kinder- und Jugendbücher produzieren. Ravensburger ist seither das „solide schwäbische Unternehmen“, als das es Dorothee Hess-Maier selbst im Überschwang des Börsenbooms immer gesehen hat. Der Markt ist zwar nicht besonders sexy, hat aber einen Vorteil: Er ist stabil – auch in schlechten Zeiten.

    In der Krise boomt das Geschäft

    Denn dann rücken die Familien, die Kernklientel, zusammen. Die Coronapandemie hat das eindrücklich gezeigt. Nie waren die Puzzles von Ravensburger so gefragt wie zu den schwersten Tagen der Seuche. Im Frühjahr 2020, also zu Beginn der ersten Welle, berichtete sogar die US-Wirtschaftszeitung „Wall Street Journal“ über die Puzzles aus Oberschwaben. Die „New York ‧Times“ erläuterte ausführlich, wie die Geduldsspiele von Ravensburger entstehen. Und der australische Premier Scott Morrison erklärte sie während der Ausgangsbeschränkungen mit einem Augenzwinkern sogar als systemrelevant.

    Im beschaulichen Ravensburg, gut 20 Kilometer nördlich des Bodensees, rieben sie sich verwundert die Augen: Als die Familie Maier abrechnete, stand ausgerechnet 2020, in der größten Krise der Nachkriegszeit, ein Umsatzplus von 20 Prozent.
    „Auch wenn Spielwaren als sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit Nutznießer der Pandemie sind, ist die gute Entwicklung der Branche nicht allein nur auf Corona zurückzuführen“, sagt Ulrich Brobeil, Chef des Verbands der Spielwarenindustrie. Der Stellenwert von Spielwaren und Spielen habe schon lange zugenommen – und die Anbieter träfen den Geschmack der Kunden.

    Ravensburger fertigt die meisten Produkte in den eigenen Fabriken am Stammsitz in Ravensburg sowie in Tschechien.

    Ravensburger

    Ravensburger fertigt die meisten Produkte in den eigenen Fabriken am Stammsitz in Ravensburg sowie in Tschechien.

    Es ist das Glück des Tüchtigen. Denn sein Erbe will Clemens Maier nicht nur verwalten. Eine evolutionäre Entwicklung sei ihm zu langsam, erläuterte der freundlich und zurückhaltend auftretende Vater dreier Kinder gleich zum Amtsantritt. Er spricht lieber von Transformation, hin zu einem wahrhaft globalen Unternehmen. Die USA sind inzwischen der größte Auslandsmarkt und stehen für rund 15 Prozent vom Umsatz; auch in China baut Maier das Geschäft auf.

    Den Wildwuchs beendet

    Gleich nachdem er auf dem Chefsessel Platz genommen hatte, baute Maier Ravensburger um. Um dem Wildwuchs im eigenen Haus ein Ende zu machen, bündelte der Chef und Gesellschafter Beschaffung und Vertrieb unter einem Dach. Maier sah keine Alternative zu der Restrukturierung. Durch einige Akquisitionen gehörten schließlich inzwischen sieben Marken in fünf Ländern zur Gruppe.

    Clemens Maier ist dem beschaulichen Ravensburg tief verbunden. Doch er kennt viel von der Welt, deren Spielwarenläden er erobern möchte. Zu Beginn der Karriere zog es ihn nach Zürich, anschließend studierte er in London, später schloss er sich einem Risikokapitalgeber in New York an.

    2005 trat Maier in das von seiner Familie gegründete Unternehmen ein – und nahm die Internationalisierung zielstrebig in Angriff. Zunächst leitete er das Geschäft in Spanien. Sein Gesellenstück lieferte er 2012 mit der von ihm eingefädelten Übernahme des amerikanischen Brettspiel-Spezialisten Wonder Forge ab. Die Meisterprüfung folgte 2014: Überraschend kaufte Ravensburger den schwedischen Holzspielzeughersteller Brio. 2017 folgte die Akquisition von Thinkfun, einer US-Marke, die vor allem für ihre Denk- und Logikspiele bekannt ist.

    56 Prozent vom Umsatz erzielt Maier inzwischen im Ausland. Der Kinder- und Jugendbuchverlag, der zum Beispiel die bekannte Reihe „Wieso, weshalb, warum?“ herausgibt, beschränkt sich dabei jedoch auf den deutschsprachigen Raum.

    Unter Spielwarenhändlern genießen die Schwaben einen guten Ruf. Er schätze die „kontinuierlich hohe Qualität“ und den „Background eines inhabergeführten Familienunternehmens mit seinen deutschen Wurzeln“, sagt Tobias Schonebeck. Die Worte des geschäftsführenden Gesellschafters des Spielwarenhändlers Schäffer aus Osnabrück haben Gewicht in der Branche. Schäffer gilt als Vorzeigegeschäft der Vedes, des bekanntesten Verbunds von Spielzeughändlern in Deutschland.

    Ravensburger sei innovativ, findet der Kaufmann. Mit der Kugelbahn „Gravitrax“ und dem „Tiptoi“-Stift seien die Schwaben erfolgreich unterwegs. Schonebeck: „Dabei verliert Ravensburger nicht das klassische Spielen und Puzzeln aus den Augen.“

    Andererseits ärgern sich viele Fachhändler hinter vorgehaltener Hand darüber, dass die Schwaben ihre Spiele bei Discountern wie Lidl zu günstigen Preisen anbieten. Auch der firmeneigene Onlineshop missfällt so manchem Spielzeuggeschäft. Große Konkurrenten wie Lego, Mattel oder Hasbro verhalten sich, sehr zum Missfallen der Kaufleute, aber nicht anders.

    Die „Entpersönlichung“ von Ravensburger

    „Wie läuft’s Gschäft?“, sei die häufigste Frage, die er von seinem Vater höre, erzählt Clemens Maier mit einem Augenzwinkern. Ins Business mischt sich der Senior trotzdem schon lange nicht mehr ein. Dafür sorgen nicht zuletzt die Strukturen, für die die Familie selbst gesorgt hat. Eine gewisse Trennung zwischen Anteilseignern und Firma war Otto Julius Maier wichtig. Er sprach einmal von „Entpersönlichung“.

    Nicht zuletzt deshalb haben die Gesellschafter die Firma schon 1988 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Seither existiert ein Aufsichtsrat, der den derzeit zweiköpfigen Vorstand kontrolliert. Die Eigentümer sind darin lediglich mit zwei Personen vertreten. Der Cousin von Clemens Maier, Albert Hess, ist stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsgremiums und gleichzeitig Geschäftsführer der Ravensburger Holding. Valerie Maier, die Schwester von Clemens Maier, ist einfaches Mitglied. Chefkontrolleur ist Dieter Kurz, der ehemalige CEO von Carl Zeiss.

    Ravensburger investiert in Start-ups

    Clemens Maier schlägt immer wieder ganz neue Wege ein. Zu Jahresbeginn verkündete er, über mehrere Jahre hinweg einen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand zu nehmen, um sich an Start-ups zu beteiligen. „Wir wollen jungen Kreativen ein attraktives Angebot machen“, erläutert er. Die kleinen Firmen könne Ravensburger zum Beispiel im Vertrieb oder der Produktion unterstützen. Anfang Februar beteiligte sich Ravensburger mit vier Millionen Euro am polnischen Start-up Gamefound, einer international agierenden Crowdfunding-Plattform für Brettspiele.

    Der sprechende Griffel "Tiptoi" ist einer der Bestseller von Ravensburger. © Ailine Liefeld

    Ravensburger

    Der sprechende Griffel "Tiptoi" ist einer der Bestseller von Ravensburger.

    Clemens Maier erinnert sich noch gut, wie der Vater in seinen aktiven Zeiten mit ihm öfter einmal am Wochenende durch die Fabrik spazierte. Nun nimmt er ab und an die eigenen Kinder an die Hand. „Ich gehe mit ihnen durch die Produktion, und die lieben das“, sagt Maier. Im Alter zwischen zehn und 16 sind sie für Nachfolgepläne noch zu jung. Dass es aber gar nicht unbedingt nötig ist, unmittelbar nach dem Papa ins Chefbüro einzuziehen, das hat er selbst bewiesen.

    Fest steht derweil eins: Ravensburger bleibt in Familienhand. Führen darf die Firma aber durchaus auch einmal ein Familienfremder.

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