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29.06.2022

21:30

Hall of Fame

Von Skibindungen zu automatisierten Türen – Wie dem Familienunternehmen Geze die Transformation gelungen ist

Von: Martin-W. Buchenau

Brigitte Vöster-Alber hat dem Familienunternehmen einen radikalen Wandel unterzogen. Jetzt sind ihre Kinder dran – und stehen vor neuen Herausforderungen.

Das Familienunternehmen Geze wurde neu in die Hall of Fame aufgenommen. Geze, Handelsblatt Montage

Hall of Fame

Das Familienunternehmen Geze wurde neu in die Hall of Fame aufgenommen.

Leonberg Wie von Geisterhand öffnen sich die beiden Glasschiebetüren zum Showroom am Stammsitz von Geze in Leonberg. Berührungsloser und barrierefreier Zutritt zu Gebäuden gilt heutzutage als Selbstverständlichkeit. Spätestens seit dem Ausbruch der Coronapandemie ist jeder froh, wenn er keine Türklinke mehr anfassen muss.

In den Glastüren mit dem hippen Namen Slimdrive steckt Hightech. Angesteuert und abgesichert über einen Kombimelder, integriert in ein Gebäudeleitsystem und überwacht in der Cloud macht Geze Türen zu Mund, Auge und Ohr eines Gebäudes. Sensorgesteuerte und intelligente Öffnungs- und Schließsysteme sind das Kerngeschäft von Geze. Das Familienunternehmen, das früher für Skibindungen bekannt war, ist ein Paradebeispiel, wie Familienunternehmen die Transformation ins Digitale schaffen können. Es ist das Werk von Brigitte Vöster-Alber.

Sie war bei ihrem Ausscheiden nach 52 Jahren an der Spitze die wohl dienstälteste Chefin eines Familienunternehmens in der Größenordnung von einer halben Milliarde Euro Umsatz. Wobei ihr Mann Hermann Alber in der Funktion des Technik-Geschäftsführers ihr 31 Jahre zur Seite stand. Erst vor zwei Jahren hat die 78-jährige Vorzeigeunternehmerin sich aus der operativen Führung zurückgezogen.

Vöster-Alber hat sich in ihrer aktiven Zeit immer in der männerdominierten Baubranche durchsetzen müssen und können. Im Showroom am Hauptsitz steht die vierfache Mutter etwas ungewohnt schüchtern zwischen der nächsten Generation: Drei der vier Kinder sind schon seit vielen Jahren in führenden Positionen. Der Übergang war sanft und gut vorbereitet. Der komplette Rückzug erfolgte nicht gerade früh, aber noch rechtzeitig.

Der 44 Jahre alte Sohn Marc Alber ist in der Geschäftsführung nun zuständig für Produktentwicklung und internationale Werke, die Tochter Andrea Alber (42) für Strategie und Marketing und die 33 Jahre alte Sandra Alber ist mit Rechtsthemen und Finanzen befasst. Nur eine Tochter hat als Ärztin einen Weg außerhalb des Unternehmens gewählt. „Eigentlich brauchen Sie mich doch jetzt gar nicht für diesen Termin“, sagt die schwäbische Vorkämpferin für Frauen an der Spitze von Familienunternehmen. Doch die Kinder nehmen die Mama in die Mitte, als der Fotograf die Bilder für die Aufnahme in die Hall of Fame der Familienunternehmer und Unternehmerinnen schießt.

Gestaltungswille und Ausdauer

War es denn wirklich für alle drei klar, dass sie im Unternehmen arbeiten wollen? Unisono antworten alle ohne zögern mit: „Ja, wir haben ja alles aus nächster Nähe erlebt und den Weg aus freien Stücken gewählt. Unsere Mutter hat uns alle Freiheiten bei der Entscheidung gelassen“, betont Andrea Alber. Und was gab den Ausschlag fürs eigene Unternehmen? Auch da sind sich die drei einig: Nirgendwo sonst könne man so früh so viel gestalten.

Vöster-Albers Vertrauen in ihren Nachwuchs hatte Zeit zu reifen. Alle arbeiteten schon während des Studiums zeitweise im Unternehmen: Sohn Marc, studierter Diplom-Kaufmann technischer Orientierung, ist seit 2007 im Unternehmen. Noch länger, seit 2004 ist Tochter Andrea dabei. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Psychologin ist so etwas wie die Außenministerin im Unternehmen.

Seit zwei Jahren führen drei ihrer Kinder gleichberechtigt den Spezialisten für automatisierte Türen und Fenster Geze in sechster Generation.

Marc Philipp Alber, Mutter Brigitte Vöster-Alber, Andrea-Alexandra Alber, Sandra Daniela Alber (von links nach rechts)

Seit zwei Jahren führen drei ihrer Kinder gleichberechtigt den Spezialisten für automatisierte Türen und Fenster Geze in sechster Generation.

Sandra Alber schlägt etwas nach der Mutter und hat unter anderem die Finanzen unter ihren Fittichen. Und wie läuft es seit zwei Jahren ohne die Mutter in der Geschäftsführung? „Aber jetzt sollte ich wirklich besser rausgehen, oder?“, fragt Brigitte Vöster-Alber – und bleibt sitzen.

„Nicht gravierend anders. Meine Mutter ist ja noch Mitglied im Aufsichtsrat und diskutiert dort Themen mit uns“, sagt Andrea Alber. Aber jeder von uns dreien hat in der operativen Geschäftsführung ja schon länger seine klare Aufgabe.“ Mit der neuen Generation geht aber auch eine Systemveränderung einher: Eine alleinige Vorsitzende der Geschäftsführung, wie es ihre Mutter war, gibt es nicht mehr. Entschieden wird gleichberechtigt gemeinsam. Laut Satzung braucht es keine Einstimmigkeit, sondern eine einfache Mehrheit.

Bislang haben die drei wohl immer einen gemeinsamen Nenner gefunden. „Jeder hat bei seinem Fachbereich ja mehr Expertise. Diese respektieren wir und challengen sie aus dem jeweiligen anderen Blickwinkel“, versichert Sandra Alber. „Wir vertrauen uns natürlich. Aber bislang gab es keine Unstimmigkeiten.“

Auch Marc als großer Bruder sieht keine Probleme in der Konstellation. „Ich bin es ja nicht anders gewohnt und mit drei Schwestern aufgewachsen“, sagt der Technik-Chef und gewährt einen kurzen Einblick in das private Familieninnere. „Ich musste früher für die anderen alles erkämpfen. Meinen Vespa-Führerschein durfte ich erst mit 17 machen“, erinnert er sich. Während Nesthäkchen Sandra schon mit 16 und gleich mit einer großen 125ccm-Maschine rumbrausen konnte.

Nachfolger starten in der Multi-Krise

Aber ganz allein unter Frauen ist Marc Alber nicht. Zu dem schon eingespielten Führungsteam gehört ja auch noch der familienfremde Manager, der 46 Jahre alte Tomislav Jagar, der den Vertrieb verantwortet.

Ihre ersten Monate in voller Verantwortung hatten sich alle drei allerdings etwas anders vorgestellt, als sich mit der Coronapandemie zu beschäftigen. „Kein Monat war wie der andere. Sollten wir vorher nicht genug flexibel gewesen sein, spätestens nach diesen beiden Jahren sind wir es“, sagt Andrea Alber. „Wir haben das bisher gut gemeistert“, sagt Bruder Marc selbstbewusst.

Mit Pandemie, Lieferkettenproblemen, Chipmangel, Energie- und Rohstoffpreis-Explosion sowie jetzt dem Ukrainekrieg hatte das Führungstrio gleich eine Hand voll großer Herausforderungen gleichzeitig zu schultern. Aber dass sie nicht klagen, sondern auch aus dieser Situation Nützliches für die Zukunft ziehen, zeigt ihr Unternehmer-Gen.

„Durch die vielen exogenen Probleme waren wir gezwungen, viel schneller und direkter mit den Mitarbeitern zu kommunizieren als ohnehin schon“, sagt Sandra Alber. Man sei viel schneller transparenter geworden als geplant. „Die vergangenen beiden Jahre haben gezeigt, dass man sich auf gar keine Krisen vorbereiten kann. Wir bemühen uns, uns so flexibel und transparent wie möglich aufzustellen, egal, was kommt.“

Geholfen hat dem solventen Mittelständler, dass schon vor der Krise über 90 Prozent der gesamten Lieferkette mit Risikoanalysen digital hinterlegt waren. Aber auch das verhinderte Notfalleinsätze nicht. „Wir mussten auch schon Kuriere zum Flughafen schicken, um Chips direkt abzuholen, die kamen mitunter verspätet und kosteten das 20-Fache des früheren Preises“, berichtet Marc Alber.

Zugangsbeschränkungen im Einzelhandel und in der Gastronomie beflügelten sogar das Geschäft. Schnelles Improvisieren war bei Corona angebracht. „Wir mussten in kurzer Zeit den Türen auch das Zählen beibringen“, sagt Marc Alber. Das sei auch rasch gelungen durch die Zusammenarbeit mit einem Stuttgarter Sensorik-Start-up.

Seit zwei Jahren führen drei ihrer Kinder gleichberechtigt den Spezialisten für automatisierte Türen und Fenster Geze in sechster Generation. Juergen Pollak, Neue Weinsteige

Geze

Seit zwei Jahren führen drei ihrer Kinder gleichberechtigt den Spezialisten für automatisierte Türen und Fenster Geze in sechster Generation.

Die drei Vertreter der sechsten Generation haben gegenüber ihrer Mutter einen riesigen Vorteil: Sie können sich die Last teilen und notfalls gegenseitig vertreten. Als Brigitte Vöster-Alber 1968 in der fünften Generation als geschäftsführende Gesellschafterin die Führung des Unternehmens übernahm, war Geze noch für Skibindungen berühmt, und die 400 Mitarbeiter erwirtschafteten gerade einmal einen Umsatz von 70 Millionen Mark.

Vor der Firmenzentrale in Leonberg bei Stuttgart erinnert nur noch eine ausrangierte blassblaue Seilbahngondel an eine längst vergangene Firmengeschichte. Aus der Gondel ragen alte Skier heraus, darunter ein Völkl Racetiger mit einer Bindung aus dem Hause Geze.

Eigenkapitalquote liegt über 80 Prozent

Für den Fersenautomaten war die schwäbische Firma in den 70er-Jahren weltbekannt. Brigitte Vöster-Alber brach mit dieser Tradition: „Wir haben uns 1985 vom Geschäft trennen müssen, als wir merkten, wie wenig wir tatsächlich mit den Skibindungen verdienten.“ Es war eine ihrer härtesten Entscheidungen. Aber sie öffnete dem Unternehmen die Tür in eine erfolgreiche Zukunft.

Geze spezialisierte sich auf Hightech-Schließsysteme von Gebäuden und gehört heute zu den innovativsten Familienunternehmen des Landes. Die Schwaben gelten als Vorreiter, wenn es um das vernetzte sogenannte Smart Home geht. Man findet automatische Geze-Systeme nicht nur im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart, im Akropolis-Museum in Athen sowie in der Ferrari World in Abu Dhabi, sondern auch in vielen Flughäfen, Hotels und Supermärkten.

Das Museum nutzt die Schließsysteme von Geze. Reuters

Akropolis-Museum in Athen

Das Museum nutzt die Schließsysteme von Geze.

Gut 3000 Beschäftigte schaffen über 450 Millionen Euro Umsatz. Wie erfolgreich gewirtschaftet wurde, hat das Unternehmen nie groß berichtet. Aber die Eigenkapitalquote liegt bei mehr als 80 Prozent, wie Finanzchefin Sandra Alber bestätigt. Die Geze-Gruppe kommt ohne Bankkredite aus.

Nicht immer war das Unternehmen so gut gepolstert wie heute. Als Vöster-Alber mit 24 Jahren ihr Wirtschaftsstudium abbrach und die Geschäftsführung übernahm, stand sie ziemlich bald wegen der Probleme im Skibindungsgeschäft mit dem Rücken zur Wand. Um Geld in die Kasse zu bekommen, musste sie das Firmengelände verkaufen. Sie mietete es mit der Verpflichtung, es in Raten zurückzukaufen. Inzwischen gehört Geze wieder alles, auch dank der geschickten Unternehmensführung der Chefin.

Langsam organisch wachsen und dabei unabhängig vor allem von Banken bleiben war ihre Strategie, die die drei Kinder vollständig übernommen haben. Auch sie wollen sich auf das Kerngeschäft Öffnungs- und Schließsysteme für Türen und Fenster konzentrieren, kombiniert mit Software für die Vernetzung moderner Gebäudesysteme. „Unser Ziel ist es, so Gebäude lebenswerter zu machen und damit klimafreundlicher“, sagt Andrea Alber. Intelligente softwaregesteuerte natürliche Lüftung durch Tür und Fenster verbrauche schließlich weniger Energie als Klimaanlagen und könne diese oftmals ersetzen.

Dazu spielt dem Familienunternehmen auch der Zeitgeist in die Hände. Zur Verbesserung der Energieeffizienz müssen in Altgebäuden zunehmend Fenster und Türen getauscht werden. Barrierefreiheit und Sicherheitsthemen sorgen ebenfalls für mehr Aufträge bei gewerblichen und öffentlichen Bauten. Zudem sieht das Führungstrio noch Wachstumsmöglichkeiten in anderen europäischen Ländern sowie Asien. In Russland habe der Mittelständler nur einen geringen Umsatzanteil, dessen Wegfall verkraftbar sei.

Geze beschäftigt rund 3000 Mitarbeiter.

Mitarbeiter in der Produktion

Geze beschäftigt rund 3000 Mitarbeiter.

So viel Zeit wie ihre Kinder zur Vorbereitung auf die Führungsaufgaben hatte Brigitte Vöster-Alber nicht. Eigentlich wollte sie Tierärztin werden. Wie das mit Jugendträumen von Unternehmerkindern so ist, aus vielen wird dann doch nichts. Der Grund dafür war allerdings gravierend. Familie Vöster gehört die 1863 von drei Handwerksmeistern gegründete Firma Geze. Mit nur 48 Jahren starb 1963 ihr Vater, der mit dem Großvater das Unternehmen für Baubeschläge und Skibindungen führte. Da war sie noch keine 20. Statt für Tiermedizin schrieb sie sich für Wirtschaftswissenschaften in Nürnberg ein.

Fünf Jahre später der nächste Schlag: Ihr Großvater starb. Zuvor hatte er der Enkelin aber noch die Anteile überschrieben. Von einem Tag auf den anderen wurde sie mit 24 Unternehmerin. Sie musste. Aber sie wollte auch.

„Brigitte Vöster-Alber ist für mich eine hervorragende Unternehmerin und Vorkämpferin für Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft. Sie war dies bereits zu einer Zeit, als entsprechende Themen noch alles andere als selbstverständlich waren“, kam schon Lob auch von Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller, die seit fast 17 Jahren den Laserspezialisten Trumpf im nahe gelegenen Ditzingen führt.

Jede dritte Führungskraft bei Geze ist eine Frau

Von ihrer Unternehmer-Mutter vernachlässigt gefühlt haben sich die drei Geschwister nicht. „Sie war nachmittags für uns da und hat für die Firma dann vieles abends bis in die Nacht noch weggeschafft“, erinnert sich Andrea Alber. „Und auch früh morgens“, ergänzt Brigitte Vöster-Alber. Murren will sie darüber nicht. Eine gewisse Leistungsbereitschaft gehöre eben dazu.

Als größte Herausforderung heute sieht die Marathon-Unternehmerin das Tempo der Vernetzung. Um begehrte Software- und KI-Spezialisten muss Geze mit Konzernen wie Mercedes, Bosch und Porsche kämpfen. Das Familienunternehmen lockt Führungskräfte mit mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Verantwortung. Förderung von Frauen und Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht sie als zentrale Aufgabe. „Frauen sollten sich immer an ihrer Leistung orientieren und daraus Selbstvertrauen schöpfen“, rät die Vorkämpferin. Jede dritte Führungskraft bei Geze ist eine Frau. Der gesamte Frauenanteil liegt bei 27 Prozent.

Brigitte Vöster-Alber besitzt nur noch vier Prozent der Anteile. Damit verbunden ist auch heute noch ein Vetorecht – wie zu Zeiten, als sie noch alleiniger CEO war. „Ich habe das Veto noch nie benutzt“, sagt sie und scheint ganz gut loslassen zu können. Sie ist auch nicht wie andere Familienunternehmer im Unruhestand jeden Tag im Büro. Sie sagt: „Ich komme eigentlich nur zu den Aufsichtsratssitzungen.“

1968 übernahm Brigitte Vöster-Alber das Familienunternehmen.

Rohbau aus dem Jahr 1970

1968 übernahm Brigitte Vöster-Alber das Familienunternehmen.

Ob die drei Geschwister auch bis zum Alter von 75 an der Unternehmensspitze stehen wollen, wissen sie noch nicht. „Wir sind gut gestartet und lassen das auf uns zukommen“, sagt Andrea Alber. In der siebten Generation tummeln sich bereits sechs Kinder.

Ein bisschen skeptisch ist Brigitte Vöster-Alber jedoch, ob Glas bei Gebäuden auch in Zukunft seine dominierende Rolle beibehalten wird. Bei zunehmendem Klimawandel habe das Material doch große Schwächen, sei es in der Isolierung oder bei Schäden durch Tornados und Hurrikans. Und welche Auswirkungen wird das auf das Geschäft von Geze haben? „Das sollen sich die Jungen überlegen“, gibt die Aufsichtsrätin ihren Kindern doch noch eine Aufgabe auf den Weg mit.

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