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27.05.2019

03:59

Hochschul-Ausgründungen

Start-up-Kultur – Wie Unis zur Keimzelle für Unternehmen werden

Von: Miriam Schröder

Zwischen 2012 und 2017 stieg die Zahl der Start-up-Ausgründungen an Deutschlands Unis deutlich. Jetzt will die Politik den Trend zusätzlich forcieren.

Der Marktführer der Deutsche Post halt als Uniprojekt angefangen. Bloomberg/Getty Images

Elektro-Kleinlaster „Streetscooter“

Der Marktführer der Deutsche Post halt als Uniprojekt angefangen.

Berlin, Düsseldorf Am Anfang sei ihm und seinen Kollegen Skepsis entgegengeschlagen, berichtet Peter Burggräf, heute Inhaber des Lehrstuhls für Internationales Produktionsingenieurwesen und Management an der Universität Siegen. „Eine Hochschule, die ein eigenes Elektroauto entwickelt und es dann auf dem freien Markt anbietet? Das schien vielen unrealistisch“, erinnert sich der Professor.

Burggräf war Teil des Forscherteams um Günther Schuh, das 2010 an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen begann, den Streetscooter zu entwickeln. Rund 9.000 Fahrzeuge hat das Unternehmen, das 2014 von der Deutschen Post gekauft wurde, inzwischen produziert und ist damit Marktführer für elektrische Nutzfahrzeuge in Deutschland.

Auch wenn die Post inzwischen über den Verkauf der Tochter nachdenkt, darf man den Streetscooter zu den erfolgreicheren deutschen Start-ups zählen. Vor allem haben Burggräf, Schuh und ihre Kollegen bewiesen, dass Wissenschaftler auch unternehmerisch denken können.

Andrea Frank, verantwortlich für Forschung, Transfer und Wissenschaftsdialog beim deutschen Stifterverband, beobachtet „eine deutliche Zunahme“ bei den Ausgründungen aus den Hochschulen. 1.776 neue Start-ups zählte der „Gründerradar“ des Verbands allein 2017, womit die Zahl je Student um 26 Prozent höher lag als 2012. Allerdings wuchs auch die Zahl der Studierenden um 14 Prozent.

Vielen ist das nicht genug. Nur 12,5 Prozent der deutschen Start-ups werden an einer Uni gegründet. Die Politik will, dass es mehr werden. So stellt das Land Nordrhein-Westfalen in den nächsten fünf Jahren 150 Millionen Euro bereit, um sechs ausgewählte Universitäten, darunter die RWTH Aachen, zu Gründerzentren auszubauen.

Die Fraunhofer-Gesellschaft hat einen 60-Millionen-Euro-Fonds für den Forschungstransfer aufgelegt, und Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat die Mittel für das Förderprogramm „Exist“, mit dem Uni-Ausgründungen finanziert werden, verdoppelt.

Unternehmen als bessere Organisationsform

Die Zeit drängt. Deutschlands Wirtschaft steht in Gefahr, technologisch den Anschluss an China und die USA zu verpassen. Dabei mangelt es hierzulande nicht an klugen Köpfen: Einer Untersuchung des niederländischen Wissenschaftsverlags Skopus aus dem vergangenen Dezember zufolge werden die meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Künstliche Intelligenz noch immer in Europa veröffentlicht. 2017 waren es mehr als 17.000. Aus China kamen über 15.000, aus den USA etwas mehr als 10.000.

Innovatives Potenzial ist vorhanden. Dass aus akademischen Projekten reale werden, ist aber alles andere als selbstverständlich. Denn auf den ersten Blick passen die wissenschaftliche Welt und die Start-up-Szene schlecht zusammen.

Erstere steht für Sicherheit, für Perfektion und Unabhängigkeit. Letztere lebt mit dem permanenten Risiko des Scheiterns, arbeitet oftmals provisorisch – und immer am Kunden orientiert. „Als Unternehmer muss man Risiken eingehen, zudem braucht man einen ganzheitlichen Blick auf die unternehmerischen Erfordernisse. Dies steht oftmals im Gegensatz zum fachlich fokussierten Ansatz der Wissenschaft“, sagt Burggräf.

Roland Memisevic hat den Sprung gewagt. 2015 gab der Deutsche seine Professur an der Universität von Montreal auf, um gemeinsam mit drei Studienkollegen in Berlin ein Start-up für Artifizielle Intelligenz (AI) zu gründen. Twenty Billion Neurons, finanziert unter anderem von M12, dem Investmentfonds von Microsoft, zählt laut der Start-up-Datenbank CB Insights zu den 100 besten AI-Firmen der Welt – als die einzige mit deutschen Wurzeln.

Memisevic und sein Team bringen ihrer Software bei, Videodaten zu analysieren und menschliches Verhalten zu interpretieren. „In ein paar Jahren werden Sie nicht mehr merken, ob Sie mit einem Avatar kommunizieren oder mit einem Menschen“, lautet die Vision des Gründers. Diesen Traum verfolge er, seit seine Forscherkollegen in Kanada um den Informatiker Geoffrey Hinton die neuronalen Netze und das sogenannte Deep Learning populär machten.

Für Memisevic ist ein Unternehmen im Vergleich zur Universität die bessere Organisationsform, um im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu forschen. „Um die besten Resultate zu erzielen, brauchen Sie ein möglichst diverses Team, mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen“, sagt er. „Das Team muss gut gemanagt sein und sich als Team verstehen. Die Wissenschaft aber fördert die Leistung von Individuen, nicht die Teamarbeit“, glaubt der frühere Professor, zu dessen Kunden deutsche Automobilhersteller zählen.

Stetige Suche nach Investoren

Wissenschaftler haben gegenüber anderen Gründern entscheidende Vorteile. Dank ihres Beziehungsnetzes haben sie Zugriff auf die neuesten Ergebnisse der Forschergemeinde und die knappste Ressource von allen: Gut ausgebildetes Personal. Das ist der Grund, warum Twenty Billion Neurons neben dem Berliner Büro noch eines in Kanada betreibt, wo Roland Memisevic viele Kontakte hat.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb Daniel Cremers, Mitgründer von Artisense, seinen Lehrstuhl für Bildverarbeitung und Künstliche Intelligenz an der TU München nicht aufgibt. Artisense bringt Autos bei, wie ein Mensch zu sehen – und rekrutiert seine Mitarbeiter an Cremers Universität.

Für das betriebswirtschaftliche Know-how und die Nähe zum Kunden sorgen bei Artisense die Mitgründer: Andrej Kulikov war früher Entwickler bei Audi, Till Kaestner war Deutschlandchef beim Online-Karrierenetz LinkedIn. Die drei Gründer haben wie Roland Memisevic bereits Risikokapital eingesammelt.

Kommentar: Europa wird im Wettbewerb um wertvolle Start-ups abgehängt

Kommentar

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Die jüngsten Megainvestments in europäische Start-ups kamen zuletzt aus Asien und den USA. Das Nichtstun wird für europäische Unternehmen zum Risiko.

Vielen ausgegründeten Start-ups fällt das nicht so leicht. Die meisten werden schließlich nicht von den Professoren gegründet, sondern von Studenten oder wissenschaftlichen Mitarbeitern. Von Alexander Regnat zum Beispiel, dem Gründer von Kiutra. Der Doktorand der Physik an der TU München hat mit seinem Team eine Kühlanlage entwickelt, die dauerhaft Temperaturen von minus 273 Grad Celsius erzeugen kann. Sie kommt dabei ohne den Einsatz von seltenen und teuren Flüssiggasen aus, setzt stattdessen auf Magnettechnik.

Ursprünglich für den Einsatz im Labor gedacht, könnte die Technologie andere kommerzielle Anwendungen finden, meint Regnat: So sind etwa Quantencomputer kontinuierlich zu kühlen.

„Die Entwicklung von Hardware ist am Anfang sehr kostenintensiv“, sagt Regnat. Der Gründer ist gerade auf der Suche nach Investoren.

Weiter Weg bis zum Markteintritt

Für Sonja Jost, Unternehmerin und stellvertretende Vorsitzende im Bundesverband Deutscher Start-ups, liegt hier ein Problem: „Es wird viel zu wenig Geld in die Hand genommen, um teure Hightech-Forschung zu finanzieren“, sagt Jost.

Sie selbst hat im Rahmen ihrer Promotion an der TU Berlin mit DexLeChem ein Start-up gegründet, das die Chemie nachhaltiger und grüner machen soll. Mit dem Forschungstransfer-Programm im Rahmen von Exist seien seit 2007 gerade mal 293 Unternehmen gefördert worden – im Durchschnitt weniger als 30 pro Jahr. „Lächerlich“, meint Jost. Sie selbst hat von dem Programm profitiert, musste aber zusätzlich noch private Kredite aufnehmen.

Schließlich müssten die Start-ups oft mit den Universitäten über die Nutzung von Patenten, Geräten und Laboren verhandeln, damit den Bildungseinrichtungen die Übergabe nicht als unerlaubte Beihilfe ausgelegt wird.

Für private Investoren, die ihren Geldgebern versprechen, das eingezahlte Kapital über eine Laufzeit von zehn Jahren zu vervielfachen, sind wissenschaftliche Projekte oft zu weit vom Markteintritt entfernt.

Für Andrea Frank vom deutschen Stifterverband ist es das Ökosystem, das entscheidet, wie gründerfreundlich eine Hochschule ist. Sie meint damit das Zusammenspiel von Uni, Investoren und Unternehmen, die sowohl Geld- wie auch potenzielle Auftraggeber sein können.

Das Ranking im „Gründerradar“ wird seit Jahren von der TU München angeführt. Mit dafür verantwortlich ist Helmut Schönenberger, der mit der Unternehmerin Susanne Klatten ein Zentrum namens UnternehmerTUM aufgebaut hat, das Gründer von der ersten Idee bis zum Börsengang unterstützt – auch bei der Suche nach Risikokapital.

Rund 60 Venture-Capital-Fonds arbeiten heute mit UnternehmerTUM zusammen. „Wenn aus dem Ökosystem etwas Gutes rauskommt, wollen viele dort rein“, sagt Schönenberger.

Auch an der RWTH Aachen interessieren sich die Wissenschaftler plötzlich stärker für die Angebote des dortigen Gründerzentrums. Der Streetscooter hat Maßstäbe gesetzt.

Mehr: Der Chef der Wagniskapitalfirma UnternehmerTUM spricht über Start-ups von der Uni. Er fordert ein unterstützendes System für Gründer aus der Uni.

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