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14.04.2020

20:15

Jan Micha Kroll und Daniel Zacharias

So ermöglicht das Start-up Sdui die Schule per App

Von: Larissa Holzki

In der Show „Die Höhle der Löwen“ sagten die Investoren Maschmeyer und Thelen ab. Die Aufzeichnung fand aber vor der Coronakrise statt. Mittlerweile boomt der digitale Unterricht.

Die Gründer des Bildungs-Start-up Sdui wollen die Schulen digitalisieren. Sdui

Jan Micha Kroll, Timo Stosius und Daniel Zacharias (v.l.)

Die Gründer des Bildungs-Start-up Sdui wollen die Schulen digitalisieren.

Düsseldorf Schon vor Ausstrahlung ihres TV-Auftritts in „Die Höhle der Löwen“ mussten die Gründer von Sdui ihre Telefonnummer aus dem Netz löschen. In der Fernsehshow auf Vox pitchen Start-ups um Investorengelder. Natürlich geht es aber auch um Werbung bei den Fernsehzuschauern – und die Sdui-App ist in der Coronakrise das Produkt der Stunde.

Während der Schulschließungen verbindet das kleine Programm Verwaltung, Lehrer, Eltern und Schüler. Die Rektoren können über die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen berichten, Schüler ihre Hausaufgaben einreichen. Wer sich über das Angebot informieren wollte, kam bei Sdui zuletzt kaum noch durch. Die Pointe: Die Investoren um Frank Thelen und Carsten Maschmeyer in der Fernsehshow sagten den Gründern am Dienstagabend ab. Sie wollten kein Wagniskapital in das Unternehmen stecken.

Bei Aufzeichnung der Sendung vor etwa einem Jahr hatten auch sie sich wohl nicht vorstellen können, wie schnell deutschlandweit nach digitalen Bildungsmöglichkeiten gesucht würde. Bis zum Ausbruch der Coronakrise galt Bildung hierzulande als ein schlechtes Geschäft. Das liegt nicht nur an den Schulen, die sich mit der Digitalisierung oft schwertun: „Bildung ist vor allem in Deutschland ein schwieriger Markt“, sagt der Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds, Alexander von Frankenberg.

Wegen mangelnder Zahlungsbereitschaft bei den Verbrauchern, des starken Einflusses der Länder und bisher fehlender großer Start-ups in dem Sektor würden sich viele Wagniskapitalgeber schwer tun, zu investieren. Kurz gesagt: Es ist unwahrscheinlich, mit einem Bildungs-Start-up schnell viel Geld zu machen. Das heißt aber nicht, dass sich damit nicht ganz solide etwas verdienen lässt.

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    Für das Gründerteam Daniel Zacharias und Jan Micha Kroll ging es von Anfang an ohnehin vor allem um die Sache: „Wir wollen echte Probleme lösen“, sagt Zacharias. Und die offenbarten sich ihm in der eigenen Schulzeit am Martin-Butzer-Gymnasium in Dierdorf bei Koblenz häufig in Form eines Zettels an der Tür zum Klassenzimmer: Erste Stunde fällt aus, Unterrichtsmaterial im Sekretariat abholen – dafür waren Daniel Zacharias und seine Mitschüler nun also früh aufgestanden und zum Bus gesprintet.

    Gewinner bei „Jugend forscht“

    „Irgendwann haben wir uns beim Schulleiter beschwert, dass die Kommunikation besser werden müsse“, sagt Zacharias. Er habe sich dabei wohl im Ton vergriffen, denn anschließend habe er eine Strafarbeit schreiben müssen, erinnert er sich. „Von der Schulleitung hieß es, wir sollten uns doch selbst etwas einfallen lassen, wie Mitteilungen kurzfristig alle betroffenen Schüler und Eltern erreichen.“ Und das taten sie dann auch.

    Mit ihrer digitalen Kommunikationslösung für die eigene Schule gewannen sie 2015 beim Wettbewerb Jugend forscht. Ein Jahr nach ihrem Abitur 2017 gründeten Zacharias und Kroll dann ihr Unternehmen Sdui. Mehr als 1000 Schulen deutschlandweit nutzen die App inzwischen als digitale Infrastruktur – und konnten mithilfe der Software teilweise sogar Stundenausfälle völlig vermeiden.

    Bei uns ist in der Coronazeit dank Sdui keine einzige Schulstunde ausgefallen“, berichtet die stellvertretende Schulleiterin vom Laurentianum in Arnsberg, Verena Verspohl. Das Programm ersetzt an normalen Tagen die Ranzenpost ebenso wie manche kopierte Aufgabenzettel – und nun sogar das Klassenzimmer. Automatisiert wird über Sdui zu jedem Kurs ein entsprechender Chatraum eingerichtet. „Zu Beginn jeder Stunde hat die Lehrkraft gefragt, ob alle da sind, und dann mit der Klasse besprochen, wie die Stunde gestaltet werden soll“, sagt Verspohl.

    Möglich sei die schnelle Umstellung für alle Klassen gewesen, weil die Schule bereits nach den Sommerferien Sdui für alle eingeführt habe. Von Woche zu Woche nutzen nun mehr Schulen Sdui. Das Unternehmen verspricht die Einrichtung binnen eines Arbeitstages. „Sdui ist dabei völlig datenschutzkonform und funktioniert ohne private E-Mail-Adressen“, betont Daniel Zacharias.

    Ein weiterer Vorteil im Vergleich zu anderen Lösungen: „Lehrer können einstellen, zu welchen Zeiten sie erreichbar sein wollen, und Beiträge löschen, wenn dadurch etwa ein Schüler gemobbt werden würde.“ Pro Schüler zahlen Schulen oder Kommunen im Schnitt 1,45 Euro pro Jahr für die Sdui-App.

    Der Preis variiert je nach Anzahl der Schüler und Schulen in einer Kommune. Damit macht das Koblenzer Start-up derzeit einen deutlich siebenstelligen und vor allem planbaren Umsatz. Denn Sdui wird als Drei-Jahres-Abo vertrieben.

    Werbung keine Option

    Angesichts der fast 42.600 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland hat das 40-Mitarbeiter-Unternehmen noch große Wachstumschancen. Frank Thelen und Carsten Maschmeyer reichte das in der Unterhaltungsshow aber nicht aus. „Thelen hätte investiert, wenn wir Schülern über die App Werbung für Handyverträge gezeigt hätten“, sagte Zacharias dem Handelsblatt und klingt dabei immer noch empört. „Wir können doch die Schüler rund um ihre Hausaufgaben nicht mit Werbung bombardieren.“ Das sei für ihn unter keinen Umständen möglich gewesen.

    Die Prinzipientreue hat sich für das zwei Jahre alte Unternehmen bislang ausgezahlt. Trotz der Absagen von Thelen und Co. konnten die Sdui-Gründer 2019 noch eine Finanzierungsrunde abschließen. Zu den Bestandsinvestoren gesellten sich der High-Tech Gründerfonds und zwei Business Angels, die insgesamt zwei Millionen Euro in die Hand nahmen. Damit gehört Sdui laut den Analysten vom Startupdetector zu einem von nur elf deutschen Bildungs-Start-ups unter drei Jahren, die im zweiten Halbjahr Geld einsammeln konnten.

    In „Die Höhle der Löwen“ wollte Sdui ursprünglich eine Million einsammeln. Maschmeyer fand das zu viel, Alexander von Frankenberg vom High-Tech Gründerfonds sieht das differenzierter. Aufgrund der schwierigen strukturellen Situation im Bildungssektor gebe es kaum Gründerteams, die groß denken würden. In den USA und China sei das anders.

    An Ideen für Wachstum und Expansion mangelt es auch den Sdui-Gründern nicht. Daniel Zacharias denkt etwa an eine Funktion für Notfälle wie einen Amokalarm. „Lehrer müssen in diesen kritischen Momenten entscheiden, ob sie sich mit einer Klasse verbarrikadieren oder auf den Flur laufen, um andere zu warnen“, sagt er.

    Die nächste Finanzierungsrunde bereitet Sdui bereits vor. An der Vorstellungskraft, woher die plötzliche Nachfrage nach digitalen Lösungen für die Schule kommen könnte, sollte es den Investoren nun nicht mehr fehlen.

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