Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

20.05.2019

08:50

Jungunternehmen

Auch Start-ups sollen eine DIN-Norm bekommen – Gründer sind empört

Von: Miriam Schröder

Ein Konsortium aus Wissenschaftlern, Beratern und Unternehmen plant eine DIN-Norm für Start-ups. Das Deutsche Institut für Normung ist dazu in Gesprächen mit dem Wirtschaftsministerium. Gründer halten davon wenig.

Das Deutsche Institut für Normung (DIN) will eine DIN-Norm für junge Unternehmen einführen. dpa

Start-up in NRW

Das Deutsche Institut für Normung (DIN) will eine DIN-Norm für junge Unternehmen einführen.

Düsseldorf Start-up-Gründer sind bekannt dafür, dass sie öfter von der Norm abweichen. Der Regelbruch ist bei ihnen die Regel, die Grenzüberschreitung oft das Geschäftsmodell. Ihr Beitrag zur Digitalisierung ist die Disruption, die kreative Zerstörung des bestehenden Systems.

Doch jetzt soll das Gründertum in gewisser Weise standardisiert werden: Das Deutsche Institut für Normung (DIN) hat eine sogenannte DIN-Spec für Start-ups veröffentlicht - und ist dazu im Gespräch mit dem Bundeswirtschaftsministerium.

Die Gründer sind empört. Sie habe es zuerst gar nicht glauben können, sagt Sonja Jost, die stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Start-ups. „Eine Standardisierung für Start-ups – das wäre doch völlig kontraproduktiv.“

Bei einer DIN-Spec handelt es sich noch nicht um eine DIN-Norm, sondern um eine sogenannte Spezifikation - sie kann aber zu einer Norm werden, wenn sich genügend Marktteilnehmer finden, die den Standard für sinnvoll halten.

Das Dokument dem Titel „DIN SPEC 91354" liest sich wie ein Leitfaden für angehende Unternehmer. Beantwortet werden sollen unter anderem folgende Fragen: Welches Problem löst das Produkt? Welchen Mehrwert bietet das Produkt für den Kunden und Nutzer? Gefordert werden ferner ein Finanzplan und eine Vertriebsstrategie.

„Wer eine Geschäftsidee entwickelt oder ein Start-up gründet, steht vor besonderen Herausforderungen“, begründet De-Won Cho, der zuständige Projektleiter von DIN, die Initiative. Mehr als 80 Prozent aller Start-ups würden innerhalb von drei Jahren scheitern. Das soll die Spezifikation verhindern: Der Leitfaden „erhöht bei sachgerechter Bearbeitung die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Start-ups“, heißt es in dem Dokument.

Entworfen wurde die DIN-Spec von einem Konsortium aus Wissenschaftlern, Beratern und Unternehmen. „Das Konsortium wünscht sich, dass aus der Spezifikation eine Norm wird und Gründer sich künftig ähnlich wie bei ISO 9001 zertifizieren lassen können“, erklärt Stephan Haubold, Professor an der Hochschule Fresenius und Mitglied des Konsortiums, in einer Pressemitteilung. „Das würde nicht nur die Gründer vor unüberlegten und folgenschweren Entscheidungen schützen, sondern auch Bundesministerien, die Fördergelder vergeben, Investoren sowie Banken ein wichtiges Instrument an die Hand geben.“

Gründer haben wenig Verständnis für Initiative

Als Sonja Jost das las, wurde sie wütend. Sie hat selbst ein Unternehmen gegründet und erfahren, wie aufwändig es ist, dafür Fördermittel zu beantragen oder bei Investoren zu pitchen. Jetzt sollen die Gründer vorher auch noch ein Zertifikat erwerben? Dazu fehle ihnen schlicht die Zeit – und das Geld: „Für Gründungen und Gründungsprojekte, die staatliche Finanzierungsunterstützung haben wollen, ist die Bürokratie schon am Rande des Tragbaren“ , sagt Jost.

Niemand solle ein Zertifikat erwerben müssen, beteuert Haubold im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Leitfaden solle Investoren, Banken oder Gremien, die über die Vergabe von staatlichen Fördermitteln entscheiden, lediglich helfen, zu beurteilen, wie vielversprechend ein Projekt ist.

Außerdem würden die Unternehmer davon profitieren, wenn sie sich mit Hilfe der Fragen selbst reflektierten, meint der Professor. Vor allem Gründer mit einem wissenschaftlichen Hintergrund hätten zwar oft viel Ahnung von technischen Lösungen, aber keine Idee, wer ihr Produkt eigentlich kaufen soll.

„Gründer müssen sehr klar ihren Unternehmenszweck definieren, ihre Zielgruppe festlegen und ein stichfestes Geschäftsmodell entwickeln“, sagt Haubold. Für diese Kernelemente gebe es in dem Grundsatzpapier jeweils Unterpunkte, die präzise dokumentiert werden müssten. „Erst wer hinter jeden Aspekt einen Haken setzen kann, erfüllt die Voraussetzungen für die Unternehmensgründung“, so der Normverfechter.

Inhaltlich stimmt Gründerin Jost dem Professor in vielen Punkten zu. Trotzdem versteht sie nicht, warum es dafür statt eines schlichten Ratgebers eine DIN-Norm und ein Zertifikat geben sollte. „Diese Gedanken macht man sich doch als Gründer sowieso“, meint sie.

Und je nachdem, in welcher Phase eines Gründungsprozesses man sich gerade befände, falle die Antwort unterschiedlich aus. Geschäftsmodelle und Zielgruppen können sich ändern. Ein Start-up ließe sich nicht am Schreibtisch planen, und schon gar nicht im Vorfeld einer Gründung. „Viele Informationen bekommt man doch auch erst, wenn man mit dem ersten Kunden zusammenarbeitet“, sagt Jost.

Damit aus der Spezifikation eine Norm wird, muss sie von genügend Akteuren akzeptiert und angewendet werden. Das Institut für Normung ist bereits mit einigen im Gespräch. So teilte das Bundeswirtschaftsministerium dem Handelsblatt auf Anfrage mit, dass sowohl die Digital- und Innovations- als auch die Mittelstandsabteilung des Ministeriums mit dem DIN über die Verbreitung und die Nutzung der DIN Spec diskutieren. „Der Leitfaden ist ein von Fachleuten erarbeitetes Hilfsmittel und kann vorhandene Materialien für Gründer wirksam ergänzen“, heißt es in der Behörde.

Michael Brandkamp, Managing Director des High-Tech-Gründerfonds, findet es „positiv, wenn Instrumente geschaffen werden, die dazu beitragen, die Informationsasymmetrie zwischen Gründern und Investoren zu verringern“. Eine gute, ausgewiesene Qualität in der Ausgestaltung von Konzept und Exekution helfe den Start-ups auch für ihr operatives Geschäft. Von einer Verpflichtung für Start-ups, sich zertifizieren zu lassen, halte er allerdings wenig.

„Viele heute sehr erfolgreiche Start-ups hätte es nie gegeben, wenn sie vorab ein Zertifikat benötigt hätten“, meint Vize-Verbandschefin Jost. Die einzigen, die von einer DIN-Norm profitieren würden, seien die Berater.

Mehr: Die Berliner Buchungsplattform Getyourguide hat fast eine halbe Milliarde Dollar eingesammelt. Das Beispiel zeigt: Europas Gründerszene wächst – ist aber auf Geld von außen angewiesen.

Handelsblatt Zukunft Mittelstand Newsletter

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Ulrich Lehmann

20.05.2019, 10:08 Uhr

Auch für digitale Revolution und Disruption gilt: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich vorher eine Bahnsteigkarte!“ (Spruch wird Lenin zugeschrieben)

Herr Helmut Oser

20.05.2019, 11:06 Uhr

In Deutschland werden tausende Vorschriften und Normen erlassen.
Im Rest der Welt werden tausende neue Unternehmen gegründet.
Das ist das Beste Beispiel warum Deutschland und Europa immer weiter im IT und bei KI Bereich abgehängt werden.
In der freien Marktwirtschaft gehört Scheitern dazu und ist nichts verwerfliches. Man steht wieder auf und macht weiter.
Die Deutschen würden gerne eine Revolution machen, nur leider gibt es kein Formular und Vorschrift dafür, somit fällt die Revolution aus.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×