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26.06.2021

11:25

Korbinian Kohler

Was der Tegernseer Hotelier mit Wildbad Kreuth vor hat

Von: Michael Raschke

Einige millionenschwere Projekte hat Kohler am Tegernsee schon aufgebaut. Nun will er das legendäre Sanatorium Wildbad Kreuth zu einem „Mental Retreat“ umbauen.

Sein neuestes Projekt ist die Umgestaltung des ehemaligen Sanatoriums und CSU-Tagungsorts Wildbad Kreuth. Getty Images Publicity for Wildbad Kreuth

Korbinian Kohler

Sein neuestes Projekt ist die Umgestaltung des ehemaligen Sanatoriums und CSU-Tagungsorts Wildbad Kreuth.

Düsseldorf Als Korbinian Kohler vor einigen Wochen die Oscar-prämierte Dokumentation „Mein Lehrer, der Krake“ sah, fühlte er sich in seinem gewaltigen Vorhaben für Wildbad Kreuth am Tegernsee noch einmal bekräftigt. Der tiefgründige, nahezu philosophische Film beschreibt die Sinnsuche eines berühmten, aber ausgebrannten Filmemachers. Dem Mann in seinen Fünfzigern helfen die jahrelangen Begegnungen mit einem Tintenfisch in den Gewässern seiner Jugend vor der Ostküste des Kaps von Afrika, die persönliche Krise zu überwinden. Der getriebene Taucher findet wieder zu sich selbst.

„Ein sehr feinsinniger Film“, sagt Hotelier und Unternehmer Kohler. Die Zartheit und Behutsamkeit, mit der der Krake sich dem Dokumentaristen nähert, habe ihn fasziniert. Empathie und Selbstfindung, ungewöhnliche Wege gehen, anpacken, was aus dem eigenen Leben herausdrängt: Es sind Themen, mit denen der gebürtige Tegernseer sich selbst in den vergangenen Jahren mehr und mehr beschäftigt hat.

2018 hat der Betriebswirt, um sich, wie er sagt, „intellektuell wieder zu fordern“, noch einen Master in Philosophie hingelegt. Nun will er das legendäre Wildbad Kreuth umbauen. Das frühere Sanatorium, später langjähriger CSU-Tagungsort, soll eine Art Rückzugsort für an Körper, Seele und Geist gestresste Menschen werden, kombiniert mit luxuriösen Annehmlichkeiten. Kohler nennt es „Mental Retreat“. Mit der neu gegründeten Herzoglichen Wildbad Kreuth Familiengesellschaft einigte er sich Ende 2020 auf einen Erbpachtvertrag über 50 Jahre. Am 1. April dann übernahm er große Teile von Wildbad Kreuth, genauer ein fünf Hektar großes Areal inklusive Hauptgebäudekomplex mit 8500 Quadratmeter Wohnfläche.

Korbinian Kohler, 53, hat in den vergangenen gut zehn Jahren rund um den Tegernsee schon einige Steine versetzt. Doch sein Vorhaben in Wildbad Kreuth ist ungleich größer dimensioniert. Die Wurzeln des früheren Heilbads reichen bis ins Jahr 1490 zurück. Über Jahrhunderte legten sich hier prominente Gäste mit Leberwickeln und Fangopackungen nieder.

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    Der Betrieb endete 1973, seit 1974 war Wildbad Kreuth gut vier Jahrzehnte lang Bildungszentrum der Hanns-Seidel-Stiftung. Die öffentliche Wahrnehmung setzte es gleich mit den jährlichen Klausurtagungen der CSU-Landesgruppe im kühlen bayerischen Januar.

    Abiturienten statt Politikergrößen

    Im März 2016 lief der Pachtvertrag der Stiftung aus, angeblich, weil man sich mit Eigentümerin Herzogin Helene in Bayern nicht auf neue monetäre Modalitäten einigen konnte. Seitdem stand das historische Gebäudeensemble mehr oder weniger leer. Statt bayerischer Politikergrößen vergnügten sich dort allenfalls noch Tegernseer Abiturienten auf ihren Abschlussbällen.

    Das Gebäude soll entkernt und innen neu gestaltet werden, die bekannte Fassade im Wesentlichen erhalten bleiben. Getty Images Publicity for Wildbad Kreuth

    Große Historie am Tegernsee

    Das Gebäude soll entkernt und innen neu gestaltet werden, die bekannte Fassade im Wesentlichen erhalten bleiben.

    Die Idee für ein Mental Retreat, also eine Art geistigen Zufluchtsort, hatte Kohler schon lange. 2004 verabschiedete er sich als Geschäftsführer und Miteigentümer der weltbekannten, 1829 gegründeten Büttenpapierfabrik Gmund oben am Nordufer des Tegernsees, in die er quasi hineingeboren wurde. Zehn Jahre lang hatte er sie gemeinsam mit seinem Bruder geführt. „Dann war es an der Zeit, was Neues zu machen, mich freizuschwimmen“, sagt Kohler. „Mein Bruder war als Papierdesigner sowieso viel besser als ich.“

    Zu dieser Zeit engagierte Kohler sich schon stark in Richtung Immobilienentwicklung. Mit dem Abschied vom Büttenpapier gründete er KK Invest, fortan kaufte der Unternehmer in Schieflage geratene Immobilien, um sie wirtschaftlich und baulich zu sanieren. Und entdeckte seine Berufung zum Hotelier: 2010 eröffnete er das Schmuckstück Bachmair Weissach, das zuvor ein eher tristes Dasein als in die Jahre gekommenes Best Western führte und heute eines der teuersten Hotels am Tegernsee ist.

    Im feinen, aber bayerisch-gemütlichen Haus hängen Werke seiner Ehefrau, der Malerin Susanne Kohler, die vier Nebengebäude mit Gästezimmern tragen die Namen seiner vier Kinder. Das Interesse an Philosophie hat Bestand: Monatlich unterhält die philosophische Vortragsreihe „Korbinians-Kolleg“ die Gäste in Salonatmosphäre.

    Jahr um Jahr legte Kohler am Tegernsee nach. Dem Hotel schloss er eine Event-Arena an. 2016 pachtete er eine 122 Jahre alte ehemalige Schutzhütte oben am Wallberg, es entstand das kleine, aber feine Berghotel Altes Wallberghaus. 2018 machte er aus dem verstaubten Kirchenwirt in Bad Wiessee das hippe Hotel „Bussy Baby“ für eine jugendliche Zielgruppe. Den Namen zog er durch, steckte dafür aber einige Schelte als alteingesessener Tegernseer ein.

    Aus dem Café Kreutzkamm in Bestlage am See zauberte er das stylische Clubhaus Bachmair Weissach, Eröffnung war vor einem Jahr. Wohnprojekte kamen hinzu, all das beschert der Bachmair Weissach Gruppe mit ihren 250 Mitarbeitern nach Unternehmensangaben einen Umsatz von 25 Millionen Euro im Jahr.

    Nun also Wildbad Kreuth, das dickste Brett, dass es am touristisch immer weiter boomenden Tegernsee zu bohren gibt. Bis 2024 plant die Gruppe zusammen mit weiteren Wohn- und Hotelprojekten hier Investitionen von 100 Millionen Euro, 450 Mitarbeiter sollen sich dann kümmern. Kohlers Idealvorstellung: Planung bis Ende 2022, Umbau ab Frühjahr 2023, Eröffnung im Herbst 2024. Innen wird „entkernt und neu gemacht“, die historische Fassade soll im Wesentlichen bleiben.

    Der Kreuther Gemeinderat muss zwar noch zustimmen. Doch für Interessenten, die schon einmal ein entsprechendes Nutzungskonzept abgegeben haben, gab es bereits einen genehmigten Vorbescheid, sagt Kohler. Zum Probeliegen hat er seit ein paar Tagen die Pop-up-Lodge Wildbad Kreuth installiert. 28 Zimmer wurden nett renoviert, gedacht sind sie für müde Wanderer auf ihrem Weg über die Alpen ins Südtiroler Sterzing.

    Auch wenn am See mancher Alteingesessene fragte, womit der Kohler jetzt schon wieder um die Ecke kommt: Den Segen der Tourismusgesellschaft Tegernseer Tal hat er. „Er ist im ganz positiven Sinne ein Spinner, der die Kraft hat, frei zu denken“, sagt Geschäftsführer Christian Kausch. „Das ist ein Wahnsinnsprojekt, aber sein Thema liegt im Trend. Und gut, dass Wildbad Kreuth aus seinem Dornröschenschlaf geweckt wird. Ich bin mir sicher, dass das gut funktioniert.“

    „Werde immer ein mittelständischer Typ sein“

    Der Vertrag mit einem internationalen Star-Architekten soll bald unterschrieben werden, der Mann vom Denkmalschutz sitzt mit im Boot und rudert laut Kohler gut mit – für den Tegernseer läuft’s bei seinem Herzensprojekt, das es „in dieser Form noch nicht gibt auf der Welt“.

    Künftig soll über Wildbad Kreuth dann der Geist aus einer Zeit schweben, als gekrönte Häupter wie Kaiser Franz von Österreich oder die Zaren Nikolaus und Alexander mit großem Gefolge dort kurten. „Wir wollen die Idee des Sanatoriums neu interpretieren“, sagt Kohler. Vorher aber wird er beim Umbau wieder in jede neue Ecke und Kante schauen, die Detailversessenheit des Hoteliers ist bekannt. Im Clubhaus am See erzählen die Kellner, dass selbst die Musik-Playlist vom Chef stammt, „da darf keiner ran“.

    Unter Wachstumsgesichtspunkten sei dies ein Problem. „200 Filialen wie zum Beispiel Motel One werde ich nie haben. Dazu fehlt mir am Ende einfach die Zeit“, sagt Korbinian Kohler. „Ich werde immer ein mittelständischer Typ sein.“

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